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Blog 927 – 01.02.2026 – Stille, Kartons, Tierärztin und J.R.

Ich räume das Haus meiner Eltern aus. Das ist ein komisches Gefühl. Schon wenn ich reinkomme, ist es seltsam, denn es ist komplett still. Gerade in den vergangenen zwei Jahren war mein Vater immer zuhause, und immer lief der Fernseher in hoher Lautstärke. An der Stille ist sofort zu merken, dass niemand mehr da ist.

Mehr als 50 Jahre haben meine Eltern im Haus gewohnt, und jetzt sortiere ich ihre Sachen in „Behalten“, „Verschenken“ „Verkaufen“ und „Wegwerfen“. Ich löse – sozusagen hinter ihrem Rücken – ihren Haushalt auf und denke immer wieder leicht bestürzt und mit ungutem Gefühl: „Wenn sie jetzt kommen und ich räume gerade ihr Haus leer!“ Es fühlt sich nicht richtig an. Gleichzeitig zeigt es mir, wie endlich ein Leben ist. Und wie viel Kram man mitschleppt, der anderen Leuten nichts mehr sagt. Nach und nach werden die Schränke leerer und die Zimmer fremder. Unpersönlicher. Ich vermute, dass ich mich am Ende leichter vom Haus verabschieden kann, weil es nicht mehr vertraut und lebendig aussehen wird.

Im Keller finde ich Unterlagen von Fortbildungskursen, die mein Vater vor 50 Jahren besucht hat. Ein dicker Ordner ist voll mit handschriftlichen Notizen zu rechtlichen Grundlagen, Kalkulationen, Zinsen, Beispielen für Geschäftsbriefe und bewerteten Prüfungsbögen. Ich bin sehr beeindruckt, denn obwohl ich natürlich von den früheren Fortbildungen gehört hatte, war mir bis jetzt gar nicht klar, wie umfangreich und detailliert er damals lernen musste. Ich hatte immer gedacht, dass er sich bei irgendwelchen technischen Neuerungen auf Stand halten musste – er war im frühen Lochkarten-Computerbereich beschäftigt -, aber das war ja das volle Betriebswirtschaftsprogramm. Gleichzeitig hatte er einen Vollzeitberuf, eine Frau und zwei Grundschulkinder.

Aber warum hat er die Unterlagen der Lehrgänge bis jetzt aufgehoben? Plötzlich fällt mir auf, wie respektvoll und mit Bewunderung ich gerade auf ihn und seine große Lernleistung gucke. Schon alleine dafür hat sich das Aufheben doch gelohnt. Aber so viel Arbeit und Mühe, so lange aufgehoben – und jetzt hefte ich mir nur zwei Seiten als Andenken ab und werfe den Rest in die Papiertonne. Wer will das denn noch durchlesen?

Nach einem Tag Sortieren bei meinem Vater brauche ich den nächsten Tag, um bei mir zuhause die mitgebrachten Kisten zu leeren und die Sachen möglichst irgendwo unterzubringen. Da meine eigenen Schränke mehr als voll sind, ist das nicht so einfach. Wer zufällig vorbeikommt, könnte denken, dass ich selber gerade umziehe. Viele Aktenordner sowie die Schuhkartons, Alben und Kisten voller Fotos und die Unterlagen zur Ahnenforschung werde ich vorerst nur irgendwo abstellen können. Da habe ich noch große Sortierarbeiten vor mir.


Das Kaninchen Paul ist krank. Gerade hat er sich von der schweren neurologischen „Sternengucker“-Krankheit einigermaßen erholt und ist am vergangenen Sonntag zum ersten Mal wieder mit fast geradem Kopf zielgerichtet und schnell durch das Gehege gehoppelt, da sitzt er plötzlich und atmet angestrengt und hörbar. Ich fahre mit ihm zur Tierärztin. Das sofort gemachte Röntgenbild zeigt die Lunge gesund und völlig unauffällig, auch ansonsten ist nichts zu finden. Schnupfen hat er nicht, aber irgendetwas hemmt seine Atmung. Vielleicht ein Abszess im Hals, der anschwillt? Wenn es schlimmer wird, könnte er ersticken. Sie gibt ihm Antibiotika und schlägt vor, ihn über Nacht in der Praxis zu behalten, um ihn im Blick zu behalten und eingreifen zu können, wenn er keine Luft mehr bekommt. Ach je, der kleine, nette Paul.

In der Nacht wache ich mehrfach auf und denke an ihn. Was macht er jetzt? Ist es besser geworden oder quält er sich? Am nächsten Morgen meldet sich die Tierärztin. Das Antibiotika hat keine Änderung gebracht, es ist nicht besser geworden, aber auch nicht schlimmer. Er atmet schwer, „frisst aber alles, was man ihm vorsetzt“, so die Tierärztin. Wir beschließen, dass ich ihn abhole und wir abwarten, wie es sich entwickelt. Ich erwähne, dass ich nachts mehrfach an ihn gedacht habe, und sie lächelt: „Ich auch“. Fast nebenbei erwähnt sie, dass er die Nacht neben ihrem Bett verbracht hat, damit sie ihn im Blick behalten und auf seine Atmung hören kann. Was für ein persönlicher Einsatz! So ein großes Herz für Tiere. Die Rechnung für die Behandlung, die Medikamente und das Röntgen – was der größte Posten auf der Liste ist -, geht nach dem üblichen Satz. „Dafür könnte ich vier kastrierte und geimpfte Kaninchen aus dem Tierschutz bekommen“, denke ich angesichts der Summe, was mich natürlich nicht davon abhält, Paul behandeln zu lassen. Eine private Übernachtung mit persönlicher Ärztinnenbetreuung steht im Übrigen nicht auf der Rechnung. Aber kommt vielleicht noch, wenn ich das nächste Mal mit ihm dort bin.

Ich fahre mit Paul die wenigen Minuten zurück nach Hause, und merke, dass er in seinem Transportkäfig immer schlapper wird. Er wird doch wohl nicht jetzt noch kollabieren? Als ich die Box ins Gehege stelle und öffne, liegt er schon halb auf der Seite und streckt die Hinterbeine kraftlos aus. Da hebt er den Kopf, merkt, dass er wieder zuhause ist, rappelt sich sofort hoch und hoppelt ziemlich fit aus der Box in sein Häuschen. Vermutlich hatte er gedacht, dass er zu weiteren Behandlungen gefahren wird und war mit den Nerven am Ende. War dann aber gar nicht so schlimm. Weiterhin atmet er etwas angestrengt, hält den Kopf deutlich schief, frisst aber mit gutem Appetit. Abwarten.


Seit Monaten – gefühlt Jahren – gucke ich beim Abwaschen die Serie „Dallas“ stückchenweise weiter. Dass ich jetzt am Ende der 23. und letzten Staffel angekommen bin, zeigt, wie viel Zeit ich am Spültisch verbringe. Ich lasse mich aber nicht einfach berieseln, sondern gucke kritisch und etwas distanziert auf die Story, die Logik und die Dramaturgie. Oft verziehe ich genervt das Gesicht, weil die Charaktere immer wieder komplett unlogische und unglaubwürdige Verhaltensänderungen durchziehen. Mit jeder weiteren Staffel ist zu erkennen, dass verzweifelt versucht wurde, die Serie interessant zu halten. Klappte aber nicht. Irgendwann war alles auserzählt, doppelt und dreifach passiert, und auch die seltsamsten Neuzugänge und die schrägsten Ideen zerfaserten alles nur noch weiter.

Interessant waren immerhin die zeitgeschichtlichen Bezüge. Öl galt – auch für die Zukunft – als Garant für Macht und Reichtum, die ersten hochmodernen Computer waren dicke Klötze, die piepende Geräusche machten, und die Mode war – oh je. Und es gab noch keine Handys, so dass Leute, die unterwegs waren, tatsächlich weg waren und nicht erreicht werden konnten. Außer die ganz Reichen, die in den letzten Folgen manchmal schon klobige Autotelefone hatten. Und so sagt J.R. in einer Folge empört: „Im Zeitalter von CB-Funk und Autotelefonen muss er doch zu finden sein!“ Es zieht sich aber auch durch, dass man mit Macht und Geld alles bestimmen darf, keine Rücksicht auf Gesetze nehmen muss und völlig selbstverständlich korrupt ist. Ich glaube ja, dass Donald Trump früher Dallas geguckt und sich J.R. als Vorbild genommen hat. Nur dass J.R. Ewing Verstand und zumindest Reste von Moral und Gewissen hat.

Die beiden letzten Folgen der Serie sind eine Zumutung. J.R. wird im Stil von „Ist das Leben nicht schön“ von einem „Engel“ besucht und erfährt, wie das Leben der Anderen ohne ihn verlaufen wäre. Gähn. Ich ziehe die Folgen nur durch, weil ich jetzt den Ehrgeiz habe, ein Mal im Leben alle Folgen von Dallas gesehen zu haben. Spülen muss ich ja sowieso. Am Ende gibt es einen Schuss und es ist nicht klar, ob J.R. nun tot ist oder nicht. Das ist mir inzwischen aber völlig egal. „Geschafft!“, denke ich erleichtert, und frage mich gleich danach: „Und was gucke ich jetzt während des Spülens?“


Am Freitag fahre ich erneut zum Haus meines Vaters. Vor der Haustür steht eine in Plastik verpackte Kerze. Ich bin gerührt, weil die vermutlich jemand im Gedenken an ihn dort hingestellt hat. Dann sehe ich, dass ein Spruch darauf gedruckt ist, mit dem die Kirchengemeinde ihm zum 90. Geburtstag gratuliert. Der war vier Tage vorher. Dass sich noch nicht bis zum Kirchenbüro herumgesprochen hat, dass mein Vater vor sieben Wochen gestorben ist, zeigt, wie wenig er in die kirchliche Welt seiner zuständigen Pfarrei eingebunden war.

Etwas später fällt mir ein, dass sie ihm vielleicht zum 90. Geburtstag gratulieren wollten, obwohl er gestorben ist. Oder dass sie die Kerze extra haben anfertigen lassen und jetzt nicht herumliegen haben wollen, bis der Nächste 90 wird. So oder so, ich finde es dann doch nett und bin gerührt. Und meinem Vater hätte es auf jeden Fall sehr gefallen. Danke!