Blog 570 - 31.03.2019 - Voller Kopf, Toilettendrang und regungsloses Arbeiten

Der Bühnenbau ist in vollem Gange und ich säge und rechne mir was zurecht. Die benötigten 115 cm eines Rahmens teile ich mal eben durch zwei, messe ab, säge vergnügt und schraube unbeschwert zwei Stücke à 67,5 zusammen. Anschließend wundere ich mich, dass das Ergebnis 20 cm zu lang ist. Häh? Ich rechne kurz nach und wundere mich dann nur noch, warum ich vorher so sehr daneben lag.

Auf die fertigen Rahmen des Mittelteils schreibe ich dick mit Edding, wo UNTEN! ist, damit ich nichts mehr verwechseln kann - kurz vorher hatte ich versehentlich die Scharniere an der falschen Seite befestigt und musste alle wieder abschrauben -, und merke dann, dass ich die Rahmen falsch herum auf den Boden gelegt habe und "unten" an der danebenliegenden Seite ist. Mein Kopf ist einfach zu voll, ich habe zu viele Termine und Baustellen, um die ich mich gerade kümmern muss, und das scheint massive Auswirkungen auf meine Konzentration zu haben.

Als die ersten unfertigen Lattenteile zumindest schon stehen, sieht die entstehende Bühne ziemlich groß aus. Habe ich mich verrechnet und mal eben irgendwo 50 cm zugegeben? Ich hole Tim Mütze, der sorgfältig Spielhöhe und Spielbreite ausprobiert und feststellt: "Alles genau richtig!" Puh!

 

Naja, schließlich baue ich keine kleine, klappbare Kinder-Kasperle-Bühne, hinter der ich zusammengekauert sitzen müsste, sondern eine richtige Handpuppenbühne, in der ich stehe und über meinem Kopf die Handpuppen führe. Insgesamt dauert das Bauen aber länger als ich dachte. Die geplanten drei Tage sind schon überschritten und es ist immer noch viel zu tun. Das liegt daran, dass ich keinen genauen Bauplan, sondern nur eine Skizze mit den Endmaßen habe und erst während des Bauens entscheide, wie ich was zusammenfüge. Die Bühne muss nicht nur stabil stehen, sondern sich auch möglichst schnell von einer Person - nämlich mir - auf- und abbauen lassen. Rechts einhängen, links aufklappen, oben einrasten, an der Seite festhaken - Theaterscharniere, Türangelscharniere, Klavierhaken, Sturmhaken ...

Manchmal stehe ich minutenlang bewegungslos vor dem Bühnengestell und nur die Gehirnzellen jagen im Kopf umher, was mich innen sehr aktiv arbeiten, aber von außen sehr eingeschlafen wirken lässt. Zum Glück habe ich einen Gatten, der gut damit leben kann, dass im Wohnzimmer ein großes Holzding im Weg steht, Werkzeuge und Scharniere herumliegen und die Frau mal die Schrauben sucht, mal den kleinen Bohrer nicht findet, immer wieder irgendwas klirrend fallen lässt und zwischendurch mit sirrendem Akkuschrauber Lärm macht. Wenn sie nicht bewegungslos vor dem Gestell steht und nur guckt.

Am Donnerstag habe ich drei Lesungen an einer sehr netten Schule, etwa 50 km entfernt. Nett heißt bei mir übrigens nett und ist nicht ironisch gemeint. Bei den 60 Kindern der ersten Schuljahre gibt es ein ansteckendes Blasenproblem, wie das in ersten Schuljahren eben so sein kann, wenn ein Kind auf die Toilette muss und anderen auffällt, dass sie das auch gerade müssen. Da sie diszipliniert nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander gehen dürfen, geht es beständig rein und raus. Nicht schlimm, aber ihnen ist nicht klar, dass sie mit dem vermeintlich unaufschiebbaren Gang zur Toilette, - der hauptsächlich deshalb so wichtig ist, weil sie den Raum mit Erlaubnis kurz verlassen dürfen, während alle anderen sitzen bleiben müssen -, einen Teil der Geschichte verpassen.

Das Foto zeigt den Raum übrigens kurz vor Beginn der Lesung, nicht in einem Moment, als alle Erstklässler auf der Toilette waren. Die Lesungen machen alle Spaß, die Stimme hält, die leichte Erkältung der letzten Woche ist verschwunden, und ich freue mich, dass ich in der nächsten Woche schon wieder Lesungen habe. Dafür muss ich dann aber wieder etwas weiter fahren.

Am Ende der Woche bin ich beim Pferderennen in Ascot. Also fast. Es ist ein Krimidinner, das in den 80er-Jahren spielt, und ich trage als britische Lady ein elegantes Kostüm mit Hut. Das Kostüm darf zeitentsprechend geschmacklos sein. Das kann ich bieten. Ebenso wie Teatime-Sandwichs. Ein Pferd brauche ich nicht. Meine einzige Sorge ist, dass ich auf der Fahrt zum Dinner eine Autopanne haben könnte und in einem grünen, weißgepunkteten Traum aus Chiffon aussteigen müsste. Ich nehme mir vor, dann so zu tun, als wäre alles normal.

            
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