Blog 926 – 25.01.2026 – Horizont, Erinnerungen, Beine und Kraniche
Es wird Zeit, die Dankeskarten nach der Beerdigung meines Vaters fertig zu machen. Schon die Trauerkarte zeigte schwarzweiße Fotos, darum bekommt auch die Dankeskarte eins. Bei einer seiner vielen Stunden im Segelboot hat mein Vater das Bild selber fotografiert. Ich finde es sehr passend. Ruhe, Weite und unterwegs in Richtung Horizont. Ich gebe die Karten in den Druck und bin sicher, dass sie ihm gefallen würden. Morgen hätte er seinen 90. Geburtstag gehabt.

In seinem Haus sehe ich Bücherregale und Schränke durch, um zu entscheiden, was ich behalten möchte. Ich versuche mich sehr einzuschränken, aber manche Bücher möchte ich gerne noch lesen, einige Sachen sind praktisch für meinen Haushalt und manchmal habe ich sofort eine emotionale Erinnerung und möchte nicht, dass die Gegenstände im Müll landen.

Für ein altes Zwei-Personen-Tupfenservice und einen getupften Krug mit Bechern habe ich absolut keinen Platz. Aber ich kann die Sachen doch nicht zurücklassen, wenn ich sie so sehr mag. Da werde ich wohl einige von meinen aktuellen Sachen aussortieren müssen, um Raum zu schaffen.

Immer wieder sage ich mir, dass der ganze Kram, den ich jetzt mitnehme, irgendwann von meinen eigenen Kindern mühevoll aussortiert werden muss. Das hilft, um während des Durchsehens der Schränke auch wegzuwerfen. Jahrelang gesammelte Kunstkalender landen im Papiermüll. Das tut mir fast schon weh, am liebsten würde ich sie behalten, aber sie wurden in den letzten zwanzig Jahren schon bei meinen Eltern nur gestapelt und nicht mehr angesehen, da möchte ich nicht, dass das bei mir so weitergeht. Gesammelte Sachen, die ich nur aufbewahre und nicht wirklich nutze, habe ich selber schon genug.

Immerhin leeren sich die ersten Schubladen und Fächer. Dass ich keinen Platz für eine Teak-Anrichte und eine Vitrine habe, die noch original aus den ganz frühen Sechzigerjahren sind, finde ich extrem schade. Gerade an die Anrichte habe ich meine frühesten Kindheitserinnerungen. Sie war immer da und ich mag ihr klares 60er-Design sehr. Die Vitrine ist kleiner und wenigstens die würde ich gerne behalten, aber nicht mal für sie habe ich Platz. Hach, das tut mir im Herzen weh, dass sie abgegeben werden müssen.

Bei meinem Puppenstück kann ich gerade nicht mit vollem Schwung dran sein, aber es soll zumindest immer etwas weitergehen. Ich nähe die Beine komplett fertig, die eine der Figuren für eine einzige, kurze Szene im Stück braucht. Eigentlich braucht sie nur ein Bein, aber falls Kinder die Puppe nach dem Stück mal ansehen, wirft es Fragen auf, wenn sie dann einbeinig ist. „Das war mir zu viel Arbeit“ ist da keine Erklärung.

Als alle Nähte gemacht sind, greife ich zu den Farben, um Gesichter, Hände und Beine etwas zu kolorieren. Das macht sie noch ausdrucksstärker. Zum Schluss nähe ich die Beine an. Das ist ein bisschen Arbeit, denn ich muss sie am runden Körper befestigen und trotzdem müssen sie parallel sein, gleich lang werden und mit den Füßen gerade nach vorne stehen. Kaum baumeln sie schön, entscheide ich, dass ich sie nicht haben möchte. Das ganze Stück über dieses Gebummsel der Beine, nur um damit eine kurze Szene zu spielen, ist mir zu anstrengend und schränkt mich womöglich bei anderen Szenen ein. Ich trenne die Beine wieder ab – was viel schneller als annähen geht – und streiche die Bein-Stelle aus dem Stück. Dabei lasse ich mir offen, ob ich sie irgendwann wieder reinschreibe, denn sie ist schon lustig. Vielleicht finde ich später, dass ich nicht auf sie verzichten sollte.

Oh, menno! Jetzt habe ich als Puppenbauerin so lange an den winzigen Zehen genäht, da kommt die Regisseurin und schmeißt die Szene einfach raus. Vor der ersten Probe! Das sind Situationen, in denen es im gurkentee-Imperium brodeln könnte. Glücklicherweise werden hier alle Entscheidungen sofort akzeptiert. Außerdem kann jede Mitarbeiterin jederzeit eine neue Entscheidung treffen, die dann ebenfalls akzeptiert wird. Die Regisseurin verschiebt sofort trotz fertiger Figuren den Probenstart, weil erstmal die Requisiteurin die ihr vorliegende Liste abarbeiten soll. Weil die Bein-Szene raus ist, kann sie aber ein recht arbeitsintensives Requisitenteil streichen. Prima. Außerdem wird die Bühnenbauerin daran erinnert, dass sie langsam mal auflisten sollte, was sie für den kleinen Spieltisch braucht. Zum Beispiel einen Tisch.
Die Dankeskarten, deren Lieferung erst in zwei Wochen angegeben war, kommen unerwartet früh vom Druck. Ich hatte angedacht, dass meine Schwester am Wochenende einen Teil des Beschriftens der Umschläge übernimmt, aber jetzt ist alles schon da und ich will nicht abwarten, denn bis dahin habe ich es selber gemacht. Was weg ist, ist weg. Tipp für Leute, die Trauerkarten schreiben: Ein Absender erleichtert eine eventuelle Rückantwort.
Während ich zu Fuß unterwegs bin, um die Umschläge mit den Dankeskarten in der Nachbarschaft meines Vaters selber in die Briefkästen zu werfen, höre ich auf einmal Gekrächze. Über mir fliegt die erste Formation Kraniche, die aus ihrem Überwinterungsurlaub zurückkommt. Wie wunderbar! Das Krächzen ist wie Musik für mich. Es lässt mich breit und liebevoll grinsen und treibt mir eine Rührungsträne in den Augenwinkel. In den letzten Wochen hat die Vogelgrippe viele Opfer bei den Kraninchen gefordert, und da ist es jetzt besonders schön und hoffnungsvoll, so eine große Formation am Himmel zu sehen. Sie haben es geschafft. Außerdem bedeutet es, dass der Frühling kommt.
