Blog 574 - 28.04.2019 - Nähkämpfe, Lyric-Video und Rainald Grebe

Obwohl die Liste der Sachen, die ich noch für das Puppenstück brauche/machen/anbringen muss, recht lang ist, bin ich gut in der Zeit. Natürlich könnte ich vier Wochen mehr gebrauchen, aber das ist ja immer so. In zwei Wochen soll das Stück laufen und es sieht auch so aus, als ob das klappt. Meine optimistische Aussage wirkt fraglich, wenn der Blick auf meine Requisiten fällt. Das sieht eher nach einem Drei-Monats-Bedarf aus.

Beim Bühnenvorhang habe ich eine funktionierende Probeversion hinbekommen, bei der sich der Vorhang über einen Schnurkreis einhändig zu beiden Seiten öffnen und schließen lässt. Weil die Bühne oben aber nicht genug Freiraum hat, in dem ich die Ziehschnüre unsichtbar verlegen könnte, verlaufen sie knapp über dem Spielausschnitt und sind manchmal ein bisschen zu sehen. Das gefällt mir nicht. Eine höhere Bühne will ich aber auch nicht haben, darum baue ich alles um und ziehe die Vorhänge vorläufig einzeln auf. Geht auch. Vielleicht komme ich demnächst auf eine andere Lösung. 

Mit der Nähmaschine kämpfe ich mich durch die Stoffbahnen für die Bühnenfront. Kräuselband, Säume, Klettband, unendliche Stoffstücke. Alles dauert viel länger als geplant. Zwischendurch zickt die Nähmaschine rum, will nach der ersten keine zweite Naht ins Klettband machen und verstopft danach ihr Nadelöhr mit Klettkleberresten. Erst fluche ich, dann werde ich ruhig und suche die Ursachen - und dann geht's weiter.

Als ich den dunkelblauen Stoff an der Front befestige, passt er sehr gut, aber - wie ich schon geahnt, aber erfolgreich verdrängt habe -, er ist leicht durchsichtig. Wenn von oben helles Bühnenlicht reinstrahlt, wird man mich schemenhaft hinter dem dünnen Vorhang herumzappeln sehen können. Vermute ich, denn Bühnenlicht habe ich auch noch nicht. Sicherheitshalber tacker ich zusätzlich dichteren Stoff auf die einzelnen Rahmen. Der ist farblich etwas anstrengend, liegt darum schon jahrelang in meiner Stoffkiste und hat jetzt endlich eine sinnvolle Aufgabe als Sichtschutz. Nebenbei auch vor neugierigen Kindern, die, während ich spiele, unter den Frontstoff blinzeln wollen - was ich mich als Kind niemals getraut hätte.

Die Seitenwände und die Rückwandverkleidung müssen noch genäht, die Beleuchtung technisch angepasst und angebracht, Requisiten fertig gebaut werden, ... . Dass ich angesichts der unfertigen Ecken und Enden meines Puppentheaterstücks schon lächelnd Auftrittstermine für Mitte Mai zusage, wirkt wahnsinnig, ist aber normal. Dass ich außerdem gerne noch eine weitere Handpuppe für das Stück hätte, die überhaupt nichts mit dem Stück zu tun hat, aber für zwei Minuten auftreten könnte, ist mehr als wahnsinnig. Ich rechne durch, wie viele Stunden ich daran bauen müsste und wie oft ich in dieser Zeit das Stück proben könnte. Momentan finde ich, ich sollte lieber proben.

Vor einigen Wochen habe ich kleine Zeichnungen als Vorlage für ein Lyric-Video gemacht, jetzt ist das Video fertig. Nicht alle Zeichnungen darin sind von mir, aber ich konnte gute Grund- und Vorlagen und die beiden Hauptpersonen liefern. Geschrieben und gesungen hat das Lied Purple Schulz. Nicht nur dass Purple ein lieber Herzensfreund ist, ich finde seine warme Stimme auch wunderschön. 

"Purple Schulz - Ich seh, was du siehst" - LINK zu youtube


Am Ende der Woche lasse ich alle Puppensachen liegen und gehe gut gelaunt und mit Freude zum "Elfenbeinkonzert" von Rainald Grebe. Ich freue mich sehr. Rainald Grebes Musik und seine Stimme begleiten mein Leben seit fünfzehn Jahren und er hat meine Art zu arbeiten und meinen eigenen Weg zu gehen, sehr beeinflusst. Außerdem höre ich seine Stimme so gerne, kann in der Atmosphäre eines Liedes versinken, atemlos seine intensiven Ausbrüche bestaunen und mich über punktgenau treffende Formulierungen freuen. 

An diesem Abend werde ich gefühlsmäßig weit zurück geschleudert, denn der "Winzerverein" in Lantershofen ist mit seinen 250 Plätzen total ausverkauft und erinnert mich sofort an die frühen Rainald-Konzerte in kleinen, eher dörflichen Sälen. Ehrenamtler rücken Stühle, machen den Einlass und verkaufen Getränke, und viele der Besucher sind Abonnenten, die nichts von Rainald Grebe kennen. Ein Konzert im Winzerverein, zwischen Weinbergen und Abonnenten - ich finde es schön schräg, bin mir aber nicht sicher, ob es beim Publikum richtig ankommt.

Bei mir muss ich mir keine Sorgen machen, ich genieße es von vorne bis hinten und bin glücklich, aber auch im Saal ist die Stimmung unerwartet klasse. Einige wenige Abonnenten gucken emotionslos, die anderen lachen, klatschen, hören zu, nehmen es an. Hach, seufze ich verzückt, höre die vertraute Stimme, bin lachend, berührt, traurig, atemlos und breit grinsend dabei, und denke daran, dass ich in den letzten Tagen mal kurz überlegt hatte, den Konzertbesuch ausfallen zu lassen, weil so viel Arbeit fürs Puppenstück wartet. Was für ein Fehler wäre das gewesen! Dieses Abtauchen in alte Zeiten und der Abend bei Rainald Grebe im Winzerverein gibt mir so viel gute Laune, Motivation und Energie, dass ich jetzt ganz locker an die noch wartenden Ecken und Kanten des Puppenstücks gehen kann.

Gegen 1 Uhr morgens bin ich auf dem Rückweg und im Autoradio erzählt mir Horst Evers von "veganfreier Wurst" bei einer Metzgerei. Ich lache mich gut gelaunt, tiefenentspannt und hellwach nach Hause.

Für das Puppenstück habe ich jetzt Probe-, Premiere- und Aufführungstermine für den 15., 18. und 22. Mai, der 19. Mai ist im Gespräch. Ich freue mich!

            
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