Blog 573 - 21.04.2019 - Rücken, Oberarme, Herz und Seele

Die unfertige Bühne mit ersten Probevorhängen steht als Holzgerippe im Wohnzimmer und ich probe zwischendurch, auch wenn ich den Text immer noch nicht kann. Wichtiger als der Text ist es gerade, zwei Puppen gleichzeitig zu bewegen und die dafür benötigten Muskeln zu aktivieren. Außerdem ergeben sich im improvisierten Spiel kleine Ideen, die auch mich überraschen und die ich sofort ins Spielbuch einfüge. Zum Zusehen ist das noch nichts, denn ich unterbreche häufig, lese Text nach, ändere die Stimmen, probiere aus und korrigiere immer wieder die Haltung der Figuren.

Weil ich mich nach oben auf das Spielgeschehen konzentriere und das unangenehme Ziehen im Rücken bewusst übergehe - die Muskeln müssen trainiert werden! -, werde ich bei einer schwungvollen Drehung von einem heftigen Stich im Rücken überrascht. Oh, ein Hexenschuss wäre genau das, was ich NICHT brauche! Ich hatte noch nie einen und habe von daher keine Vergleichsmöglichkeit, aber da ich mich weiterhin bewegen kann, war es wohl keiner. Aber vermutlich ein Warnschuss wegen der Überbelastung des Rückens, der im Hohlkreuz steht, weil ich ständig den Kopf im Nacken habe und die Arme oben halte. Ich sollte ein bisschen aufpassen. Wäre blöd, wenn ich mir extra eine hohe Spielbühne baue und bei der Premiere dann nur gebückt stehen und keinen Arm heben kann.

Die hellen Latten des Bühnengestells sollen später nicht unter der Stoffabdeckung hervorblitzen, darum streiche ich sie blau an. Zuerst nur die Seiten, die zu sehen sein könnten. Als die fertig sind, finde ich, dass ich lieber alles streichen möchte und mache gleich weiter. Dass es zwei Blautöne werden, weil der erste Farbrest doch nicht ausreichte, gefällt mir. Soll ja nicht blitzeneu und strahlend aussehen, sondern wie schon jahrelang gebraucht. Das tut es bei mir mit dem ersten Anstrich.

Ein weiteres Plus der Streichaktion ist, dass ich jetzt sicher bin, dass sich die Bühne sauber in ihre Einzelelemente trennen lässt. Bei meiner "aufbauenden" Arbeitsweise, - also nicht alles vorher gut überlegen, sondern Schritt für Schritt mit dem jeweils nächsten Element weitermachen, - könnte es passieren, dass ich versehentlich Dinge fest miteinander verschraube, die getrennt bleiben müssen. Aber alles funktioniert und wirkt, als hätte ich nach einem Plan gearbeitet. Auch dass ich die Bühne alleine, ohne Hilfe auseinander und wieder zusammenbauen kann, ist eine beruhigende Erkenntnis.

Dann gibt es mal wieder eine meiner Spontanaktionen. Ganz in der Nähe werden gebrauchte Betonplatten verschenkt. Es ist ja nicht so, dass mir der Kopf gerade nach dem Legen von Betonplatten steht, aber im Sommer werde ich dafür Zeit haben. Meinem vom Puppenspiel angestrengten, skeptisch guckenden Rücken (ich fühle, dass er skeptisch guckt!) erkläre ich, dass das Heben, Tragen und Absetzen von Betonsteinen gut für ihn ist und außerdem den Muskelaufbau fördert. Er glaubt es, bleibt entspannt und fühlt sich tatsächlich gut. Nur die Oberarme motzen danach rum, weil sie Muskelkater haben. Sollen sich nicht so anstellen - wer mit Betonplatten trainiert, findet Handpuppen federleicht. Zum Glück verbringen Gatte und Söhne gerade entspannte Ostertage Zuhause, so dass sie sich an meiner Spontanaktion beteiligen und mitschleppen können.

Es ist schon lustig, wie ich im Alltag zwischen grob- und feinmotorischen Tätigkeiten hin und her wechsel: Eine Szene mit Handpuppen an der Spielleiste proben, Betonplatten schleppen und stapeln, Kuchen backen und bestreuseln. Die Woche endet spaßig. Mit einer Gruppe gehen wir bowlen, was ich gar nicht kann, was aber egal ist, denn wir lösen damit ein Geburtstagsgeschenk ein und haben Spaß.

Passend zu meiner täglichen Beschäftigung mit den Handpuppen lese ich die Biographie von Max Jacob, dem "Erfinder" und Spieler des Hohnsteiner Kaspers. Er war ganz wichtig für das Puppenspiel und ich hätte wirklich gerne ein Seminar bei ihm belegt. Abgesehen von vielen Aussagen über die Qualität des Puppenspiels, die erarbeitet werden muss und die nicht mit einem Herumzappeln der Figuren erreicht wird, erkenne ich vieles wieder, das auch heute in der Puppenspielerszene noch so läuft. Puppenspieler, die sich mit ihrer Puppengattung oder ihrer Ausbildungsstätte grundsätzlich besser als die anderen fühlen, und Leute, die mit geringem Können und wenig Inszenierungsgefühl Vorstellungen geben und damit Zuschauern schlimmstenfalls vermitteln, dass Puppenspiel albern und langweilig ist. Aber ich erkenne auch das beglückende Gefühl, wenn es gut läuft, wenn die Figuren zu lebendigen Persönlichkeiten werden und wenn Glück, Spaß, Seele und Herz zusammenkommen. Bei Tim Mütze macht es schon Spaß, es muss aber auch noch ordentlich geprobt werden.

            
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