Blog 956 – 23.08.2026 – Regen, Darling, Faust und Rose
Am Sonntag gibt es eine interne Vorstellung der Frankfurter F.E.S.T.-Theatergruppe. Einige der Mitglieder haben einfach mal so ein Programm mit verschiedenen Musicalnummern vorbereitet. Der Gatte, der Sohn und ich sind unter den Zuschauern der einzigen Vorstellung der „Miscast Musical Variety Show“. Der Spaß und die Liebe zum Musical stehen im Vordergrund, Begeisterung darf auch mal Gesangstalent übertreffen. Es gibt sehr gute und sogar professionelle Sänger*innen und auch einige, die für mich ganz unerwartet, beeindruckende Gesangsstimmen haben. Aber es gibt auch welche, die mit eher normaler, ungeübter Stimme singen, dafür aber mit ansteckend guter Laune und viel Energie unterwegs sind. Genau diese Mischung macht es. Kleine Szenen, Choreografien, Gesang – toll, was die aus Spaß mal eben auf die Beine stellen!

Am Montag regnet es. Endlich! Nicht sehr stark, aber die frische, feuchte Luft und die deutliche Abkühlung sind nach Wochen der Hitze und Dürre eine Erleichterung. Für die Pflanzen, aber auch für mich. Es muss noch viel mehr regnen, aber dass der erste Regen sanft ist, hilft mehr als ein Wolkenbruch, der auf dem staubigen Boden sofort für Überschwemmungen sorgen würde. Am nächsten Morgen nieselt es leicht. Zusammen mit dem Gatten fahre ich los, um die Reste eines alten Holztisches, der mal am Rand einbrach, als ich mich auf ihn stützte, und einer alten, hölzernen Gartenbank, deren Sitzbank vor kurzem nach unten fiel, als ich mich auf sie setzte – ich habe ein großes Comedy-Geschick -, zur Deponie zu bringen. Unterwegs wird der Regen stärker. Als wir vor den Containern stehen, ist er dick und heftig. Wir werden sehr nass und es ist gar nicht mal so schön, mit kaltem, nassen T-Shirt und tropfenden Haaren im platschenden Regen herumzulaufen. Vom Hohen Venn liegt an diesem Morgen auch der Brandgeruch wieder sehr unangenehm in der Luft. Da will ich mich aber nicht beklagen, denn die Flammen nahe an den Häusern der dortigen Bewohner und die verbrannte Natur sind deutlich schlimmer, als in 50 Kilometern Entfernung den Brandgeruch zu riechen. Außerdem wird der Regen hoffentlich helfen, das Feuer einzudämmen.

Nach dem Lesen des Theaterstücks haben beide Söhne ihre Anmerkungen rückgemeldet, und zu meiner Beruhigung ist es nicht: „Kannst du so lassen, Mama, dann ist es aber scheiße!“ Beide haben ähnliche Bemerkungen und ich merke, dass ich ein paar Sachen ein wenig früher oder deutlicher erwähnen muss. Sie haben alles verstanden, aber weil ich von den sehr vielen Hintergrundinformationen, die ich für das Stück entwickelt habe, nur die nötigsten ins Stück bringen wollte, bin ich aus Übervorsicht, damit das Stück nicht zu lang und die Erklärszenen nicht zu langweilig werden, etwas knapp geworden. Das kann ich also noch etwas ausweiten. Einer der Söhne hat neben einen Satz knapp: „Darling?“ geschrieben, woraufhin ich lachen muss, denn es ist tatsächlich ein Satz, den ich sehr gerne unterbringen wollte, der jetzt aber in der extra eingebauten Szene etwas unerwartet und gewollt wirkt. Außerdem schlägt er vor, eine der „wilderen“ Szenen, die alle im zweiten Teil stattfinden, vielleicht ans Ende des ersten Teils zu setzen, damit da kurz vor der Pause noch richtig was los ist. Ursprünglich hatte ich das so geplant, beim Schreiben ergab es sich aber anders und gefiel mir auch. Es ist natürlich ein Unterschied, ob der erste Teil ruhig und nett oder mit einem Knall endet. Beides ist hier möglich, der Knall würde mir besser gefallen. Zuschauer, die mit einem entsetzten „What??“ in die Pause gehen, sind doch wunderbar. Zusammen mit den Anmerkungen und mit einem guten eigenen Abstand zum Text, setze ich mich jetzt nochmal dran.
Ich ziehe mich in meine Laube zurück und lese, streiche und ergänze. Meistens sind es sehr kleine Änderungen wie Formulierungen im Dialog. Weil der Darling-Satz rausfliegt, muss ich dort aber die komplette Szene ändern, denn die passt dann nicht mehr. Das ist aber egal und auch die erneute Arbeit stört mich nicht. Ich merke, dass der Text besser wird, und das ist mein Ziel. Als ich auf das Ende des ersten Teils zukomme, hole ich eine der spannenden Szenen aus dem zweiten Teil und setze sie vor die Pause. Um in der Handlung logisch bis dorthin zu kommen, muss ich die Szene davor umschreiben, einiges an Text löschen und, damit der erste Teil jetzt nicht zu lang wird, kleine Szenen in den zweiten Teil schieben. Das neue Ende des ersten Teils ist nun ein dramatischer Cliffhänger zur Pause. Das gefällt mir sehr. Prima. Einige Stunden habe ich jetzt daran gearbeitet, für heute ist genug getan. Ich speichere ab und scrolle, nur aus Spaß, weiter in den zweiten Teil. Oh, nein! Mir fällt sofort auf, dass ich mir, wenn ich die spannende Szene nach vorne rücke, einige folgende Szenen zerschieße, die dann nicht mehr möglich sind. Die sind aber gut und es wäre schade, wenn sie rausfielen.

Am nächsten Tag schiebe ich die vorgezogene, spannende Szene zurück in den zweiten Teil und passe alle betreffenden Szenen mühsam und kleinteilig wieder an die frühere Version an. Dann überarbeite ich den zweiten Teil. In der Laube sitze ich ruhig und abgeschieden, so dass ich mich bestens konzentrieren kann, voll in der Handlung bleibe und dabei die Charaktere und die Dramaturgie im Blick behalte. So macht das Arbeiten große Freude. Die Schlussszene mit ihren Erklärungen mache ich frisch und ausgeruht am nächsten Tag. Insgesamt lohnt sich die Überarbeitung sehr. Es greift jetzt alles noch besser ineinander. In der nächsten Woche werde ich das Stück nochmal komplett lesen, um letzte kleine Korrekturen machen zu können. Vielleicht fällt mir dann auf, dass jetzt etwas Entscheidendes fehlt, weil ich es gelöscht und nicht wieder eingefügt habe oder ich andere Sachen versehentlich doppelt sage. Es wird dann aber nicht viel sein, ich glaube, es läuft jetzt ziemlich ruckelfrei und geschmeidig.
Langsam wird es Zeit. Ich beginne ich mit einem Projekt, bei dem ich weiß, wie es am Ende ungefähr aussehen soll, aber nur eine grobe Vorstellung habe, wie ich bis dahin komme. Es sollen zwei Wandleuchter werden, so ähnlich wie ich sie im Mauritshuis in Den Haag gesehen habe. Sie sind als Geschenke gedacht und müssen in vier Wochen fertig sein. Falls es überhaupt klappt.

Ich möchte mich nicht sklavisch an das Original halten, zumal das aus Holz ist, sondern nur die Grundidee verwenden. Der Rest darf gurkentee-Style werden. Mein erster Schritt: „Ich klebe Hartschaumplatten übereinander und schnitze mal eben den ersten Unterarm mit Hand“ scheitert an „mal eben“. An eine dreidimensionale Faust muss ich mich mit dem Cuttermesser mühsam und vorsichtig heranschnitzen. Die Routine, die ich bei offenen Puppenhänden habe, fehlt mir hier komplett.

Am nächsten Abend sind immerhin zwei grob geschnitzte Fäuste fertig. Die Richtung stimmt, da werde ich jetzt noch feiner arbeiten und dann erstmal ein wenig kaschieren müssen. Und dann beide Arme aufschneiden, um Platz für die Kabel und Lampenfassungen zu machen und eine gute Halterung für die Wand einzusetzen. Zum Glück habe ich einen Elektrikergatten, der den Stromanschluss professionell macht. Und dann muss ich alles zusammensetzen und noch viel mehr kaschieren und bemalen … puh, mit „mal eben“ ist es nicht gemacht. Inzwischen denke ich aber, dass ich das schon hinkriege.

Als ich im Garten beim abgestorbenen Stamm der Schneewittchenrose nachschaue, wie es dem überraschend aus dem Wurzelrest gewachsenen Austrieb geht, trifft es erneut mein Herz. Was hat mein Papa nach jedem seiner brutalen und unpassendem Rückschnitte der Rose abwinkend gesagt? „Die kommt schon wieder!“ Es ist kaum zu glauben. Der alte Stamm ist komplett tot, von der Wurzel gibt es nur einen winzigen Rest, alles Übrige ist morsch weggebrochen, aber inzwischen gibt es nicht nur einen, sondern fünf kräftige Austriebe. Ein kleiner Rosenbusch wächst aus dem Boden. Papa, du hast recht gehabt. Vielleicht nicht in allem, aber bei der Schneewittchenrose. „Die kommt schon wieder!“ – ich höre es ganz deutlich. Im Herbst werde ich den alten Stamm kurz über dem Boden kappen und den kleinen Schneewittchenrosenbusch an einer schönen Stelle im Garten einpflanzen.
