Blog 569 - 24.03.2019 - Puppentheatermuseum und Kreissäge

In der letzten Woche habe ich mich noch gefreut, dass ich als anscheinend Einzige in diesem Winter keine Erkältung hatte - Glück gehabt! - und da habe ich sie. Nicht total schlimm, aber lästig. Und blöderweise stehen ausgerechnet jetzt zwei Lesungen an einer Grundschule in Mainz an. Um kurz nach 5 Uhr morgens fahre ich mit im Kopf deutlich drückender Erkältung, zu wenig Schlaf wegen verstopfter Nase und einem Reise-Kaffeebecher voll heißem Wick-DayMed los.

Weil es keine Staus gibt, bin ich früh in Mainz, so dass ich noch Zeit habe, in einer Bäckerei einen großen Kaffee zu trinken. Zusammen mit der Medizin, der strahlenden Sonne und meiner guten Laune fühle ich mich schon fast gesund. Die beiden Lesungen laufen sehr schön, an der Schule ist alles nett, freundlich und unkompliziert, der Kopf ist frei und nur meine Stimme ist bei der zweiten Lesung ein wenig belegt. Sie hält aber. 

Danach geht es mir unerwartet so gut, dass ich nicht auf dem schnellsten Weg nach Hause fahre, sondern einen kleinen Bogen über Bad Kreuznach mache, wo ich endlich mal das PuK, das Museum für Puppentheaterkultur besuche. An der Kasse werde ich kurz auf die Sonderausstellung im Nebenraum hingewiesen. "Da gibt es 50 Holzkästen vom VDP ..." Was? Wie toll! Die Ausstellung des Verband Deutscher Puppentheater möchte ich seit Monaten mal ansehen, aber weil es eine Wanderausstellung ist, geht sie in ganz Deutschland herum und ist immer schon weitergewandert, bevor ich sie besuchen kann. Jetzt steht sie für mich überraschend im Nebenraum.

Die Kisten sind von 50 verschiedenen Mitgliedsbühnen des VDP gestaltet und zeigen Ansichten, Einsichten und Erinnerungen zum Puppen- und Figurentheater. Auf eine Kiste freue ich mich besonders: die von Bodo Schulte, meinem Bau- und Spiellehrer. Er hat seinen "Kater Karl" reingesteckt und weitere Augen, Zungen und Krallen dazugelegt, um die Überlegungen und Variationen beim Bau einer Figur darzustellen. Es sieht klasse aus. Viele schöne Kästen sind zu sehen und viele der Namen, die dranstehen, kenne ich inzwischen.

Das Erkennen steigert sich beim Besuch der eigentlichen Ausstellung, die sehr liebevoll und ausführlich zusammengestellt ist. Von sehr alten Jahrmarktshandpuppen, Fotos und Plakaten, über den Hohensteiner Kasper, die Augsburger Puppenkiste, bis hin zu Käpt'n Blaubär und anderen Fernseh-Prominenten ist ein vielfältiges Bild der Puppenbau- und -spielkunst zu sehen. Überall alte Namen, die ich aus Erzählungen kenne: Steinmann, de Kock, Jacob, Arndt, Roser, Bross ... und auch Maaßen, bei dem ich in Bochum schon einen Kurs gemacht habe. 

Ich merke, dass mein Herz sehr an den Handpuppen hängt, was nicht nur daran liegt, dass ich zuhause gerade mit ihnen arbeite, sondern weil ich schon früh einige Kasperlepuppen hatte, die für mich nie einfaches Kinderspielzeug waren, sondern "Bühne" und "andere, spannende, lebendige Welt" bedeuteten. Das Schönste bei meinem Besuch im Puppentheatermuseum ist aber, dass ich mich nicht nur als Besucherin der Ausstellung sehe, sondern mich - ganz unten und ganz klein - mit dazugehörig fühle. Ich baue, gestalte, mache Puppentheater, und die Idee, mit einer Bühne herumzureisen, liegt mir nicht mal fern. Hach, wie motivierend, inspirierend und wunderbar ist das PuK!  

Bei sonnigstem Wetter stehe ich am nächsten Tag in der Werkstatt und säge die Latten für die Bühne zurecht. Netterweise blicke ich aus der Werkstatttür gleich in den Garten, was mir das Gefühl einer Open-Air-Urlaubs-Werkelei gibt. Während ich an der Kreissäge arbeite, denke ich darüber nach, wie blöd es wäre, mir jetzt einen Finger abzusägen. Ich müsste die Premiere des Puppenstücks verschieben, weil ich ja erst weiterbauen könnte, wenn die Hand verheilt wäre. Dann fällt mir ein, dass ich mit einem dickem Verband an der Hand nicht mal in der Zwischenzeit mit den Handpuppen proben könnte. Und plötzlich wird mir klar, dass ich - je nachdem welcher Finger fehlt -, überhaupt nie mehr spielen könnte! Zeigefinger und Daumen sind für Handpuppenspieler schwer ersetzlich und auch die kleinen Finger sind nicht unwichtig. Der Gedanke, durch eigene Blödheit ohne Daumen oder Zeigefinger nie wieder mit Handpuppen spielen zu können, hält mich so konzentriert bei der Sache, dass ich sehr sicher und fehlerfrei säge. Allerdings säge ich auch sonst sehr konzentriert, denn vor einer Kreissäge sollte man zwar Respekt haben, aber wenn man sie richtig behandelt, ist sie ein sorgfältiger und sicherer Arbeitspartner.

Als alle Latten nach meinem Bauplan gesägt und die Enden glatt geraspelt sind, bohre ich an den Latten für die ersten beiden Rahmen Löcher vor, setze Winkel ein und stabilisiere die entstandenen Holzvierecke mit einer Mittelleiste. Dauert etwas, sieht dann aber schön viereckig und stabil aus. Die beiden ersten Rahmenteile sind fertig! Als ich sehr zufrieden und gefühlt schulterklopfend mit dem dritten Rahmen beginnen will, fällt mir auf, dass auf dem Tisch noch längere Lattenstücke liegen. Mist! Ich habe beim Konzentrieren auf die benötigten Werkzeuge und den Ablauf der Arbeit überhaupt nicht darauf geachtet, ob ich die richtigen Holzstücke nehme. Kein Wunder, dass mir 150 cm relativ kurz vorkamen, wenn es 115 cm sind. Na toll! Jetzt muss ich alles wieder auseinanderschrauben. Ach menno, Blödheit sollte ich nicht nur beim Sägen vermeiden.

Aber immerhin weiß ich, dass es grundsätzlich klappt. Und um zumindest einen Vorteil aus der Blödheit rauszuholen, entscheide ich mich, die langen Latten vor dem erneuten Verschrauben doch nochmal zu halbieren, denn die fertigen Vierecke waren doch unerwartet groß. Genau nach Plan und ohne Schwierigkeiten ins Auto zu laden, aber eben nur in einen Kombi. Und falls das große Auto mal nicht einsatzbereit ist, wäre es gut, wenn die komplette Bühne problemlos auch in ein kleines Auto gepackt werden könnte. Mit der Entscheidung aus sechs der größeren Lattenrahmen lieber zwölf halb so große zu machen, habe ich zwar mehr Arbeit und muss auch nochmal Holz und Winkel kaufen, aber für die Transportmöglichkeiten kann es mal wichtig sein. Eigentlich ganz gut, dass ich die beiden falschen Rahmen nochmal auseinanderschrauben musste, denn ansonsten hätte ich wohl gedacht: "Jetzt sind sie fertig, jetzt säg ich da nix mehr durch."

            
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