Blog 691 - 25.07.2021 - Müllberge, Umwege und eine Lagune

Es sind die Tage nach der Flut. Wo das Wasser verschwindet, sind die Schäden deutlich zu sehen. Die Brücke im Ort darf nur noch von Fußgängern überquert werden. Der Tennisplatz ist verwüstet. Der Fußballplatz, dessen Kunstrasen wegen des Kunststoffgranulats sowieso für die Umwelt sehr kritisch ist, hat vermutlich sein komplettes Kleinstplastikgranulat mit dem Wasser weitreichend über die Wiesen und Felder der Umgebung verteilt. Dort versickern auch die Reste aus Öltanks und wer weiß was für Zeugs, das aus Garagen und Kellern von der Flut mitgenommen wurde.

In der Dorfmitte, durch die bis hoch ins Erdgeschoß das Wasser kam, wird ausgeräumt. Komplette Kellerbestände, dazu meistens alles aus dem Erdgeschoß und bei niedrigen Häusern sogar noch aus dem ersten Stock wird durchnässt und verschlammt auf die Straße gestellt. Wir helfen Möbel aufzuladen, werfen große Bilder, Stühle und antike Kommoden auf den Kipper. Was für schöne alte Möbelstücke dabei sind! Zwei Kriege haben sie überstanden, jetzt macht ein Hochwasser sie zu Müll. Bagger, Trecker und LKW fahren die Straßen ab, laden Müll auf und transportieren ihn auf einen großen Abladeplatz am Ende des Dorfes. Der ist inzwischen größer als ein Fußballfeld. Mittendrin befindet sich noch ein geparktes Auto, das überflutet stehengelassen wurde.

Die Hilfsbereitschaft in den ersten Tagen nach der Flut ist riesig. Viele Leute sind gekommen, um zu helfen. Eine Gruppe junger Leute steht plötzlich im Eingang zur alten Schmiede, bei der wir helfen. "Habt ihr noch schwere Sachen? Gefriertruhen im Keller oder Waschmaschinen?" fragen sie unternehmungslustig. Wir verneinen, und sie packen sich die Holzbänke und Tische, die wir gerade erst auf die Straße geschleppt haben, und werfen sie mit Schwung und Leichtigkeit in die große Schaufel ihres Baggers. Gut gelaunt ziehen sie weiter. Immer hoch und runter die Straßen entlang. Es ist so eine Erleichterung, dass der abgestellte Müll immer wieder wegtransportiert und so Platz geschaffen wird.

Kleider, Hygieneartikel, Lebensmittel, Spielzeug und Tierfutter werden gespendet. So viel, dass es zum Problem wird. Die Berge von Plastiktüten und Kartons brauchen einen trockenen Platz und müssen von Helfern ausgepackt und sortiert werden. "Bittet spenden Sie keine Sachspenden mehr!", gibt es Aufrufe bei Facebook. "Wir haben 9 Tonnen Kleidung in der Turnhalle liegen!" Immer noch kommen Lieferwagen an, die bis oben voll mit Spenden sind. Gut gemeint haben Gruppen gesammelt, sind den Weg bis zum Flutgebiet gefahren, wollen Freude bereiten - und werden die Sachen jetzt nicht so einfach los. Wer sein nasses Haus gerade ausgeräumt oder sogar ganz verloren hat, kann sich jetzt nicht mit vielen Sachen eindecken. Es reicht ein wenig Wechselkleidung und das Nötigste für die nächsten Tage. Wohin denn mit kompletten Ausstattungen, wenn man erstmal eine Notunterkunft finden muss? Gebraucht werden stattdessen Eimer, Putzzeug, Stirnlampen und Bautrockner. Und Geld wird benötigt. Viel Geld. Aber auch da müssen Spender aufpassen, dass es nicht an schnell gegründete Organisationen geht, bei denen niemand weiß, wer dahinter steckt und ob das jemals am Ort ankommt.

In die Aufräumarbeiten kommen Fahrradfahrer und Spaziergänger, die einen Ausflug ins Katastrophengebiet machen. Erkennbar sind sie an der sauberen Kleidung, denn wer eine halbe Stunde lang irgendwo mithilft, hat auf jeden Fall sichtbare Schlammspuren an der Hose und am T-Shirt. So lange die Zugucker nicht die Arbeiten behindern, stören sie mich nicht, auch wenn einige Anwohner von ihnen genervt sind. Ich kann schon verstehen, dass Leute, besonders wenn sie ebenfalls in Erftstadt wohnen, einen Blick auf die Zerstörungen werfen möchten. Oft vermutlich aus echtem Interesse, nicht aus Sensationsgier. Besser wäre es natürlich, sie würden mal eine Stunde lang mit anpacken.

Den Nachbarortsteil Blessem hat es schlimm getroffen. Von der Kiesgrube am Dorfrand hat eine Kies- und Schlammlawine Häuser weggerissen und einen Teil des Dorfes unterspült. Viele Häuser werden wohl abgerissen werden müssen. Alle Bewohner von Blessem werden evakuiert und dürfen nicht zu ihren Häusern zurück. Nach einigen Tagen darf nach Diskussionen zur Sicherheit zumindest die örtliche Tierrettung unter Schutzbegleitung in die Häuser, um nach Angaben der Bewohner und mit ausgeliehenem Haustürschlüssel die zurückgebliebenen Hunde, Katzen, Kaninchen und Wellensittiche zu holen. In der Facebookgruppe heißt es: "Die Besitzer des Riesenkaninchens - bitte meldet euch! Eure Telefonnummer ist falsch, wir haben noch euren Haustürschlüssel." Schon kurze Zeit später steht über dem Post: "Erledigt!" Was für eine Hilfe jetzt Facebook ist. Natürlich nur für die, die Internet haben. Die Infos gehen schneller herum als über jede andere Stelle.

Im Internet sehen wir schlimme Bilder aus der Eifel und etwas später schreckliche aus dem Ahrtal. Das sind alles nahe Gebiete, die vertraut sind, weil man dorthin Ausflüge macht oder sogar Familie und Bekannte da wohnen. Die Flutwelle scheint dort mit noch höherer Kraft durch die Orte geschossen zu sein und die Schäden scheinen insgesamt noch gewaltiger als in Erftstadt. Es sind viele Leute gestorben und immer noch werden viele vermisst. Das relativiert "Wasser im Keller und im Erdgeschoss" etwas, wenn ansonsten das Haus stabil steht und niemand der Bewohner zu Schaden gekommen ist. Aber auch in den Ortsteilen an der Erft müssen Statiker einige Häuser erst ansehen, um zu entscheiden, ob sie stehenbleiben dürfen.

Die meisten Geschäfte in den benachbarten Ortsteilen öffnen inzwischen wieder. Auch sie waren fast alle überflutet und zudem konnten die LKW mit den neuen Lieferungen sie wegen der gesperrten Straßen nicht erreichen. Die Autobahn bei Erftstadt ist an einer Stelle weggerissen, an anderen unterspült. Sie ist gesperrt, so dass eine wichtige, vielbefahrene Verkehrsader plötzlich abgeschnitten ist. Aus dem überfluteten Teil der B265, die eine wichtige Umgehungsstraße ist, werden um die 100 Autos geborgen, die zum Teil bis in 12 Meter Wassertiefe lagen. Das ist einfach unvorstellbar. Zum Glück werden keine Personen in den Autos gefunden, sie sind alle rechtzeitig rausgekommen. Dass die kleine Brücke, unter der die Umgehungsstraße entlanggeht und die von unten wie eine normale Brücke aussieht, keine Straße, sondern ein Aquäduct ist, das einen Bach über die Straße führt, haben viele Einwohner - so wie ich - gar nicht gewusst. Durch das Hochwasser wuchs der Bach so an, dass das Wasser von oben auf die Umgehungsstraße floss und zusammen mit anderen Wassereinbrüchen eine Flutwelle erzeugte.

Da neben der Autobahn auch die Umgehungsstraße geschlossen bleibt, kurven überall auf den Nebenstraßen Autos herum, die von der gesperrten Autobahn geleitet wurden, jetzt aber keinen Weg durch das Gebiet finden. Immer wieder enden Straßen plötzlich vor einer Sperrung und viele Ortsdurchfahrten sind nicht möglich. Dass von offizieller Seite keine Umwege ausgeschildert sind, mit denen besonders die Ortsfremden die Sperrungen umfahren und in ihre ursprüngliche Richtung gelangen können, finde ich extrem schlecht organisiert. Auch als Bewohner der Gegend muss ich immer wieder versuchen, über Nebenwege und weite Umwege an mein Ziel zu kommen, aber da weiß ich zumindest, über welche Orte ich das versuchen könnte.

Telefon und Internet sind immer noch tot, der Strom kommt so nach und nach wieder. Es gibt in einigen Ortsteilen ein Wasserabkochgebot, weil sein kann, dass das Leitungswasser durch einen ungewollten Rückstau kontaminiert wird. In die Kaffeemaschine kippe ich darum vorher abgekochtes Wasser, zum Trinken kaufe ich mir stilles Wasser, nur für Tee und Nudeln kann ich Leitungswasser verwenden, weil das während der Zubereitung kräftig aufkocht. Das sind aber nur Unannehmlichkeiten, keine Probleme. 

Zum Ende der Woche sind in den nassen Häusern die dringendsten Ausräumarbeiten gemacht. Die letzten Müllreste werden auf die Straße getragen, einige Pumpen laufen noch, viele Fenster sind weit geöffnet, damit die Wände, die Böden und der Putz trocknen können. Durch die Fenster sieht man in leere, feucht riechende Räume, die vor einer Woche noch Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küchen waren. Die meisten Blessemer dürfen in ihre Häuser zurück. Nur die einsturzgefährdeten Häuser und die im Gefahrengebiet an der Kiesgrube dürfen nicht betreten werden.

Die Turnhalle ist ausgeräumt, Bänke, Kästen und Stufenbarren trocknen in der Sonne.

Die große Müllstelle am Dorfrand ist zum Ende der Woche schon fast komplett abtransportiert worden, jetzt gibt es noch eine bei den Vereinshäusern. Da werden schon Elektrogeräte, Metallteile oder Farbeimer getrennt vom übrigen Müll gesammelt. 

Die Erft fließt wieder auf ihrem Normalpegel durch die Landschaft und sieht harmlos und lieblich aus. Nur das von der Strömung platt gedrückte Gras an ihren Rändern zeigt noch deutliche Spuren des Hochwassers.

In vielen Gärten an der Erft steht immer noch Wasser. In manchen riecht es nach Öl. Das wird wohl noch etwas dauern, bis überall wieder Gemüse angebaut wird und Tiere untergebracht werden.

Mitten in den Feldern hat das reißende Erftwasser eine lagunenähnliche Ausbuchtung geschaffen. Wo vorher der Weg gerade am Ufer entlangführte, gibt es jetzt einen flachen, ruhigen See mit einer Art Strand. Es ist schade, dass das vermutlich wieder zurückgebaut wird. Abgesehen davon, dass es sehr natürlich und hübsch aussieht, könnte das eine wunderschöne kleine Badestelle für Familien mit Kindern sein. Oder zumindest eine ruhige Wasserfläche für Fische, Frösche und Libellen.

Im grünen Gras neben der Erft sehen wir ein großes Heupferd. Es ist erstaunlich, dass so kleine Tiere das Wasser überstanden haben. Aber wer weiß, wo es herkommt. Vielleicht wurde es mit dem Wasser aus der Eifel hergerissen. 

Abgesehen von den Teilen des Ortes, die von der Flut getroffen wurden, gibt es viele Straßen, die weit vom Wasser entfernt liegen und in denen das Leben schon wieder völlig normal weitergeht. Da wird der Rasen hinter dem Haus gemäht, in der Küche das Mittagessen gekocht und nur der Hausmüll in einer Tüte zum Mülleimer gebracht. Dass in einem der unbetroffenen Häuser am Freitagabend bis in die Morgenstunden schon eine Balkonparty mit lauter Musik und viel Gelächter stattfindet, kommt mir aber unangenehm unpassend vor. Nicht weit entfernt, zum Teil noch in Hörweite, gibt es Leute, die viel verloren haben und sich Sorgen machen, wie es weitergeht. Die unbeschwerte Party in einem unbeschädigten Haus wirkt in ihrer lauten Fröhlichkeit empathielos. Dass Lachen und Feiern zum Leben dazugehört und auch in Katastrophen gelacht wird, halte ich für wichtig und richtig. Es kommt aber immer darauf an, wer lacht. Sollten dort Flutgeschädigte und Helfer eine gemeinsame Feierabendparty gemacht haben, entschuldige ich mich für mein Augenverdrehen. Ich nehme aber an, dass gerade die am Abend viel zu kaputt sind, um noch stundenlang zu feiern.

Am Rand eines vorher überfluteten Feldweges schiebt sich die Blüte einer Ackerwinde durch das plattgedrückte Gras. Ein leuchtender Farbtupfer und ein Zeichen, dass es weitergeht.


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