Blog 941 – 10.05.2026 – Zettel, Bauchmuskeln, Zaunkönig und Maybebop
Als hätte ich eine Truhe geöffnet, aus der mir jetzt Stück für Stück entgegenfällt, fallen mir immer wieder kurze Szenen für mein Theaterstück ein. Während ich aufräume, wenn ich spüle, fernsehgucke und auch, wenn ich gerade aufwache. Ich notiere die Szene dann schnell auf einen Zettel und klemme ihn auf mein „Theater“-Klemmbrett. Auch wenn die Notizen noch nicht zusammenhängen, werden sie später nicht nur viele verwendbaren Ideen sein, sondern vermutlich ein Großteil des Stückes ausmachen. Meine Hirnzellen arbeiten nämlich erstaunlich zielgerichtet und teilen mir wenig Unbrauchbares oder Albernes mit. Dass ich das Stück nicht alleine schreiben muss, sondern so viel Unterstützung aus den hinteren Abteilungen meines Kopfes habe, ist super.

Es wird aber Zeit, dass ich mich auch wieder mit meinem Puppenstück befassen kann. Weil da alles geschrieben ist, hat mein Kopf das nicht mehr auf der aktuellen Liste, dabei sind der Bühnenbau und die Proben noch gar nicht gemacht. Ich hoffe sehr, dass ich das im Sommer parallel hinbekomme, das Proben und Inszenieren des Puppenstückes und das Schreiben des Theaterstücks.
Am Montag habe ich den Plan, im Haus meiner Eltern die letzten kleinen Sachen wegzuräumen und es komplett besenrein zu machen. Ich rechne, dass ich etwa zwei Stunden dafür brauchen werde. Weil im Keller mehr zu putzen ist, beginne ich dort. In einem Abstellraum und im Werkzeugkeller meines Vaters muss ich nicht nur die Regale gut abstauben, es pappen auch dort, wo seit zwanzig, dreißig oder mehr Jahren Möbel oder Kisten standen, jahrzehntelange Staubreste fest auf dem Boden. Trotz vorherigen Durchkehrens verwandelt das Putzwasser sie ihn Schlieren ziehenden Schlamm. Das Profi-Bodenwischsystem meiner Mutter, das ich verwende, weil es viel robuster als meine eigene Hausfrauenversion ist, ist leider auch viel schwerer. Ich schiebe den schweren, nassen, im Dreck bremsenden Mopp mit aller Kraft hin und her und fühle mich wie beim heftigen Bauchmuskel-Workout im Fitnessstudio. Also so, wie ich mir das vorstelle, denn ich gehe ja gar nicht ins Fitnessstudio. Vermutlich, weil ich Bauchmuskeltraining nicht leiden kann. Ein Teufelskreis, wenn ich Putztätigkeiten machen muss, in denen ich besonders die Bauchmuskeln brauche. So kann das nicht weitergehen, finde ich und beschließe, in Zukunft das Putzen zu reduzieren.

Das Putzwasser im Eimer wird immer wieder sehr schnell dunkelbraun. Mir geht das Zitat eines Schulhausmeisters durch den Kopf, das ich in einer Reportage über eine Putzfrauenkolonne gelesen habe: „Auch wenn das Putzwasser sehr schmutzig ist, muss es nicht gewechselt werden, denn es ist nur der Träger des Drecks und säubert trotzdem“. Der Anblick des Fußbodens zeigt mir ein anderes Ergebnis. Mehrfach wechsle ich das Wasser im Eimer. Nach mehr als drei Stunden ist zumindest der Keller fertig und ich bin ziemlich erschöpft. Ich beschließe, die Putzaktion für heute zu beenden und die oberen Räume demnächst zu reinigen.
Aber Kleinkram kann ich noch wegräumen. Aus dem Partykeller kommen die letzten Teile vor die Garage in den „Zu verschenken“- Bereich und ich hoffe, dass Wandteller, Gläser, ein altes Pferdekummet mit Zaumzeug und Zügeln, ein Butterfass und ein Dreschflegel schnell neue Liebhaber finden. Weil mir das Kummet so gut gefällt, überlege ich sogar einige Minuten lang, ob ich es mitnehmen und an meinen Schuppen hängen soll. Zum Glück merke ich selber, dass ich mit Pferden nichts zu tun habe, dass das Kummet kein Familienbesitz mit besonderen Erinnerungen ist und dass es, wenn ich es nicht regengeschützt aufhängen kann, in einem Jahr Müll sein wird.
Als ich das kleine Kästchen mit Notizzetteln wegrücke, das immer neben dem Telefon stand, finde ich dahinter einen Stapel Zettel. Genau solche Zettel lagen bei meinen Eltern üblicherweise auf dem Tisch, um mitzuteilen, wo man gerade ist. Ich gucke gerührt auf die Schrift meines Vaters und auf seine Zielangaben, die so viele Jahre lang vertraut waren. „Apotheke“, „Reinigung“, „Charly“, „Günter“, „Baumarkt“ … Sogar einen Zettel „Bin in St. Josef Krippe abbauen“ gibt es, dabei fand das in jedem Jahr nur ein Mal statt.

Typisch für meinen Vater ist, dass er die Zettel griffbereit aufgehoben hat, um sie nicht immer neu schreiben zu müssen. Untypisch für ihn ist, dass er sie nicht am Computer geschrieben, ausgedruckt und laminiert hat. Die Zettel behalte ich. Sie sind eine schöne und persönliche Erinnerung an meinen Vater. Und ein bisschen lustig finde ich sie auch.
An den beiden nächsten Tagen bleibe ich zuhause und nehme mir die im Wohnzimmer und im Hof abgestellten Kisten vor. Dabei sortiere ich gleich wieder Sachen aus, die ich sicherheitshalber erst mitgenommen habe, jetzt aber zurückbringen und in die Zu-Verschenken-Ecke legen werde. Die Stapel bei mir sind noch lange nicht weg, werden aber merklich kleiner. Auch wenn ich einen großen Teil der Sachen nach dem Durchsehen erstmal wieder in Themen-Boxen verstaue, bis ich endgültige Plätze für die Sachen finde.
Am Donnerstag fahre ich wieder zum Haus meiner Eltern, um die letzten Räume besenrein zu machen. Schon beim Ankommen sehe ich, dass die Pferdesachen und fast alle Dekorationen aus dem Partykeller mitgenommen wurden. Prima! Ich drapiere meine mitgebrachten Sachen vor die Garage und lasse dann im Keller die Korken knallen.

Da öffne ich nämlich insgesamt elf Flaschen Sekt und eine Flasche Champagner, die noch im Weinregal lagen, um die Inhalte in den Ausguss zu gießen. Die Flaschen können zum Teil deutlich älter als zehn Jahre sein und die kann ich niemandem mehr anbieten. Auch alle angebrochenen Alkoholflaschen aus dem Regal hinter der Theke gieße ich aus. Kräuterschnäpse, Weinbrände, Calvados und Whiskey gluckern ins Waschbecken und im Raum riecht es sofort gewaltig nach Alkohol. Ich öffne das Fenster, weil ich befürchte, nach längerem Einatmen nicht mehr Autofahren zu dürfen.
In der Küche wische ich feucht durch die Schubladen und Schrankfächer, reinige das Bad, wische das Esszimmer und sauge das Wohnzimmer. Volles Hausfrauenprogramm. Ich bin fast fertig, da klingelt es. Ein freundliches Paar steht vor der Tür und möchte das Haus kaufen. Sie sind enttäuscht, als sie hören, dass es „so gut wie verkauft“ ist, obwohl es noch gar keine Anzeige gibt. Sie bitten darum, dass ich mich melde, falls das mit dem Verkauf nicht klappen sollte, denn: „So gut wie verkauft ist noch nicht verkauft.“ Das stimmt natürlich, trotzdem gehe ich davon aus – und fände es auch schön -, dass mit der aktuellen Kaufinteressentin alles klappen wird. Hach, wie stolz und zufrieden wäre mein Vater, wenn er wissen würde, dass es schon mehrere Interessenten gibt, denen sein Haus sehr gut gefällt und die es haben möchten. Und wie erleichtert wäre er, wenn er sehen könnte, dass der ganze angesammelte Kram in den Schränken und im Keller, der ihn in seinen letzten Monaten so belastet hat, komplett rausgeräumt ist. Aber das vertraute Haus jetzt so leer zu sehen, ist sehr seltsam. Das Haus, das Papa gebaut hat, in dem meine Schwester und ich aufgewachsen sind und das Mama und Papa mit Möbeln und mit Leben gefüllt haben. Bald geben wir die Schlüssel ab, dann ist es raus aus unserem Leben. Das ist schon etwas traurig, aber ein Abschließen bringt auch Klarheit und Ruhe. Wer loslässt, hat die Hände frei.
Bei mir im Hof entdecke ich in den Balken des alten Holzpavillons ein Nest. Es ist kugelig, hat einen runden Einschlupf und ich habe keine Ahnung, wie es auf so wenig Untergrund – einem Stromkabel und einer Ranke vom wilden Wein – hält. In letzter Zeit sehe ich häufig ein Rotkehlchen im Hof – klar, das hat es gebaut. Aber dann merke ich, dass auch ein Zaunkönig immer wieder in der Nähe ist und sehe ihn tatsächlich aus dem Bereich des Nestes wegfliegen. Ein kurzer Nest-Bilder-Check im Internet bestätigt, dass es ein typisches Zaunkönignest ist. Ach, wie schön! Den kleinen Zaunkönig mit seinem sehr lauten Gesang mag ich sehr. Es ist erstaunlich, dass ein winziger Vogel so schallend laut sein kann.

Der NABU titelt im Internet: „Der ideale Zaunkönig-Garten: Möglichst viel Unordnung.“ Prima, da passt meiner hervorragend. Beim NABU denken sie allerdings nicht an die unordentlich in meinem Hof gestapelten Sachen, sondern an einen zugewachsenen Garten mit vielen Winkeln, Büschen, Hecken und Totholz. Dass jetzt ein Zaunkönig bei mir nistet, sehe ich als Auszeichnung für mein Gartenkonzept.

Zum Ende der Woche bin ich im Kölner Gloria bei Maybebop, die ihr neues Programm „Vier Typen. Vier Mikrofone. Sonst nichts“ zeigen. Wie immer großartigst gesungen. Ein paar mehr eingängige Refrainmelodien, die ich auch etwas später noch im Kopf habe, hätte ich gerne, und die Hintergrundbilder auf den Leinwänden sind mir bei diesem Programm etwas zu viel. Sie lenken mich mit ihren starken Farben und den Bewegungen sehr vom Geschehen auf der Bühne ab. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn gesanglich und in den Arrangements sind die Maybebops Spitzenklasse. Völlig zu Recht gibt es am Ende Standing Ovation.
