Blog 940 – 03.05.2026 – Sandsäcke, Perscheid-Ausstellung und Theaterdetails
Den Sonntag verbringe ich mit niederländischen Zahlen, Singular und Plural, Essensbestellungen und Wegbeschreibungen. Es ist nur ein Wochenendkurs, aber es kommt ziemlich viel in den Kopf rein, und weil es gut erklärt und gut geübt wird, bleibt auch viel drin.

Die Aussprache klappt bei mir recht gut, lesen und begreifen kann ich erstaunlich viel – das ist schon mal gut. Nicht so gut ist, dass ich weiterhin schnell gesprochenes Niederländisch nur schwer bis kaum verstehe und beim Bilden eines eigenen Satzes so viel Zeit brauche, dass niemand abwarten wird, bis ich damit fertig bin. Ich sollte bei Besuchen in den Niederlanden darum bitten, dass mir alle Sätze schriftlich vorgelegt werden. Ich kann dann mit Essensbestellungen und Wegbeschreibungen antworten. Aber ich will üben. Ich finde die Sprache wirklich schön. Maar ik wil oefenen. Ik vind de taal echt mooi.
Zu Beginn der Woche bemerke ich in mir eine deutliche Änderung. Ich spüre extrem viel Energie und bin vorfreudig gut gelaunt wie ein Kind vor Beginn der großen Sommerferien. Das Haus meiner Eltern ist so gut wie leergeräumt und auch so gut wie verkauft. Bald habe ich dementsprechend keine Arbeit und keine Verpflichtungen mehr. So traurig es ist, dass meine Eltern nicht mehr da sind – was mich zu meiner eigenen Verwunderung manchmal mit seiner Endgültigkeit erschreckt – die letzten fünf Jahre waren auch anstrengend für mich. Die zunehmende Betreuung hatte immer mehr meiner Zeit und Energie beansprucht, so dass ich schließlich nur noch sehr wenig kreativ sein konnte. Es ging nicht anders, ich bin auch froh, dass ich für meine Eltern da sein konnte, aber jetzt kann ich die letzten Sandsäcke abwerfen und wieder in mein eigenes Leben starten. Dass dabei vorher in meinem Haus das Sortieren und Aufräumen ansteht, weil die mitgenommenen und überall gestapelten Sachen irgendwo untergebracht werden müssen, versuche ich mir kleinzureden. Aber das schaffe ich auch noch.
Schon wieder bin ich unterwegs nach Frankfurt. Dem Sohn bringe ich die Esel-Puppe und den Deko-Dudelsack für eventuelle Einsätze im nächsten Theaterstück mit, und ich möchte die Perscheid-Ausstellung im Caricatura-Museum ansehen. Auf der Hinfahrt geht mir sofort wieder mein noch zu schreibendes Theaterstück durch den Kopf. Als hätten die Hirnzellen nur darauf gewartet, dass sie mich mal wieder zwei Stunden alleine zur Verfügung haben. Die grundsätzliche Handlung des Stückes steht. Aber wo baue ich eigentlich die Auflösung ein? Gegen Ende der Haupthandlung, wenn es auf der Bühne nochmal richtig hochkochen kann? Oder erst, wenn fast alle abgegangen sind und die Geschichte beinahe vorbei ist? Ich gehe die Szenen gedanklich in beiden Varianten durch und finde die Version mit einer späteren Erklärung eleganter. Die explodierenden Reaktionen müssen ja gar nicht zu sehen sein, wenn man sie sich gut vorstellen kann. Damit wird der Schluss allerdings etwas textlastig. Das werde ich kritisch betrachten müssen, wenn ich dann mal das komplette Theaterstück geschrieben vor mir habe.
„Das kann nur Perscheid“ heißt die Ausstellung, die in den Räumen des Caricatura genau da hängt, wo vor zwei Jahren die Loriot-Ausstellung zu sehen war. Dass Martin Perscheid es mit einer Werkschau dahin geschafft hat, ist toll, aber weder unerwartet noch unverdient. Seine Cartoons waren treffend, witzig, voll von trockenem, oft schwarzem Humor und ohne Angst vor Tabus. „Ich wusste gar nicht, wie bekannt er war“, sagte seine Mutter traurig und ein bisschen verwundert, mit der ich mich im Dezember, beim Essen nach der Beerdigung meines Vaters, unterhielt. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass er erfolgreich war. Aber wie das in einer Familie ist: Da war er „Martin“, eines der Kinder. Der Martin, der lustige Zeichnungen machte und damit irgendwie sein Geld verdiente. Und den man, weil er an keine Bürozeiten gebunden war, anrufen konnte, ob er nachher noch schnell Kartoffeln kaufen und eben vorbeibringen könne. Für sehr viele andere Leute war er „DER Perscheid“.

In den seriösen Ausstellungräumen, in denen Originalzeichnungen und Drucke ordentlich gehängt sind, stehen seriöse Besucher*innen und betrachten die Werke aufmerksam. Es sieht aus wie bei einer normalen Ausstellung, aber die Akustik passt nicht. Immer wieder sind in der Stille Pruster zu hören, lautes Auflachen und freudiges Gekicher. Manchmal lacht jemand plötzlich hemmungslos los und braucht eine Weile, bis er sich wieder fasst. Das ist schon sehr lustig.

Der Sohn und ich freuen uns auch über Cartoons, die wir schon kennen, was gut ist, denn wir kennen die meisten. Ein bisschen mehr über Martin selber, den Menschen, hätte uns gefallen. Am meisten berührt sind wir von seinem im Raum aufgestellten Motorrad, das er selber restauriert und gerne gefahren hat. Es hat das Baujahr 1966 – wie sein Geburtsjahr. Da fühlen wir auf einmal eine Verbindung zu ihm, die nichts mit den Zeichnungen zu tun hat.

Sehr schön finde ich, dass auch einige Skizzen und Vorzeichnungen zu sehen sind. Erstaunlich ist, wie aktuell viele seiner Cartoons immer noch sind. Er hatte einen guten Blick auf die Gesellschaft. Wie traurig und jammerjammerschade, dass er so früh gestorben ist.

Am Abend machen wir eine Spazierrunde im Rennbahnpark – der früher tatsächlich eine Pferderennbahn war -, und in dem ich mich nur mit Mühe davon abhalten kann, auf bereitstehenden Pferden loszugaloppieren.

Stattdessen laufen wir über spannende Waldwege.

Am nächsten Morgen wache ich früh auf. Der Sohn schläft noch und ich setze mich mit Decke, Tee und Buch auf den Balkon und lese erstmal ausgiebig. Ich habe nichts zu tun, kein Termin steht an. Und in Frankfurt kann ich auch nicht an meinen Stapelbergen arbeiten. Ferien. Das tut mal richtig gut.

Am frühen Nachmittag fahre ich zurück nach Hause. Während der zweistündigen Autofahrt gehe ich schon wieder Szenen des Theaterstücks durch. Die kommen nicht nur selbständig aus meinem Kopf und ich habe Spaß, mich mit ihnen zu beschäftigen, mir fallen auch Stellen auf, die noch nicht ganz logisch sind und die ich entweder rauswerfen oder sinnvoll ändern muss. Außerdem überlege ich eine Weile, ob zwei der Personen heimlich zusammenarbeiten, spiele dementsprechend den Verlauf der Geschichte durch, entscheide mich aber dagegen, weil das dem Stück nichts bringt. Die Idee ist nett und funktioniert, aber das Stück ist schon ereignisreich und spannend genug. Und plötzlich fällt mir auch noch der Hintergrund zu einer Rolle ein, der einer Person eine Entscheidung schwer und die Fallhöhe hoch macht. Das passt gut. Ich muss einfach noch oft genug nach Frankfurt und zurück fahren, und das Stück ist fertig zum Runterschreiben.
Das neue Peter-Kaninchen ist immer noch zuckersüß und sehr niedlich. Ich bin ein bisschen schockverliebt.

Im Hof räume ich die ersten Kisten aus und sortiere um. Es ist viel Zeug und bevor ich alles definitiv unterbringen kann, muss ich vorher an anderen Stellen aufräumen und Platz schaffen. Aus der Werkstatt meines Vaters habe ich einen hohen Stapel Schmirgelpapier mitgenommen. Wohin damit? Meine eigene Box für Schmirgelpapier ist randvoll. Bis ich eine Antwort finde, muss der Neuzugang in der abgestellten Kiste bleiben. Es ist ein bisschen frustrierend, weil ich nicht schnell durcharbeiten kann, sondern immer wieder vor Unterbringungsproblemen stehe. Zwischendurch räume ich auch im Wohnzimmer los und dünne zumindest die ersten Ablageordner meines Vaters aus. Es wird alles noch dauern, es wird Verzögerungen geben, aber jeden Tag hier und dort ein Stück weitergemacht, dann wird es irgendwann fertig sein.

Auch im Garten wächst momentan alles in hoher Geschwindigkeit zu und ich bin dort gefordert. Das braucht ebenfalls seine Zeit. Immerhin gibt es einige Ecken, in denen ich möglichst jeden Tag mal für eine halbe Stunde mit Tee und Buch sitze. Ich tu dann so, als wäre ich schon fertig mit allen weiteren Arbeiten. Verdrängen und genießen kann ich gut.

Bloß kein Stress, denke ich mir. Die anstehende Arbeit reicht für einige Wochen, ich muss jetzt aber nicht panisch loshetzen. Ob ich im Juli fertig werde oder im Oktober, ist doch egal. Schon bald werde ich neben dem Aufräumen auch mit den Proben für das Puppenstück loslegen. Langsam wird sich mein eigenes Leben wieder einschleichen. Es hat jetzt schon begonnen.