Blog 581 - 16.06.2019 - Hase, Mobiliar und der Macho Man

In der nächsten Woche will ich mich ans Überarbeiten des Puppenstücks begeben. Nach dem Vorspielen in Bochum vor den professionellen Puppenspieleraugen haben sich einige Tipps und Ideen ergeben und ich habe jetzt genug zeitlichen Abstand, um relativ neutral ans Stück zu gehen. Auch wenn sich nichts Entscheidendes ändern wird, bedeutet ein "kleines" Überarbeiten aber doch, dass ich einige Stunden über dem Text sitzen werde. Wenn ich an einer Szene etwas ändere, hat das meistens Auswirkungen auf andere.

Im Kopf bereiten sich meine Hirnzellen schon auf den Drachen und die Königin vor, jetzt hüpft plötzlich ein Hase dazwischen. Vor einigen Wochen habe ich zugesagt, dass ich mit meiner Hasenpuppe bei einer Programmnummer dabei bin. Grob geplant war, dass mein Klappmaulhase hin und wieder etwas fragt oder eine Bemerkung einwirft. Am Abend vor der Besprechung hole ich den Hasen aus dem Regal und befestige einen Führungsstab an seiner Hand. Nanu? Die hängt schlapp herunter, da stimmt was nicht. Ich gucke nach und stelle fest, dass sie von mir mal umgebaut wurde.

Der Hase braucht eine neue Hand. Ich hole Schaumstoff, schnippel eine Hasenhand, baue die Halterung ein und umnähe alles mit Stoff. Eine Weile werkel ich vor mich hin und merke dabei, wie viel Spaß mir das macht. Am liebsten würde ich sofort mit dem Bau einer kompletten Figur beginnen. Geht gerade nicht. Aber immerhin ist der Hase jetzt wieder fit.

Am nächsten Morgen ist die Besprechung zur Nummer. Es ist jetzt doch viel mehr Text als ich dachte. Außerdem gibt es lange Monologblöcke mit komplizierten Zusammenhängen, die der Hase sprechen soll. Bei einer Feierstunde in einem Saal geht das irgendwie, bei einer öffentlichen Veranstaltung mit Laufpublikum eher nicht. Das läuft dann weg.

Ich darf ändern und nehme die Textblätter mit nach Hause, um hoffentlich eine Idee zu bekommen. Puppe und Moderator brauchen klar definierte Rollen und irgendwas muss geschehen, damit alles locker und leicht bleibt. Das geht aber nicht mit so viel informativem Text. Puh! Jetzt müssen sich meine Hirnzellen neben dem Drachen auch noch sehr aktiv mit dem Hasen beschäftigen. Blöderweise finden sowohl mein Puppentheaterauftritt, als auch der Hasenauftritt in drei Wochen statt. Der eine am Samstag, der andere am Sonntag.

Bei den "Geschworenen" gibt es eine gute Erkenntnis: Drei Tische, zwölf Stühle, meine Tasche und ich passen gleichzeitig ins Auto. Hurra! Das macht es einfacher. Ich überlege kurz, ob ich das Auto außerhalb der Probezeiten generell aus Aufbewahrungsort für das Geschworenen-Mobiliar nutze, denn dann bliebe mein Wohnzimmer frei, aber bis zur Dernière im Januar 2020 ist das doch etwas lang. Außerdem will ich im August darin schlafen, das geht nicht gleichzeitig mit zwölf Stühlen.

Die Probe - erstmals mit passenden Tischen und Stühlen auf der richtigen, noch vom letzten Stück kariert dekorierten Bühne - läuft gut. Es ist aber auch eine richtig gute Truppe, die zusammengekommen ist. Der Text wird noch abgelesen, aber die Charaktere werden schon entwickelt und es gibt die ersten Gänge über die Bühne. Alle sind konzentriert dabei und zwischendurch wird gelacht. Ich mag solche freundlichen Atmosphären, in denen keiner rumzickt, sondern gemeinsam auf ein Ziel hin gearbeitet wird.

Ganz korrekt wegen Fernreise abgemeldet fehlt ein Geschworener, dessen Rolle darum von meinem Sohn gespielt wird. Sein sechswöchiges Praktikum ist jetzt abgeschlossen, er bleibt aber noch etwas und wird vielleicht alle Rollen aushilfsweise durchkriegen, ehe er wieder fährt. Wäre eigentlich toll, wenn ich ihn im Notfall kurz vor einer Vorstellung holen könnte, damit er spontan den Geschworenen Nr. 1 oder 3 oder 9 oder 12 spielen könnte, weil er sie alle kann.

Nachdem ich vor zwei Wochen im Best-of-Programm von Moritz Netenjakob war und danach giggelnd und lachend nicht nur den "Milchschaumschläger", sondern auch den "Macho Man" von ihm gelesen habe - genau mein Humor! -, hole ich mir spontan eine Karte für Tino Selbach, der den "Macho Man" als Ein-Mann-Musical aufführt und der Schwager von Moritz Netenjakob ist. Es ist sogar die Premiere, vorher gab es nur zwei kleine Voraufführungen. Das hört sich spannend an. Kaum habe ich die Karte, gucke ich nach, wer Tino Selbach überhaupt ist. Er singt als Tenor im Kölner Karneval. Das macht mir dann doch etwas Angst.   

Nichts gegen Tenöre im Karneval, aber wie passen die zur liebe- und humorvollen Geschichte vom Macho Man? Ich vermute Schlimmes. Wird er das Buch knödelnd in Opernarien nachsingen? Wird er durchgehend kölsch sprechen und zwischendurch Herrensitzungswitze machen? Hat Moritz Netenjakob den Kontakt mit seinem Schwager schon vor Jahren abgebrochen und führt der aus Rache jetzt dessen Bücher auf? In solchen Fällen stelle ich mich auf einen ziemlich schlimmen Abend ein, weil der dann meist besser als erwartet wird.

Er wird ganz wunderbar. Tino Selbach erzählt und spielt die Geschichte berührend und trifft die Atmosphäre des Buches punktgenau. Er singt an den richtigen Stellen die richtigen Lieder und die auch noch sehr schön, er knödelt nicht, das Timing und die Mimik sind perfekt, die Inszenierung stimmt von vorne bis hinten, und ich sitze verzaubert davor, lache, gucke berührt und habe zwischendurch Gänsehaut, weil es so schön ist. Wow! Ich bekomme das erst letzte Woche gelesene Buch perfekt und liebevoll vorgespielt. Die Diskrepanz zwischen meinen heruntergeschraubten Erwartungen und dem Erlebnis voller Herz und Seele könnte nicht größer sein. Das letzte Mal so berührt hat mich ein Ein-Personen-Geschichte-Erzähl-Stück vor zwanzig Jahren, als Mark Britton "Apatchen à gogo" spielte, das mir bis heute nicht aus dem Kopf geht. Große Klasse!

Meine Woche endet mit einer Party, auf der ich eingeladen bin. Die wird dort gefeiert, wo drei Tage vorher noch die "Geschworenen" probten. Der Proberaum ist jetzt eine stylische Location mit DJ und Discolicht und vor der Tür steht ein Food-Truck. Das wäre auch eine Inszenierungsidee - wenn man es moderner haben möchte. Die Geschworenen beratschlagen auf einer Party während die Bässe hämmern, die Discokugel blitzt und immer neue Speisen vom Grill geliefert werden. Die Zuschauer tanzen die Vorstellung über mit und erleben das Stück in der eigenen Bewegung. "Twelve angry man and the audience in motion" könnte der Titel lauten. An Ideen mangelt es mir nie. Zum Glück setze ich nicht alle um.

            
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