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Blog 936 – 05.04.2026 – Chinesische Drachen, Metallweitwurf und Paul

Am Sonntagmorgen geht’s zum Frühstücken nach Frankfurt. Hört sich dekadent an, ist es auch. Gute zwei Stunden Autofahrt, Umweltbelastung, Spritpreise von mehr als 2 Euro pro Liter – finde ich schon nicht so prickelnd. Andererseits geht es um ein Familienfrühstück, denn der Düsseldorfer Sohn ist schon am Vortag mit der Bahn beim Frankfurter Sohn angekommen, hat das Theaterstück angesehen und bei ihm übernachtet, und jetzt kommen die Eltern dazu und es geht gemeinsam ins türkische Café.

Danach spazieren wir durch Frankfurt. Die Kombination von alten, stuckverzierten Gebäuden in warmen Farben und glatten Hochhäusern in Blautönen finde ich immer wieder faszinierend. Interessanterweise sind die Wolkenkratzer die Fremdkörper im Bild und das alte Frankfurt wirkt wie das echte.

Zur Mittagszeit bringen wir den Frankfurter Sohn noch bis zum Kulturhaus, wo er mit seiner Theatergruppe die Sonntagnachmittag-Vorstellung hat, und laufen zu dritt weiter. Dabei besuchen wir den „Garten des Himmlischen Friedens“, der, von einer Mauer umgeben, im Bethmannpark liegt. Kaum treten wir durch das chinesische Tor, sind wir in einer anderen Welt. Die ist zwar klein, aber es gibt viel zu sehen und die Atmosphäre strahlt merkbare Ruhe aus. Sehr schön.

Alles wirkt seriös und authentisch, nur zwei kleine Keramik-Drachen am Ausgang sehen aus, als hätte man „chinesische Drachen“ bei TEMU bestellt. Vielleicht sollen es auch Löwen sein. Aber bei TEMU sollte man sowieso nie-nie-niemals etwas bestellen.

Am Nachmittag sitzen wir am Main in der Sonne und sind leergelaufen. Der Sohn lässt spontan seine Bahnfahrkarte für die Rückfahrt verfallen und fährt mit uns im Auto zurück.


Im Vorgarten ist das Tulpenmeer fast unbemerkt aufgetaucht. Ich bin gerade so beschäftigt, dass ich es gar nicht so beobachten kann wie in anderen Jahren. Es bleibt aber weiterhin eine große Freude.

Die Tulpen kommen und Paul, das Kaninchen, geht. So lange hat er sich immer wieder hochgekämpft, jetzt merke ich, dass er aufgibt. Er will nicht mehr. Nicht mehr fressen und nicht mehr kämpfen. Er liegt, schläft viel, atmet ruhig und wird weniger. Und schließlich schläft er sanft ein. Was für ein tapferer Kerl. Ich bringe ihn nochmal ins Freigehege, damit seine Partnerin ihn als gestorben erfassen kann, und sie kommt sofort an und leckt ihm sorgfältig das Fell. So hat sie das auch in den letzten Wochen immer gemacht. Erkennt sie nicht, dass er tot ist oder pflegt sie ihn genau deswegen nochmal?

Auch ein alter Freund meines Vaters stirbt überraschend. Er und mein Vater waren in meiner Kindheit starke Männer, die einfach alles tragen konnten. Dicke Balken, Zementsäcke und Waschmaschinen. Dass mein Vater damals ganz alleine einen kniehohen Findlingsstein im Auto transportiert und in den Garten geschafft hat, den ich jetzt nicht mal einen Hauch von einem Millimeter bewegen kann, erstaunt mich immer noch. Und auch wenn beide Männer schon lange nicht mehr schwer tragen konnten, bleibt das Bild der starken Männer in meinem Kopf. Ich glaube ja nicht an ein Leben im Jenseits, aber trotzdem sehe ich vor mir, wie sich der jahrzehntelange Freundeskreis meiner Eltern gerade wieder trifft. Die meisten von ihnen sind schon da und jeder Dazukommende wird jubelnd begrüßt. Früher haben sie sehr oft gemeinsam gefeiert, viel gelacht und zu lauter Musik von James-Last-Langspielplatten getanzt. Vielleicht feiern und lachen sie jetzt schon wieder zusammen und James Last spielt live bei ihnen.


Das Haus meiner Eltern wird leer. Noch einmal ist einiges an Metall zusammengekommen, das ich ins Auto lade und zum Schrottplatz bringe. Dort werfe ich es mit Schwung und lautem Klonkerlärm auf einen hohen Haufen Schrott. Runde Grillteller aus Metall fliegen wie Frisbees. Das macht Spaß. Wenn ich immer nur mittelschwere und leichte Teile mit Schwung herumwerfen dürfte, würde ich auf einem Schrottplatz arbeiten wollen.

Für das Haus haben wir inzwischen drei weitere ernsthafte Anfragen. Eine Frau klingelt an der Tür und fragt freundlich, ob wir das Haus verkaufen. Ich sage, dass es sehr wahrscheinlich schon eine Käuferin gibt, die gerade mit ihrer Bank spricht. Sollte das unerwartet nicht klappen, könnte ich ihr Bescheid geben. Die Frau fragt, ob sie sich das Haus trotzdem mal kurz ansehen könnte, um zu sehen, ob es für ihre Familie überhaupt passend wäre. Na klar, ich bin gerade da und kann es ihr für einen ersten Eindruck zeigen. Nach dem schnellen Rundgang, bei dem sie überrascht ist, wie groß das Haus innen ist und bei dem sie, wie ich merke, schon mit glänzenden Augen die Zimmer an ihre Familienmitglieder verteilt, fragt sie nach dem Preis, nickt kurz und sagt: „Ich nehme es. Hunderttausend Euro kann ich anzahlen, die habe ich aus dem Verkauf einer Wohnung, den Rest macht meine Bank.“ Ähm, leider nein. Die andere Interessentin war vor ihr da und da sind wir fair. Auch ein eventuelles Preis-Hochpushen möchte ich nicht machen. Ich schreibe mir ihren Namen und die Telefonnummer auf und werde ihr Bescheid geben, sobald es einen neuen Stand gibt. Es ist aber schon beruhigend, dass das Haus und sein Preis ankommen und wir wohl keine Probleme haben werden, es zu verkaufen.


Ursprünglich hatte ich geplant, dass ich in dieser Woche im Haus meiner Eltern bis Donnerstagabend mit Schwung arbeite und dann fertig bin. Ich komme auch ganz gut voran, obwohl es wegen des vielen Rest-Kleinkrams nicht so schnell geht, wie erhofft. Dann sind aber auf meine Anfrage beim Kaninchentierschutz sofort zwei für mich passende Kaninchen da und beim Blick auf die Fotos verliebe ich mich spontan in eines davon. Das andere ist weiß, süß und flauschig und wird schnell vermittelt werden können, so dass ich meinen Drang, das Tier mit den schlechteren Aussichten zu nehmen, vernachlässigen kann. Und so räume ich am nächsten Morgen nicht weiter auf, sondern fahre in die Eifel und hole „Peter“ ab.

Er ist kleiner als ich beim Blick auf das Foto eingeschätzt habe und es macht mir ein bisschen Sorge, wie die momentan übergewichtige „Dicke“ auf ihn reagieren wird. Hat er überhaupt eine Chance, wenn sie ihn wuchtig angreift, weil er in ihr Revier kommt? Sicherheitshalber bleibe ich bei der Vergesellschaftung für einige Stunden im Freigehege. Zu meiner Überraschung gibt es keinerlei Beißen oder Knurren, kein Kämpfen. Sie rennt in mäßigem Tempo hinter ihm her, er ist aber schneller und wendiger. Natürlich ist er aufgeregt, weil alles neu und unbekannt ist, aber von Panik keine Spur. Außerdem ist sie lange nicht mehr gerannt und hat wegen ihres Übergewichts Konditionsprobleme. Dreimal herumgerannt, dann legt sie sich erstmal wieder zum Ausruhen hin. Der kleine Peter erweist sich schnell als ihr Personaltrainer, der sie wieder in Schwung bringt. Schon am Nachmittag sitzen beide nebeneinander, fressen und zwischendurch leckt sie ihm die Augen und Ohren sauber.

Seltsamerweise möchte die „Dicke“ nicht, dass Peter in ihren Schlafbereich geht. Sobald er das macht, rennt sie los und jagt ihn weg. Er will natürlich trotzdem hin und hoppelt, wenn sie nicht hinsieht, vorsichtig in den verbotenen Bereich. Dabei ist er aber so aufgeregt, dass er, sobald er drin ist, nervös mit dem Hinterlauf „Gefahr“ klopft, woraufhin sie sofort aufmerksam wird, hinrennt, und er ihr blitzschnell entgegenkommt mit einem Blick wie: „Ich bin doch schon wieder weg!“ Das ist schon sehr lustig. Wenn er nicht so angespannt wäre, würde sie gar nichts merken.

Es kann natürlich sein, dass sie sich ein wenig übergriffig um ihn kümmert, weil sie ihn für ein Kind hält. Er ist auch erst vier Monate alt und kindlich niedlich. Und Peter denkt vielleicht, sie sei eine große, dicke Tante, die auf ihn achtet und dann auch mal auf ein Taschentuch spuckt und ihm die Augen sauberwischt. Auf jeden Fall kommen sie gut miteinander klar. Die „Dicke“, die in den letzten Wochen mit einem kranken Kaninchen gelebt hat und wenig herumgehoppelt ist, hat wieder Leben in der Bude und Peter ist ein aufgewecktes, neugieriges Kaninchen, das Spaß macht.


Am Donnerstag räume ich nochmal im Haus meiner Eltern und lade das Auto voll mit Sperrmüll, Elektroschrott, einem alten Reifen mit Felge, Farben und Lacken und es geht zur Deponie. Vielleicht zum letzten Mal, denn viel ist nicht mehr da. Neben Kleinkram muss aber noch die schwere, alte Kreissäge weg. Da müssen wir mal probieren, ob wir die zu zweit ins Auto kriegen. Es ist kaum zu glauben, aber das Ende der Arbeit ist nicht mehr am Horizont zu sehen, sondern klingelt schon an der Tür.