Blog 934 – 22.03.2026 – Rainald Grebe, Durchgangsverkehr und Agatha Christie
Am Montag rolle ich meinen Lesungskoffer in die Küche, baue Laptop und Beamer auf und lese zwei meiner Geschichten zur Probe. Für den Donnerstag sind Lesungen an einer Grundschule angesagt und da soll alles funktionieren. Zum einen die Technik, aber auch beim Lesen möchte ich nicht auf Überraschungen in meinen Texten stoßen, an die ich nicht mehr gedacht hatte. „Prinz Ferdinand König“, bei dem ich kurze Zwischenteile frei erzähle, ist mir von der letzten Lesung noch sehr vertraut, aber „Tim und der Apfelquieker“ war schon länger nicht mehr im Vorleseprogramm. Es läuft alles rund und mir fällt wieder mal auf, wie viel Spaß ich selber daran habe, Lesungen zu machen.
Der Spaß ist eine gute Voraussetzung, denn die Umstände der Lesungen könnten sich als ungünstig erweisen. Früher habe ich häufig vier Lesungen nacheinander gemacht, was ich inzwischen auf drei reduziert habe, weil die vierte nicht nur für die Stimme, sondern auch für den Kopf anstrengend ist. Vor allem, wenn es vier Mal die gleiche Geschichte ist und ich bei der vierten immer wieder mit Schrecken denke: „Habe ich das gerade schon gesagt oder war das in der Lesung davor?“ Außerdem lese ich nicht mehr in Eingangshallen, weil es da erfahrungsgemäß zu unruhig ist. Und ich brauche einen verdunkelbaren Raum, damit die Beamerbilder auch an sonnigen Tagen gut zu sehen sind. In diesem Fall habe ich bei der ersten Anfrage nicht sofort mit einer klaren Angabe reagiert und als alles feststand, hieß es: Vier Lesungen in einer Eingangshalle, die nicht zu verdunkeln ist. Laut Wetterbericht wird es am Donnerstag durchgehend sonnig sein. Na, da muss ich jetzt durch.
Am Dienstagmorgen fahre ich nach Frankfurt. Schon wieder. Diesmal in erster Linie, um das Sofa des Sohnes zum Übernachten zu nutzen. Außerdem bringe ich ihm einige Hand- und Klappmaulpuppen mit, weil im nächsten Theaterstück seiner Gruppe, dessen Proben gerade beginnen, vielleicht zwei Puppen eingesetzt werden können. Mit einer Auswahl von großen, kleinen, plüschigen, tierischen und menschlichen Figuren können sie jetzt austesten, ob etwas davon zu ihrem Stück passt und gut einzusetzen ist. Wie praktisch, wenn man eine Mutter hat, die Puppenbauerin ist!

Zum Mittagessen gehe ich mit dem Sohn ins kleine, familiäre „Bowlwerk“, das jetzt nicht nur Sushis, Bowls und Rahmensuppen, sondern auch Currys anbietet. Sehr lecker.

Am späten Nachmittag fahre ich weiter nach Darmstadt. Meine geographischen Kenntnisse zeigen Lücken und so hätte ich fast verpasst, eines der momentan raren Rainald-Grebe-Konzerte zu besuchen, weil mir alle fünf Spielorte als zu weit weg vorkamen. Darmstadt hatte ich „ziemlich südlich“ und in etwa 200 Kilometer Entfernung zu Frankfurt verortet. Es sind aber nur 35 Kilometer. Zum Glück habe ich das noch erkannt. Ein stets zur Verfügung stehender Schlafplatz in Frankfurt und eine halbe Stunde Autofahrt nach Darmstadt – einfacher geht es doch kaum.
Die „Centralstation“ liegt in der Fußgängerzone etwas verwinkelt in einem Hof versteckt, aber nachdem ich sie endlich entdeckt habe, kann ich noch in Ruhe einen Eiscafé trinken – oder essen, denn es ist zwar ungewöhnlich starker Kaffee im Glas, aber auch ungewöhnlich viel Eis. Die Mischung aus starkem Kaffee und Zucker bewirkt, dass ich danach hellwach bin. Die Freude auf den Rainald-Grebe-Auftritt allerdings auch.

Die kurze Konzerttour von Rainald heißt: „Ich erinnere mich – glaube ich“. Nach vielen vorangegangenen Schlaganfällen, die ihn immer wieder ausbremsten, musste er im Oktober 2024 dann alle weiteren Termine absagen, weil es ihn richtig heftig erwischt hatte. Es war nicht abzusehen, wie und ob es für ihn überhaupt auf der Bühne weitergehen würde. Dass er jetzt vorsichtig wieder starten kann, ist ganz wunderbar. Vor allem für ihn, finde ich, auch wenn ich mich als Zuschauerin ebenfalls freue.
Im ausverkauften Saal sitzen merklich viele „Fans“, die ebenfalls sehr erfreut sind, dass Rainald Grebe wieder auf der Bühne ist. Er geht offen mit den Schlaganfällen und deren Auswirkungen um, springt zu Stationen seines kreativen Lebens, versucht sich zu erinnern, wer er war, und spielt Lieder aus den vergangenen zwanzig Jahren. Begleitet wird er vom großartigen Gitarristen Marcus Baumgart, der auch schon in der „Kapelle der Versöhnung“ dabei war. Und auch Franz Schumacher, der am Mischpult sitzt, aber inzwischen auch Freund, Fahrer, Mitstreiter und Tourmanager ist, ist Bestandteil der Show.

Der Abend ist sehr berührend. Nach einem merklich konzentrierten, etwas ungeölten Beginn wird es immer lockerer und geschmeidiger. Es ist nicht der „alte“ Rainald Grebe, der schnell und spritzig, manchmal unerwartet explosiv auf der Bühne agiert. Er ist krankheitsbedingt eingeschränkt, die Stimme etwas beeinträchtigt und er ist behutsamer und weniger körperlich. Aber auch die vorsichtigere, ruhigere Version ist intensiv und Rainald Grebe. Er hält das Publikum durchgehend bei sich. Die Brüche und die Verletzlichkeit steigern die Intensität sogar. Das Publikum hört aufmerksam zu, lacht, erinnert sich und singt Textzeilen halblaut mit. Am Ende gibt es viel Applaus und Standing Ovation. Hach, es ist so schön, dass er zurück ist.

In der Nacht fahre ich die halbe Stunde zurück nach Frankfurt, wo erwartungsgemäß in der Umgebung des Sohnes alle Parkplätze belegt sind, so dass ich etwas entfernt parken und dann 15 Minuten laufen muss. Ich bin froh, dass ich überhaupt einen Platz gefunden habe, und sowieso mehr als gut gelaunt nach dem wunderbaren Konzert.
Der nächste Tag beginnt gemütlich in Frankfurt. Ich lese lange in einem Jaques-Berndorf-Eifelkrimi und trinke dazu Tee. So viel Zeit, in der nichts vor mir herumliegt, das ich jetzt aufräumen sollte, habe ich gerade selten. Mittags gehe ich mit dem Sohn zum Thai-Imbiss, weil der aber unerwartet geschlossen ist, laufen wir ein Stück weiter zur Pizzeria. Pizza hatte ich schon lange nicht mehr. Am Nachmittag komme ich ein bisschen müde, aber trotzdem innerlich höchst vergnügt und ausgeruht, zuhause an.
Am Lesungstag geht früh die Sonne auf. Na, toll! Die Eingangshalle der Grundschule erweist sich als hell, hat aber zum Glück keine riesigen Fenster. Mit der Leinwand in einer dunkleren Ecke wird es gehen.

Der Hausmeister ist fix und besorgt Leinwand, Kabeltrommel und Sitzbänke, die Lehrerinnen und die Schulleitung sind sehr freundlich, und die Kinder kennen Regeln und benehmen sich allgemein und miteinander sehr gut. In der Eingangshalle befinden sich der Eingang, das Treppenhaus und die Schülertoiletten. Während der beiden ersten Lesungen gibt es zwar einige Störungen, aber die sind immer nur kurz.
Während der dritten Lesung wird es wilder. Zwei Handwerker kommen plötzlich herein, bleiben am Rand stehen und reden halblaut, der Hausmeister kommt, nach kurzem Gespräch gehen alle drei nach links ab, wo sie weiterhin im Flur reden. Kinder aus anderen Klassen in der oberen Etage müssen zum Klo in der Eingangshalle, hüpfen zu zweit oder dritt die Treppen herunter, unterhalten sich im halligen Toilettenraum und ziehen am Ende die Klospülung. Eine Mutter mit Kind kommt und durchquert den Raum, der Hausmeister muss mit den Handwerkern von links nach rechts, die Handwerker reden währenddessen einfach weiter. Ich fasse es nicht, die müssen doch mitbekommen, dass ich gerade vielen Kindern eine Geschichte vorlese! Die Mutter geht ohne ihr Kind wieder raus. Eine ganze Klasse mit Lehrerin trappelt vorsichtig die Treppe runter, durchquert den Raum und verschwindet nach draußen. Der Hausmeister eilt im Laufschritt hindurch und verschwindet links … Puh! Ich lese laut gegen den Lärm und die ständige Unruhe an und kann in der Betonung kaum leiser werden, weil ich die Kinder in der Geschichte halten will. Das ist schon anstrengend. Die Kinder gucken sich bei jeder Störung kurz um, bleiben aber erstaunlich gut bei mir. Das liegt natürlich sehr daran, dass die Schule sie gut vorbereitet hat, aber auch – hört sich angeberisch an, ist aber so -, weil meine Lesungen gut sind und die Kinder sie spannend finden. Trotz der nicht idealen Voraussetzungen und dem vielen Durchgangsverkehr während der dritten Lesung klappt alles gut und ich bin erleichtert. Geht doch.
Am Samstag fahre ich erneut nach Frankfurt. Diesmal zusammen mit dem Gatten. Der Sohn spielt in der aktuellen Produktion der Gruppe F.E.S.T. (Frankfurt English Speaking Theatre) im „kulturhaus“ mit und hatte am Vortag Premiere mit „The Unexpected Guest“ von Agatha Christie. Mit auf der Bühne sind nicht nur der Sohn, sondern auch der Rollstuhl und die zwei kleinen Geweihe aus dem Fundus meiner Eltern. Der Sohn spielt den Inspector, der Rollstuhl und die Geweihe stellen sich selber dar.

Das Stück mit dem „unerwarteten Gast“ kenne ich gar nicht und finde es unerwartet spannend. Wie meistens bei Agatha Christie gibt es einen Toten und mehrere Personen, die ein Motiv haben könnten und sich verdächtig benehmen. Am Ende gibt es eine sehr unerwartete Auflösung, quasi ein „Unexpected End“. Ein schönes Stück, sehr gut umgesetzt von F.E.S.T.. Wieder ist es ein großes Vergnügen, das gut inszenierte und spannend gespielte Theaterstück anzusehen. Ich mag sehr, dass die Besetzung international ist und dass die Zuschauer es auch sind. Auf und hinter der Bühne wird englisch gesprochen, im Foyer und im Zuschauerbereich vorwiegend englisch und deutsch, aber es schwirren in den Gesprächen und im Gelächter auch alle möglichen anderen Sprachen herum. Das Treffen der Nationen beim englischsprachigen Theater. Herkunft und Hautfarbe sind völlig egal und wertungsfrei akzeptiert. So einfach und grundsätzlich freundlich müsste es überall sein.