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Blog 922 – 28.12.2025 – Lichter, Blumen und Jogginghose

Am Sonntag wache ich in Frankfurt auf der gemütlichen Klappmatratze im Wohnzimmer meines Sohnes auf. Am Vorabend habe ich ein schönes Maybebopkonzert besucht, jetzt blinzelt die Sonne durch die Gardinen und ich bin erstmal raus aus allem. In zwei Tagen ist Weihnachten und mindestens bis Neujahr werde ich keine To-do-Sachen mehr erledigen, sondern nur machen, was ich gerade will. In aller Ruhe und ohne jedes Muss. Das beginnt sofort, denn anstatt schnellstmöglich nach Hause zu fahren, trinke ich erstmal zwei Tassen Tee, scrolle im Internet durch Nachrichten und Blogs, packe dann mal langsam zusammen und bin erst gegen Mittag mit dem Sohn zusammen auf dem Rückweg. Es eilt nichts. Das Tempo ist raus.

Am nächsten Morgen mache ich mit dem Gatten zusammen einen Supermarkteinkauf und wir haben alles, was wir über die Weihnachtstage und bis zum nächsten Wochenende brauchen. Eine Weihnachtsfeier gibt es in diesem Jahr nicht – die geplante Familienfeier bei meinem Vater findet nicht statt -, große Essen auch nicht, wir fahren nirgendwohin und erwarten auch niemanden, einer der Söhne ist in Australien – es bleiben geruhsame Tage ohne jeden Termin. Was sich für andere vielleicht traurig anhört, ist für mich eine Situation, in die ich mich mit einem erleichterten Ausatmen fallenlasse. Ich habe komplett frei.

Viel Weihnachten findet bei uns sowieso nicht statt. Auch nicht in der Dekoration. Ein paar kleine Lichter an den Fenstern reichen, und es gibt einen Weihnachtsbaum – den der Gatte immer noch gerne haben möchte -, an dem in diesem Jahr aber nur viele kleine Lichter leuchten. Es sollten noch Kugeln dran, aber kurz bevor ich sie aus dem Schuppen hole, fällt uns auf, dass er uns so schon sehr gefällt. Vielleicht brauchen wir es in diesem Jahr nicht so bunt, weil immer noch gestapelte Kisten vom Kelleraufräumen im Wohnzimmer stehen. In den letzten Wochen war nicht die Zeit zum Aufräumen, da stand mein Vater an erster Stelle. Weil ich das Gefühl habe, ich habe ihn gut durch seine Monate der Krankheit und dann bis zum Schluss begleitet, kann ich jetzt auch recht gut abschließen. Es kommen immer mal traurige Momente, aber die sind nur kurz. Ich denke dann auch schnell daran, dass er nicht mehr der aktive, unternehmungslustige, lachende Papa war, sondern schwach in seinem Sessel saß, nirgendwo alleine hin und nichts mehr ohne Hilfe machen konnte und damit nicht glücklich war.

Von der Beerdigung haben wir den Urnenkranz und den Blumenstrauß mitbekommen, die auf der anonymen Rasenfläche nicht abgelegt werden dürfen. Ich stelle sie ins Wohnzimmer und mit ihnen wird es dann doch farbig. Dass es die Blumen der Trauerfeier waren, ist für mich kein Problem. Eher im Gegenteil. Sie haben meinen Papa begleitet und jetzt begleiten sie mich noch ein paar Tage. Vielleicht bis zum Ende des Jahres.

Ansonsten:
Tee trinken
An der Kröte nähen
Nachts tief und fest schlafen
Kleinigkeiten kochen
Konzertbericht vom Maybebopkonzert schreiben
Zum zweiten Mal Staffeln von „Murders in the building“ gucken
Datum vergessen
Selten auf die Uhr gucken


Karl Lagerfeld sagte mal, wer in Jogginghosen herumliefe, hätte die Kontrolle über sein Leben verloren. Nein, ganz im Gegenteil! Gerade dass ich den 24. Dezember und alle Tage danach weitgehend in Jogginghosen und mit dicken Socken verbringen kann, zeigt, dass ich mein Leben selbst bestimme.