Blog 937 – 12.04.2026 – Freie Ostern, schräge Architektur und leere Regale
Zum allerersten Mal in meinem Leben ist es Ostern und ich habe keinen Termin im Kalender. Mein Vater ist nicht mehr da, bei dem wir uns sonst mit der Familie getroffen hätten. In diesem Jahr ist es auch bei den Söhnen terminlich knapp, und da besonders ich immer darauf hinweise, dass es jetzt bitte bitte kein Feiertagskorsett mehr geben soll – was ganz in ihrem Sinn ist – sind die Ostertage einfach frei. Wir treffen uns gerne mit den Söhnen, aber eben dann, wenn es gut passt und ganz unabhängig von offiziellen Feierterminen. Und andere Familienmitglieder wie Mamas, Papas, Omas und Opas, die Wert darauf gelegt haben, gibt es nicht mehr. Die vier Ostertage, an denen nichts passiert, kommen mir so lang vor wie eine ganze Ferienwoche. Ich habe wunderbar viel Zeit und Ruhe. Meine Osterhasen habe ich im Freigehege und im Garten ist der Frühling ausgebrochen.


Gekonnt übersehe ich die Kisten, Tüten und Anhäufungen, die das Wohnzimmer und den Hof vollstellen und nur schmale Gänge zum Durchgehen lassen. Das Chaos gehe ich demnächst an und räume es irgendwie weg. Aber doch nicht jetzt. Jetzt genieße ich erstmal die komplett freien Tage.
Endlich habe ich Zeit, um den Bericht über das Konzert von Rainald Grebe fertig zu schreiben. Ich mache das meist recht ausführlich, weil ich keine knappe Konzertkritik schreibe, sondern einen Bericht. Je mehr Jahre vergehen, desto schöner ist es, im Archiv zu stöbern und einen Konzertabend fast miterleben zu können. Ich mag das sehr. (www.reihedrei.de)

Auch nach den Ostertagen mache ich weiter Ferien. Am Mittwoch fahre ich schon wieder nach Frankfurt, diesmal mit zwei Übernachtungen. Auf meinem Plan steht, dass ich mir endlich die Martin-Perscheid-Ausstellung im Caricatura-Museum ansehe, aber zeitlich könnte das auch dieses Mal zu knapp werden. Dann eben beim nächsten Besuch. Bis Anfang Juni ist sie zu sehen, das werde ich schon schaffen. Stattdessen fahre ich mit dem Sohn zusammen ins Gartencenter, wo wir herumstöbern und für die Lücken in seinen Balkonkästen bienenfreundliche Pflanzen holen. Am Nachmittag fahren wir mit der Bahn in die Innenstadt, wo der Sohn Theaterprobe hat und ich durch die Stadt spaziere. Dabei fällt mir Architektur auf, bei der es, wenn ich sie so gebaut hätte, ganz bestimmt Kommentare gäbe wie: „Hast du kein Lineal gehabt?“, „Möchtest du nicht mal einen Termin beim Augenarzt machen?“ oder „Da hättest du besser vorher Architektur studiert!“

Ich mag ja weiche, bunte Hundertwasserhäuser, die ich als sehr harmonisch empfinde. Glatte Auswüchse bei rechten Winkeln sehen für mich nicht originell, sondern nur falsch aus. Als hätte jemand ganz doll aus der Norm ausbrechen wollen, sich dann aber doch nicht richtig getraut und lieber mit dem Lineal gearbeitet. Aber vermutlich habe ich einfach nur keine Ahnung.
Ich genieße den Sommerabend am Main, kaufe mir eine Karte für ein Theaterstück, bei dem ich am Vortag schon dachte: „Oh, da könnte ich ja spontan hingehen“, und verlasse das Theater in der Pause, weil weder die Darsteller noch das Timing noch das Stück gut sind und ich das nicht ertragen kann und nicht ertragen möchte. Zufällig hat der Sohn gerade unerwartet frühes Probenende, wir treffen uns und fahren gemeinsam zurück zu ihm. Es gibt noch Tee, ich lese meinen Krimi und lege mich gegen Mitternacht müde auf das bequeme Schlafsofa.

Allerdings schlafe ich nicht gut, fühle mich seltsam krank und habe am nächsten Morgen dicke Kopfschmerzen und kleine Schweinsäuglein. Bin ich etwa allergisch gegen schlechte Theaterstücke? Habe ich beim Zusehen so gelitten, dass meine Hirnzellen mit Migräne reagieren? Und warum läuft meine Nase? Zum Glück geht es mir im Laufe des Vormittags wieder besser. Tee, Käsebrötchen, Ibuprofen und eine weitere Stunde auf dem Sofa helfen. Am frühen Nachmittag fahren wir wieder in die Innenstadt. Dort gibt es als spätes Mittagessen tibetanische Nudeln für den Sohn und tibetanische Suppe für mich. Beides sehr lecker. Ich habe das Gefühl, dass die heiße, würzige Suppe mit dem frischen Gemüse genau das Richtige für mich ist.

Der Sohn geht weiter zum Kulturhaus, wo er am Abend die vorletzte Vorstellung von Agatha Christies „An Unexpected Guest“ hat, und ich treffe mich mit einem Puppenspielfreund im Eiscafé. Wir erzählen und gehen dann gemeinsam in die Vorstellung. Es ist ein schöner Abend. Und mein Kopf funktioniert wieder.
Bei der Rückfahrt in der Tram erzählt der Sohn, dass im Backstagebereich mehrere Leute erzählten, dass sie am Vormittag Kopfschmerzen und eine laufende Nase hatten. Anscheinend gab es eine hohe Pollenkonzentration, die auch Leute betroffen hat, die eigentlich nicht allergisch reagieren. Bei mir war es vielleicht eine Kombination aus aggressiven Pollen und schlechtem Theaterstück.
Am Freitag fahre ich wieder nach Hause und begebe mich in den Garten. Der alte holzige Salbei muss komplett raus, damit ich neue Salbeipflanzen setzen kann. Im letzten Jahr habe ich im Kräuterbeet nicht viel werkeln können und inzwischen wächst da vieles, das nicht zu den Küchenkräutern zählt. Ich gehe mit Energie und Hacke ran und schaffe Platz. Ein paar Akeleien dürfen bleiben.

Am Samstag ist Frühjahrsputz bei „Szene 93“, und es kommen so viele Mitglieder, dass sie sich schon im Weg stehen, aber in recht kurzer Zeit sehr viel schaffen. So macht das Spaß! Viele Hände, schnelles Ende.

Etwas später fahre ich mit dem Gatten zum Haus meiner Eltern. Die meisten Räume sind inzwischen leergeräumt und sehen erstaunlich fremd aus. Auch das knallrote Elektro-Quad, mit dem mein Vater viel zu schnell durch die Fußgängerzone sauste – „Papa, du darfst da nur Schrittgeschwindigkeit!“ „Glaub mir, ich hab das im Griff!“ – ist jetzt bei neuen Besitzern.

Der letzte Müll taucht aus übersehenen Ecken auf, es gibt noch Altglas, Pfandflaschen, einige Sachen im Werkzeugkeller, im Gartenschuppen und der Garage. Wenn alles klappt, werde ich in den nächsten Tagen den Rest schaffen und dann fertig sein. Puh!