Blog 559 - 13.01.2019 - Rottöne, Textarbeit und Charakter-Kassiererin

Schon wieder habe ich einen großen Topf auf dem Herd stehen und koche Plüsch. Der neue Plüsch hat eine andere Materialzusammensetzung als der vorherige und nimmt die Farbe viel besser auf, aber das Ergebnis fällt ähnlich aus. Weizenblond ist wieder nicht möglich. Es wird bei gelbem Färbemittel wieder alles grünlich, sobald ich ein wenig Rot dazu gebe, sofort rötlich. Immerhin habe ich nie mehr ein Problem, wenn ich Plüschhaare für eine rothaarige Puppen brauche.

Weil der Topf gerade im Einsatz ist, färbe ich auch noch einen Teil meines weißen Antronfleeces in verschiedenen Hauttönen ein. Normalerweise nehme ich den üblichen Fleecestoff - der Antronfleece ist etwas Besonderes. Er wird für die Original-Muppetpuppen verwendet, ist besonders gut zu verarbeiten, sehr elastisch, gut färbbar, nur in Amerika zu bekommen und wegen der Fracht- und Zollgebühren ziemlich teuer. Wenn ich damit die Figuren für ein Klappmaulstück beziehe, wird das Stück schon von ganz alleine sehr wertvoll.

Stoff und Plüsch stehen zur Verfügung, ich baue aber nicht sofort los. Stattdessen beschäftige ich mich konzentriert mit dem Text für "Die 12 Geschworenen". Im Original spielen nur Männer mit, während mein Ensemble aus Männern und Frauen besteht. Einige typisch männliche Eigenschaften lassen sich aber nicht unbedingt auf eine Frau übertragen, so dass ich dann anstelle einer aggressiven Rüpelei lieber eine zickige Bemerkung einsetze. Auch einer der Charaktere, der ursprünglich männlich ist und flapsige Sprüche raushaut, muss geändert werden, weil die Wortwahl und das pubertäre Verhalten bei meiner Darstellerin unglaubhaft wären. So wird aus dem kleinen, vorlauten Angestellten eine arrogante, selbstbewusste Chefin, die trotzdem oberflächlich und desinteressiert bleibt. Das ist wichtig, denn jeder Charakter hat seine Aufgabe im Stück. Meine Änderungen dürfen nachher gar nicht auffallen, sondern müssen geschmeidig und logisch eingefügt sein.

Manchmal kann ich noch gar nicht fassen, dass es wirklich klappt, das Stück mit so vielen Darstellern auf die Bühne zu bringen. Ab und an kommt in mir die Frage auf, warum ich eigentlich so dämlich bin, viel Zeit und Kraft in das Theaterstück zu investieren, anstatt mit voller Energie nur an meinen eigenen Puppenstücken und einem neuen Kinderbuch zu arbeiten. Ich könnte so viel schaffen in diesem Jahr und ich möchte doch auch so gerne. Meine Antwort ist dann immer ein ratloses Schulterzucken, verbunden mit einem breiten Grinsen: Weil ich es will und weil es Spaß macht!   

Am Samstag bin ich recht spontan bei einem Musikvideo dabei. Friedemann Weise, dessen schrägen Humor ich sehr schätze, kann noch ein paar Leute im Hintergrund gebrauchen und ich sage zu, ohne zu wissen, um was es geht. Wenn alles gut läuft, habe ich Spaß und das ist es wert. Überraschend werde ich zur Kassiererin an der Kantinenkasse gemacht, eine extrem wichtige Charakterrolle, die entscheidend für die Handlung ist und außerdem in der Metaebene ... nee, Quatsch. Ich steh nur rum und guck blöd. Das aber gekonnt.

Sehr interessant finde ich, dass der kurze Clip bei einem Gang durch einen verwinkelten Raum mit bewegter Kamera an einem Stück und ohne Schnitt gedreht wird. Das verlangt eine gute Planung. Kaum ist die Kamera an einer Ecke vorbei, beeilen sich die Statisten den Platz freizuräumen, weil er beim nächsten Kameraschwenk leer sein muss. Alles ist gut vorbereitet, ich lerne nette Leute kennen, bin im Vorbeifahren zwei Sekunden als Kassiererin im Bild und habe Spaß.

Vom Clip geht's gleich zu einem Geburtstagskaffeetrinken und von dort müsste ich zwei Stunden später zum "Hexenjagd"-Theaterstück, aber die beiden für Samstag und Sonntag angesetzten Vorstellungen fallen kurzfristig wegen Krankheit aus. Das kann passieren und es entspannt mir sogar unerwartet den Tag, an dem ich dann nicht abends noch konzentriert und frisch auf der Bühne stehen muss, aber blöd ist es trotzdem. Normalerweise wäre das Stück in zwei Wochen abgeschlossen gewesen und ich hätte den Kopf frei für die neuen Projekte, aber jetzt wird es sich nochmal irgendwo dazwischen schieben müssen, weil die ausgefallenen Vorstellungen nachgeholt werden. 

            
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