Blog 978 – 08.02.2026 – Kisten, Filmarchiv, Trauerfeier und Schlafsofa
Überall stehen bei mir gestapelte Kisten und Tüten, die noch ausgepackt werden müssen. Wohin mit allem, was ich aufheben will? Das Haus meines Vaters ist immer noch nicht leer und mein eigenes kann die Neuzugänge nicht wirklich verkraften. Und bald beginnt die Gartenzeit, für die ich arbeitsintensive Outdoor-Pläne habe. Ein Puppenstück befindet sich ja auch gerade in der Bearbeitung. Puh! Solange ich nicht über die arbeitsintensiven Berge, die vor mir liegen, nachdenke, ist alles gut. Scheinbar. Denn im Untergrund spüre ich den Druck doch gewaltig. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass Angststarre nicht hilft. Die Lösung ist: Zupacken. Es muss nicht morgen fertig sein. Wenn ich jeden Tag ein Stück schaffe, ist es – irgendwann – fertig.
Mitten in diesem Chaos kommt ein Anruf mit der Frage, ob ich einige Filmschnipsel aus dem Archiv raussuchen kann. Das „Archiv“ besteht aus mindestens 2000 Filmkassetten, von denen etwa zwei Drittel inzwischen digitalisiert und auf Festplatten gespeichert sind. Die Nummern der Filmkassetten sowie Stichworte zum Inhalt und die jeweils zuständige Festplatte habe ich in einem Notizbuch aufgelistet. Mein optimistisches Ziel war, dass ich alle Kassetten digitalisiere und dann über die Inhalte eine Computerdatei mit Suchfunktion erstelle. Das war vor vier Jahren. Oder fünf. Weil dann anderes zu tun war, habe ich „erstmal“ abgebrochen und die Sachen zur Seite gestellt. Jetzt überlege ich, wo ich die Kartons überhaupt abgestellt habe. Beziehungsweise wo sie inzwischen stehen, denn wir räumen ja hin und her und stapeln ständig um. Und wo ist das Notizbuch, ohne dass ich gar nicht weiterkomme? Dass alles da ist, ist keine Frage. Nur wo? Hilfe!
Erstaunlicherweise denke ich zwar: „Oh je, oh je!“, finde die Situation aber eher lustig. Das liegt vielleicht daran, dass ich so viel Arbeit und Chaos um mich herum habe, dass das jetzt auch nichts mehr ausmacht. Aber auch weil ich nichts MUSS. Wenn ich nichts finde, dann ist es eben so. Ich hätte jetzt keine Zeit, um eine Woche lang zu suchen. Mein eigener Ehrgeiz möchte jedoch, dass ich zumindest nachsehe, ob ich die betreffenden Filmschnipsel finden kann. Zuerst entdecke ich zwei Kartons mit noch zu überspielenden Filmkassetten, dann einen Karton mit Filmkameras und Kassetten. In einem anderen Raum zunächst eine Kiste mit Festplatten, nach weiterem Gucken eine zweite, und schließlich auch das so wichtige Heft mit den eingetragenen Informationen.

Die Festplatten kann ich an meinen Computer anschließen und einsehen, suche anhand der Notizbucheinträge mögliche Videos und werde bei den gewünschten Motiven fündig. Cool, darauf hätte ich nicht gewettet. Ich schreibe mir Festplatten- und Filmkassettennummern und die jeweilige Zeitangaben raus, um die Sachen schnell wiederzufinden und am Wochenende fertig zu machen. Weil ich gerade in den Festplatten stöbere, klicke ich anschließend noch weitere Videoaufnahmen von verschiedensten Konzerten, Kleinkunst, Backstage und Privatem kurz an und versinke ein bisschen. Was da alles zu sehen ist! Ich muss unbedingt auch noch die restlichen Filmkassetten auf Festplatten spielen, damit wirklich mal alles sauber archiviert, schnell zu finden und auf dem Computer ansehbar ist. Nicht sofort, aber vielleicht ab Herbst.
Der Vater eines Freundes ist gestorben, und auch wenn ich nicht eng zur Familie stehe, passt in der privaten Situation gerade einiges zusammen und so bin ich zur Beerdigung und dem anschließenden Essen eingeladen. Auch bei ernsten Anlässen gibt es kleine, skurrile Situationen, die ich gerne entdecke. Das Lesepult für den Pastor, das von einer Besucherin kurz vor Beginn der Trauerfeier entschlossen ein Stück nach hinten gerückt wird, damit sie besser sehen kann, eine Blockflöte, die bei manchen Tönen leicht und blockflötentypisch quietscht, und ein Pastor, der ein biblisches Zitat liest, eine kurze, anscheinend bedeutsame Pause einlegt und anstelle einer Erklärung zum biblischen Gedanken nur hinterherwirft: „Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen“ und sofort mit einem anderen Gedanken weitermacht. Die Ansprache bei der Trauerfeier passt weitgehend auch zu meinem Vater, der ja nur wenige Wochen vorher gestorben ist, und so sehe ich gleich zwei Verstorbene vor mir und kann sie in meinen Gedanken gar nicht so gut trennen. Das ist aber nicht schlimm. Ich bin gerade emotional sehr weichgespült und da passt alles rein, was mit Früher, Verlust und Vergänglichkeit zusammenhängt.
Der Weg zum Grab über den großen Friedhof ist lang. Im gemäßigten Schritt gehen wir bei Regen und einer gefühlten Temperatur um den Gefrierpunkt über pfützenbelegte, schlammige Wege. Optisch passen das graue Wetter, der kalte Wind, die Regentropfen und die Schirme zum Traueranlass. Rings um mich gibt es halblaute Unterhaltungen. „Was hat der Arzt gesagt?“ „Die Werte waren gut, aber aufs Herz muss ich achten.“ Oder auch: „Guck mal! Hier liegt der Schüller.“ „Ach!“ Oder: „Und was macht ihr an Karneval?“ „Nix.“

Während der kurzen Zeremonie an der Grabstelle trommelt der Regen in einer vertrauten Tonlage auf meinen Schirm und verschluckt jedes andere Geräusch. Schlagartig bin ich zurückversetzt in Urlaube zur Kinderzeit, wenn es einen Regentag gab und ich im Innenzelt bäuchlings auf meinem Schlafsack lag, mit Buntstiften malte und die Regentropfen auf das Zeltdach trommeln hörte. Vermutlich kommen solche Erinnerungen gerade sehr schnell hoch, weil ich mich wegen des Haus-Ausräumens so viel mit meinen Eltern und meiner Kindheit befasse. Ich schließe kurz die Augen und gebe mich ganz ins Gefühl des Malens an einem Urlaub-Regentag, mit der unendlichen Zeit, die ich hatte, dem Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit, und den Buntstiften, die bei größeren Bewegungen auf dem federnden Luftmatratzenuntergrund ärgerlicherweise zur Seite rollten und in den Falten des Schlafsackes verschwanden. Für einige Sekunden bin ich voll drin. Als ich die Augen wieder öffne, ist es mir viel wärmer und ich ruhe sehr in mir selbst.
Beim anschließenden Essen sitze ich zwischen mir unbekannten Leuten, die alle aus der Nachbarschaft kommen und mit der Familie seit Jahrzehnten vertraut sind. Wir unterhalten uns gut. Sie fragen, was für einen Bezug ich zur Familie habe, und ich sage, dass ich den Sohn seit vielen Jahren kenne und die Eltern vor zwei Jahren kennengelernt habe. Daraufhin reden sie davon, wie groß der Sohn jetzt ist und dass sie ihn noch ganz klein vor sich sehen, wie er früher zu St. Martin vor der Tür stand und von seiner älteren Schwester energisch angestupst wurde, damit er sang. Geschichten aus der Kinderzeit verplaudern – immer wieder schön. Anstupsen, damit er singt. Ich lächle vergnügt vor mich hin.
Am nächsten Tag bin ich wieder im Haus meines Vaters. Sortieren, wegwerfen, ordnen. Zwei Ordner sind voll mit umgetexteten Liedern zum Vortragen bei Geburts-, Hochzeits- und sonstigen Jubeltagen. Zu singen zur Melodie von „Mein Vater war ein Wandersmann“ oder „Vogelhochzeit“ oder „Horch, was kommt von draußen rein.“ Dazu dann viele Strophen, die in Reimen von der Geburt bis hin zum Jubeltag berichten. Beim großen Freundeskreis und dem Kegelclub meiner Eltern gehörte das bei allen Feiern unbedingt dazu.

Alle die mühsam gereimten, beim Vortrag fröhlich belachten und in den Strophen laut mitgesungenen Reim-Ergebnisse landen jetzt in der Papiertonne. 50 Jahre Feiergeschichte meiner Eltern verschwindet, ohne nochmal gesungen zu werden.
Früh am nächsten Morgen habe ich diverse Haushaltssachen und ein Sofa im Auto und möchte nach Frankfurt losfahren, um alles dem Sohn zu bringen. Kurz vor der Abfahrt gehe ich in den Garten, um die Kaninchen zu füttern und sehe, dass es dem Kaninchen Paul gar nicht gut geht. Bis gestern atmete er zwar immer noch leise hörbar, hoppelte aber recht munter herum und fraß mit gutem Appetit. Jetzt holt er plötzlich wieder schwer Luft und sieht aufgeplustert aus. Er möchte nichts fressen, sondern nur an seine Kaninchenfreundin gelehnt mit geschlossenen Augen sitzen. Oh je. Das sieht nicht gut aus. Da kann ich doch jetzt nicht wegfahren! Sollten sich seine Atemprobleme verstärken, muss ich mit ihm zur Tierärztin, damit er sich nicht quält. Der Gatte fährt los, um die Lieblingspetersilie zu kaufen und ich plündere den winterlichen Salbeibusch, aber Paul kaut nur mal kurz und appetitlos. Er wird den Tag nicht überleben, vermute ich. Ach, es kommt aber auch echt gerade alles zusammen. Pauls Kaninchenfreundin freut sich, dass so viel Grünzeug da ist und frisst maschinenmäßig alles rein, während er nichts haben will und sich nur fest an sie kuschelt.
Anstatt also nach Frankfurt zu fahren, begutachte ich regelmäßig den kranken Paul und sortiere ansonsten im Wohnzimmer Kisten und Ordner. Ich muss die Arbeit nicht suchen, sie ist da und steht im Weg. Der Gatte setzt währenddessen den verstaubten Filmschneide-Computer wieder in Betrieb. Hurra, der tut es noch! Auch das war nicht sicher. Am Nachmittag setze ich mich hin, suche die notierten Filmschnipsel raus, bearbeite sie und der Gatte überspielt sie auf einen Stick. Eine gute Stunde Arbeit und fertig. Als ich danach nach Paul gucke, wirkt er plötzlich auffallend lebendiger und frisst die mitgebrachte Petersilie. Ich suche ihm eine Handvoll frisches Gras zusammen, auf das er sich freudig stürzt. Von meiner tiermedizinischen Prognose, dass er den Tag nicht überleben wird, hat er anscheinend nichts mitbekommen. Er hört allerdings auch nicht mehr gut, was vielleicht sein Glück ist. Ob ich am nächsten Morgen nach Frankfurt starten kann, wird sich aber erst am nächsten Morgen zeigen, wenn ich Paul angesehen habe. Sitzt er dann wieder wie ein Häufchen Elend herum, ist er gestorben oder hoppelt er munter? Ich mache da lieber keine weitere Prognose.
Auf alles gefasst gehe ich am frühen Morgen zum Gehege, aber Paul wirkt deutlich gesünder. Er atmet weiterhin leicht hörbar, ist aber nicht mehr aufgeplustert und frisst wie ein Weltmeister. Also wie ein Kaninchen-Weltmeister in den Disziplinen Kohlrabiblätter und Petersilie. Schön! Ich kann nichts garantieren, richtig gesund ist er nicht, aber es gibt keinen Grund, die Fahrt nach Frankfurt nochmal aufzuschieben.

Gute zwei Stunden später bin ich angekommen, trage mit dem Sohn zusammen vollgepackte Tüten und die drei Sofateile nach oben, wir rücken Bücherschränke um, schrauben das Sofa zusammen und finden das Ergebnis wohnlich und sehr gut. Beim „Bowlwerk“ essen wir anschließend eine heiße und kräftige Rahmensuppe, danach habe ich frei. Kurz denke ich, dass ich doch einen Laptop und den Text des Puppentheaterstück hätte mitnehmen können, damit ich es final bearbeiten kann. Aber das wäre ja total blöd gewesen. Ich muss auch mal aushalten, rumzuchillen. Bis zum Abend auf dem Sofa liegen, lesen, Apfelsine essen, Tee trinken und fernsehen ist doch genau das, was ich brauchen kann.

In der Nacht stellt sich das Sofa, das ein Schlafsofa ist, als sehr gut heraus und ich schlafe tief und fest. Am nächsten Morgen gehen wir in einer türkischen Bäckerei reichhaltig frühstücken, dann ist es für den Sohn Zeit, zum Theaterworkshop zu gehen und ich fahre bei lauter Autoradiomusik nach Hause. So ausgeruht habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Zuhause erwartet mich ein munterer Paul, dem nicht anzusehen ist, dass er zwei Tage vorher mit geschlossenen Augen still herumsaß. Ob er wirklich wieder gesund wird, bezweifel ich momentan, aber sicher beurteilen kann ich es erwiesenermaßen nicht. Schön, dass er noch da ist und auch wieder große Freude am Wegfressen hat.