Blog 954 – 09.08.2026 – Ferien, Fledermäuse und Schneewittchenrose
Ich bin tief im Ferienmodus. Nichts Dringendes steht an. Mein Theaterstück ist geschrieben und ich werde es erst in einer Woche erneut durchlesen, wenn ich etwas Abstand zum Inhalt habe. Langweilig wird es mir trotzdem nicht. Abgesehen davon, dass ich immer eine Beschäftigung finde, stehen auch überall Kisten, die noch ausgepackt, Ordner, die noch sortiert und Zimmer, die grundausgeräumt werden müssen. Aber eben nicht sofort. Auf der Liste stehen auch: „Puppenstück proben“, „Wandlampen basteln“, „Hauswand streichen“, „Betonweg raushauen“ und „Pflastersteine legen“, aber nichts davon muss sofort sein. Wobei die Wandlampen ein Geschenk werden sollen und in sechs Wochen fertig sein müssen. Da sollte ich dann doch bald mal beginnen.
Am Dienstag mache ich spontan etwas, das gar nicht auf der Liste steht: Ein Fotobuch mit Erinnerungen an die Planung, den Bau und das Haus meiner Eltern. Die Ordner meines Vaters sind voll mit Unterlagen, Anträgen, Bauplänen und Genehmigungen bis hin zu einer Quittung „Nägel – 1,50 DM“. Den kompletten Tag blättere ich Bauunterlagen, Rechnungen und Fotoalben durch, suche, sortiere, fotografiere, bearbeite und stelle ein Erinnerungsbuch zusammen. Fast ohne Pause den ganzen Tag lang. Am Abend bin ich damit fertig und gebe den Druckauftrag. Dass ich den Tag mit einem Fotobuch verbringen würde, habe ich am Morgen nicht mal geahnt, aber genau für solche Sachen sind Ferien ja da.

Über das Erinnerungsbuch, das demnächst gedruckt sein wird, freue ich mich schon jetzt. Ich denke, dass das es für mich auch eine gute Art ist, den Abschluss mit dem Haus meiner Eltern zu machen. Beim Fotosuchen werde ich außerdem wieder daran erinnert, dass ich noch viele Kisten und Alben mit Fotos durchsehen und sortieren muss. Ich ergänze auf der Liste: „Fotos“. Ein kurzes Wort, das viele Wochen Arbeit bedeuten wird. Aber nicht jetzt. Das ist ja eher eine Winterarbeit.
Abends fliegen im Garten die Fledermäuse herum. Ich sehe ihnen fasziniert zu. Sie sind etwa spatzengroß, fliegen flatternd und trotzdem rasant in sehr schnellen Kurven und kommen bis zu einem Meter an mich heran. Das ist so schön. Auch wenn ich daran denken muss, dass ich an einen möglichst insektenfreundlichen Garten arbeite und nun die Erfolge der Arbeit jeden Abend aufgefressen werden. Ob die Fledermäuse wohl Zünsler fressen, wenn ich ihnen die in die Flugbahn werfe? Das würde ein anders Problem lösen. Für gute Fotos im Halbdunkeln sind Handy zu langsam. Und Fledermäuse zu schnell. Aber immerhin sind die Fledermausumrisse gut zu erkennen.

Weil das Schreiben des Theaterstücks sehr zügig ging, kann ich jetzt sofort weiterplanen. Ich bespreche bei „Szene 93“ den Terminplan und danach steht fest, dass die Premiere am 25. September 2027 sein wird und die Vorstellungen bis Mitte Oktober laufen. Das sogenannte „Casting“ wird in vier Wochen stattfindet, bei dem ich das Stück und die Termine vorstelle und interessierte Darsteller*innen den Text mit wechselnden Rollen lesen. Idealerweise ergibt sich danach eine gute Kombination für die Besetzung der neun Rollen – vorausgesetzt, die Termine passen. Wer im nächsten Jahr im September eine längere Urlaubsreise plant, für den wird es schwierig. Es dauert noch mehr als ein Jahr bis zur Premiere, aber wenn ich demnächst das Team zusammenhätte und wir im Oktober entspannt mit den ersten Lesedurchgängen beginnen könnten, wäre das schon sehr schön. Hach, es geht los! Regie bei einem Theaterstück, das zudem noch von mir ist! Das wird eine Menge Arbeit geben. Ich kritzle erste Bühnenbilder, Details und Plakatideen auf, und freue mich auf alles.

Im Vorgarten meiner Eltern stand viele Jahre lang eine Rose der Sorte „Schneewittchen“. Sie hatte einen recht kahlen hohen Stamm, auf dem oben viele Zweige mit grünen Blättern und weißen Rosen wuchsen. Mein Vater schnitt die Zweige mehrfach im Jahr und zu unmöglichsten Zeiten viel zu radikal zurück, sage auf meine Einwände aber immer: „Die kommt schon wieder!“ Und sie kam. Sie blühte mit duftenden Rosen von März bis weit in den Dezember, und wenn sie massiv zurückgeschnitten wurde, kam sie schnell zurück und blühte wenige Wochen später erneut üppig. Allerdings wurde der Stamm in den letzten Jahren sichtlich morsch. Vor vier Jahren bestellte mein Vater deswegen eine neue, noch kleine Schneewittchenrose. Die sollte ich einen halben Meter neben dem alten Stamm einpflanzen, damit sie schon mal anwachsen und in absehbarer Zeit die alte ersetzen könnte. Allerdings wuchs die neue nicht an. Sie mickerte vor sich hin und vertrocknete schon vor dem Herbst. Vor zwei Jahren schnitt ich den einzigen und komplett braunen Trieb dann kurzerhand knapp über dem Boden ab, im letzten Jahr kam nichts mehr.
Im letzten Dezember starb mein Vater. Einige Wochen später sah ich die alte Rose mit ihrem brüchigen Stamm an und überlegte, ob ich sie ausgraben und in meinen Garten umsetzen könnte. So brüchig und gebrechlich wie sie aussah, war das ein Risiko, aber bei einer Neugestaltung des Vorgartens würde sie vermutlich sofort rausfliegen. Vorsichtig ging ich mit einer Grabegabel ans Werk, aber kaum hatte ich die Erde etwas gelockert, brach der Stamm im Wurzelkern ab. Das Holz war innen weich und schon ziemlich verrottet. Ich pflanzte den Stamm trotzdem bei mir im Garten in einen Kübel ein. Erwartungsgemäß trocknete er weiter aus, bekam Risse und das Holz wurde hart und grau. Die Schneewittchenrose war endgültig tot. – Im Juni entfernte ich im Vorgarten meiner Eltern hochgewachsenes Unkraut. Plötzlich sah ich zwischen hohen Gräsern und kräftigen Disteln zwei weiße Blüten. Die kleine Schneewittchenrose war endlich angegangen und hatte einen schmalen Trieb und blühende Rosen ausgebildet! Mit schossen Tränen in die Augen. Das war wie ein Gruß von meinem Papa. Völlig problemlos ließ sie sich mit einem einzigen Spatenstich herausheben, ich nahm sie mit nach Hause und pflanzte sie erstmal in einen Blumentopf. Sie wuchs sofort an. Wie toll!

In dieser Woche bin ich in meinem Garten und komme an dem alten, vertrockneten Rosenstamm vorbei, den ich sentimental bis zum Frühjahr stehenlassen will, eher ich ihn endgültig entsorge. Er ist trocken wie Brennholz; da ist wirklich nichts mehr zu machen. Plötzlich sehe ich genauer hin. Zehn Zentimeter vom alten Stamm entfernt, kommt ein Rosentrieb aus der Erde! Ein Teil der kaum vorhandenen Wurzel hat noch so viel Kraft, dass ein neuer Stamm wächst. Puh! Schon wieder schießen mir Tränen in die Augen. Die jahrzehntealte, originale Schneewittchenrose meiner Eltern treibt aus der Wurzel nochmal aus und wird in meinem Garten blühen. Wie schön ist das denn! Vielleicht sollte ich mir angewöhnen, sie mehrfach im Jahr so radikal und unmöglich wie mein Vater zurückzuschneiden, damit sie sich zuhause fühlt.

Zum Ende der Woche öffnet sich doch ein unerwartetes Projekt, das möglichst schnell gemacht werden sollte. Entlang meines Gartenzaunes haben sich Pflanzen und Büsche ausgebreitet und drängeln sich unter, durch und über den Zaun zu den Nachbarn. Jetzt, wo ich es sehe, sollte ich das dringend ändern. Die ersten Wurzelausläufer gehen bis an Rand des Grundstückes und ich muss manchmal tief hacken, um sie rauszubekommen. Das ist eine Arbeit, die anstrengend ist, wenig Spaß macht und bei heißem Wetter komplett bescheuert ist. Ich versuche die Hauptarbeitszeiten in die Morgen- und Abendstunden zu legen, um nicht mit einem Sonnenstich zu enden. Nebenbei wächst ein Berg von Grünzeug, Ästen und Zweigen an, den ich noch schneiden, sägen und häckseln muss. In den Ferien! Hallo?
