Blog 578 - 26.05.2019 - Extensions, Moritz Netenjakob und Steinbrösel

Im Bochumer Figurentheaterkolleg spiele ich das Handpuppenstück vor einer kleinen Zuschauergruppe vor. Zwei Puppenspieler, Bodo Schulte und Michael Hepe, die gerade als Dozenten eines Baukurses dort sind, sehen zu, sowie einige Kursteilnehmer, die zum Teil Puppenspieler oder zumindest sehr nah am Thema sind. Schon wieder baue ich meine Bühne auf, dann geht's los. Dafür, dass ich das Stück erst zweimal vor Zuschauern gespielt habe, müsste ich aufgeregter sein, aber ich freue mich einfach nur. Es ist eine große Chance für mich, professionelle Ratschläge zu bekommen und das Stück optimieren zu können. 

Als ich schon ein paar Minuten gespielt habe, fällt mir auf, dass ich meine Brille nicht aufgesetzt habe. Oh! Bisher habe ich das Stück nicht auswendig gespielt und mich voll darauf verlassen, dass ich bei leerem Hirn kurz in den bereithängenden Text gucken kann. Den sehe ich jetzt aber nur verschwommen. Kaum sind am Ende des Aktes die Königin nach rechts und Tim Mütze nach links abgegangen, drehe ich mich kurz nach hinten, um nach der bereitliegenden Brille zu greifen. Sie ist nicht da. Schlagartig wird mir klar, dass ich das Stück jetzt auswendig spielen MUSS. Während ich noch nach hinten gucke, stecke ich meine Hand schon vor mir in die Königin, die sofort wieder auftreten muss. "Alles auswendig!" denke ich noch leicht verzweifelt, gucke hoch und sehe die Prinzessin auf der Bühne. Vergriffen.

Es ist erstaunlich, was mir in einer Sekunde alles durch den Kopf gehen kann. In diesem Fall: "Oh, falsch gegriffen. Wie baue ich die Prinzessin jetzt logisch ein? Muss ich überhaupt eine logische Lösung finden? Es ist ja keine "richtige" Aufführung, sondern eine Probevorführung. Bestimmt sagt Bodo nachher, dass ich die Prinzessin nicht einfach wegziehen darf ... Ach, egal." Blitzschnell entscheide ich, dass ich nicht versuchen werde, die Anwesenheit der Prinzessin zu erklären. Ich sage schnell: "Oh, Entschuldigung!", ziehe die Prinzessin von der Bühne und lasse die Königin darauf gehen. Während ich selber amüsiert grinse, höre ich einige Anwesende vergnügt lachen. "Mist!", denke ich, lache aber selber. Nicht weil ich alles nicht ernst nehme, sondern weil ich wirklich ziemlich entspannt bin. 

Nach dem Stück zückt Bodo Schulte sein Notizbuch, - ich hatte mir extra gewünscht, dass er seine Anmerkungen notiert -, und wir besprechen das Stück, die Haltung der Figuren und Verbesserungsmöglichkeiten. Ich hatte bei den Puppen flatterndes, wackeliges Feder- und Haarzeug verwendet, um viel Bewegung zu erzielen, und erfahre jetzt, dass es für den kleinen Bühnenausschnitt viel zu viel Bewegung ist. Außerdem müssen die Schritte der Figuren größer und die Auf- und Abgänge schneller sein. Es kommen von Bodo und aus der Gruppe viele Tipps, Ideen und Verbesserungen, und auch inhaltlich gibt es neue Anregungen.

Zuhause setze ich die ersten Änderungen um, indem ich flatternde Federn, wackelnde Köpfe und wippende Haare ruhigstelle. Die Prinzessin, deren wilden Haarschopf ich so schön finde, bekommt eine gebändigte Frisur. Damit sie nicht zu alt wirkt, erhält sie Extensions in Form von zwei langen Zöpfen. Charakterlich wirkt sie jetzt deutlich anders, aber es passt gut zu ihr.

Drei Tage später spiele ich das Stück für knapp 50 Erstklässler im Velbrück-Kulturhof in Metternich. Es bringt mir viel Sicherheit, dass ich es inzwischen schon drei Mal vor Publikum gespielt und auch die Bühne mehrfach auf- und abgebaut habe. Dass ich den Text auswendig kann, weiß ich nach der vergessenen Brille auch. Im Kulturhof Velbrück gilt die Vorstellung als Premiere, was sie irgendwie auch ist, weil es die erste "gebuchte" Vorstellung ist. Die anderen drei davor waren "Probe-Vorstellungen". Wobei auch die Stadtbücherei meinen ersten Probe-Auftritt "Premiere" nannte. Eine richtige Premiere mit Feier und Buffet habe ich aber im ganzen Proben verpasst.

Die zusehenden Kinder im früheren Kuhstall des Kulturhofes haben viel Spaß, lachen oft laut und das Stück funktioniert sehr gut. Bevor die Kinder gehen, kommt ein kleiner Junge schnell zu mir gerannt und fragt, ob der Kuchen wirklich echt war und wie Tim Mütze den so schnell essen konnte. Er ist völlig verwundert und merklich beeindruckt. Wie schön! Auch wenn ich im Kopf schon die Änderungen habe, die ich nach der Besprechung in Bochum noch machen möchte, ist es beruhigend, dass es auch im momentanen Zustand gut läuft. Die "normalen" Zuschauer finden es lustig, kurzweilig und sehr schön, was nicht bedeutet, dass ich es nicht noch besser machen könnte. Es ist ähnlich wie beim Kochen. Auch wenn meine Lieblingssuppe bei Familie und Freunden supergut ankommt, kann ich von engagierten Profiköchen Tipps bekommen, um sie in der Basis besser, raffinierter und abgerundeter zu machen.

Am nächsten Tag habe ich Lesungen im Bergischen Land und fahre sehr früh los, um nicht im morgendlichen Stau zu stecken. Mir bleibt Zeit, in einer Bäckerei Kaffee zu trinken und auf den Rückseiten meines Lesungstextes Änderungen und Ideen zum Puppenstück zu notieren. Manches kann ich nach und nach proben und einbauen, bei inhaltlichen Sachen muss ich den Text entsprechend bearbeiten. Einige der Vorschläge möchte ich erst überlegen und dann entscheiden, ob ich sie übernehme oder ob ich finde, dass sie nicht zu mir und meinen Stil passen.

Die Schule in Wiehl liegt ländlich, die Sonne scheint, die Luft duftet nach Frühsommer und die Vögel zwitschern laut. Ich baue meine Sachen auf und lese zweimal die Giraffe vor sehr netten und aufmerksamen Kindern.

Danach geht es zur nahen Zweigschule, die noch ländlicher liegt und bei der die Vögel noch lauter zwitschern. Dort lese ich den Prinz Ferdinand König, auch dort vor netten, aufmerksamen Kindern. 

Am Abend atme ich nach drei arbeitsreichen Wochen tief auf. Das Handpuppenstück hat - wann auch immer - seine Premiere gehabt und läuft. Ich kann entspannen. Mit dem Sohn mache ich einen sehr langen Spaziergang durch die Gegend. Puh! Ich merke, dass ich geschafft bin. Gleichzeitig aber auch froh und stolz. Und motiviert. 

Am nächsten Abend sehe ich mir Moritz Netenjakob mit seinem Programm "Das Ufo parkt falsch" an. Ich weiß, dass Moritz Netenjakob "lustig" ist und dass ich ihn schon länger mal ansehen möchte. Auf "lustig" eingestimmt und mit der Vermutung, dass es mir gefallen könnte, gehe ich hin - und werde von einer großartigen Welle richtig guter Komik überspült. Moritz Netenjakob hat einen feinen Blick für witzige Szenen im Alltag und in zwischenmenschlichen Beziehungen und kann sie pointiert widergeben. Mit verschiedenen Stimmen, wechselnder Gestik und übersprudelnder Energie baut er Szenen auf, die ich mir sofort vorstellen und über die ich sehr lachen kann. Dabei macht er sich nicht respektlos über andere Leute lustig, sondern bleibt liebevoll und freundlich. Genau mein Humor. Große Klasse! 

Am nächsten Morgen fahre ich in einen staubigen Steinbruch in der Eifel, wo ich beim Steinhauer-Verein Weibern ein Wochenende lang an einem Stein herum klopfe und mich erhole. Diesmal muss ich von meinem Stein ziemlich viel Masse zerbröseln und weghauen, bis sich langsam meine Figur zeigt. Das ist nicht nur anstrengend, sondern dauert auch seine Zeit. Noch am ersten Nachmittag sieht es aus, als würde ich ein "Monster mit Stahlhelm" oder ein "Schwein mit Beatlesfrisur" hämmern. Dabei habe ich eine zierliche Kinder-Waldelfe vor. Auch hier gibt es Komik zu erkennen, wenn andere Kursteilnehmer mich gar nicht erst auf meine Figur ansprechen, weil sie angesichts der plumpen Gestaltung nicht wissen, was sie dazu Nettes sagen können.

Am Ende des ersten Tages habe ich in Handarbeit ein Drittel des Steins zu Bröseln zerklopft und so langsam zeigt sich der Elf. Oder die Elfe. Mal sehen. Außer meinen Fingern und Unterarmen, die völlig fertig sind, ist bei mir alles entspannt. In einem Zeitraum von acht Tagen habe ich viermal an unterschiedlichen Orten das Handpuppenstück gespielt, an zwei Schulen insgesamt drei Lesungen gemacht und einen Stein gewaltig zerbröselt. Das ist mal ein Programm! Heute geht's weiter mit Stein bröseln. 

            
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