Blog 931 – 01.03.2026 – Husten, Geweihe und Sägegeräusche
Na, das fehlt gerade noch! Am Sonntag wache ich mit Halsschmerzen, trockenem Husten und leichtem Druck beim Atmen auf. Nicht richtig krank, aber fit eben auch nicht. Ich mache einen eher ruhigen Tag, damit sich meine Energie sofort gegen die Erkältung einsetzen kann und nicht durch stundenlanges Kistenleeren im Wohnzimmer verbraucht wird. Bleiben die Kisten eben gestapelt. So langsam gewöhne ich mich daran, dass immer welche im Wohnzimmer stehen und werde sie in einigen Wochen vermutlich für meine normale Wohnungseinrichtung halten.
Auch am Montag und Dienstag bin ich noch angeschlagen. Das hält mich aber nicht davon ab, morgens zum Haus meiner Eltern zu fahren und dort zu räumen. Ich koche mir Tee, um viel trinken zu können, hüstel ab und zu, schnaufe, wenn ich dreimal nacheinander die Treppe laufe, kann aber jeweils fünf Stunden arbeiten. Anscheinend sind nur Hals und Atemwege befallen, was mich zwar beeinträchtigt, aber nicht flachlegt. Am Dienstagnachmittag kann ich die nächste volle Autoladung Müllsäcke zur Deponie bringen.
Am nächsten Morgen wollen wir früh nach Frankfurt fahren. Der Sohn hatte sich ein paar Sachen von Oma und Opa ausgesucht, die wir ihm bringen wollen, außerdem hat er nach einem Rollstuhl und nach Geweih-Jagdtrophäen gefragt, die er für ein Theaterstück brauchen könnte. Den älteren Rollstuhl, dem die Fußstützen fehlen, hatten meine Eltern herumstehen und ich dachte, ehe ich ihn sofort wegwerfe, hebe ihn mal auf, um ihn im kurzfristigen Notfall einsetzen zu können. Ein Agatha-Christie-Theaterstück gilt als kurzfristiger Notfall. Falls sie dort bis zur Premiere keinen zeitgemäßeren Rollstuhl finden, kann unser Exemplar, mit einer Decke kaschiert, mitspielen. Dass ich zwei kleine Geweih-Trophäen ausleihen kann, wusste ich selber bis letzte Woche nicht. Aber die hingen tatsächlich unauffällig zwischen der Deko im Partykeller meiner Eltern. Geschossen haben meine Eltern sie nicht, vermutlich haben sie sie geschenkt bekommen. Eines hat die Jahreszahl 1910 aufgemalt.

Beide Geweihgesichter gucken traurig aus ihren Nagelkopfaugen, mit denen sie an den Brettern befestigt sind. Aber endlich – nach mehr als 100 Jahren – werden sie eine sinnvolle Aufgabe haben: Sie werden auf der Bühne sehr perfekt Jagdtrophäen darstellen und dabei von Bühnenlicht bestrahlt und von Applaus umbrandet sein. Das hätten sie sich zu ihren Lebzeiten nicht vorstellen können, dass sie im Jahr 2026 noch ein Bühnenleben haben.
Am nächsten Morgen ist der Gatte unerwartet krank. Übelkeit, Kreislauf und Schwindel in heftig. Keine Ahnung, was die Ursache ist, aber so kann er nicht mit nach Frankfurt fahren. Alleine lassen will ich ihn aber auch nicht, das habe ich mal lieber unter Beobachtung. Der Gatte lagert sich aufs Sofa und schläft sofort wieder ein, ich nutze die Zeit und kümmere mich um den alten Bürostuhl aus dem Werkstattkeller meines Vaters. Den möchte ich gerne für mein Arbeitszimmer haben, aber an den Kanten der Sitzfläche löst und wellt sich das Furnierholz. Ich fülle die Lücken mit Ponal und presse die Klebestellen an der abgerundeten Fläche mit allen Arten von Klemmen zusammen. Sieht originell aus – und funktioniert.

Zwei Stunden später wacht der Gatte auf und es geht ihm deutlich besser. Für Frankfurt ist es zu spät, das verschieben wir auf Freitag, aber ich fahre kurzentschlossen zum Haus meiner Eltern. Dann räume ich eben dort weiter auf. Die Werkstatt wartet. Sie ist sehr voll, um es nett auszudrücken.

Alle Schubladen sind bis zu den Rändern gefüllt, die Wandregale sind voll und in den Ecken und unter den Tischen stehen weitere gefüllte Kisten und Koffer. Außerdem gibt es Metallstäbe, Holzstäbe, Bleche, Drähte, Latten und Bretter. Und alles für Elektro. Und fürs Schweißen. So wie es ein überzeugter Hand- und Heimwerker eben ansammelt, der alles selber repariert und darum alles aufhebt, weil er es nochmal brauchen könnte. Es sieht schlimm aus, aber ich kann da gar nichts gegen sagen, denn meistens war ja auch genau das Passende zu finden, und über Jahrzehnte konnte Papa immer spontan reparieren und improvisieren. Auch am Wochenende, wenn alle Geschäfte geschlossen waren. Seine bewunderte Fähigkeit, dass er alles sofort reparieren konnte, hatte die Basis, dass er alles hatte. Blöd ist nur, dass ich jetzt alles wegräumen muss.
Als ich mit dem Räumen beginne, fällt mir auf, wie viel Holz überall liegt, steht und in Kisten verstaut ist. Bretter, Bretterreste, Brettchen, Brettchenreste, winzige Holzabschnitte, alles aufgehoben, um es nochmal nutzen zu können. Zumindest als Anfeuerholz im Kamin. Jetzt sammle ich das erstmal Stück für Stück ein, trage es in Kisten und Tüten zum Auto und die größeren Stücke in den Armen gestapelt hinterher.

Etwas Sperrmüll kommt dazu, dann geht es schon wieder zur Deponie. Über 400 Kilo Zeug sind dort inzwischen schon in den Containern gelandet. Jetzt auch viel Holz im Holzcontainer.
Am Abend gucke ich die ersten Fotoalben meiner Eltern durch, um sie stark auszudünnen. Viele Landschaftsfotos werfe ich weg, nur schöne persönliche Bilder hebe ich auf. Plötzlich stocke ich. Das Fotomotiv kenne ich doch! Auf der Rückseite des Fotos lese ich „Limone“. Meine Eltern haben in den Neunzigerjahren Campingurlaub am Gardasee gemacht und dabei den Ort besucht. Die Häuser und das kleine Hafenbecken kenne ich ganz genau – ohne dass ich jemals da gewesen bin.

Ich bin total berührt. Es ist das Motiv, das mein Vater 1958 als Ölbild gemalt hat, das ich als Kind immer wieder ausgiebig angeguckt und mir eingeprägt habe und das seit vielen Jahren bei mir an der Wand hängt. Auch wenn eines der Häuser um eine Etage aufgestockt wurde, viele Touristen herumlaufen, im Hafenbecken Boote liegen und die Hintergrundberge im Nebel verschwinden, ist doch noch alles sofort zu erkennen.

Ich weiß, dass er für das Bild 1958 eine Postkarte als Vorlage hatte, aber ich weiß nicht, ob er vorher bei seinem Italienurlaub auch selber dort gewesen ist. Dass er vierzig Jahre nach seiner Malerei sein Mal-Motiv in Limone besucht und fotografiert hat, finde ich sehr berührend. Hach, jetzt wüsste ich gerne, ob er es da wiedergesehen oder überhaupt zum ersten Mal persönlich gesehen hat. Und was er gedacht hat, als er dort stand.
Am Donnerstag wühle ich mich weiter durch die Werkstatt. Es wird sichtlich leerer, aber puh! – da werde ich noch viele Stunden Arbeit reinstecken müssen. Mein Liebling ist die alte Kreissäge. Vermutlich ist sie aus den Fünfzigern und sie funktioniert sogar noch. Es wäre zu schade, sie auf den Schrottplatz zu bringen. Sie würde eher in ein Industriemuseum passen. Wenn ich genug Platz hätte, würde ich sie behalten. Na, ich sollte mal schnell überlegen, ob ich nicht ein Plätzchen für sie finde.

Am Freitag geht es endlich nach Frankfurt, um Sachen, Rollstuhl und Geweihe abzugeben. Mittags gehen wir bei „Niki Sushi“ essen, das im Ambiente eher nüchternes und wenig einladendes Kantinenflair zeigt, aber großartiges, sehr fein abgeschmecktes Sushi serviert. Sehr klasse!

Nach dem Essen bin ich plötzlich so müde, dass ich mich beim Sohn auf eine Klappmatratze lege und sofort einschlafe. Der Gatte ist währenddessen etwas empört, dass draußen jemand immer wieder in kurzen Stößen sägt, bis ihm auffällt, dass es seine Gattin ist, die auf der Matratze liegt und schnorchelnde Sägegeräusche ausstößt. Als ich aufwache, bin ich wieder fit. Weil es schon wieder Streik und Ausfälle bei einigen öffentlichen Verkehrsmitteln gibt, fahren wir den Sohn mit dem Auto zur Theaterprobe. Da wegen des Streiks aber mehr Autos unterwegs sind, staut es sich auch auf den Straßen. Mit fünf Minuten Verspätung kommt er an und wir fahren weiter nach Hause. Zunächst auch im Stau. Und weil da nacheinander drei Auffahrunfälle passieren – im Stau! – brauchen wir mehr als dreieinhalb Stunden für die Rückfahrt.
Am Samstag bringe ich zwei Kisten mit guten Büchern meiner Eltern zum Abgabetermin des örtlichen Büchertrödels, der an diesem Wochenende stattfindet. Ich hätte locker sechs Kisten füllen können, wollte aber nicht mit unverschämt vielen Bücher ankommen, weil die unverkauften am Ende auch alle entsorgt werden müssen. Und dann stehe ich mit meinen beiden sauber gepackten Kisten zwischen Autos, die mit Kisten vollgestopft sind und wo sogar die Kofferräume bis zum Rand mit Büchern gefüllt sind. Oh, ich falle eher auf, weil ich nur zwei Kisten bringe. Zum Mitarbeiten beim Büchertrödel habe ich gerade keine Kapazitäten, zum Glück aber auch keine Zeit, um als Kundin zu kommen. Jetzt gute Bücher für wenig Geld zu entdecken und sie in mein vollgestopftes Zuhause zu schleppen, wo es schon Kisten mit Büchern meiner Eltern gibt, die ich behalten möchte … nein.
Das Wetter ist mild. Für den frühen Nachmittag steht ein Besichtigungstermin des Hauses an, bis dahin werkel ich im Garten, wo einiges dringend gekürzt werden müssen, ehe es austreibt. Der Frühling naht. Die Vögel singen schon kräftig und die Spatzen flitzen im tiefen Flug nah an mir vorbei. Sehr schön. Ich brauche bald dringend mehr Zeit für Gartenarbeit.

Weil der Termin kurzfristig verschoben wird, kann ich sogar noch spontan einen zu hoch gewachsenen Baum – er hat mehrere Stämme und ich schätze ihn auf sechs Meter – auf zwei Meter Höhe absägen. Ich stehe dabei auf der Leiter und säge jeden Stamm einzeln mit der Motorsäge durch, der Gatte zieht ihn mit einem Seil in die gewünschte Fallrichtung. Das klappt vorbildlich. Trotzdem bin ich immer angespannt und vorsichtig, denn auch wenn die Stämme nicht sehr dick sind, sind sie lang und schwer und können, wenn sie falsch fallen oder unerwartet absplittern, Matsch aus mir machen. Es ist der 28. Februar, der letzte Tag, um Büsche und Bäume radikal kürzen zu dürfen. Ab morgen beginnt die Brutschutzzeit. Wie gut, dass ich das so unerwartet noch machen konnte, denn bis zum Herbst wären die Stämme noch einen Meter höher gewachsen und das Absägen wäre immer riskanter. Jetzt werden sie an den Schnittstellen wieder dicht austreiben und ich muss einfach darauf achten, sie alle zwei Jahre rechtzeitig zu kürzen.

Nicht nur im Haus habe ich jetzt viel Zeug, das herumliegt und weggeräumt werden muss, sondern auch im Garten. Passt doch.