Blog 329 - 18.08.2014 - Puppenspiel mit Bodo Schulte

Schon wieder bin ich eine Woche im Bochumer Figurentheater-Kolleg. Diesmal nicht zum Bauen von Klappmaulpuppen, sondern um mit ihnen zu spielen. Beziehungsweise um zu lernen, wie ich mit ihnen spielen kann. Seminarleiter ist Bodo Schulte, der damit zu meinem Lehrmeister im Puppenbau und im Puppenspiel wird. "Das habe ich alles bei Bodo Schulte gelernt", werde ich später mit einem Lächeln in den Augen sagen, und es wäre für alle Beteiligten wünschenswert, wenn meine Ergebnisse dann auch ordentlich genug wären, um ihm Ehre zu machen. Wär ja blöd, wenn ich mit schlecht gebauten Puppen schlecht spiele und sage, das hätte ich so bei ihm gelernt.

Im letzten Jahr habe ich schon einen Spielkurs bei Bodo besucht, und dass ich erneut mit einem viertägigen Anfängerkurs beginne, liegt nicht an der Unfähigkeit des Dozenten. Im Gegenteil. Er erklärt klar und anschaulich und spielt dabei so faszinierend, dass ich schnell erkannt habe, wie weit ich noch von einer richtig guten Puppenspielerin entfernt bin. Ich will ja nicht nur mit einigen Puppen lustig herumhampeln, ich möchte, dass sie eigenständige Wesen werden, die Seele und Herz haben. Diesem Ziel hätte ich mit fleißigem Üben schon viel näher sein können, aber wie es nun mal so ist, hat mich nach dem letzten Kurs der Alltag überrannt und die Übungsstunden gerieten in die Warteschleife. Aber das Ziel ist immer noch da und es winkt aus der Ferne entschlossener als vorher.

Zehn Teilnehmer sind im Anfängerkurs, haben unterschiedlichste Puppen mitgebracht und wollen sie laufen, sprechen und lebendig werden lassen. Allerdings verschwinden die Puppen zunächst wieder in den Taschen, denn es ist ein gelber Schaumstoffball dran. Er wird auf den Zeigefinger gesteckt und stellt den Kopf einer kleinen Handpuppe dar.

 

Die Handpuppe

Wie läuft so einer Figur? Wo liegen die Hüften, wo das Rückgrat? Im Kreis wandern die kleinen Puppen auf erhobenen Unterarmen durch den Raum und Bodo Schulte achtet darauf, dass die Arme der Spieler im Lot sind, die Puppenhüften weiche Bewegungen machen und die Puppe nicht vor, sondern neben dem Körper gespielt wird. Schon nach zehn Minuten stöhnen die ersten Nachwuchs-Puppenspieler leise über unangenehmes Ziehen in der Schulter und reiben verstohlen ihre schwer gewordenen Arme. Die meisten haben keine Ahnung, dass sie sich - balletmäßig ausgedrückt - noch in der ersten Position befinden.

 

Kreistanz

Von der kleinen Handpuppe geht es weiter zur Unterarmpuppe, die schon die Größe vieler Klappmaulfiguren hat. Zwei Augen auf dem Handrücken geben Leben. Allerdings nur, wenn die Augen nicht irr durch die Gegend gleiten, sondern gezielt gucken können. Das ist nicht einfach, weil der Spieler sie nicht von vorne sehen kann. Da heißt es: Üben vor dem Spiegel und immer wieder beim Spielen den Praxistest machen. Wie sich nachher herausstellt, wird die mahnende Frage: "Wo guckst du hin?" zur häufigsten des Kurses. Oft gefolgt von: "Nicht hastig korrigieren, sondern langsam!"

Blickkontakt

Wo gucken die Augen hin?

Größenunterschiede der Spieler

"Angucken, im Lot halten und nicht tiefer sinken!"

Bodo Schulte hat die Gruppe im Blick. Er korrigiert viel, damit sich Fehler nicht schon in der Grundhaltung festsetzen, macht es aber locker und mit Humor. Es ist gar nicht peinlich, wenn Szenen vor der Gruppe besprochen werden, denn gemeinsam finden wir Spielfehler, Bodo gibt Tipps zum Verbessern, und beim nächsten Durchgang sind sie weg. Naja. Etwas weniger.

Alle fühlen sich beim Dozenten gut aufgehoben, der gut unterscheiden kann, wer gerade an seine Grenze kommt und von wem er mehr verlangen kann. Die Stimmung ist prima, es wird viel gelacht und die Haltungen und Bewegungen werden tatsächlich bei allen deutlich besser.

 

Korrekturen

Dann geht es ans Sprechen. Lippensynchron soll es sein. Dass sich dabei nur der Daumen als Unterkiefer auf und ab bewegen darf, macht es nicht einfacher. Mit langsam gesprochenen Sätzen geht es los. Mich überrollt immer eine warme Welle der Freude, wenn der Puppenspiel-Dozent völlig ernsthaft mit auf- und zuklappender Hand kurze Sätze spricht, während die ganze Klasse hochkonzentriert mitspricht und dabei mit ihren Daumen wackelt. Und ich meine das überhaupt nicht lächerlich. Ich stehe mit ernster Miene dabei - wer mich kennt, sieht allerdings das mehr als freudige Glitzern in meinen Augen - und finde, dass es großartige Momente im Leben gibt.

 

"Iiiiiiiiiii, Aaaaaaa, wi-ckel, wa-ckel."

 

Links: Synchrones Sprechen. Rechts: Nicht-Synchrones Sprechen.

Endlich dürfen auch mal die Puppen aus den Taschen, damit mit ihnen das Sprechen geübt wird. Dass jetzt nicht mehr die Daumen wackeln, sondern neben den Menschen auch noch zehn Puppen ernsthaft mitsprechen, macht die Szene noch schöner. Ach, ich liebe es einfach!

 

"Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, siiie-been"

Dann werden die ersten Bewegungen und Gänge mit den Puppen geübt, und es gibt kleine Spielszenen an der Spielleiste. In Zweier- und Dreiergruppen wird überlegt, wie Riechen und Hören dargestellt werden kann und nach einer kurzen Probezeit den anderen vorgespielt. Ui, was ist die Leiste hoch und die Puppe kaum noch im Blickfeld. Jetzt müssen die Blicke auswendig sitzen und das Fixieren der anderen Puppe muss blind klappen. Tut es natürlich nur manchmal, aber der Anfang ist gemacht.

 

Der Esel und Paul gehen in die Schule

Auch die Charakterfindung steht auf dem Plan. Wie läuft und spricht die Puppe - und warum tut sie es so und nicht anders? Nachdem wir uns mit dem Leben einer Puppe auseinander gesetzt haben, stellen wir uns den Fragen der Mitspieler. Es ist erstaunlich, wie sicher die Anworten kommen, wenn wir unsere Puppe kennen. Sie könnte fast von alleine antworten, denke ich, als ich hinter der Leiste stehe. Aber so einfach ist es dann doch nicht, denn während ich das denke, denke ich auch: "Augen leicht nach unten, Zuschauer ansehen, Arm ganz hoch, ans Lot denken, synchron sprechen, Maul nicht zu weit aufmachen ..." Da höre ich den Dozenten freundlich fragen: "Warum guckst du denn an die Decke?" Ups.

 

"Ich heiße Tyson. Mein Vater heißt auch Tyson. Und meine Mutter auch."

Um den Kursteilnehmern klar zu machen, dass sie nicht toten Schaumstoff und Plüsch auf der Hand haben, sondern die Puppe ein eigenständiges Wesen mit eigener Energie ist, gibt es eine Übung. Ich weiß was kommt, denn ich habe sie schon einmal mitgemacht, und ich freue mich. Bei sanfter Musik und mit den Erklärungen von Bodo halten wir unsere kleine Schaumstoffkopf- Puppe schützend in der Hand  und lassen sie dann erwachen. Wir konzentrieren uns völlig auf sie und ihre Bewegungen, lassen sie sich strecken und drehen, fühlen, wie sich ihre Lungenflügel sanft beim Atmen bewegen und spüren ihr Herz klopfen. Es ist eine zauberhafte Atmosphäre, die sehr berührt. Ich stelle auf einmal fest, dass ich sanft und ruhig atme, dabei aber im viel zu schnellen Atemrhythmus der kleinen Figur bin. Ganz vorsichtig werde ich langsamer, immer im Bedürfnis, sie weiter zu beobachten und nicht aus ihrer friedlichen Atmosphäre zu holen.

Ganz ruhig beenden wir danach die Stunde. Gänsehaut. Wie wertvoll dieses kleine Wesen ist, wie eigenständig, und wie viel Energie und Leben darin steckt! Und es wirkt so zerbrechlich mit seinem kleinen, zarten Leben. Die Erfahrung, dass wir plötzlich nicht mehr nur eine Schaumstoffkugel auf einer Hand sehen, prägt den Umgang mit den Puppen. Wenn wir das in unser Spiel mitnehmen können, wäre die Hälfte schon geschafft. Der Rest ist Technik.

Am fünften Tag wechseln einige Gesichter, denn es geht übergangslos mit dem Fortgeschrittenenkurs weiter. Fortgeschritten heißt leider nicht, dass alle Grundlagen sitzen, sondern eher, dass der lange Satz: "Wo guckst du hin?" in ein kurzes: "Blick!" geändert werden kann, weil jeder weiß, was gemeint ist. Weiterhin werden Blicke und Gänge geübt, diesmal aber schon öfter mit den Puppen. Das synchrone Sprechen wird in synchrones Singen geändert, und immer wieder stehen die Puppen im Kreis, singen sich an und tanzen leicht. Fast nebenbei wird dabei das gezielte Anblicken geübt, das synchrone Sprechen, die Haltung und Bewegungen. Spaß gibt es sowieso, und ich glaube, dass ich nie in einem Kurs mehr gelacht habe und so oft Lachtränen aus den Augenwinkeln wischen musste.

 

"You fill up my senses ...."

Eine besonders schöne Szene brennt sich warm in mein Herz: Schon vor dem Ende der Mittagspause stehen alle Spielerinnen wieder mit ihren Puppen im Raum, starten die schöne Ballade "Annie's Song" immer von vorne und üben hingebungsvoll und mit großer Ernsthaftigkeit. Plötzlich öffnet sich die Tür und Bodo, in Erwartung miteinander quatschender Teilnehmerinnen, blickt überrascht in den Raum. Dann verzieht sich sein Gesicht zu einem gerührten Lächeln und er zückt vorsichtig sein Handy, um die Szene aufzunehmen. Wie schön für ihn, wenn seine Schüler so begeistert sind, dass sie aus eigenem Antrieb unbedingt weitermachen wollen.

Auch das Spielen mit ein und zwei Stäben wird zuerst vorgeführt und erklärt, dann geübt. Wenn es gut klappt, gibt es wunderschöne Bewegungen, aber auch da muss lange vor dem Spiegel geübt werden, bis der Griff an die Nase ohne Zögern und zielgenau klappt.

 

"Hurraaaa!"

 

"Auch hurraaaa!"

An einer größeren Figur probieren wir das Spiel mit einer echten Hand, die der Figur eine verblüffende Lebendigkeit gibt, aber schwerer zu spielen ist, als ich vorher dachte. Besonders das Gewicht der Figur, die so hoch wie möglich gehalten werden muss, lässt den Arm schnell ermüden.

 

"Tach auch!"

Noch schwieriger ist das Spiel mit zwei Händen, das nur zu zweit gemacht werden kann. Welcher Spieler guckt wann wohin, wann greift der andere zu, wenn etwas hingehalten wird.? - Alles muss aufeinander abgestimmt werden, damit es überzeugend wird.

 

Erst oben gucken, dann unten greifen

Arbeitsintensiv, aber fast schon ein grandioser Höhepunkt - noch zwei Tage mehr Probezeit, und er wäre ziemlich gut geworden - ist ein gemeinsamer, musikalischer Auftritt. Wir gehen ihn mehrfach in der Gruppe durch, dann guckt sich Bodo Schulte den Probestand an. Er sagt spontan und souverän, was von der Choreografie besser rausfliegt und was unbedingt bleiben muss. Wir machen es nochmal. Blick ins Publikum, Arm hoch, synchron singen, wippen, laufen, Höhe halten. Wir wissen, worauf es ankommt. Dass wir es noch nicht ständig durchhalten, liegt daran, dass alles neu ist und wir an so viele Sachen gleichzeitig denken müssen.

 

"I‘m crazy like a fool"

Ich stehe mittendrin hinter der Vorhangleiste, meine Puppe agiert neben den anderen Puppen über mir, und wir Spielerinnen konzentrieren uns auf das Spielen. Wir sehen nicht viel, außer den hängenden, wackelnden Spielstäben und den Arm- und Fußbewegungen um uns herum.  Die Puppen über uns haben Spaß auf der Bühne, und wir strengen uns an, damit ihre Show leicht und mitreißend wirkt. Ich genieße die Atmosphäre sehr, auch wenn der hochgereckte Arm nach dem fünften Durchgang nicht mehr hoch gereckt werden will und Bodo von vorne ruft: "Blick! - Denkt an die Höhe! - Ja, schön!! - Und jetzt zur Seite! - Schneller! - Gut!" Manchmal lacht er mit seiner tiefen Stimme laut und zufrieden auf, weil ihm gefällt, was er sieht. Hach, ist das schön, wenn ich merke, dass sich das Üben langsam in den Ergebnissen zeigt.

 

Auftritt

Blitzschnell ist der letzte Seminartag erreicht - dass wir auch Ausflüge in die Mundart, die Dramaturgie, das offene Spielen und in die europäischen Sprachräume gemacht haben, lasse ich einfach mal unter den Tisch fallen. Der Kurs ist vorbei. Schade. Nicht nur, weil ich einige mir ans Herz gewachsene Menschen verlassen muss. Ich habe das Gefühl, ich könnte jetzt erst so richtig los legen. Aber das kann ich mit meinem Wissen ja auch zuhause. Eine Puppe, ein Spiegel und der Wille, alles, was ich jetzt weiß, gut zu üben, reicht doch. Beim nächsten Mal könnte ich dann schon im "Etwas-weiter-Fortgeschritten-Kurs" sein.

Am Ende gibt es von allen Teilnehmern großes Lob für Bodo Schulte, der wieder leicht und locker sein umfangreiches Wissen vermittelte, eine offene Arbeitsatmosphäre schuf und trotz der vielen Korrekturen nicht einschränkte, sondern immer positiv motivierte. Er unterstützte, zeigte Wege und fing auf. Seine Liebe zum Puppenspiel war immer zu spüren, und auch seine Überzeugung, dass nur die Mischung aus Technik und Seele ein wirklich gutes Puppenspiel ausmacht. Ich habe daran keinen Zweifel.

Es bleiben viele Erinnerungen an lautes Gelächter, Erfolgserlebnisse, erneutes Üben, weil es immer noch nicht klappte, Schweizer Schokolade, gemeinsames Frühstück, Annie's Song, spontane Puppenspiel-Einlagen von Bodo, Tanzen in der Werkstatt, tiefe, warme Liebe für das Puppenspielen und an das Gefühl, dass die Situation, in der ich mich befinde, genau richtig ist. Und außerdem bleibt eine kleine, kursinterne Videoaufnahme von der letzten Auftrittprobe, die noch einige dicke Pannen und Fehler hat, aber trotzdem zeigt, wie viel wir in den Tagen gelernt haben. Was für eine wunderbare Zeit!