Blog 337 - 12.10.2014 - Kein Tri-tra-trullala

Wer beim Begriff "Handpuppenspiel" an den Kasperle denkt, der mit einem lustigen "Tri-tra-trullala" über die Bühne hüpft, liegt nicht mal ganz falsch. Wer jetzt aber denkt, dass ich das in sieben Kurstagen auch nur einmal mache, liegt völlig daneben. Stattdessen gehe ich mit erhobenem Arm und einem knallgelben Schaumstoffball auf dem Zeigefinger durch den Raum, beobachte, wie sich meine Hand bewegt und korrigiere ihre Haltung. Wer das Puppenspiel bei Bodo Schulte lernt, erlebt, wie zart und berührend die kleinen Handpuppen sind, und dass sie nur dann dilettantisch und zappelig herumhopsen, wenn der Puppenspieler es nicht besser kann.

Als Kind fand ich es ganz leicht, wenn mein Kasperle dem Krokodil in den Weg sprang oder die Großmutter sich mit dem Räuber eine wilde Verfolgungsjagd lieferte. Jetzt laufe ich durch einen Seminarraum des Bochumer Figurentheater-Kollegs und habe Mühe meiner kleinen Figurenhand einen weichen Gang mit lockeren Hüftbewegungen und der richtigen Schrittlänge zu geben. Dass einfaches Gehen so schwierig ist! Und es bleibt nicht beim Gehen. Etwas später stehen schon 'Hinsetzen', 'Stolpern', 'In ein Loch fallen' und 'Erschossen werden' auf dem Plan. Wie bewegt sich der menschliche Körper bei diesen Bewegungen, wo sind Unterschiede zu sehen? Überall im Raum setzen sich Teilnehmer langsam auf einen Stuhl, stehen wieder auf, setzen sich wieder hin. Neben ihnen fallen Ohnmächtige zu Boden, andere stolpern alle paar Schritte beim Gang über den Teppich. Wichtige Fragen stehen im Raum. Fällt man ohnmächtig nach vorne oder hinten, knallt man mit dem Kopf auf oder sackt man einfach zusammen? Gibt es Unterschiede, ob man von einer einzelnen Pistole oder von einem Maschinengewehr erschossen wird?

Wir gehen durchaus ernsthaft an das Beobachten heran, haben aber jede Menge Spaß dabei. Dann werden die beobachteten Bewegungen auf das Wesentliche reduziert und mit der Handpuppe gespielt. Das heißt, wir Teilnehmer bemühen uns, finden aber nicht immer eine klar zu erkennende Umsetzung. Mein sorgfältig geübtes 'Schleichen' wird vom freudig grinsenden Seminarleiter als 'Vorwärtsschieben eines Schaukelstuhles' erkannt. Ich sehe es positiv. Immerhin das kann ich also schon, hätte ich vorher gar nicht gedacht.

Bodo Schulte erklärt, was falsch ist, gibt Tipps und macht es vor, und mit jedem Durchgang werden die Bewegungen besser und eindeutiger. Die Handpuppe, die von einer MG-Garbe getroffen, ruckweise nach hinten fliegt, ist der Hammer. Es macht riesigen Spaß, die für die kleinen Puppen anscheinend unpassenden Bewegungsabläufe anzusehen. Mir wird plötzlich klar, dass es beim Spielen nur wenige Grenzen gibt. Es ist durchaus möglich, den Paten mit Handpuppen zu spielen, ohne dass es lustig wird.

Eigentlich sehe ich das Erlernen des Handpuppenspiels für mich in erster Linie als Grundlage für das Klappmaulpuppenspiel. Es ist eine sehr gute Basis, wenn ich Bewegungen erkennen, gut reduzieren und präzise spielen kann. Aber in den Tagen vor Kursbeginn merke ich schon, dass sich etwas in mir ändert. Ich freue mich sehr darauf, mit den Handfiguren zu arbeiten. Schon meine Kasperlepuppen habe ich sehr geliebt und hoch geschätzt, und sie waren für mich nie nur lustige Kinderfiguren, sondern kleine, ernsthafte Schauspieler. Wo eine Klappmaulpuppe durch den beweglichen Mund schnell fasziniert und prima vom undeutlichen Spielen ablenkt, kann eine gut geführte Handfigur durch minimalste Bewegungen riesengroße Emotionen ausdrücken. Sie ist zart und verletzlich, hat aber eine erstaunlich große innere Kraft.

Seminarleiter Bodo Schulte schafft es mühelos, die Teilnehmer in sein liebevolles und präzises Puppenspiel mitzunehmen. Liebevoll heißt dabei nicht, dass es im Handpuppenkurs nur sanft und poetisch zugeht, es kann auch superwitzig und sogar slapstickmäßig überzeichnet sein, aber die Figuren sind Persönlichkeiten, die sehen, hören und fühlen können, einen Charakter haben und dementsprechend handeln. Eine sensible Spielführung ist auch erforderlich, wenn die Puppe als hirnloses Monster über die Bühne stampft. Eine kindliche Prinzessin bewegt sich anders als ein muskulöser Boxer. Da wir alle nur Schaumstoffbälle auf den Fingern haben, ist es umso wichtiger, das Charakteristische einer Figur mit wenigen Mitteln deutlich zeigen zu können. Dass die wenigen mitgebrachten "fertigen" Spielpuppen weitgehend in den Taschen bleiben, hatte ich nicht erwartet. Aber mir gefällt, dass wir bei den Schaumstoffbällen bleiben, mit denen wir viel genauer arbeiten müssen, weil eine unsaubere Haltung sofort gesehen wird. Wenn nicht von uns, dann von Bodo. Und von dem sofort.

Zwischen Spieltheorie und Praxisübungen machen wir Abstecher in die Bereiche Dramaturgie, Szenenaufbau, Beleuchtung, Requisiten, Musik und Puppenbau. Wie funktioniert eine gute Geschichte, was muss rausfliegen, auch wenn es uns persönlich gut gefällt und wo kann ein Dialog durch ein Bild ersetzt werden. Bodo Schulte spielt nicht nur präzise und sehr berührend mit den Puppen, sondern hat auch ein umfassendes Wissen, das er gerne und leicht verständlich vermittelt. Wir beobachten und lernen und üben und probieren und führen vor und verbessern - es ist ein volles Programm. Besonders beim praktischen Teil wird schnell deutlich, dass wir nur die Anfänge und das erste Umsetzen lernen, den Weg gezeigt bekommen, und nur durch weiteres, intensives Üben zum Puppenspieler werden können. Trotzdem macht es viel Spaß, und beim gemeinsamen Ansehen kleiner Szenen an der Spielleiste wird fröhlich gelacht und über gelungene Umsetzungen gestaunt. Jeden Tag sind wir einen großen Schritt weiter, auch wenn wir zwischendurch noch stolpern.

Nicht jeder Außenstehende versteht, um was es geht. Als ich in einer Übungsphase im Flur mit meinem gelben Schaumstoffball auf dem Zeigefinger einen 100-Meter-Lauf erarbeite - (auf die Bahn gehen, locker machen, in die Startposition begeben, Hintern hoch, losrennen), kommt ein Teilnehmer eines anderen Seminars vorbei und bleibt stehen. Interessiert guckt er mir eine Weile zu, grinst dann und sagt: "Und gleich kommen die Männer in den weißen Kitteln und holen dich ab." Ich lächel ihn freundlich an und übe weiter. Was für arme Menschen es doch gibt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben, nur den Schaumstoffball auf dem Finger sehen und die ganze große Welt dahinter völlig übersehen. Will ich es ihnen erklären? Nö.

Gegen Ende des Seminars wird der Schwierigkeitsgrad immer höher. Vor wenigen Tagen habe ich noch gedacht, dass das Laufen einer Handfigur von links nach rechts schon ziemlich kompliziert ist, jetzt rennen die Figuren, sprechen, fallen in Löcher, tragen Requisiten herum und wandern als Paar in den Sonnenuntergang. Ich merke, wie bei mir der Spaß am Spielen langsam durch die dicke Mauer der Anstrengung und Konzentration dringt. Jetzt denke ich nicht mehr nur an Lot und Spielhöhe, Schrittlänge und Kopfhaltung, sondern sehe die kleine Figur und bekomme ein Gefühl dafür, wie sie sich gerade fühlt. Das ist großartig. Ich spiele immer noch nicht präzise genug und mache blöde Fehler, aber der einengende Theorie- und Technikknoten in meinem Kopf hat sich durch die vielen Übungen gelöst und auf einmal weiß ich, dass noch viel mehr möglich ist.

Am Ende sind die sieben langen Tage natürlich wieder mal viel zu schnell vorbei. Ich würde jetzt gerne noch eine Woche zum Üben und Festigen des Gelernten anhängen. Es war ein sehr schöner Kurs. Sehr nette Teilnehmer, die intensiv lernen und arbeiten wollten, aber auch laut miteinander lachen konnten, das Figurentheater-Kolleg mit seiner ganz eigenen Atmosphäre, und natürlich Bodo Schulte, auch mit seiner ganz speziellen, eigenen Art. Bodenständig, humorvoll, positiv,mit sicherem Blick für Gelungenes, für Fehler und für die i-Punkte, die eine Szene erst richtig gut machen, dröhnend lachend, motivierend, unterstützend, das Arbeitsziel immer dem momentanen Niveau der Teilnehmer anpassend - einfach klasse.

Und was ich faszinierend finde: Bodo Schulte hat Hände, die zupacken können. Mit diesen Händen, mit denen er vermutlich auch Bäume zu Brennholz hackt, spielt er mit einem Schaumstoffball auf dem Finger sensible, zarte Szenen, bei denen die Handpuppe unglaublich zerbrechlich wirkt und mir beim Zusehen vor Rührung die Luft weg bleibt. Ein Grund mehr für mich, optimistisch in meine Puppenspieler-Zukunft zu schauen. Ich kann schon den 'vorwärts geschobenen Schaukelstuhl" und ich habe große Hände, mit denen ich im Garten Bäume umsäge. Jetzt muss ich nur noch ganz viel üben.