Blog 571 - 07.04.2019 - Kürzungen, Schattenspiele und Bühne Cipolla

Mit Buch und Tee sitze ich im Garten. Und mit Block und Stift, denn es ist nicht Lesevergnügen, sondern Arbeit. Nachdem ich mein Briefe-Buch, aus dem ich in der kommenden Woche vorlesen werde, inzwischen zweimal komplett gelesen und beim dritten Lesen mit Bleistiftstrichen die wichtigen Stellen markiert habe, muss ich nun raussuchen, was ich davon vorlesen werde. Aus über 300 Seiten mit Briefauszügen möchte ich eine knapp einstündige Kurzfassung machen.

Als ich beim Bearbeiten auf einen Vorleseteil von schätzungsweise 60 Minuten gekommen bin, lese ich die markierten Stellen laut vor und lasse eine Stoppuhr laufen. Nach einer dreiviertel Stunde breche ich ab, denn der Text ist immer noch deutlich zu lang. Ich fange mit dem Streichen von vorne an und langsam tut es weh, denn jetzt fallen schon viele schöne und auch wichtige Stelle raus. Es wird wohl noch einige Durchgänge dauern, bis ich zufrieden bin. So viele Stunden Vorarbeit für eine einzige Stunde Vorlesen. (Für Leute aus der Nähe: Mittwoch, 10.April, 19:30Uhr, Buchhandlung Köhl, Erftstadt-Liblar)

Es gibt Ehe- und Hausfrauen, die bekommen eine Krise, wenn der Gatte im Wohnzimmer werkelt und dabei Staub, Dreck und Sägespäne erzeugt. Ich habe das große Glück, dass ich den Dreck selber mache und mich darum nicht aufrege, wenn mitten im Wohnzimmer ein Bühnenteil liegt, das frisch verklebt und mit Betonsteinen beschwert auf seine Trocknung wartet. Der Gatte sieht es zum Glück auch nicht so eng.

Während die Bühnenfront vor sich hin trocknet, fahre ich nach Malsch bei Karlsruhe und habe Apfelquieker-Lesungen an der Grundschule. Der Wecker geht um 4 Uhr morgens, aber frühes Aufstehen finde ich nicht schlimm. Während ich im Klassenraum meine Sachen aufbaue, sind einige Kinder dabei, denn es ist Regenpause, die im Gebäude verbracht wird. Der Beamer lockt sie sofort zu Schattenspielen, die sie konzentriert und mit Spaß und Hingabe machen. Kreativ und toll! Da treffen sich unerwartet meine Kinderbücher mit dem Puppenspielen.

Zum Glück kommen die Lesungen danach ebenfalls gut an und niemand beschwert sich: "Ich würde jetzt lieber einen Hund oder eine Ente machen!"

Wieder zuhause male ich die Bühnenfront meines Puppentheaters an. Ringsherum wird sie schwarze Vorhänge haben, nur die Spielfront ist farbig. Sehr bewusst entscheide ich mich für ein etwas altmodisches Aussehen, weil ich das bei Puppenbühnen sehr mag. "Shabby Chic" heißt das neudeutsch und bedeutet: "sieht wie schon lange gebraucht aus". Die Stücke, die darin gespielt werden, müssen trotzdem nicht altbacken sein.

Während die Bühne langsam fertiger wird, geht es Tim Mütze nochmal an den Kragen. Ich merke, dass sein Hals innen etwas schief verläuft und ich darum meinen Finger beim Spielen leicht schräg halten muss, damit die Figur gerade guckt. Ich will mich beim Spielen aber aufs Spielen und nicht auf einen schrägen Hals konzentrieren. Ich überlege kurz, ob ich wie eine Chiropraktikerin mal am Hals rucke, es laut knackt und alles wieder sitzt, aber ich muss doch zu Messer, Baustoff und Heißluftfön greifen. Hoffentlich ist der neue Hals trotz OP-Narbe so stabil wie der alte. Es könnte zu ungewollter Dramatik führen, wenn Tim Mütze bei einer Drehung auf der Bühne den Kopf verliert.

Am Ende der Woche gucke ich mir Michael Kohlhaas als Figurentheater von der Bühne Cipolla an. Der Schauspieler und Puppenspieler Sebastian Kautz und der Musiker Gero John bringen eine wunderbare Inszenierung auf die Bühne. Sehr eindrücklich, voller Spannung und mit vielen feinen Ideen. Die Livemusik verschmilzt mit dem sehr guten Schauspiel, unterstützt perfekt und ist nie Fremdkörper. Ich bin völlig fasziniert und denke, als eine weibliche Figur gespielt wird: "Lasst mich die spielen! Ich würde jetzt so gerne! Und ich könnte das!" Zum Glück rufe ich es nicht rein, sondern denke es nur.

Sehr motiviert komme ich nach Hause. Was war das für ein tolles Stück! Auch wenn ich gerade mit viel Liebe am Handpuppenstück arbeite, das ich versteckt in einer Guckkastenbühne spielen werde, freue ich mich jetzt schon auf das nächste Stück, das schon fast fertig geschrieben ist und das ich offen mit Klappmaulpuppen spielen werde. Ach, ob versteckt oder offen, Klappmaul oder Handpuppe - wenn es gut gespielt ist und die Zuschauer mitnimmt, ist es genau richtig.

            
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