Blog 929 – 15.02.2026 – Leere, Fahrradbirne und Freundschaft
Wenn ich alleine im Haus meiner Eltern bin, kommt mir das seltsam vor. Bisher dachte ich, das läge am Ausräumen der persönlichen Sachen und daran, dass ich Dinge weggebe, die meinen Eltern etwas bedeutet haben. Doch inzwischen merke ich, dass am seltsamsten ist, dass meine Eltern nicht mehr da sind und auch nicht mehr jeden Moment reinkommen können. Meine Mutter läuft nicht mehr durch den Garten und zupft dabei vertrocknete Blätter ab, erzählt nichts mehr, ist nicht mehr unterwegs zu einem ihrer vielen Termine, mein Vater „brasselt“ nicht mehr im Keller, spielt kein Akkordeon mehr, der Fernseher läuft nicht mehr. Es bleibt Stille und Leere zurück.
Und obwohl beide alt wurden und am Schluss viele langjährig vertraute Handlungen gar nicht mehr machen konnten, und obwohl ich die meisten Jahre eine zwar gute, aber keine sehr enge und zeitintensive Beziehung mit ihnen hatte, und obwohl die letzten Jahre, als ich mich zunehmend um sie kümmern musste, auch stressig und ermüdend waren und immer mehr Zeit und Energie beanspruchten, vermisse ich jetzt am meisten ihre selbstverständliche Präsenz im Haus. Die von früher, als sie einfach da waren, eigenständig ihr Leben führten und sich freuten, wenn ich mal vorbeikam.

Immerhin bleibt das Pfeifen. Mein Vater pfiff beim Arbeiten sehr oft vor sich hin, was meine Mutter immer wieder ärgerte. „Jetzt pfeift er schon wieder!“, stöhnte sie dann genervt. In den letzten Jahren habe ich erkannt, dass auch ich häufig vor mich hin pfeife, und dass auch einer meiner Söhne diese Angewohnheit hat. Da finde ich dann schon wieder witzig, mir vorzustellen, wie meine Mutter von gleich drei familiären „Pfeifern“ umgeben wäre. Sie hätte gar nicht so viele Augen gehabt, wie sie hätte rollen wollen.
Immer noch ist das Auto voll, wenn ich vom Aussortieren nach Hause komme. Kabel, Sticks, Ordner, beschriftete Zettel und Unterlagen nehme ich inzwischen ungeordnet in großen Kisten mit, um sie zuhause in Ruhe durchzusehen. Wobei mir gerade auffällt, dass ein „ungeordneter Ordner“ sich ja selber widerspricht. Egal. Zum Glück kann ich beim heimischen Sortieren dann vor allem bei den Papiersachen stark ausdünnen. Einige Dinge, wie das alte Schaukelpferd, das ziemlich sperrig ist, das aber mein Opa gebaut hat, will ich behalten.


Ich finde Sachen, über die ich entzückt bin. Wie über die sauber abgeheftete Rechnung über diverse Spirituosen, 70 Brötchen sowie „Kleingebäck und Salzstang.“, die 1969 für das Richtfest des selbstgebauten Hauses gekauft wurden. Kosten: 266,40 DM! – was für meine Eltern damals viel Geld war. Es gibt Fotos von der Feier, die vermuten lassen, dass es sich gelohnt hat und alle Spaß hatten.

Von 1968 ist eine Quittung über eine Fahrradlampenbirne für 1,30 DM. Da ist nicht nur der alte Zettel mit einer Werbung für eine damals supermoderne Dreigangschaltung interessant. Es freut mich besonders, dass er vom Zweiradladen „Wilh. Perscheid & Sohn“ ist, die Opa und Papa vom wunderbaren Zeichner Martin Perscheid waren. Der Opa und der Papa waren für mich damals „der alte Herr Perscheid“ und „Onkel Hans“. Wir waren nicht verwandt, aber damals wurden die engen Freunde der Eltern oft Nenn-Onkel und Nenn-Tanten für die Kinder. Ich sehe beide noch vor mir und weiß, wie lustig ich es als Kind fand, dass „Onkel Hans“ im Gesicht ganz genau wie „der alte Herr Perscheid“ aussah, nur in jünger.

Warum mein Vater im „Bauordner“ die Quittung über die Fahrradbirne abgeheftet hat, kann ich mir nicht erklären. Aber sie erfreut mich jetzt sehr und natürlich hebe ich sie auf. Später werden meine Kinder sich fragen, warum ihre Mutter eine Fahrradbirnen-Quittung über 1,30 DM von 1968 aufgehoben hat … ???
Im Vorgarten sehe ich ganz zufällig, dass kleine grüne Blattspitzen aus dem Boden gucken. Daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht! Mein Tulpenmeer ist auf dem Weg! Aber auch das Unkraut wächst dazwischen schon kräftig los. Kurzentschlossen verlasse ich meinen Platz an den auszusortierenden Kisten und gehe zur Gartenarbeit über. Kniend und auf dem Boden herumrutschend hacke ich das Unkraut sorgfältig weg und schneide danach noch die im Tulpenbeet stehenden Rebstöcke. In den Ratgebern steht, dass der Wein bis „Ende März“, also vor dem Austreiben geschnitten sein sollen, aber bei Klimawandel und mildem Rheinland kommen die Knospen hier erfahrungsgemäß schon Anfang März. So, die Tulpen können kommen! Der Wein dann auch. Ich freue mich schon.

Am nächsten Tag sind der Gatte und ich mit einem früheren Freund zum Kaffeetrinken verabredet, der uns – ohne unser Zutun – vor einigen Jahren verlorengegangen ist. Nach langer Zeit der Stille meldet er sich zurück, worüber wir uns sehr freuen. Sind wir jetzt noch Freunde oder ändert dieser Bruch unsere gegenseitige Beziehung in „Bekannte von früher“? Wie selbstverständlich die Freundschaft war, merken wir schon beim Begrüßen. Wir schließen sofort und ohne Holpern an die frühere Zeit an. Es ist vertraut, warm und schön. Ja, wir sind selbstverständlich noch Freunde. Die Zukunft wird nicht mehr wie die Vergangenheit sein, aber es fühlt sich überraschenderweise an, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben. Gut.

Am Ende der Woche ist der erste Sperrmüll bei meinem Vater abgeholt, wir fahren eine große Fuhre Restmüll zur Deponie und einige Schränke sind leer. Bis Ende Februar hätte ich gerne, dass die persönlichen Sachen sortiert und alle Schränke und Regale komplett leer sind. Da steht noch einiges an Arbeit an. Vor allem in der Werkstatt meines Vaters. Ich hoffe sehr, dass wir das Haus verkaufen können, ehe im Frühsommer auch die intensive Gartenarbeit wieder losgeht. Es wäre schön, wenn das eine neue Besitzerfamilie übernehmen könnte, die das Ergebnis dann auch genießen kann.
Das Puppenstück muss weiterhin abwarten, denn gerade hat das Ausräumen Priorität. Meine Hirnzellen scheinen sich aber weiter damit zu beschäftigen, denn ohne Ankündigung fällt mir plötzlich eine kleine Szene ein, die komplett rund und fertig ist. Sofort eile ich zum Computer, um sie aufzuschreiben. Wenn mir während der Zwangspause weiterhin immer mal wieder kleine Szenen aus dem Hirn fallen, werde ich demnächst so viel Material haben, dass ich das Spielbuch kürzen muss.
