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Blog 966 – 01.10.2026 – Platz, Schärfe, Farbe und Probe

Bis Dienstag staple ich noch Kisten, dann lüfte ich großzügig in allen Räumen, um den aufgewirbelten Staub nach draußen zu wehen. Die bisherige Arbeit hat sich gelohnt, denn in den Zimmern ist wieder deutlich mehr Platz. Nur in dem einen nicht, in dem sich jetzt alles hoch stapelt. Das ist komplett voll. Tür zu und gut. Im Wohnzimmer stehen noch einige letzte Kisten, aber die möchte ich nicht stapeln, sondern komplett durchgesehen. Da sind vorwiegend Computersachen und abgelegte CDs drin, die zum größten Teil veraltet sind und weggeworfen werden können. Da sich dazwischen aber auch noch CD- und DVD-Schätzchen befinden können, werden wir alles einzeln ansehen müssen. Ich hoffe aber, dass aus fünf Kisten am Ende höchstens noch eine kleine wird, die ich dann zu den anderen stapeln kann.

Natürlich müssen auch die gestapelten Kisten irgendwann durchgesehen und geräumt werden. Um da in einem realistischen Zeitraum zu rechnen, nehme ich mir vor, bis Weihnachten 2027 einigermaßen durch zu sein. Vielleicht wird es auch Weihnachten 2028, bis das Stapelzimmer wieder bewohnbar ist. Ich habe auch noch andere Interessen und Projekte und werde jetzt, wo ich endlich wieder Zeit habe – und außerdem schon viele Wochen lang ein Haus leergeräumt habe -, nicht weiterhin nur aufräumen. Pro Monat eine Kiste, dann wäre ich in spätestens drei Jahren fertig. Geht doch auch.


Am Mittwoch fahre ich nach Frankfurt und gehe dort mit dem Sohn chinesisch essen. Als Vorspeise probieren wir „Marinierte Tofustreifen“ und „Kalte Hähnchenbrust in Chiliöl“. Die Tofustreifen schmecken sehr gut, ich hätte sie aber für kalte Tofunudeln gehalten. Die Bedienung, die anscheinend der Besitzer ist, betont, dass es Tofu-Streifen sind, was immer er auch damit meint. Die Hähnchenbrust ist auch sehr gut, aber – authentisch chinesisch – einfach mitsamt der darunterliegenden Knochen in essfertige Stücke gehackt. Die sind wegen der kleinen, spitzen Knochenstücke nicht leicht zu essen. Wir drehen die Hähnchenstücke im Mund hin und her, sortieren dabei Knochenstücke und Knochensplitter aus und bleiben höchst konzentriert, um weder spitze Splitter zu schlucken, noch eigene Zahnkanten auszubrechen. Da geht dann doch viel Genuss verloren.


Als Hauptgang wählen wir Suppe, und zwar genau die, die ich schon mal hatte, die mir da aber zu scharf war. Ich frage vor der Bestellung, ob es möglich ist, dass ich meine in ‚wenig scharf‘ bekomme. „Kein Problem“, heißt es, und kurz darauf werden beide Teller gebracht, meiner ausdrücklich mit dem Hinweis: „Hier ist wenig scharf“. Ich probiere und sie ist sehr scharf. Oh, da hat er dann doch beide Teller verwechselt. Ich probiere beim Sohn. Seine ist auch sehr scharf. Sie schmeckt – vielleicht – ein wenig anders. Sicher sind wir uns nicht, weil wir vorher schon das Chili-Hähnchen hatten und nun auch noch die Suppen die Geschmacksknospen der Zunge betäuben. Sicher ist nur: Wenig scharf ist da nichts. Vielleicht hat die Brühe schon eine hohe Grundschärfe, überlegen wir, und dann ist es egal, ob noch Chiliöl draufkommt oder nicht. Die Suppe mit handgemachten Nudeln, Tee-Ei und Pak-Choi schmeckt trotzdem gut, ist mir aber wieder zu scharf. Nochmal werde ich sie lieber nicht wählen.

Am Abend sitze ich am Tisch des Sohnes und bereite in aller Ruhe mein Regie-Textheft vor. Die Rollen markiere ich mit Farben, um beim Proben einen schnellen Überblick zu haben. Nach Rot oder Blau zu gucken geht schneller, als die Namen lesend zu überfliegen. Außerdem mache ich mir schon Zeichen, wer gerade rausgeht oder reinkommt. Das hilft mir später beim schnellen Einsteigen mitten in Spielszenen, um sofort zu sehen, wer sich gerade wo aufhält.

Ich übernachte auf dem Schlafsofa und werde um 5 Uhr vom Computer geweckt, der Bildschirmbilder auf- und abbaut und dessen Lüfter plötzlich laut loslegt. Weil er vielleicht gerade Wichtiges updated, möchte ich den Rechner nicht ausstellen, aber schlafen kann ich jetzt auch nicht mehr. Ich lese und lese und dann ist Morgen und ich stehe auf. Blöd, schon am vorherigen Morgen war ich um halb Fünf wach, obwohl ich erst nach Mitternacht im Bett war. Später stellt sich heraus, dass der Computer am späten Abend nur nicht richtig runtergefahren war und ich ihn einfach hätte ausstellen können.

Der Sohn kommt für ein Mini-Familientreffen mit nach Hause, und auf der Rückfahrt ist das Wetter sonnig und der Himmel blau. Das ist perfekt, um bei Idstein kurz von der Autobahn zu fahren und einen kurzen Gang durch die Altstadt zu machen. Die vielen alten Fachwerkhäuser und der Hexenturm geben ein malerisches Bild. Es ist so stimmig und schön, dass der Sohn es mit „ein bisschen Disneyland“ kommentiert. Weil es mitten in der Woche ist, ist es auch nicht voll mit sich durchschiebenden Touristen, die die Schönheit ziemlich stören. Wir sind auch Touristen, aber so wenig, dass wir nichts verstopfen.


Am frühen Abend ist die erste Probe für das Theaterstück. Ich beginne mit dem Lesen der ersten Szenen und gebe gleich Hinweise, wenn ich es lauter oder unwirscher oder schneller haben möchte. Wenn die Charaktere und Emotionen schon recht klar sind, ist das eine gute Basis, wenn wir zum ersten Mal auf der Bühne proben und auch noch Wege und Bewegungen finden müssen. Ich mache mir aber überhaupt keine Sorgen, das läuft schon sprachlich alles sehr gut. Wir kommen sogar zwei Szenen weiter, als ich geplant hatte. Die Gruppe ist menschlich sowieso toll. Aber auch kulinarisch. Es werden unabgesprochen von einer Person Zimtschnecken plus Topping mitgebracht, von einer anderen frisch gebackener Pflaumenstreusel und von einer weiteren Schweizer Schokolade. Das Gefühl des Abends ist nicht: „Wir treffen uns zur Probe“, sondern: „Wir treffen uns und proben auch.“ Das ist alles schon äußerst nett. Vermutlich werden wir alle dumm gucken, wenn mal niemand etwas Essbares mitbringt.


Am Samstag kommt auch der andere Sohn vorbei und wir haben seit langer Zeit mal wieder einen Tag zu viert. Lasagne, Spaziergang, Brettspiel, Gelächter, Wohlfühlen. Es ist sofort das Wie-immer-Gefühl da. So sehr häufig schaffen wir ein gemeinsames Treffen nicht mehr, was ja auch normal und völlig in Ordnung ist. Aber wenn, ist es für alle locker, stressfrei und ein bisschen wie ein Urlaubstag.