Blog 441 - 09.10.2016 - Lars Reichow, Daniel Wagner und mein seliges Lächeln

Bevor ich an die Froschpuppen gehe, muss ich nicht nur einige liegen gebliebene Sachen erledigen, sondern auch das Arbeitszimmer aufräumen. Das große Problem des Arbeitszimmers besteht darin, dass ich doppelt so viel drin haben möchte, wie hinein passt. Alles soll griffbereit sein und am Ende noch ein Freiraum bleiben, in dem ich arbeiten kann. Wohin nur mit dem vielen Schaumstoff, den Hartschaumplatten, den Werkzeugen? Als ob ich mir das Problem auch noch verdeutlichen müsste, kommt eine mitelgroße Kiste mit frisch bestelltem Langhaarplüsch an. Ähm, ja. Und wohin jetzt damit?

Idealerweise baue ich aus dem vielen Material Klappmaulpuppen, was zum einen wichtig für das Froschstück ist, zum anderen das Arbeitszimmer schnell leerer machen wird. Allerdings vermeide ich den Gedanken daran, dass auch die Puppen nachher Platz brauchen. Ich glaube, ich muss umziehen. Am besten in eine Lagerhalle.

Vormittags aufräumen, am Abend Theater - das ist eine schöne Mischung, die ich in dieser Woche häufig habe. Ich beginne mit den Figurentheatertagen in Brühl und dem "Casanova", gespielt von Elke Siegburg (Drei-T-theater) und Stephan Wunsch (theater rosenfisch). Es gibt verschiedene Figurenarten, und ganz kurz überlege ich, ob ich beim Froschstück nicht doch auch Tischfiguren einsetzen soll, weil sich besonders der eindrucksvolle Casanova so schön bewegen kann. Das hat schon was. Es ist eine vorwiegend ruhige Inszenierung mit schöner Musik. Gegen Ende zieht sich Casanova geschmeidig, elegant und glaubhaft aus, und ich vergesse völlig, dass zwei Puppenspieler ihm dabei helfen. Mir kommt es gar nicht darauf an, ihn nackt zu sehen, aber es passt in die Szene und schon das Erlebnis seiner wunderbaren Bewegungen beim Ausziehen ist es wert.

In Köln tritt Lars Reichow im Taborsaal mit "Das Beste" auf, was als Titel etwas irreführend ist, denn er hat so viele beste Nummern, dass der Abend eine mehrstündige Überlänge haben müsste. Immerhin gibt es eine Auswahl in üblicher Konzertlänge. Und wie immer sitze ich hellwach im Programm und in meinem Hirn britzelt und funkelt es durchgehend, weil es mir so viel Freude macht, seinen Formulierungen zu folgen. Es macht gar nichts, dass ich fast alle Nummern schon kenne - im Gegenteil. Auch wenn ich weiß, wo es hingeht, finde ich den Weg immer wieder äußerst faszinierend. Ich freue mich schon vorher auf Sätze, von denen ich weiß, dass sie gleich kommen werden, und dann hat Lars Reichow überraschend immer noch weitere intelligente Wendungen und Wortspiele drin, so dass ich aus dem Freuen gar nicht mehr rauskomme.

Diese Freude am Zuhören hatte ich schon mal Mitte der 80er Jahre bei Johannes Groß, der damals Herausgeber von "Capital" und "impulse" war. Ich arbeitete bei "impulse" in der Bildredaktion und lauschte entzückt jeder seiner Bemerkungen und Reden. Wie er formulieren konnte! Was für brillante Wendungen er machte! Ich war völlig hin und weg, auch wenn ich am Ende seiner wunderbaren Sätze meistens nicht wusste, WAS er überhaupt gesagt hatte, weil ich so fasziniert davon war, WIE er es sagte. Bei Lars Reichow habe ich die gleiche Freude beim Zuhören, verstehe aber auch, was er sagt. Er wechselt mühelos zwischen Ernsthaftigkeit und trockenem Humor, die Humorebene passt, und wenn er singt, beeinflusst er mit einem rauhen Unterton meine Puls- und Atemfrequenz, so dass ich auch mal atemlos vom Stuhl kippen könnte. Vermutlich lächelnd.

Dass er außerdem ganz klar Stellung gegen Demokratiegegner, dumpfe Pöbeleien und gezielte Hetze nimmt, gefällt mir sehr. Das machen viel zu wenige. Auf dem Nachhauseweg lache ich immer noch darüber, dass er das ungewöhnlich häufige Rein- und Rauslaufen einiger Zuschauer, die hemmungslos mitten im Programm den großen Saal der katholischen Kirche verlassen und kurz danach wiederkommen, scheinbar lobend als "lebendige Gemeinde" kommentiert.

Gleich am nächsten Abend spielt Daniel Wagner vom Berliner Theater Zitadelle in Brühl "Die gestiefelte Katze" und - ich fasse mein Glück kaum - außerdem noch "Rotkäppchen". Zwei Stücke nacheinander! Im März bin ich extra 100 km gefahren, um mir die gestiefelte Katze anzusehen, und danach war mir klar, dass das ziemlich genau die Art ist, in der ich auch meine Stücke spielen möchte. Natürlich dann doch anders und nicht einfach nachgemacht, aber mit dieser Begeisterung, Hemmungslosigkeit, dem Humor und wechselnden Spielszenen. Daniel Wagner macht das großartig. Es sind runde, gelungene Inszenierungen, die äußerst kurzweilig und mir ein wirkliches Vorbild sind. 

Im Saal sitzen bei dieser Abendveranstaltung nur Erwachsene, zum Teil extra angereist, um die Stücke zu sehen, und eine Handvoll Jugendlicher. Es wird laut gelacht, geklatscht und die Begeisterung des Publikums können sich viele andere Veranstaltungen nur wünschen. Am Ende gibt es langen Applaus, "Bravo!"-Rufe und die Gewissheit, dass sogar vermeintliche Puppentheater-Kindergeschichten, wenn sie richtig gut gemacht sind, großartig unterhalten, faszinieren und echtes Theater sind. Ganz bestimmt bei Daniel Wagner.

Wenn eine Woche mit den Programmen von Lars Reichow und Daniel Wagner endet, nehme ich mein seliges Lächeln und das warme Glück im Herzen, weil es zwei so lustige und berührend schöne Abende waren, noch lange mit.

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