Blog 930 – 22.02.2026 – Umzugstage mit Illustrationen und Typografien
Es ist Karneval im Rheinland und ich bekomme so gut wie nichts davon mit. Im Fernsehen wird davon berichtet und am Rosenmontag höre ich eine Weile lang die Bässe des dörflichen Karnevalszuges, aber ansonsten sitze ich in meinem Wohnzimmer, gucke die abgestellten Kisten durch, sortiere und verräume. Blöderweise muss ich, um mein Wohnzimmer zumindest ein wenig zu leeren, viele vorsortierte Sachen erstmal in anderen Zimmern aufstapeln. Dadurch sieht es jetzt fast überall unaufgeräumt und vollgestellt aus. Das wird noch etwas dauern, bis alles einen endgültigen Platz gefunden hat. Vor allem, weil ich von jedem Ausräumen bei meinen Eltern weiterhin Sachen mitbringe und die im Wohnzimmer entstandenen Lücken gleich wieder auffülle. Kisten mit Dias, Kisten mit Fotos, Kisten mit Briefen, Kisten mit gemischten Kabeln, alten Handys und Fernbedienungen …
Ab Dienstag stelle ich mich komplett in den Umzugsmodus und fahre drei Tage lang schon morgens zum Haus meiner Eltern, um bis zu den Nachmittagen intensiv zu räumen. Während die Schrankfächer sich leeren, türmen sich auf dem Boden Geschirrstapel, Kistchen, Kästen, Papierberge und Müll. Zwischenzeitlich sieht es chaotischer aus als vorher, aber es steckt System dahinter und ich schaffe viel. Abends bin ich so müde, als hätte ich tatsächlich einen Umzugstag hinter mir. Sogar Arme und Beine tun weh vom vielen Tragen und Treppenlaufen.

Aber schon wieder mache ich entzückende und überraschende Funde. In einer großen Pappschachtel sind von meiner Mutter seit vielen Jahren aufgehobene Briefe und Grußkarten zu verschiedenen Anlässen. Beginnend bei der Verlobung meiner Eltern über ihre Hochzeit, die Geburten der zwei Töchter bis hin zu den Trauerkarten zum Tod ihrer eigenen Eltern. Alles als kleine Päckchen mit Kordeln umwickelt. Das ist nicht nur private Familiengeschichte – interessant, wer da alles geschrieben hat, wen ich sofort zuordnen kann und wie viele Namen ich nicht kenne -, sondern auch grafische und typografische Zeitgeschichte. Zur Hochzeit 1960, die auf den Karten noch durchgehend „Vermählung“ genannt wird, gab es pastellige Farben, schön grafische Schriften und die typisch leichten, skizzenhaften Illustrationen der Zeit.

Etwas später, zu meiner Geburt, wurden die Farben schon kräftiger, die Schriften verspielter. Die Farben und Formen der Fünfziger- und Sechzigerjahre mag ich meist sehr.

Zehn Jahre später, in den frühen Siebzigern, hatte sich der Illustrationsstil total geändert. Es gab große, kugelrunde Köpfe, kleine Münder und kaum sichtbare Nasen. Kindchenschema in sehr kitschig. Das war die Zeit der populären „Big Eyes“-Bilder von Margaret Keane, die sich bis zu den Karten zu meiner Kommunion auswirkten. Die Illustrationen und die bräunlichen Farben finde ich schlimm, die grafischen Veränderungen der Zeit aber spannend.

Nach drei Tagen sind einige vorher volle Schränke komplett leer. Was für eine Erleichterung. Und was wäre ich froh, wenn ich jetzt bei mir zuhause so große Schränke hätte, in denen ich das Zeug von meinen Eltern gleich wieder unterbringen könnte!

Typisch für die Siebzigerjahre gibt es bei meinen Eltern im Keller einen „Partykeller“. Den Raum finde ich immer noch großartig. Ganz locker kann man sich mit zwanzig Leuten treffen und zusammensitzen. Perfekt auch für Besprechungen und Theaterleseproben, und ich erinnere mich an viele Proben mit unserem früheren A-cappella-Chor. Wie schade, dass ich den Kellerraum nicht einfach in mein Haus mitnehmen kann. Ich räume ihn auf, hole alle abgestellten Sachen, viele Bücher, Notenhefte und CDs raus, und lasse den Rest so wie er ist. Mit Deko, Sitzkisten und Alkoholflaschen. Vielleicht finden die zukünftigen Käufer des Hauses den Raum ebenfalls gut. Für mich wäre er ja ein Kaufargument.

Beim Räumen und Herumlaufen im Haus komme ich immer wieder an zwei vergrößerten Fotos meiner Eltern vorbei, die jeweils bei den Trauerfeiern aufgestellt waren. Eines hängt an der Wand, das andere liegt auf dem Sideboard. Auf den Fotos lächeln meine Eltern. Immer stärker habe ich das Gefühl, dass sie, obwohl ich ihr Haus ausräume, sehr zufrieden sind. Sie lächeln immer breiter. Natürlich ändern sich die Fotos nicht, aber ich bin mir plötzlich sicher, dass sie stolz wären, wie meine Schwester und ich tatkräftig an die Arbeit gehen und das Leerräumen und Organisieren so gut hinbekommen. Beide waren am Ende nicht mehr in der Lage große Projekte anzugehen, und besonders mein Vater machte sich Sorgen, wie das Ausräumen des Hauses zu schaffen ist und dass er uns so viel Arbeit hinterlässt. Auch wenn sie beide gerne gehabt hätten, dass eine von uns das Haus übernimmt, würden sie sich jetzt sehr darüber freuen, dass wir selbständig handeln können, die Ärmel hochkrempeln und zügig vorankommen. Kein Wunder, dass ich sie so zufrieden und stolz lächeln sehe. Wenn ich das Gefühl hätte, sie lächelten traurig, würde mich das tatsächlich unangenehm berühren.
Die ersten Möbel ziehen aus. Nicht nur die massiven Dansk-Möbel aus dem Wohnzimmer, auch meine beiden Teak-Lieblingsschränke aus den Sechzigern, die ich so gerne behalten würde, für die ich aber überhaupt keinen Platz habe. Eine Firma, die Schränke und Tische aus der Zeit aufkauft, aufarbeitet und dann wieder verkauft, hat alle zusammen erworben und holt sie ab. Die Dansk-Möbel sind mir völlig egal, aber bei meinen Lieblingsschränken, die ich seit meiner Geburt kenne, die immer da waren und die ich so sehr mag, muss ich schon schlucken. Und seltsamerweise habe ich während des Raustragens der Schränke das Gefühl, dass jetzt auch meine Eltern ausziehen.

Am Ende des dritten Räumtages habe ich viele große Müllsäcke, kleine Teppiche, Altmetall und aussortiere Elektrogeräte im Auto, fahre kurz zuhause vorbei, um den Gatten einzuladen, und gemeinsam fahren wir weiter zur Deponie, um alles in die entsprechenden Container zu werfen. Es tut gut, Ballast abzuwerfen. Den Gatten nehme ich natürlich wieder mit nach Hause.
Ansonsten: Das undefinierbar kranke Kaninchen Paul läuft meistens wieder fidel herum, sitzt an manchen Tagen aber plötzlich ruhig und ohne Appetit in der Ecke. In Bezug auf die Ursache und gesundheitliche Prognosen bleibt alles offen. Er bekommt viel Petersilie und ich sorge für ein ständiges Futterangebot. Weil er mit dem Fressen aufhört, wenn er satt ist, seine Lebensgefährtin aber nicht, wird diese immer breiter und kompakter. An ihrer Bikinifigur wird sie arbeiten müssen. Wobei ihr die vermutlich schnuppe ist und sie, wenn sie einen Bikini hätte, ihn einfach über die felligen Ausbuchtungen ziehen würde. Falls er nicht fressbar wäre. Dann wäre er weg.
Für das Puppenstück fällt mir schon wieder wie aus dem Nichts eine kleine Szene ein. Ich merke an dem, was mir meine Hirnzellen so nebenbei ausspucken, dass mir der Charakter der Hauptdarstellerin immer klarer wird: Selbstbewusst, zielstrebig und ziemlich verpeilt. Das ist eine lustige Mischung. Noch bleibt keine Zeit zum konzentrierten Proben, ich freue mich aber schon sehr, wenn ich dann mal loslegen kann. Die Spielfläche muss ich vorher noch zusammenstellen. Das wird aber überschaubar, denn ich werde an einem Tisch sitzen, der allerdings noch etwas Deko und einige Requisiten braucht. Aber nichts, was nicht machbar wäre. Vorerst steht aber noch „Haus leerräumen“ auf dem Programmzettel.