Blog 921 – 21.12.2025 – Trauerfeier, Gedrucktes und Maybebop
Meine Neujahrskarte male ich am Sonntag fertig und scanne sie ein. Beim Scan kommt diesmal die Aquarellstruktur nicht richtig raus und alles ist zu rötlich. Mit einer Bildbearbeitung versuche ich das Ergebnis besser zu machen, aber so ganz zufrieden bin ich am Schluss nicht. Soll ich es lieber nochmal einscannen und von vorne beginnen? Aber bisher hat es doch immer geklappt und ich möchte gerne in einem Schwung fertig werden. Also ab in den Druck damit.
Am Montagmorgen habe ich den jährlichen Zahnarzt-Kontrolltermin. Ich bin gar nicht so unfroh, dass gerade immer etwas zu tun ist und ich nicht zur Ruhe komme. Wobei die ungewisse Zeit, als mein Vater im Krankenhaus lag und ich nicht wusste, wie er sich gesundheitlich erholt, wann die polnische Pflegerin wieder da sein muss, ob wir kurzfristig einen Platz für die Kurzzeitpflege organisieren müssen und wie es überhaupt weitergeht, deutlich stressiger für mich war. Jetzt ist ein Abschluss da, der Telefonate, Arbeit und Schriftkram mit sich bringt, aber doch einigermaßen vorhersehbar abläuft.
Die gedruckten Flyer für die Beerdigung meines Vaters kommen deutlich früher als angekündigt. Das hatte ich erwartet, froh bin ich trotzdem. Sie gefallen mir sehr und mir ist es wichtig, nochmal zu zeigen, was für ein aktives Leben er hatte. Die meisten Besucher der Beerdigung werden ihn und die Zeit mit ihm auf vielen Fotos wiedererkennen.

Am Abend setze ich mich eine Stunde hin und nähe an der Kröte. Das Puppenstück werde ich nun nicht zu Weihnachten fertig haben, aber das ist egal. Es ist gerade nicht die Zeit dafür. Wenn es später fertig wird, ist das auch gut.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 4 Uhr und ich bringe mit dem Gatten zusammen den Düsseldorfer Sohn zum Flughafen. Er wird Weihnachten und Silvester in Australien verbringen und erst Mitte Januar wiederkommen. Wie spannend! Ich freue mich sehr für ihn. Kaum bin ich gegen 7 Uhr wieder zuhause, fahre ich, nach einem kleinen, schnellen Kaffee, schon wieder los.

Bei meinem Vater werden der vom Sanitätshaus ausgeliehene Rollstuhl und das Pflegebett abgeholt. Zwischen 8 und 12 Uhr. Wenn ich Pech habe, werde ich den ganzen Vormittag darauf warten müssen. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, will ich währenddessen Ordner und Papiere meines Vaters durchsehen. Vieles kann jetzt weg. Kaum bin ich dran, klingelt es schon. Ui, ich habe ja nicht mal den ersten Ordner durch. Der Monteur schraubt und klappt das Bett, um es transportfertig zu machen. „Kann ich noch schnell ein Foto machen?“, frage ich. Der freundliche Mann nickt und geht extra zwei Schritte zur Seite, um sich unsichtbar hinter dem Gestell zu verstecken, was nicht ganz klappt. Ich will aber nichts sagen. Ich finde es sogar witzig.

Als die Sachen kurz danach im Lieferwagen verstaut sind und wegfahren, ist das ein seltsames Gefühl. Die Auflösung des Haushaltes beginnt.
Wieder zuhause gucke ich immer wieder auf dem Flugradar, wie der Sohn von Düsseldorf nach Doha fliegt. Es ist beruhigend, bei jedem Nachsehen das grüne Flugzeug unbeirrt auf seinem Weg zu sehen.

Am Abend strahlt es am Himmel. Ich bin sehr sachlich und nicht empfänglich für esotherisches Zeugs, aber der Gedanke, dass Papa von oben liebevoll grüßt, kommt mir bei solchen Anblicken – gegen alle Vernunft – dann doch. Es scheint einfach nur die Sonne durch einen Wolkenspalt, das weiß ich, aber ich nicke dann doch lächelnd zurück. Gute Reise, Papa!

In der Nacht fliegt der Sohn mit 1000 Stundenkilometern übers Meer auf Australien zu. Dreizehneinhalb Stunden lang. Als ich am Morgen aufwache, ist er schon nahe am Ziel. Für uns fängt der Tag gerade erst an, bei ihm ist schon Nachmittag.

Der andere Sohn kommt am nächsten Tag zur Beerdigung angereist, ich erreiche endlich jemandem beim Amtsgericht, habe mit dem kranken Kaninchen einen Termin bei der Tierärztin – es geht deutlich aufwärts -, hole die Blumen für die Beerdigung ab und auch die frisch gedruckten Neujahrskarten kommen überraschend schnell an. Die Rückseite der Karten ist gut, aber die Vorderseite gefällt mir nicht. Jetzt ist sie mir zu blau und zu dunkel. Ich hatte schon befürchtet, dass die starke Bildbearbeitung beim Druck neue Probleme auslösen könnte. Der Gatte findet, die Karten sind OK und ich soll sie verwenden, ich möchte die Originalillustration lieber neu einscannen, weniger bearbeiten und nochmal drucken lassen. Das kostet aber nochmal Geld. Da ich frühestens am Sonntagnachmittag wieder Zeit habe, mich darum zu kümmern, verschiebe ich die Entscheidung erstmal.
Am nächsten Tag ist die Beerdigung meines Papas. Das wird nicht einfach werden. Ich wache angespannt auf, merke aber, wie ich immer gelassener und ruhiger werde. Vor der Beerdigung bringe ich die Blumen zur Trauerhalle, wo gerade alles hergerichtet wird. Ich habe keine Probleme damit, bei den Vorbereitungen dabei zu sein. Das ist für mich einfacher, als später beim Eintreten vom Anblick getroffen zu werden. Der Urnenkranz und der Strauß sehen wirklich schön aus, die Blumenladenbesitzerin in unserem kleinen Ort macht das großartig.

Ich packe das erste von zwei Päckchen der Flyer aus und die Trauerrednerin nimmt sie entgegen, um sie auf den Sitzplätzen zu verteilen. Beim Öffnen des zweiten Päckchens gucke ich verblüfft. Auf dem Deckblatt ist zwar ganz korrekt mein bestellter Flyer abgebildet, aber verpackt sind Flyer einer französischen Metzgerei. Da hat es bei der Druckerei einen heftigen Fehler gegeben.

Erst denke ich erschrocken: „Oh, nein!“, aber dann muss ich doch lachen. Die Trauerrednerin guckt rüber und muss ebenfalls lachen, und ich weiß, dass mein Papa das ebenfalls lustig gefunden hätte. Wie gut, dass wir die Flyer nicht einfach blindlings gestapelt haben und irgendwann die mit den Koteletts und Steaks aufgetaucht wären. Aber verteilt jetzt gerade eine Metzgerei auf französischen Märkten Flyer mit den Fotos meines Vaters? Wieso passieren bei mir immer wieder so skurrile Sachen? Oder sind sie nur skurril, weil ich sie sofort witzig finde und mich darüber freue, während andere Leute oft nur den Fehler sehen und es als Ärgernis empfinden?
Die dann stattfindende Trauerfeier ist sehr schön und hätte meinem Vater ganz sicher gefallen. Sie ist würdevoll, zwischendurch zum Lächeln, sehr persönlich und berührend. Eines von drei eingespielten Liedern ist „Nehmt Abschied, Brüder“ von Maybebop. Als die ruhigen Stimmen des schönen A-cappella-Satzes durch die Trauerhalle klingen, sind nicht nur die einzelnen Stimmen klar und schön zu hören, auch der Text ist in dieser Situation extrem eindrücklich. Jeder Satz passt. Ich weiß, wie intensiv das Lied gerade in der Version von Maybebop ist und bin vorbereitet, aber viele Zuhörende werden emotional sehr getroffen. Es ist ganz traurig und doch so schön. Und es passt so gut.
Nach der Beerdigung, die bei allen ein gutes Gefühl hinterlässt, gibt es ein gemeinsames Mittagessen im Chinarestaurant. Auch das fühlt sich richtig an. Die Atmosphäre beim Zusammensitzen ist sehr schön, das Buffet hat eine reichhaltige Auswahl und ist sehr lecker, Platz für die Gruppe ist ausreichend vorhanden und es ist angenehm leise im großen Raum. Alles passt, ist richtig und gut. Nicht ganz zu erfassen ist für mich, dass ich vor zwei Wochen noch mit meinem Papa gesprochen, ihm Fotos gezeigt und seinen Trinkbecher gefüllt habe, und er jetzt weg ist. Dabei war er doch immer da. Gerade in den vergangenen fünfzehn Monaten – seit seinem ersten Schlaganfall – ein sehr präsenter, naher und zeitintensiver Teil meines Lebens.

Am nächsten Tag fahre ich den Sohn zurück nach Frankfurt und bleibe gleich da. Er hat Theaterprobe und ich für den folgenden Abend eine Karte für das Maybebop-Weihnachtskonzert in Mainz, weswegen ich am nächsten Tag sowieso zu ihm gefahren wäre. Der Tag Auszeit, den ich jetzt habe, kommt mir sehr gelegen. Erstmal runterkommen und nach den anstrengenden letzten Wochen mal nichts tun MÜSSEN.
Ein bisschen schade ist, dass ausgerechnet zum Termin des Maybebop-Konzertes Eddi und Sari, zwei ehemalige Wise Guys, ein Konzert in meinem Wohnort geben. Als Gast ist Clemens dabei, auch ein ehemaliger Wise Guy. Das wäre schon schön gewesen, die drei Ex dort beim gemeinsamen Konzert zu treffen. Da hätten die Herren Maybebop und die Herren Wise Guys ihre Terminpläne deutlich besser mit mir absprechen können. Da ich die Maybebopkarte aber schon lange habe und auch nicht auf das Weihnachtskonzert verzichten möchte, werde ich das andere Konzert später im Stream ansehen.
Am Samstagnachmittag möchte ich bewusst etwas früher zum Konzert fahren, damit ich noch gemütlich über den Weihnachtsmarkt schlendern kann. Weihnachtsmärkte interessieren mich gar nicht, aber im Moment kommt mir das gut vor und gehört zur Auszeit und zum Luftholen. Die Regionalbahn von Frankfurt nach Mainz kostet für eine Strecke 11 Euro – die haben sie doch nicht mehr alle! Ich überlege kurz, ob ich doch lieber mit dem Auto fahre, denn das dauert auch etwa 40 Minuten und das Parkhaus würde mich keine 22 Euro kosten, aber ich habe keine Lust, am Abend durch die Mainzer Innenstadt zu kurven. Außerdem finde ich dann bei der Rückkehr keinen Parkplatz mehr.
Erst beim Eintreffen in der Mainzer Innenstadt wird mir klar, dass es Samstagabend ist, dass unglaublich viele Menschen über die Weihnachtsmärkte schlendern wollen, dass sehr viele Autos im Innenstadt-Stau stehen und Parkplätze und Parkhäuser sehr gefragt sind, und dass es der letzte Samstag vor Weihnachten ist, an dem die Fußgängerzonen und Geschäfte voll mit Menschen sind, die noch Geschenke besorgen. Es ist alles voll und eng und laut. Das Schlendern über den Weihnachtsmarkt wird durch dichtes Gedränge, wenig Platz und sehr viele Besucher zum Geschobenwerden. Ich bin gerade mal zehn Meter im Gewühl, da drehe ich schon wieder um. Nein, das ist nichts für mich. Brauche ich nicht.

Jetzt habe ich nur etwas viel Zeit vor dem Konzert. Ich laufe durch Nebenstraßen und setze mich irgendwann in ein großes Café, in dem ich lange nicht bedient werde, weil auch dort zu viel los ist. Das passt gut, weil ich ja Zeit rumkriegen muss und gar nicht so schnell fertig werden will. Als mein Chaitee endlich da ist und ich ihn getrunken habe, ist es Zeit, zur Rheingoldhalle zu gehen. Das Maybebop-Weihnachtskonzert. Ich vermeide weihnachtliche Feiern und Weihnachtskonzerte eher, aber bei Maybebop gibt es immer die richtige Mischung aus schöner weihnachtlicher Sentimentalität, Ernsthaftigkeit und viel Spaß. Genau mein Ding. Und natürlich ist der ganze Abend wieder sehr klasse. Ich genieße ihn sehr und kann mich reinfallen lassen. Es ist so gut. Die mehr als 1000 Zuschauer in der Halle sehen das auch so, jubeln und geben Standing Ovation.

Und dann erklingt als letztes Lied „Nacht, Nacht, heilige Nacht“. Vom Stil und der Wirkung her ist es sehr ähnlich zu „Nehmt Abschied, Brüder“. Auch ein ruhiger Satz, große Ernsthaftigkeit, schöne Stimmen und eindringliche, gut zu verstehende Worte. Ich fühle mich wieder wie zwei Tage vorher bei der Trauerfeier meines Papas. Und ebenso wie dort trifft es mich emotional, tröstet aber auch und gibt ein warmes, gutes Gefühl. Es schließt sich ein Kreis. Zum Abschluss des Konzertes ist plötzlich mein Papa wieder da, von dem ich mich gerade verabschieden musste. Ich lächle, versinke in der Musik, bin etwas traurig und trotzdem ganz gelassen und ruhig. Einen schöneren Konzertabschluss hätte ich gerade nicht haben können.
