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Blog 919 – 07.12.2025 – Lebenswege und Pfotenabdrücke

In der letzten Woche schlief unsere Katze viel und fraß wenig. Das ist in den letzten Monaten öfter mal für ein paar Tage geschehen, danach war wieder alles normal. Sie wollte aber auch nicht nach draußen. Das war ungewöhnlich. Sogar in den Nächten blieb sie im Haus, was nie vorher passiert war. Es war allerdings auch eisig kalt, sie ist inzwischen fünfzehneinhalb Jahre alt und mag windige Kälte gar nicht. Am Samstag will sie nicht fressen und schläft viel. Immerhin trinkt sie noch gut. Ich lege ihr im Wohnzimmer Decken hin, damit sie nicht auf dem kalten Laminat liegen muss und stelle ihr Katzenklo in die Nähe. Sie mag es gerne, wenn sie irgendwo liegen kann, aber um sie herum ihre Leute sind. Zwischendurch läuft sie etwas herum, kommt, um sich streicheln zu lassen, trinkt oder geht aufs Katzenklo. Wahrscheinlich frisst sie in der nächsten Woche wieder doppelte Portionen, um alles nachzuholen.


Am Sonntag fährt meine Schwester zu meinem Vater, darum habe ich etwas Zeit. Ich schnipple an der dritten Figur des Puppenstücks. Das wird eine kleine Kröte, deren reduzierte Größe nicht heißt, dass sie schneller als große Figuren gebaut und genäht ist. Eher im Gegenteil. Die Beine werden fuzzelige Näharbeit werden.

Die Katze schläft weiterhin viel. Manchmal fühlt sie sich kühl an, dann decke ich sie leicht zu, was ihr gefällt. Zumindest so lange, bis es ihr zu warm wird. Ich halte sie im Blick. Sie wirkt schlapp, das gefällt mir nicht. Morgen will ich sofort mit ihr zur Tierärztin.

Am Abend verweigert sie plötzlich das Wasser. Oh, das sieht nicht gut aus. Für die Nacht lege ich mir Decken auf den Boden, um auf diesem sehr, sehr unbequemen Untergrund in ihrer Nähe zu bleiben. Sie ist unruhig und läuft – inzwischen wackelig – herum, kommt aber auch immer wieder zu mir, legt sich neben mich, lässt sich streicheln und schläft für eine Weile fest ein. Um drei Uhr morgens merke ich, dass eine Veränderung eingetreten ist. Sie kann nicht mehr aufstehen und wirkt sehr kraftlos. Oh je, bis die Tierarztpraxis am Morgen öffnet, dauert es noch fünf lange Stunden! Hoffentlich wird sie nicht noch kraftloser und hoffentlich kann ich sofort einen frühen Termin bekommen. „Halt durch bis neun Uhr! Komm, das schaffst du!“, sage ich der Katze immer wieder eindringlich.

Stunde für Stunde zieht sich hin. Ich bin wach, die Katze liegt neben mir und lässt sich immer wieder streicheln, verweigert aber jeden Tropfen Wasser. Um 6 Uhr stehe ich auf, nehme sie auf den Arm und setze mich mit ihr in einen Sessel. „Bis neun Uhr musst du es schaffen“, sage ich immer wieder. Die Katze liegt ruhig in meinem Arm und kuschelt sich an. Wie lang jetzt jede Stunde ist! Dann ist es kurz vor 9 Uhr – die Katze hat es tatsächlich geschafft – und ich will aufstehen und mich schnell anziehen, um nach dem Telefonat hoffentlich sofort mit ihr losfahren zu können, da stirbt sie. Leise und recht schnell. Genau um 9 Uhr. Sie hat sich ganz brav an meinen Wunsch gehalten und bis 9 Uhr durchgehalten. Aber irgendwas hat sie dann doch ganz falsch verstanden.

Wie traurig. Aber was für ein Glück, dass sie so pünktlich war und nicht eine halbe Stunde später gestorben ist. Dann hätte ich sie womöglich gerade noch in die Tierarztpraxis gebracht, wo sie Angst gehabt hätte, unangenehm gedreht, gewendet und untersucht und vielleicht sogar in eine Box gelegt und an eine Infusion gehängt worden wäre, während nebenan Hunde bellen, niemand „ihrer“ Familie bei ihr ist und sie dann in dieser Umgebung stirbt. Jetzt war sie im ruhigen Zuhause und im Arm ihrer vertrauten Lieblingsperson. Alles richtig gemacht, Katzi.

Vor etwas mehr als 14 Jahren saß sie plötzlich vor unserem Fenster, mager und alleine, ungechipt und unkastriert, ist geblieben, wurde gechipt und kastriert und Teil unserer Familie.

Obwohl sie freundlich, zurückhaltend und eher ängstlich war, war sie eine Ich-will-raus-Katze, die abenteuerlich auf Bäume geklettert ist, Begegnungen mit Hunden und Autos hatte und manchmal auch humpelnd nach Hause kam. Immer wieder habe ich ihr gesagt, wenn es ihr schlecht ginge, solle sie sich bitte nicht draußen im Gebüsch zusammenrollen und sterben, weil ich mir dann viele Sorgen machen würde, sondern unbedingt nach Hause kommen. Immerhin das hat sie vertrauensvoll gemacht. Sie wird uns sehr fehlen.

Etwas später entdecke ich auf dem Laminat im Flur einen Pfotenabdruck, den sie am Vorabend mit nassen Katzenstreu an den Vorderfüßen gemacht hat. Ach, wie kann ich denn jemals wieder über diese Stelle putzen? Am liebsten würde ich sie mit Lack versiegeln, aber das sieht ja auch blöd aus. Ich warte erstmal lange mit dem nächsten Putzen ab und werde vorerst sehr vorsichtig drumherum kehren.

Mittags fahre ich die 40 Kilometer nach Bad Neuenahr zu meinem Vater, der auffallend verwirrt ist und die Situation nicht geordnet bekommt. Er ist sehr müde und spricht von Verbindungsleitungen, über die Informationen gesammelt und an andere Krankenhäuser weitergeleitet werden. Vor zwei Tagen war er viel klarer und richtig gut drauf. Nicht, dass sie ihm Antidepressiva geben, die hat er ohne unser Wissen schon nach dem letzten Schlaganfall bekommen und mit großer Verwirrtheit darauf reagiert. Da werde ich dringend einen Arzt oder eine Ärztin sprechen müssen. Falls mal jemand zu sehen ist. Bisher sind ärztliche Auskunftspersonen nur im Vorbeiflug auf dem Flur zu erahnen und ansonsten immer in Besprechungen verschwunden oder bei dringenden Terminen. Immerhin löffelt er sein püriertes Krankenhausessen inzwischen wieder selber. Zumindest einige Bissen, dann hat er kein Interesse mehr, denn es schmeckt ihm überhaupt nicht. Ich überlege, ob ich ihm mal ein kräftiges Lieblingsessen vorbeibringe, das ihm wohl auch in pürierter Form sehr schmecken würde. Ich habe aber Sorge, dass er das dann jeden Tag verlangt.


Am nächsten Tag komme ich mittags, kurz nach Beginn der Besuchszeit bei meinem Vater in der Klinik an und erfahre, dass die Visite schon stattgefunden hat. Das kann doch nicht sein, dass ich keine Möglichkeit bekomme, mit einem Arzt zu sprechen. Auf Anraten eines Pflegers schreibe ich eine Mail ans Sekretariat mit der Bitte um einen Arzttermin. Es werden zwei mögliche Ansprechpartnerinnen für Terminplanungen angegeben, ich wähle die Mailadresse der ersten. Das wird dann hoffentlich morgen klappen. Es ist schon wichtig auszuschließen, dass er Medikamente bekommt, auf die er nicht gut reagiert.

Am Abend gehe ich zu einer Veranstaltung des heimatlichen Kulturkreises. Moritz Netenjakob und Christoph Maria Herbst treten mit dem „ernsthaften Bemühen um Albernheit“ auf. Dass Moritz Netenjakob sehr gut in vielen verschiedenen Stimmen von Prominenten sprechen kann, wusste ich, aber dass auch Christoph Maria Herbst darin außerordentlich gut ist, überrascht mich. Die beiden agieren freundschaftlich und sehr vertraut miteinander. Sie plaudern, lesen und machen Quatsch, und es geht nicht darum, wer besser ist, sondern um alberne und lustige Geschichten. Weil sie sich beim Zwei-Personen-Sketch „Die Kuh Elsa“ von Hallervorden angeblich nicht entscheiden konnten, wer von ihnen mit Hallervorden-Stimme spricht, sprechen sie beide so. Das ist der Overload. Es ist sehr lustig, aber gleichzeitig auch schwer zu ertragen. Moritz Netenjakob bricht mehrfach in Lachen aus, wenn er zu Christoph Maria Herbst sieht, der wie Hallervorden spricht und dabei das Gesicht verzieht. Danach gibt Herbst lachend zu: „Wir haben es unterschätzt.“

Es ist ein sehr lustiger Abend mit zwei sehr tollen Leuten auf der Bühne. Ich plane ein Foto beim abschließenden Verbeugen, aber genau in diesem Moment gibt es Standig Ovation und vor mir sind plötzlich nur noch Köpfe und Schultern zu sehen. Endlich gibt es eine Lücke, da gehen die Akteure schon ab.


Am nächsten Tag bin ich wieder bei meinem Vater, dem es ein wenig besser geht. Er ist nicht mehr so verwirrt und besorgt, dafür schläft er wieder mehr. Ich gehe zum Sekretariat, weil ich immer noch keine Antwort auf meine Mail habe. Es stellt sich heraus, dass die Mail nicht gelesen wurde, weil die Dame, die ich angeschrieben habe, in Urlaub ist. Es hätte eigentlich eine automatische Rückmail mit dem Hinweis auf den nicht besetzten Arbeitsplatz geben sollen, gab es aber nicht. Die andere Dame im Sekretariat ist sehr freundlich und sagt, dass sie meine Telefonnummer sofort an die Ärztin weitergibt und diese sich heute noch bei mir melden wird.

Am Nachmittag bringen wir im Keller Vorhangstangen an und ich nähe die Gardinen passend. Ein Vorhang vor Regale und Abstellflächen gehängt und es sieht gleich ordentlicher aus. Bis zum Abend meldet sich keine Ärztin.


Am Donnerstag übernimmt meine Schwester den Besuch im Krankenhaus, so dass ich zuhause bleiben kann. Das nutze ich, um nicht zuhause zu bleiben, sondern zum Haus meines Vaters zu fahren, um nach der Post zu sehen und danach Lebensmittel und im Baumarkt einzukaufen. Der soziale Dienst und die Krankenkasse meines Vaters melden sich, dass die Reha genehmigt ist, die in der nächsten Woche in einer Bonner Klinik beginnen wird. Prima! Drei Wochen mit viel Physiotherapie werden ihn hoffentlich wieder auf die Beine bringen. Die Ärztin hat immer noch nicht angerufen. Ich kann immer noch nicht besprechen, ob er Antidepressiva bekommt und berichten, was das für Auswirkungen haben könnte. Morgen werde ich erneut einen Termin verlangen müssen. Es kann doch nicht sein, dass seit vier Tagen niemand zu sprechen ist.

Am Abend versuche ich ein bisschen Kreativzeit nachzuholen. Damit die Zeit der in jedem Zimmer herumfliegenden Schaumstoff-Schnipsel möglichst bald vorüber ist, mache ich einen Schnitzmarathon. Zwei Arme, zwei Hufe, zwei Beine, zwei Füße und ein Tortenstück entstehen. Alles für das neue Puppenstück. Am Schluss kehre ich viele Schnipsel zusammen, klopfe sie von meiner Kleidung, sammle sie von der Treppe und habe jetzt nur noch Näharbeit vor mir.


Am nächsten Morgen um 5 Uhr früh klingelt mein Handy. Ein Arzt teilt mir mit, dass mein Vater im Krankenhaus verstorben ist. Im Schlaf. Völlig unerwartet. Ich bin im ersten Moment nur froh, dass der Arzt nicht von einem weiteren Schlaganfall meines Vaters spricht und er jetzt auch noch gelähmt wäre. Unerwartet gestorben. Für meinen Vater ist es die Erlösung aus einem sehr mühsam gewordenen Leben, an dem er keine Freude und für das er keine Energie mehr hatte. Im Schlaf einfach aufhören zu atmen, ist ein gutes, sanftes Ende.

Ich fahre sofort ins Krankenhaus, um ihn nochmal zu sehen. Ach, Papa. Auf meinem Schrank liegen die gedruckten Einladungen zu deinem 90. Geburtstag, Ende Januar. Es wäre schön gewesen, wenn du den noch Zuhause und mit deinen Besuchern erlebt hättest.

Nach einer Weile packe ich seine Sachen zusammen, versichere ihm – der in den letzten Tagen ständig besorgt und verängstigt war, dass vielleicht niemand weiß, wie es weitergeht und was gemacht werden muss, – dass sie im Krankenhaus jetzt eine Liste haben, die sie Punkt für Punkt abarbeiten. Dass darum alles läuft, ohne dass er sich selber um etwas kümmern muss.

Zuhause geht es los mit viel Telefoniererei und Whatsappen. Der Bestatter muss informiert werden, Verwandte, Bekannte und Freunde angerufen, die Krankenkasse, die Tagespflege … Mir wird plötzlich klar, dass von seinem großen Freundes- und Bekanntenkreis inzwischen weit mehr Leute im „Himmel“ sind, als auf der Erde. So ist das, wenn man sehr alt wird und irgendwann zu den wenigen „Übrigen“ gehört. Vielleicht trifft er jetzt die vielen Jugendfreunde wieder, die er so vermisst hat. „Das geht mir nicht in den Kopf, dass die fast alle weg sind“, sagte er erst vor kurzem.


Am nächsten Morgen treffen meine Schwester und ich im Haus meines Vaters den Bestatter, um alles für die Beerdigung zu besprechen. Da mein Vater vorher die meisten Sachen klar angesprochen hat, können wir problemlos entscheiden. Sogar die vom ihm gewünschte Trauerrednerin, die ich letztens erst gefragt habe, ob sie zum 90. Geburtstag kommen könnte, hat am Beerdigungstermin Zeit und wird kommen. Weil es keine komplett überzeugende Lokalität gibt, wo wir danach zum Trauerkaffee gehen können, wählen wir spontan ein Chinarestaurant. Es ist vielleicht etwas ungewöhnlich, aber warum sollten wir nicht mit den Trauergästen zusammen essen gehen. Meinem Vater würde das gefallen.

Zuhause stelle ich Fotos und Text für eine Trauerkarte und die Anzeige im örtlichen Werbeblatt zusammen. Das muss jetzt alles schnell gehen. Bei der Trauerkarte entscheiden meine Schwester und ich, dass wir die Bilder nehmen, die auf der Einladung zum Geburtstag abgebildet sind. Sie waren nicht für eine Beerdigung gedacht, aber sie passen auch dort. Ich finde es schön, dass mein Vater die frisch gedruckten Geburtstagseinladungen noch gesehen hat und sie ihm gut gefielen. Beim Blick auf das Foto, das ihn am See in seinem Metzeler-Schlauchboot zeigt, das er zum Segelboot umbauen konnte, grinste er: „Was war ich für ein feines Kerlchen!“ Wenn ich an meinen Papa denke, sehe ich ihn als erstes so vor mir, in Badehose auf einem Boot – ein für ihn ganz typischer und mir sehr vertrauter Anblick -, oder wie er auf Händen im Garten läuft, aber nicht als alten Mann im Sessel.