Blog 556 - 23.12.2017 - Rollenwünsche, rosafarbene Frisuren und Premieren

Am Sonntag kommen zum Vorstellungstermin des geplanten Theaterstücks "Die 12 Geschworenen" mehr als zwölf Leute. Das ist schon mal gut. Nach meinen kurzen Erklärungen zum Stück und zu den Terminen des Probeplans wird ein Ausschnitt des Stücks mit wechselnden Rollen gelesen. Dadurch lernen alle den Stil und Aufbau des Stücks kennen und ich höre die Stimmen. Da ich alle Anwesenden kenne, gibt es stimmlich keine Überraschungen für mich. Überraschend ist eher, dass am Ende mehrere Leute als Geschworenen-Rollenwunsch "Nr.3 oder Nr.8" notieren. Mehrfach die Nummer 3 und Nummer 8 im Stück zu haben, kommt mir ungünstig vor, vor allem, wenn sie dann gleichzeitig sprechen wollen. Da werde ich verteilen müssen, damit es alle Geschworenen von 1 bis 12 gibt.

Auszuwählen, Rollen zuzuteilen, für die durchaus mehrere Mitspieler geeignet wären und einige Leute nicht berücksichtigen zu können, weil ich nur zwölf Leute brauche, finde ich schwer. Erstmal jonglier ich mit Namen und Rollen. Wenn Marie die Nr.5 spielt, könnte Fritz die Nr.3 spielen und Karo die Nr.7. Karo wäre aber auch eine perfekte Nr.1. Dann wäre Bernd draußen, der super die Nr.1, aber auch gut die Nr.10 wäre. Die ist aber schon von Greta belegt. Heike hätte bei dieser Aufteilung dann gar keine Rolle. Also Greta die 1, Bernd die 10, Heike die 4 und was macht dann Mark?? - Alle Namen und Nummern sind geändert, aber die Überlegungen laufen genau so.

Beim Handpuppenstück habe ich keine Besetzungsprobleme, da sind die wenigen Rollen bereits vergeben. Es geht schon um Ausdruck und Charakterfindung. Obwohl ich gerade gar nicht so viel Ruhe habe, beschäftige ich mich möglichst an jedem Tag mal kurz mit den Köpfen, um weiterzukommen. Zweite Grundierung, Farbe, Schattierungen, Lackschicht. Allerdings haben die Darsteller noch keine Körper, ein Problem, über das ich mir beim Geschworenenstück gar keine Gedanken machen muss.

Die Weihnachtstage stehen bevor. Andere Leute beginnen mit den Vorbereitungen fürs Festmenü, ich stehe am Herd und koche Haare. Kunsthaare. Aus hellgrauem Langhaarplüsch möchte ich blonde und braune Puppenhaare färben, weiß aber nicht, ob die ganze Kocherei auch zu einem Ergebnis führt. Der Plüsch ist vermutlich aus Polyacryl, ein Material, das auch bei langem Weichkochen ungerne und unvorhersehbar Farbe annimmt. Lecker nach Weihnachtsessen riecht es auch nicht.

Beim Färben von Kunstfasern nur auf eins Verlass: Es ist unplanbar. Ich rühre ein ganzes Paket gelbe Farbpigmente ins Wasser, koche ein Stück Plüsch drei Stunden leicht vor sich hin und erhalte wellige Haare in schmutzigem Gelbgrau. Um das Grau aufzufrischen, kippe ich ein halbes Paket Rot dazu, koche weiter und eine Stunde später ist es altrosa. Ein Teelöffel Dunkelbraun rein und innerhalb weniger Minuten ist es moosgrün. Nach drei Tagen mit wechselnden Plüschstücken in einem Topf auf dem Herd, die kochen, abkühlen oder im Farbsud ziehen, habe ich verschiedene Hellrosa-, Altrosa- und Gelbgrautöne. Weizenblond und Dunkelbraun ist nicht dabei, auch wenn diese Farbtöne auf den Färbepackungen standen.

Abgesehen davon, dass ich blonde und braune Haare schon irgendwo bekommen kann, finde ich es spannender, erstmal mit dem frisch gefärbten Plüsch zu probieren. Eine Königin mit altrosafarbenen Haaren hat was. Es kann sein, dass mir das ungewollte Ergebnis viel besser gefällt als die ursprüngliche Idee.

Am Ende der Woche schiebe ich für die "Geschworenen" Namensschildchen über den Besetzungsplan und habe nicht nur Stimmen im Ohr und Charaktere im Kopf, sondern auch die Augen auf dem Terminplan. Wer kann Dienstags proben, wer Mittwochs, bei wem macht der Freitag Probleme, und wer hat seinen Urlaub mitten in der Probezeit geplant. Und was heißt überhaupt das handschriftlich hingekritzelte: "Fraszizth" auf einem der Bögen? "Ich kann in dieser Woche proben" oder "Ich kann nicht in dieser Woche proben"? Da muss ich noch nachfragen.

Einige Namen und Rollen finden bei jeder neuen Schieberunde zueinander und ich lege die ersten Besetzungen fest. Die übrigen ändere ich weiter hin und her, denn da sind mehrere Kombinationen möglich, zumal immer noch zwei Interessenten mehr als Rollen da sind. Weil es bei zwei Leuten kleine Verhinderungen an geplanten wichtigen Probeterminen gibt, gibt es nach vielen Überlegungen und immer neuen Kombinationen endlich eine Entscheidung. Tadaaa! Zwölf Rollen sind mit zwölf Mitspielern besetzt und der Terminplan für die Proben steht. Wenn jetzt nichts mehr dazwischen kommt, ist Ende 2019 Premiere mit "Die 12 Geschworenen".

Wegen der vielen Mitspieler und der festgelegten Probetermine ist das ungewöhnlich früh geplant. Die Proben werden erst im Juni beginnen. Das gibt mir die Gelegenheit, vorher noch eine andere Premiere zu haben: die meines Puppenstücks. Irgendwann im Frühjahr. Vorausgesetzt, die Königin mag ihre rosafarbenen Haare und scheucht mich nicht wochenlang mit Farbton- und Frisurenwünschen herum. Man weiß ja, wie Königinnen sein können. Aber jetzt sind erstmal die Weihnachtstage dran, da gibt es Besuch und Essen und abendliche Spiele und gemeinsames Kochen. Die "Geschworenen" sind besetzt, die Handpuppenköpfe sind bemalt - das Theater macht Pause.

            
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