Blog

Blog 952 – 26.07.2026 – Pannen, Punktlandung und Höhlenmalerei

Schon mehr als eine Woche habe ich ungestört Zeit zum Schreiben des Theaterstücks. Es geht sehr gut voran. Am Ende jedes Tages speichere ich die aktuelle Textversion auf einen Stick, den ich mit ins Haus nehme. Den Laptop lasse ich in der Laube, wo ihn ein Regensturm oder eine Katze vom Tisch fegen könnten. Das ist zwar nicht zu erwarten, aber es ist immer gut, die Daten auch woanders abgespeichert zu haben. Als ich am Montagmorgen hoch in meine Laube gehe, habe ich ein Tablett dabei, auf dem eine Kanne mit heißem, schwarzen Tee und ein mit Milch gefülltes Kännchen stehen. Meinen Stick lege ich während des Transportes – wie immer – in die leere Tasse, wo er trocken liegt, falls ich auf dem ruckeligen Weg durch den Garten Tee oder Milch verschütten sollte. Das ist eine geniale Idee von mir, die bestens funktioniert. Manchmal komme ich oben mit kleinen Pfützen auf dem Tablett an, der Stick ist immer trocken. Auch diesmal klappt das super.

Ich schreibe zwei Stunden lang konzentriert und trinke Tee. Dabei gieße ich immer wieder Tee und Milch nach und werfe hin und wieder ein Stück Kandiszucker dazu und rühre. Zwei Stunden später, die Teekanne ist geleert, merke ich beim letzten Schluck Tee, dass mein Stick noch immer in der Tasse liegt. Oh! Dass ich nicht mal beim Umrühren etwas gemerkt habe, liegt am Kandiszucker, der genau wie ein kleiner Stick klonkert. Der Stick muss jetzt erstmal trocknen. In Reis eingelegt. Ob er nach mehreren Portionen heißem Tee mit Milch und Zucker noch funktioniert, ist fraglich.

Die Idee des Stick-Transportes in der leeren Tasse, wenn Tee und Milch während des Laufens kleckern können, halte ich weiterhin für genial. Wenn sie allerdings von keinem Genie ausgeführt wird, bekommt sie sofort Abzüge. Es war Ceylontee. Ist aber egal.


Am Mittwochmittag tippe ich den letzten Satz und das Theaterstück ist geschrieben. Titel: „Die Folgen des Erfolgs“. Aber es ist die erste Version, die noch überarbeitet und feingeschliffen werden muss. Jetzt fängt die Arbeit nochmal an. Die erste Hälfte kommt mir außerdem deutlich zu lang vor. Ich fürchte, dass sie 1 Stunde, 30 Minuten dauern könnte. Dabei habe ich schon viele schöne Ideen weggelassen, damit es kein Mehrteiler wird. Die Pause ist an der richtigen Stelle, finde ich, aber die zweite Hälfte vermutlich nur 30 Minuten lang und damit zu kurz. Sie ist jedoch schön straff, was mir wiederum gefällt.

Jetzt auf Verdacht zu kürzen und zu verlängern, ist unsinnig. Also drucke ich den Text aus und lese ihn halblaut bei laufender Stoppuhr. Beim Lesen nehme ich Tempo raus oder mache eine Pause, wenn Laufwege zu machen sind oder jemand überlegen muss und dann nur zögernd antwortet. Bei schnellen Dialogen falle ich mir selber ins Wort. Alles möglichst so, wie es später auf der Bühne ablaufen wird. Am Ende steht auf der Stoppuhr 01:00 für den ersten Teil und 00:37 für den zweiten. Das sind ja fast Punktlandungen! Im ersten Teil kann ich ein bisschen knapper werden, im zweiten noch ein wenig ergänzen, aber ich muss keine riesengroßen Änderungen machen oder ganze Abschnitte rauswerfen. Super.


Es klingelt. Vor der Tür steht ein Mann, der nur seinen Namen nennt. „Und?“, fragt der Gatte, der einen Haustürverkäufer vermutet, etwas unhöflich. „Ich komme, um mir Ihr Vordach anzusehen“, sagt der Mann. „Warum?“, denke ich noch, da klingelt es auch in meinem Kopf. Es ist der Glaser, der sich den Hagelschaden am Haus meiner Eltern ansehen möchte. 23 km entfernt. „Oh, das ist eine andere Adresse!“, rufe ich bedauernd aus. „Sind Sie jetzt extra hergefahren?“ Zum Glück war er sowieso in der Nähe. Die drei Adressen – die vom Haus meiner Eltern, die von mir als Auftraggeberin und die von der Käuferin als weitere Ansprechpartnerin – machen es kompliziert. Der Glaser nimmt es gelassen und verspricht, bald an der Hausadresse nach dem Vordach zu sehen. Ich hole aus einem Ordner schnell den Bauplan vom Vordach, in dem die Glasart und die Glasdicke stehen. Die fotografiert er ab und ist beeindruckt, dass alles so gut dokumentiert und aufgehoben wurde. So sehr ich jetzt Arbeit habe, weil mein Vater alles Wichtige und Unwichtige aufgehoben und abgeheftet hat, freut es mich, dass es sich in manchen Fällen dann doch lohnt. Ich sehe meinen Papa im Himmel grinsen und zufrieden „Wusste ich doch!“ sagen.


Für den nächsten Tag ist mein Plan, schon früh nach Frankfurt zu fahren. Da ruft ein Handwerker an, der kurzfristig um 9 Uhr kommen und im Haus meiner Eltern die Rollläden mit dem Hagelschaden austauschen kann. Nach einer kurzen Kommunikation mit der neuen Besitzerin rufe ich bei der Firma zurück, dass es klappt und ich pünktlich im Haus sein werde. Dann werde ich eben etwas später nach Frankfurt fahren. Der Gatte und ich fahren am nächsten Morgen in getrennten Autos hin. Er wird übernehmen, wenn es sehr lange dauert und ich dann doch los möchte. Im Haus ist schon viel gemacht und es sieht sehr gut aus. In meinem alten Kinderzimmer ist die Tapete abgerissen und auf der Wand entdecke ich ein frühes Gemälde von mir. Ich kann mich sogar noch daran erinnern, wie ich herumpinselte und mein Vater lachte und ein Foto machte. Das Malen war erlaubt, weil kurz danach Tapete geklebt wurde. Jetzt fühlt es sich ein bisschen an wie Höhlenmalerei, die überraschend wieder entdeckt wird.

Der Handwerker ist für 9 Uhr angemeldet. Um 9:40 Uhr frage ich bei der Firma nach, wo er bleibt, um 10:15 Uhr nochmal. Da stellt sich heraus, dass meine Zusage nicht beim Mitarbeiter ankam und er inzwischen woanders beschäftigt ist. Der Chefin tut es sehr leid, sie entschuldigt sich, aber heute ist nichts mehr zu machen. Na, toll! Immerhin steht er nicht an der falschen Adresse. Der Gatte fährt wieder nach Hause, ich fahre nach Frankfurt. Mit dem Frankfurter Sohn hatte ich ursprünglich ausgemacht, dass wir mittags zusammen essen gehen. Als ich gegen 13 Uhr hungrig ankomme und die letzte Stunde Autofahrt schon darüber nachdachte, wo wir wohl essen werden – ich hatte eine Tasse Kaffee um 6:30 und seitdem nichts mehr -, hat er gerade schon gegessen. Meinen Anruf, dass ich später komme und wir dann eben später essen, hat er interpretiert als: „Sie kommt später und wir essen später mal wieder zusammen. Also nicht heute.“ Zum Glück gibt es im Kühlschrank Tomaten und Schafskäse, die ich mir schnell überbacke. Geht auch.

Ich nutze den Nachmittag, um viel auf dem Balkon zu sitzen, Tee zu trinken und das Theaterstück zu optimieren. Dem theatererfahrenen Sohn berichte ich, dass ich es im Spieltempo gelesen und gestoppt habe. Triumphierend schließe ich mit: „Erster Teil: eine Stunde, zweiter: siebenundreißig Minuten!“ und recke die Faust. Dann relativiere ich in normalem Tonfall: „War aber Glück.“ „Und pures Können“, ergänzt der Sohn ganz ernst und grinst dann breit. Ja, das lasse ich einfach mal so stehen.

Ein wenig später lachen wir beide. Ich hätte für das Stück gerne noch einen möglichst blöden Witz über Veganer. Im Internet, wo ich rasch nachsehe, steht an erster Stelle ein mit KI erzeugter Witz. Nun ist es oft so, dass KI-Aussagen überzeugend wirken, aber durchaus falsche Inhalte wiedergeben können. Die KI versteht eben nicht wirklich, was sie da macht, sie kombiniert nur aus Vorlagen, die sie für passend hält, die aber komplett falsch sein können. Ihre fehlende Einsicht zeigt sich am vorgeschlagenen Veganer-Witz: „Was trinkt ein Veganer zum Frühstück? Hafermilch, aber bitte nicht Milch nennen!“ Das ist komplett unlustig. Der Sohn und ich grinsen trotzdem breit, weil die KI mal wieder zeigt, wie sehr sie danebenliegen kann. Trotzdem verlassen sich viele Menschen in anderen Fällen völlig darauf, dass alles, was sie sagt, sehr schlau ist. Den Witz werde ich jedenfalls nicht übernehmen.


Am nächsten Vormittag begleite ich den Sohn zur Augenklinik, wo er einen Termin für eine kleine, ambulante OP hat. Ich bin dabei, um seinen vermutlich einäugigen Rückweg zu eskortieren. Ihm wird kein Auge entfernt, aber eines wird danach zugeschwollen sein oder einen Verband haben. An der Straßenbahnhaltestelle sehe ich die Bahn schon kommen und will schnell am Automaten ein Ticket ziehen. Ich tippe alles ein und stecke meine Bankkarte eilig und versehentlich falsch herum in den Schlitz, woraufhin der Vorgang abbricht, der Apparat sich erstmal gewaltig konzentrieren muss und dann alles neu startet. Während dieser Zeit hält die Straßenbahn hinter uns, öffnet die Türen, Leute steigen ein und aus, die Türen schließen und sie fährt los – plopp – kommt mein Ticket raus. Irgendwie ergeben sich in dieser Woche auffallend viele Pannen und Missverständnisse.

Während der Sohn in der Augenklinik bei seiner OP ist, sitze ich davor im Park auf einer halbschattigen Bank und lese. Nach einer Stunde kommt er raus und hatte gar keine OP, sondern nur die Voruntersuchung zur OP. Da gab es, als sein Augenarzt vor sechs Wochen sagte: „Ich schicke Sie in die Augenklinik zur OP und habe schon einen Termin für Sie ausgemacht“, wohl ein Missverständnis. Der eigentliche OP-Termin wird für die nächste Woche festgelegt. Da werde ich dann schon wieder zur Begleitung hinfahren. Wir bummeln noch über den Wochenmarkt, kaufen etwas Obst und ein paar Oliven, und essen in einem vietnamesischen Restaurant sehr lecker neben grünem Bambus und unter Sonnenschirmen.

Als ich gerade bezahlen möchte, klingelt mein Handy. Ich will es ausschalten, aber vermutlich wische ich falsch darüber und die Verbindung bleibt, ist aber nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen. Ich tippe auf dem Handy herum, während ich parallel dazu dem Kellner den mit Trinkgeld aufgerundeten Betrag nenne, halblaut „Es ist immer noch da“ murmle und weiterhin versuche, den laufenden Anruf zu beenden. Gleichzeitig schiebe ich meine Bankkarte ins Lesegerät, tippe die Geheimzahl ein, sage mit Blick auf mein Handy zum Sohn: „Jetzt ist es weg. Ich habe keine Ahnung, wer das war“, versichere dem Kellner, dass es sehr gut geschmeckt hätte, er bedankt sich und ich gucke auf mein Handy und sage „Nee, ist doch noch da!“, gefolgt von: „Häh? Ich muss doch irgendwo auflegen können!?“ Ich schiebe und tippe, stehe währenddessen auf, der Stuhl quietscht laut auf dem Steinboden, ich sage zum Kellner: „Auf Wiedersehen!“, und endlich erscheint auf dem Display das Bild mit dem roten Telefonhörer und ich tippe drauf. Puh! Kaum sind wir auf der Straße, rufe ich die Nummer zurück. Es ist der Handwerker für die Rollläden, der auf meine erklärende Entschuldigung, dass ich gerade im Restaurant am Zahlen war, sehr vergnügt lacht. War wahrscheinlich ein gutes Hörspiel für ihn, darum hat er auch nicht selber aufgelegt. Er gibt mir einen neuen Termin.

Weil der Sohn keine Nachwirkungen der OP zeigt – kein Wunder, denn die fand nicht statt -, fahre ich am Abend wieder nach Hause. Ursprünglich wollte ich über Nacht bleiben und hatte sogar schon überlegt, ob ich am folgenden Abend noch ein Konzert der „Alte Bekannte“ besuche, das nicht mal 20 km entfernt stattfindet. Da hatte es letztens noch einige Tickets gegeben, aber als ich in dieser Woche nachsehe, ist es ausverkauft. Beim Verabschieden stellen der Sohn und ich fest, dass es in den letzten Tagen gehäuft Pannen und Missverständnisse gab, es aber trotzdem eine schöne Zeit war.