Blog 579 - 02.06.2019 - Karl Marx, Karl May, Romeo und Julia

Die Nr. 2 der zwölf Geschworenen hat eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute (für sie): Sie wird ab dem Sommer auf eine Schauspielschule gehen. Die schlechte (für uns): Sie wird darum an unseren Probeabenden keine freie Zeit mehr haben. Zehn Tage vor der ersten Probe könnte so eine Meldung Entsetzen auslösen, aber ich bleibe gelassen. Wird schon alles. Ich habe das feste Gefühl, dass wir eine passende Nachfolgerin finden werden. Vielleicht nicht bis zur nächsten Woche, aber ganz sicher noch vor der Premiere.

Von der plötzlichen Besetzungslücke völlig abgelenkt, klopfe ich am Sonntag immer noch an meinem Stein herum. Weil diesmal ziemlich viel Masse weg muss, haue ich sehr lange nur Material weg. Schon am Mittag ist mir klar, dass ich nicht fertig werden kann, weil auch die Ausarbeitung des Gesichts noch viele Stunden dauern wird. Ich wechsel zwischen Feinarbeit und dumpfen Wegschlagen und freue mich, dass einerseits das Gesicht immer deutlicher zum Vorschein kommt, und andererseits der Stein immer leichter wird. Wobei "leicht" relativ ist.

Am Ende des Steinhau-Wochenendes ist das Ziel zu erkennen, aber da werde ich noch weiter dran arbeiten. Es ist immer wieder erstaunlich, was aus einem dicken Steinbrocken zu machen ist. Tuffstein ist zwar relativ weich, aber dann doch so hart, dass der Kölner Dom daraus gebaut ist.

Gleich am nächsten Morgen fahre ich über 300 km bis ins niederländische Friesland. Obwohl ich dort ganz nah am Meer bin, sehe ich nichts davon, denn das Ziel ist ein Familienbesuch. Noch am gleichen Abend geht es zurück. Weil ich nicht alleine unterwegs bin und der Tag voll ist, kann ich auch nicht mal eben kurz zum Hafen oder an die Küste gehen. Schade, ich habe so einen Drang, mal wieder am Meer zu sein. Aber der Besuch ist schön und wichtig, und ich erfreue mich zumindest an der Landschaft, die grandios ist in ihrer Weitläufigkeit und Ruhe.

Sehr entspannt komm ich nach Hause und weiß, dass ich jetzt erstmal keine großen Termine habe. In den nächsten Tagen kann ich lässig mein Puppentheater-Bauzeug sortieren und wegräumen, Tee trinken, alles ganz langsam machen und im Garten unterwegs sein. Nach den vielen Terminen der letzten Zeit ist das perfekt. Ich freue mich. Außerdem ist fast von alleine eine neue Geschworene Nr. 2 da, die sehr gut zur Rolle und ins Team passt, und die sich freut, dass sie dabei ist. Läuft.

Am Abend ergibt es sich völlig überraschend, dass ich am nächsten Tag nach Chemnitz fahren werde. Eigentlich hatte ich dort für Mitte Juni vier Tage eingeplant, an denen ich mir mal viele Sehenswürdigkeiten der Umgebung ansehen wollte, aber durch interne Terminverschiebungen fahre ich am besten sofort. Ein großes Touristenprogramm will ich nach den anstrengenden letzten Wochen aber nicht machen, darum fahre ich nur für zwei Tage und lasse alles ruhig angehen.

Chemnitz ist nicht die schönste Stadt der Welt, aber sie ist freundlich renoviert und es gibt viele nette Menschen. Sächsisch höre ich inzwischen ja auch gerne, und mein diesmaliger Lieblingssatz, den ich im Vorbeigehen höre, ist: "Mer sacht ja: Schpott is Mott." Ich bin schon fünf Schritte weitergegangen, als meine Hirnzellen den "Spott" in "Sport ist Mord" übersetzt haben. Herrlich!

Dass kurz nach der Europawahl noch in unglaublicher Masse Plakate rechter Gruppierungen hängen und die AFD in Chemnitz hoch abgeschnitten hat, belastet mich aber doch. Ich denke an den Spruch, den ich vor kurzem gelesen habe: "Mutige Menschen bauen Brücken, ängstliche bauen Mauern". Warum fühlen sich so viele Menschen im Osten von allem Fremden bedroht und wählen dann die Leute, die am lautesten brüllen und mit Hass und Gewalt arbeiten? Und was läuft falsch, wenn von den aufgehängten Wahlplakaten in Chemnitz mehr als 95% von einer hetzenden, rassistischen Partei sind, hin und wieder ein Plakat der Linken auftaucht und ich so gut wie nie eines einer anderen Partei sehe? Die haben ihre Plakate doch nicht alle schon wieder abgehängt? Wenn die gemäßigten Parteien nicht vor Ort werben und präsent sind, werden viele Einwohner den Eindruck haben, dass die nicht an der Stadt und den Bewohnern interessiert sind und sich von den Schlagwörtern der Rechten vertreten fühlen.

Zum ersten Mal habe ich das beklemmende Gefühl, ich wäre im "Ostblock". Die vielen rechten Wahlplakate und das Bewusstsein, dass eine für mich "feindliche" Partei so viel Zustimmung hat, macht mir ein unwohles Gefühl. Das wird eher verstärkt dadurch, dass die Menschen freundlich sind, Leute mit anderen Hautfarben ganz normal durch die Straßen gehen und mir keine grölenden Schlägertruppen begegnen. Es sieht alles sonnig und friedlich aus. Trotzdem hat die AFD mit 25% die Mehrheit in Chemnitz. Das bedeutet aber nicht, dass alles gut läuft, sondern dass es unter der Oberfläche brodelt.

Endlich fahre ich mal in das nahe bei Chemnitz gelegene Hohenstein-Ernstthal. Dort steht das Geburtshaus von Karl May, in dem er aufgewachsen ist und von der weiten Welt geträumt hat. Die Dame an der Kasse begrüßt mich freundlich und spricht sofort die Europawahlen an. "Oh je", denke ich noch voreingenommen, da freut sie sich, dass die Grünen so gut abgeschnitten haben und die anderen Parteien jetzt endlich mal was fürs Klima und den Umweltschutz machen müssten. Ich grinse innerlich und versuche künftig daran zu denken, dass in Sachsen zwei Drittel der Wähler NICHT rechts wählen. 

Der Sachse Karl May war phantasievoll, neugierig und weltoffen. Er hatte andere Probleme, die aber mit seiner eigenen Darstellung und seinem Drang nach persönlichem Erfolg zu tun hatten. In seinen Büchern geht es meistens um Toleranz, Respekt und Frieden. In meiner Jugend war ich eifrige Karl-May-Leserin, und vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn manche Leute mal wieder in die Bücher blicken, in denen nicht dumpfes Draufhauen das große Ziel ist, sondern Versöhnen. Der Besuch des Karl-May-Hauses gefällt mir. Hier hat er gelebt, viele Häuser der Umgebung und die Kirche standen damals schon, und sein Blick auf den Hang wird damals ähnlich wie jetzt meiner gewesen sein. Die Familie lebte auf engem Raum mit einem großem Webstuhl in der Wohnstube, und ich wundere mich nicht, dass Karl May aus der Enge nach Größerem strebte.

In der Chemnitzer Oper läuft das Ballett "Romeo & Julia" mit der Musik von Sergei Prokofjew. Das wär doch mal was! Es ist nicht so, dass ich großer Ballettfan wäre, aber ich kann schon beeindruckt staunen, wie grazil sich Leute bewegen können und wie hoch sie springen können. Eigentlich gefällt mir das sogar gut, auch wenn eine frühe Kindheitserinnerung an mein erstes Ballett ist, dass ich verblüfft war, als die grazile, schwebende Tänzerin mit einem dumpfen Boff! auf dem Bretterboden landete.

In der kurzen Einführung vor Beginn des Balletts wird erläutert, dass die Geschichte ein Spiegel der heutigen Zeit sei. Die Familie von Julia lege Wert darauf, dass alles in der alten Ordnung bliebe, verschließe sich vor Veränderungen und sei nicht bereit, Neues heranzulassen. Romeos Familie sei fremd und anders, aber es sei eben gerade wichtig, aufeinander zuzugehen und mit Liebe Grenzen zu überwinden. Ich freue mich sehr, dass das in Chemnitz betont wird. Auch eine größere Gruppe freundlicher Menschen verschiedenster Hautfarben, die sich neben mir im Foyer untereinander und gegenseitig vorstellen und aus Frankreich, Spanien, Vietnam, Indien und Deutschland kommen, rücken mein Bild wieder zurecht.

(Nachtrag: Für den nächsten Tag war eine rechte Demo in Chemnitz mit 500 Teilnehmern angekündigt. Von verschiedenen Organisationen wurde ein Kinder- und Familienfest mit Gegendemo organisiert, das ebenfalls mit 500 Teilnehmern angekündigt war, Motto: "Kinderlachen statt Parolen". Nach Schätzungen der Polizei kamen 270 rechte Demonstranten und 1300 Teilnehmer der Gegenveranstaltung. Das Familienfest lief noch weiter, als die rechte Demo sich schon wieder aufgelöst hatte.)

Die getanzte Geschichte von Romeo und Julia mit der Musik von Prokofjew ist ganz wunderbar. Es ist alles klasse: Orchester, Musik, Tanzensemble, Choreographien und Inszenierung. Vor mir spielt sich ein bunter, getanzter Stummfilm ab, der von großartiger Filmmusik untermalt wird. Ich erkenne in jeder Situation an den Bewegungen oder der Haltung der Tänzer, um was es geht und gucke zwei Stunden lang gebannt und fasziniert zu. Ein älterer Herr neben mir stöhnt manchmal vor Begeisterung kurz auf oder stößt leise: "Wun-der-bar!" aus. Ja, empfinde ich auch so. Am Ende gibt es sehr viel Beifall und ich weiß, dass ich die Stimmung des Abends und viele Bilder lange im Kopf behalten werde. Was für ein Erlebnis!

Um Mitternacht bin ich im Bett, in den frühen Morgenstunden mache ich mich schon wieder auf den Weg nach Hause. Am Nachmittag bin ich in Köln zu einer kleinen Feier in den Garten einer Freundin eingeladen, wo ich einige Bekannte und Freunde treffe. Es ist sehr gemütlich und der Garten ein kleines Paradies, in dem man, mitten in der Stadt, völlig abschalten kann. Kinder spielen Fußball und spritzen mit Wasser, die Erwachsenen quatschen und trinken gekühlte Getränke, und ich freue mich, einige Leute zu treffen, gemütlich abzuschalten und es ab jetzt wirklich erstmal ruhiger zu haben. Ob das klappt? Mal sehen.

            
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