Blog 958 – 06.09.2026 – Peggy March, Hans Albers und Armleuchter
„Weißt du, dass Bjarne Mädel eine Lesung in Bonn macht?“, fragt der Gatte zu Beginn der Woche. „Was?“, frage ich und bin sofort sehr interessiert. Er setzt hinterher: „Aber da kannst du nicht. Das ist am Sonntag, da hast du Casting.“ „Oh, schade“, sage ich und kombiniere messerscharf: „Das bedeutet, dass Bjarne Mädel nicht zu meinem Casting kommen kann.“ Das nur, falls mal jemand nach Gründen fragt, warum Bjarne Mädel nicht bei „Die Folgen des Erfolgs“ mitspielt: Er konnte nicht zum Castingtermin kommen. Abgesehen davon hat er auch keine Ahnung, was bei mir so läuft. Anke Engelke, Annette Frier, Hape Kerkeling und Bastian Pastewka sind von mir auch nicht informiert worden. Sie wissen also weder, dass Rollen zu besetzen sind noch was ihnen da entgeht. Und das, obwohl ich sofort wüsste, welche Rollen sie bekämen.
Andererseits ist das mit den Promis auch immer so eine Sache. Als ich 2014 mal Ferenc von den Wise Guys bei meinem Live-Hörspiel im Team hatte, kam die regionale Presse, um vorwiegend ein Interview mit IHM zu machen und schrieb die Artikel so, als wäre er eine der Hauptpersonen des Stücks. Dabei wurde er rollengemäß nach 15 Minuten ermordet und saß den Rest des Stückes wartend in der Garderobe. Seinen Auftritt hat er sehr gut gemacht, aber das Verhältnis von Presseaufmerksamkeit zu Rollenlänge war nur mit dem „Da ist einer von den Wise Guys“ zu erklären. Sehr lustig übrigens, dass einer der Mitspieler bei den ersten Proben Ferenc nicht erkannte – er hatte ihn nicht an diesem Ort erwartet und bei uns hieß er einfach „Ferenc“ und nicht „Ferenc von den Wise Guys“ – und ihn ernsthaft ansprach: „Du hast so eine tolle Stimme. Hast du schon mal überlegt, beruflich etwas damit zu machen?“ Soweit ich mich erinnere, blieb Ferenc ganz cool und antwortete ernst, dass er noch nicht auf die Idee gekommen sei, sich das aber vielleicht mal überlegen würde, während der Frager später, als er alles durchschaute, peinlich berührt war und wir ihn lachend trösten mussten.

Die im Bau befindlichen Wandleuchten brauchen runde Holzscheiben, mit denen ich sie an der Wand befestigen kann und die Platz haben, um Kabel und Klemmen verschwinden zu lassen. Ich überlege mir eine Konstruktion, dann heißt es Kreise aussägen und schmirgeln.

Danach Kreise und Arme zusammensetzen und verkleben, Ansätze mit Zeitungspapier kaschieren und alles wieder trocknen lassen. Noch sieht es aus, als würden die Hände leere Toilettenpapierrollen umklammern. Ich könnte es zu Mahnmalen „Wer hat das letzte Papier verbraucht?“ erklären und in Serie produzieren. Die Zeitungsschnipsel als Oberfläche gefallen mir – das verwischt für das Auge die Form ein wenig und hat etwas von Kunst. Ich werde trotzdem noch alles bemalen. Auf jeden Fall werde ich am Ende tatsächlich „Armleuchter“ haben.

Christoph Marti, ein Teil der „Geschwister Pfister“, ist als „Ursli Pfister“ mit seinem Programm „Peggy March, Frau Huggenberger und ich“ sowie der großartigen Jo Roloff Band und zwei Backgroundsängerinnen, die auch tanzen, im Bonner Pantheon. Ich habe nicht sehr viel von Peggy March im Ohr, aber in meinen hinteren Hirnarchiven liegen natürlich zumindest die Refrains einiger Hits abrufbereit, weil ich sie damals mitbekommen habe. Schlager sind nicht meine Musik, wobei ich durchaus erkenne, dass es dumme Schlager gibt, die ich gar nicht anhören kann, und solche, bei denen Text und Musik Anspruch haben und oft nur noch am Rande des Schlagergenres kratzen. Generell gilt aber für mich: Alles, was von den Pfisters gebracht wird, ist sehen- und hörenswert, und sie bringen die Zeit und Atmosphäre jeder Musikart so liebevoll auf die Bühne, dass ich mich ohne jeden Widerstand begeistert mitziehen lasse. Seit ich vor Jahren in ihrem Programm über Mireille Mathieu und Peter Alexander war, denke ich, ich hätte Mireille und Peter live auf der Bühne erlebt, so intensiv hat es sich eingebrannt.
Diesmal also Peggy March, und es zeigt sich, dass zwar die Kunstfigur „Ursli Pfister“ auf dem Plakat steht und auf der Bühne singt und tanzt, dazwischen aber Christoph Marti immer wieder aus seiner persönlichen Sicht erzählt. Das ist sehr schön und oft berührend. Wie er Anfang der Siebziger Jahre im schweizerischen Bern aufwuchs und als Kind zum ersten Mal ein Lied von Peggy March hörte. Wie er bei den Nachbarn, den Huggenbergers, immer Platten anhören durfte und wie ihn das alles nicht nur zu einem großen Fan von Peggy March machte, sondern schließlich zum Theater brachte. Es gibt schöne Peggy March Lieder, viele Choreographien, tolle Kostüme, eine schöne Inszenierung und warmherzige Erzählungen. Es ist ein herzberührender Abend.

Am nächsten Abend sehe ich mir „Hans Albers – sein Leben, seine Lieder“ mit Dirk Witthuhn und Wolfgang Völkl an. Der örtliche Kulturkreis Erftstadt hat die Veranstaltung organisiert und sie findet fünf Fahrminuten von mir entfernt statt. Im Programm werden das Leben und die künstlerische Laufbahn von Hans Albers dargestellt, erzählt und mit passenden Liedern aus seinem Repertoire ergänzt. Es ist kurzweilig und sehr gut. Kraftvoll und mit Hoppla-jetzt-komm-ich-Energie vermittelt Dirk Witthuhn den Charakter von Hans Albers, kann aber auch leise und besinnlich werden. Er imitiert nicht, kann die Persönlichkeit aber sehr gut rüberbringen. Es gibt gute Musik und viele Lieder, die Albers gesungen hat und es ist eine sehr schöne und runde Inszenierung, die fast wie nebenbei auch eine informative Biographie von Albers ist. Am Ende applaudiert das Publikum sehr begeistert und ich habe das Gefühl, ich hätte Hans Albers tatsächlich mal auf der Bühne erlebt.

Die Armleuchter nehmen Farbe an und jetzt sind die Hände und Kerzen auf den ersten Blick zu erkennen. Lampenfassungen und Kabel liegen bereit, ich hoffe, dass die Fassungen gut passen und weder oben rausgucken noch nach unten rutschen. Ich habe alles abgemessen, kann sie aber jetzt nicht einfach mal reinstecken, weil es innen so knapp sein könnte, dass ich sie nicht mehr rausbekomme. Das werde ich also erst machen, wenn auch die Kabel schon angeklemmt sind. Als Lichter müssten am besten spitze Glühbirnen in Flammenform mit einem kleinen Zipfel am Ende rein, die im besten Fall auch noch leicht flackern. Früher gab es die problemlos zu kaufen, aber inzwischen sind sie aus dem Standardprogramm raus. Vermutlich zu Recht. Für Armleuchter sind sie aber genau richtig. Im Internet wird etwas zu finden sein.

Heute geht der erste Schritt los auf dem Weg bis zur Aufführung von „Die Folgen des Erfolgs“. Am Nachmittag ist der „Casting“-Termin, und auf meinem Tisch liegen gerade die Textauszüge und Listen, die ich dafür brauche. Ich weiß nicht, wie viele Leute kommen werden und wer davon am Ende mitspielen möchte oder kann, denn es gibt bereits feststehende Termine, die dann auch passen müssen. Seit Tagen bin ich ziemlich hibbelig, weil ich so gerne schon wüsste, wer im Team ist. Dabei weiß ich genau, dass ich dafür das Casting abwarten muss und bis dahin in der Planung ausgebremst bin. In der nächsten Woche werde ich Personen und Rollen auf Zettelchen schreiben, kombinieren, schieben, tauschen, neu kombinieren und mich idealerweise schnell für ein gutes Team entscheiden können. Dabei gilt nicht zwangsläufig, dass ich die neun besten Schauspieler*innen wähle, sondern diejenigen, die für das Stück passen und eine funktionierende Mischung der verschiedenen Charaktere versprechen. Idealerweise sind das dann aber alle auch beste Schauspielende.