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Blog 935 – 29.03.2026 – Zerlegen, Ausräumen und der Besen an der Wand

Der Gatte und ich haben bequem im Wohnzimmer des Frankfurter Sohnes übernachtet. Der Theaterbesuch vom Vorabend endet mit einem gemeinsamen Frühstück im türkischen Café. Toast, Rührei und Avocado – fluffiges Brot, Butter, viele leere Kalorien und superlecker.

Zuhause strahlt der Garten im Frühlingslook. Am Nachmittag sitze ich zum ersten Mal im Jahr mit Buch und Tee in der Sonne, auch wenn ich nach wenigen Minuten merke, dass ich den gerade ausgezogenen Pulli dann doch lieber wieder übers T-Shirt ziehen sollte.

Nach der Teepause beginne ich den Bericht über das Rainald-Grebe-Konzert in Darmstadt. Ich komme ganz gut voran, aber das wird noch etwas dauern, bis der fertig wird, denn für diese Woche habe ich aktives Räumen im Haus meiner Eltern vor. Bis zum Freitag möchte ich, dass das Haus leer ist. Bis auf einige Restarbeiten. Da bleibt keine Zeit für Eintauchen in die Konzertatmosphäre und präzises Formulieren.


Für Montagfrüh ist ein Techniker angekündigt, der im Haus meiner Eltern die Split-Klimaanlage reparieren soll. Die ist schon seit Beginn des Jahres defekt. Nachdem die Firma, die sie eingebaut hat, mehrfach erfolglos nachgesehen hat, ob beim Einbau ein Fehler erfolgte, kam schließlich ein Techniker der Herstellerfirma, der feststellte, dass ein Bauteil der Außenanlage nicht in Ordnung ist. Das musste erst bestellt werden. Beim zweiten Termin tauschte der Techniker das vermutete Bauteil aus, aber schon in der Nacht fiel das Gerät erneut aus. Es lag wohl doch an einem anderen Bauteil. Das musste bestellt werden. Für diesen Montag ist der neue Termin angesetzt. Wie vorher schon „von 7:30 Uhr bis zum Nachmittag“, denn das Auseinanderbauen und Wiederzusammensetzen dauert seine Zeit. Um 7 Uhr bin ich mit dem Gatten im Haus meines Vaters und wir bauen unsere Kaffeemaschine auf, um für drei kaffeetrinkende Leute einen ganzen Tag lang vorbereitet zu sein. Um 8 Uhr kommt ein Anruf, dass der Techniker erkrankt ist und nicht kommen kann. Der neue Termin wird am Donnerstag sein. Der Gatte packt die Kaffeemaschine wieder ein und fährt nach Hause. Ich bleibe zurück und räume weiter auf, so wie das vorgesehen war.

Paul, das kranke Kaninchen, habe ich in einer Box dabei, denn es braucht regelmäßig Futter, das ich immer noch kleinrasple. Damit ich besser kontrollieren kann, was er frisst – im Gehege frisst seine Frau ihm viel weg – nehme ich ihn dazu auf den Schoß und er frisst von einem Teller. Geraspeltes vom Teller – stilvolles Kaninchenleben. Nachdem er mir in der letzten Woche gesundheitlich gar nicht gefiel, macht er jetzt wieder große Schritte nach vorne. Immer noch fällt er plötzlich wie bewusstlos um – eine Folge seiner Nervenkrankheit -, aber jetzt rappelt er sich meistens schnell wieder auf und versucht aufrecht zu bleiben. Zwischendurch setze ich ihn sogar auf die Wiese, wo er mit Eifer Löwenzahn und Gänseblümchen frisst, zwischendurch kurz umkippt, sich wieder aufrappelt und weiterfrisst. Es ist immer noch nicht klar, ob er in drei Wochen wieder deutlich fitter oder am nächsten Morgen schon gestorben ist. Es geht hoch und runter. Aber so lange er gerne frisst und sich selber immer wieder hochrappelt, warte ich ab und füttere ihn mit Geraspeltem, damit er auf Betriebstemperatur bleibt.

Im Werkstattkeller meines Vaters räume ich Schubladen und Böden aus den großen Holztischen, entferne eine schwere Arbeitsplatte – mühsam mit einem Handschrauber, weil der Akkuschrauber es nicht schafft -, schraube Stahlstangen von der Wand, nehme Aktenschränke auseinander, trage viele Teile die Treppe hoch, lege Metallteile nach links, Sperrmüll nach rechts und Restmüll in Säcke. Immer wieder bringe ich gut erhaltene Sachen nach draußen, wo wir vor der Garage eine „Zu verschenken“-Ecke haben, bei der erstaunlich gut zugegriffen wird. Leider nicht beim Sofa und den Sesseln, die inzwischen auch dort stehen. Wenn die keiner haben will, müssen sie am Donnerstag zum Sperrmüll.

Die Bücher des letzten, noch halbgefüllten Regals sortiere in „Selberlesen“, „Bücherschrank“ und „Papiermüll“. Ein Taschenbuch mit Cocktailrezepten bricht schon auseinander und ist außen leider so verschmutzt, dass es im Müll landen muss. Dabei ist das doch Zeitgeschichte aus den 60er-Jahren! Ich merke aber, dass ich inzwischen leichter loslassen kann, weil zu viel Aufgehäuftes und Aufbewahrtes dann doch belastet.

Mitten im Sortieren fällt mir ein, dass ich die „Bücherschrank“-Bücher vorerst nach draußen in die „Zu-verschenken“-Ecke stellen könnte. Vielleicht sind dann schon die ersten Exemplare weg, ehe ich den Rest mühsam in Bücherschränken verteilen muss. Zwei Plastikboxen mit Büchern habe ich schon voll, die stelle ich raus. Keine 15 Minuten später ist die dritte Box mit den letzten Büchern fertig und ich trage sie hinterher. Ups, die beiden anderen Boxen sind schon weg. Nicht nur leergeräumt, nein, komplett verschwunden. Ich bin verblüfft. Hätte ich das gewusst, hätte ich passenden Deckel zu den Boxen mit rausgestellt. Die jetzt nutzlosen Deckel werde ich ohne ihre Boxen zum Restmüll geben müssen.

Als ich das schmale, nun leere Ivar-Bücherregal von der Wand schraube, wundere ich mich, warum mein Vater es an drei Stellen festgedübelt hat. „Das ist aber sehr gründlich, Papa!“, grinse ich. Als die dritte Schraube fällt, rutscht es zur Seite und ich verstehe den Grund. Weil ich selber immer stabilisierende Drahtkreuze dahinter schraube, kam ich gar nicht auf die Idee, dass es kippt, wenn es nicht mehr an der Wand fest ist. Sorry, Papa, alles richtig gemacht.

Am Nachmittag holt mich der Gatte wieder ab und ich bin so fit und energiegeladen wie nach einem Umzugstag. Also kaum. Mühsam und stöhnend humple ich die Treppenstufen hoch. Dass ich morgen weitermachen werde, kommt mir blöd vor. Aber ich will endlich fertig werden.


Am Mittwoch bin ich ziemlich erkältet. Keine Ahnung, ob ich mich bei einem der vielen Menschen im Theater angesteckt habe oder die zehn Minuten ohne Pullover bei der Garten-Teepause schon zu viel waren. Jedenfalls habe ich Schnupfen, Husten und deswegen viel zu wenig geschlafen. Aber hinlegen geht nicht, morgen ist der Sperrmüll angekündigt. Zusammen mit dem Gatten fahre ich wieder zum Haus, wo wir mit einer Handkreissäge die schweren Tische aus dem Werkstattkeller sowie die langen Arbeitsplatten aus dem Bürozimmer durchsägen, um sie besser tragen zu können und handlicher für den Sperrmüll zu machen. Wir schleppen alles, was sich angesammelt hat, raus und stapeln es dort. Diverse Tischteile und Tischplatten, viele Schubladen, sehr viele Bretter, Reste von Aktenschränken, das Sofa, die Sessel, zwei Bürodrehstühle …

Mit einem Trennschleifer, unter lautem Kreischgeräusch und vielen sprühenden Funken, kürzen wir außerdem die Metallgestelle von zwei alten Bürotischen, damit ich sie demnächst im Auto zum Schrott transportieren kann. Im Haus ist es plötzlich deutlich leerer. Sicher ist: Mit dickem Schnupfenkopf und Husten immer wieder Treppen hoch und runter zu laufen und dabei Sachen zu schleppen, wird nicht mein Hobby. Am Abend gehe ich früh ins Bett, kann aber wegen der Erkältung erneut nur mäßig schlafen.


Am nächsten Morgen sind wir wieder um 7 Uhr im Haus meines Vaters. Der Techniker mit dem neuen Bauteil ist angekündigt. Und der Sperrmüll. Weil der Techniker bis zum Nachmittag eingeplant ist, habe ich das Paul-Kaninchen wieder dabei, um zwischendurch zu füttern. Der Techniker kommt und begibt sich an die Klimaanlage. Eine Stromableserin, die am Vortag kam, als niemand mehr da war, kommt nochmal und kann, weil wir zufällig da sind, den Stromzähler ablesen. Die Müllabfuhr hält und sammelt den Sperrmüll ein. Einer der Männer trägt die Sessel, die wir zu zweit getragen haben, nacheinander ganz alleine bis zum Auto und wirft sie, als würden sie kaum etwas wiegen, im Bogen hinein. Es wird nichts zurückgelassen, wie gut!

Kaum sind die großen Teile weg, lade ich unseren Kombi bis zum Rand voll mit Holzresten und Säcken voller Restmüll. Die werde ich morgen früh gleich zur Deponie bringen. Um 13 Uhr wollen Leute kommen, die das komplette Schlafzimmer mit Bett, Anbauten und Schrankwand abbauen und mitnehmen möchten. Um 13 Uhr sind sie pünktlich in der Straße und vor der Hausnummer, nur leider 30 Kilometer entfernt in einem Kölner Stadtteil. Sie haben etwas verwechselt. Weil sie mitten im Umzug sind, werden sie es heute leider nicht mehr schaffen, schreiben sie. Kurz danach rufen sie an, dass sie nur heute das große Auto haben und um 16:30 Uhr kommen könnten. OK, dann eben um 16:30. Es wäre schon richtig gut, wenn das Schlafzimmer wegkäme. Der Techniker ist inzwischen fertig und hat die Klimaanlage, so wie es aussieht, erfolgreich repariert. Er verabschiedet sich und hofft, nicht wiederkommen zu müssen. Wir nutzen die Zeit bis zum Schlafzimmer-Termin und fahren 40 km zur Deponie, um den Müll, der im Auto ist, in die passenden Container zu werfen. 140 Kilo sind es diesmal. Dann geht’s zurück ins Haus, wo kurz darauf drei jungen Leute kommen, um das Schlafzimmer abzubauen. Während sie schrauben, hämmern und schleppen, kommen nach sehr kurzfristiger Terminabsprache zwei junge Männer und holen den großen Gefrierschrank aus dem Keller ab. Nach drei Stunden ist das Schlafzimmer abgebaut und erstaunlicherweise komplett in einem nicht mal so großen Sprinter verstaut. Ich schenke die Wandlampe, zwei Beistelltische und einen sehr großen Wandspiegel dazu – die jungen Leute freuen sich – dann sind sie weg. Im Schlafzimmer liegen Antennen- und Verlängerungsleitungen, Schrauben und jahrzehntelange Staubflusen. Für heute bleiben sie liegen. Ich kann nicht mehr und muss ins Bett.

Was für ein erfolgreicher Tag! Sperrmüll mit Sofa und Sesseln weg, Arbeitstische aus dem Keller weg, Müllsäcke und Restholz weg, zwei Kisten mit Büchern weg, Gefrierschrank weg, Schlafzimmermöbel komplett weg. Und die Klimaanlage funktioniert wieder.


Am Freitag huste ich immer noch, muss ständig die Nase putzen und habe außerdem eine tiefe Baritonstimme. Auch das Treppensteigen fällt mir schwer. Aber da ich mich nicht komplett krank fühle, auch wenn ich ganz schön angeschlagen bin, begebe ich mich nochmal an einen halben Tag Aufräumarbeit. Ich bringe die letzten Verschenkteile nach draußen, sammle Müll ein, kehre, sauge und habe bis zum Mittag zwar noch nicht alles geschafft, wie ich das bis zum heutigen Tag gerne gehabt hätte, das Haus ist aber weitgehend leer. So leer habe ich es noch nie gesehen.

Die jetzt noch wartende Arbeit ist überschaubar und wäre, wenn es sein müsste, an einem Hau-Ruck-Tag zu schaffen. In der Werkstatt, in der Garage und im Gartenschuppen muss ich noch etwas räumen, das Metall muss ich sortieren, ins Auto laden und zum Schrottplatz bringen. Die alte Kreissäge ist noch da, die dann vermutlich auch zum Schrottplatz muss, aber so schwer ist, dass ich die kaum ins Auto bekommen werde. Außerdem muss ich überlegen, ob ich das alte Holzfass behalten möchte, das ziemlich schwer ist und für das ich gar keinen Platz habe. Ich könnte es, wenn ich es bis in meinen Garten geschleppt habe, vielleicht aufsägen und als Wasserfass nutzen. Vermutlich ist es so ausgetrocknet, dass es gar nicht mehr dicht wird. Na, ich habe noch ein paar Tage Zeit, das zu überlegen. Dass die meiste Räumarbeit im Haus tatsächlich geschafft ist, erleichtert mich sehr.

Im Flur sehe ich den Besen an der Wand lehnen und muss schlucken. Ich war acht Jahre alt, als wir in das Haus gezogen sind. Vom Umzug hatte ich nichts mitbekommen, ich nehme an, meine Schwester und ich wurden bei Oma und Opa geparkt, um aus dem Weg zu sein. Seltsamerweise hatte ich das Haus vorher oft als Baustelle gesehen, aber nicht in den letzten Wochen vor dem Einzug. Ich erinnere mich genau, wie ich reinkam in „unser Haus“, in dem wir ab jetzt wohnen würden, und im Flur stand – etwa 30 cm links von der jetzigen Stelle – ein Besen an die Wand gelehnt und daneben war ein zusammengekehrtes Häufchen Dreck und Staub. Als Kind dachte ich sofort, dass Mama und Papa es gerade noch geschafft hatten, durchzukehren, aber nicht mehr, das Dreckhäufchen aufzufegen. Ich dachte es ohne jede Wertung, weil es mir egal war, aber es war mein allererster Eindruck vom Haus und ich wusste damals schon, dass ich den Anblick für immer im Kopf behalten würde. Der Besen an der Wand und das Staubhäufchen. Jetzt wird es eine der letzten Erinnerungen sein.