Blog

Blog 951 – 19.07.2026 – Spielfiguren, Whisky, Fische und Emotionen

Schreibwoche. Tatsächlich. Jeden Tag kann ich einige Stunden in der Laube sitzen und am Theaterstück schreiben. Ich kann es kaum glauben. Keine plötzlichen Termine, keine Telefonanrufe, die sofortiges Handeln erfordern könnten, keine To-do-Liste, die in den nächsten Tagen erledigt sein muss. Mein Leben hat sich wirklich geändert. Ich habe ein bisschen Déjà vu-Gefühle, denn so wie es jetzt ist, war es schon einmal: Als meine Eltern noch fit und selbstständig waren und meine Kinder groß.

Es ist immer noch hochsommerlich warm. Schon morgens starte ich die Eiswürfelmaschine und fülle ein erstes hohes Glas bis zum Rand mit Eiswürfeln, auf die ein Saft-Wasser-Gemisch kommt. Das wiederhole ich mehrfach am Tag. Meinen Ruf als Eiswürfelkönigin habe ich nicht umsonst. Warum aber nur drei Würfel nehmen, wenn es auch viel mehr sein können!

Mit dem nicht nur Kalt-, sondern Eiskaltgetränk sitze ich in der Laube und entwickle das Theaterstück. Es macht mir großen Spaß, mich mit den unterschiedlichen Charakteren und ihren Reaktionen zu befassen. Dass ich zu wenig Ideen für Handlung und Dialoge hätte, ist nicht zu befürchten. Im Gegenteil. Ich muss schon überlegen, was ich weglasse, damit es nicht zu voll und zu lang wird. Aus inhaltlichen Gründen muss es im Stück einige recht lange Erklärungen geben und da muss ich aufpassen, dass ich weitere Vorträge möglichst vermeide und auf gute Dialoge setzen, die wieder Schwung reinbringen.

Wieder setze ich bunte Spielfiguren als Hilfsmittel ein. Schon bei den Choreographien kleiner Tänze für die Kindertheaterstücke habe ich damals Playmobilmännchen verwendet, um den Überblick zu behalten. Diesmal nehme ich kleine Holzfiguren, die unterschiedliche Farben haben und denen ich ein Namenskürzel aufklebe. Die Figuren setze ich im Verlauf der Handlung immer wieder passend auf einem groben Grundriss des Gebäudes um und weiß darum jederzeit, wer sich gerade wo aufhält.

Für mich ist Logik ganz wichtig. Wenn Lisa den Wohnraum (die Bühne) verlässt, ist sie für die Zuschauer nicht mehr zu sehen, aber ich als Autorin muss trotzdem genau wissen, wohin sie geht. Trifft sie gerade Janine im Schlafzimmer und erfährt vielleicht etwas von ihr oder hält sie sich alleine im Bad auf? Das Vorgehen wirkt erstmal umständlich, funktioniert aber gut. So vermeide ich, dass Paul im Stück sagt, er hätte das mit Sven in der Küche besprochen, während einigen Zuschauern auffällt, dass die beiden doch nie zusammen weg waren. Andere Theaterstückschreiber behalten im Kopf, wer sich wann wo und mit wem befindet, ich gucke auf meine Holzfiguren. Es ist ein bisschen wie bein Cluedo-Brettspiel. „Paul ist mit der Kaffeemaschine in der Küche“.

Ich lerne sogar fürs Leben. Als in einer Szene ein Darsteller nach einem Eiswürfel für seinen Whisky fragt und ein anderer sofort in die Küche geht, um im Gefrierfach nachzusehen, stoppe ich die Szene plötzlich. Die Whiskyflasche wurde gerade in einem Schrank gefunden, aber was ist die richtige Trinktemperatur? Das Internet hat die Antwort: 18 bis 22 Grad. Je nach Whiskysorte mögen es manche Leute, wenn ein langsam schmelzender Eiswürfel andere Geschmackskomponenten fördert, aber generell ist Zimmertemperatur richtig. Ich gehe wieder in meine Szene zurück, hole den einen Darsteller aus der Küche zurück und lasse den anderen genüsslich am zimmerwarmen Whisky nippen und gar nicht erst nach einem Eiswürfel fragen. Gelernt: Whisky wird in Zimmertemperatur getrunken. Ein Eiswürfel ist möglich, aber nicht üblich. Vorher wusste ich aus eigener Erfahrung von einem lang zurückliegenden, privaten Whiskytasting nur: Manche Sorten schmecken mir so gar nicht und ich kann nur einen winzigen Schluck probieren und sofort „bäääh!“ denken, während ich die anderen Sorten noch viel weniger mag und mir das Nippen schon zu viel ist. Ich erinnere mich noch, dass ich nicht wusste, wie ich in jeder Runde einen halben Zentimeter Getränk schaffen sollte. Meine Lösung: „Nee, schaffe ich nicht!“ zu sagen und nicht zu trinken. Whisky scheint nicht mein Getränk zu sein. Eigentlich schade, denn ich mag den Namen „Whisky“ und Bezeichnungen wie „Single Malt Scotch“, „Bourbon“ und „Glenfiddich“ sehr. Schmeckt mir nur so gar nicht.


Die kleinen Zaunkönige, besser gesagt die Zaunprinzen und Zaunprinzessinen sind seit vier Wochen flügge und verschwunden. In der letzten Woche lag das leere Zaunkönignest, das bis dahin fest unter dem Dach des Holzpavillons klemmte, plötzlich auf dem Boden. Das wunderte mich. Es hatte zwar mal ein paar kleine Windböen gegeben, aber nichts Heftiges. Aber es erleichterte mir eine Entscheidung. Der baufällige Pavillon soll nämlich in den nächsten Monaten abgerissen werden, aber ich wollte das Zaunkönignest nicht entfernen, weil Zaunkönige die Nester im Winter gerne zum Übernachten aufsuchen. Hatte sich das also erledigt.

In dieser Woche gehe ich in der spätabendlichen Dämmerung unter dem Pavillon entlang und sehe, dass ein sehr kleiner Vogel von der Stelle wegfliegt, an der vorher das Nest war. Außerdem sehe ich dort auch kleine Schatten, die sich bewegen. Die fliegen plötzlich weg und erweisen sich ebenfalls als kleine Vögel. Es ist ziemlich dunkel, darum kann ich sie nicht genau zählen, aber sie sind so klein wie Zaunkönige. Das Nest ist weg, anscheinend haben sie sich stattdessen an das Stromkabel geklammert, das dort verläuft. Sind die Zaunkönige etwa immer noch jede Nacht gemeinsam hier, um zu übernachten? Vielleicht ist das Nest abgestürzt, weil sich alle jetzt Halbwüchsigen und eventuell auch die Eltern gemeinsam in die kleine Höhle gedrängt haben? Am nächsten Morgen hole ich das zur Seite gelegte alte Nest und befestige es mit Schnur einigermaßen fest an der früheren Stelle. Ich weiß nicht, ob die Zaunkönige es zum Schlafen wieder annehmen oder ob sie sowieso nur zu einem familiären, sentimentalen Kurzbesuch da waren, nach dem Motto: „Guckt mal, dort seid ihr alle aus dem Ei geschlüpft!“

Nachsehen, ob sie nun nachts wieder drin sind, kann ich nicht, denn dann würde ich sie stressen und vertreiben. Aber jetzt stehe ich schon wieder vor dem Abrissproblem des Pavillons. Beruhigend ist, dass ich den Abriss seit zwei Jahren plane und immer etwas dazwischenkommt. Wer weiß, wann ich wirklich dazu komme. Vielleicht sind bis dahin vier Generationen Zaunkönige groß geworden. So groß wie Zaunkönige eben werden können.


Mit dem Haus meiner Eltern habe ich kaum noch zu tun, auch wenn es immer noch nicht offiziell überschrieben ist. Das zuständige Amtsgericht ist nicht das Schnellste, und erst wenn dort alles eingetragen ist, wird der Kaufpreis bezahlt, und erst wenn das Geld auf dem Konto angekommen ist, wird das Haus endgültig übergeben. Aber die neuen Besitzerinnen haben schon einen Schlüssel, renovieren kräftig und übernehmen das Haus in meiner gefühlten Wahrnehmung jetzt sehr schnell. Vor zwei Wochen habe ich noch ganz normal aufgeschlossen, bin reingegangen, habe im Garten gegossen, einige verblühte Rosenblüten abgeschnitten und mich verantwortlich gefühlt. Inzwischen hätte ich Hemmungen, einfach so in das Haus zu gehen, weil es meiner Schwester und mir zwar bis zur Überschreibung noch gehört, es gefühlt aber schon neue Besitzerinnen hat. Ich würde jetzt klingeln. Wie Besuch. Das bin ich inzwischen auch und das ist völlig in Ordnung so.

Dass gerade eine seltsame Übergangszeit ist, in der niemand regelmäßig da, aber auch niemand richtig zuständig ist, ist vermutlich ein Grund, warum bei dem überheißen Wetter der Teich und die Umwälzpumpe Probleme bekamen und die Goldfische starben. Niemand konnte damit rechnen, es war sehr überraschend, aber ich finde es erstaunlich traurig. Vor allem für die Goldfische, die armen Kerlchen. Meine Eltern hatten nie Fische in den kleinen Teich gesetzt. Irgendwann waren die ersten da und vermehrten sich in den folgenden Jahren. Ich mochte sie und habe sie immer gerne beobachtet. Zwischendurch habe ich sie gefüttert, mit dem Wasserschlauch Extra-Sauerstoff ins Wasser gesprudelt und störende Algen und Seerosenblätter entfernt, damit sie freie Stellen und freie Sicht hatten. Nach dem Tod meines Vaters habe ich sogar überlegt, ob ich einen eigenen Teich anlege, um die Fische mitnehmen zu können. Das ist mir aber in meinem trockenen, wasserarmen Garten zu viel Arbeit. Jetzt habe ich das Gefühl, dass mit dem Tod der Goldfische ein letztes, lebendes Bindeglied zwischen meinen Eltern und mir weg ist. Aber auch das macht mir den Abschied vom Haus leichter.

Ich vergesse aber auch nicht, dass der Abschied von meinen Eltern, dem Haus und sogar den Fischen bedeutet, dass ich wieder Zeit für mich habe. Vor einiger Zeit habe ich im Fernsehen bei „Bares für Rares“ eine hundertjährige Dame gesehen, die von ihrem ebenfalls schon älteren Seniorensohn unterstützt und begleitet wurde. „Stell dir vor, der Papa wäre 110 geworden und ich hätte ihn in den nächsten 20 Jahren immer noch überall hin begleiten müssen!“, sagte ich etwas fassungslos zum Gatten. Puh! Ich weiß wirklich nicht, ob ich meine eigenen kreativen Pläne und die Energie über die Zeit behalten hätte. Von daher kann ich mich jetzt auch sehr bewusst darüber freuen, dass sich die Tür zum kreativen Arbeiten rechtzeitig wieder geöffnet hat.


Nach einer Woche Schreiben am Theaterstück werden mir die Personen darin immer vertrauter. Manchmal habe ich schon das Gefühl, ich säße mit in der Szene und würde ihnen nur zusehen. Sie beginnen, von alleine zu handeln, wobei mir zum Glück immer bewusst ist, dass ich jederzeit in ihr Tun eingreifen und die Richtung drehen kann. Außerdem stelle ich fest, dass ich beim Tippen die Dialoge halblaut und mit den passenden Emotionen und der gewünschten Betonung mitspreche. Wer mir zuhört, erlebt ein abwechslungsreiches Hörspiel in etwas langsameren Tempo, denn ich kann nicht ganz so schnell tippen wie ich rede. Zum Glück hört mir niemand zu. Wobei – bei dem Spaß, den ich dabei selber habe, könnte das unterhaltsam sein. In dieser Woche schaffe ich den ersten Teil des Theaterstücks bis zur Pause. In der ersten Version, die noch nicht die letzte sein wird. Vermutlich ist der Teil noch etwas zu lang und es wird Änderungen geben, aber insgesamt fluppt und läuft es. Ich finde die Handlung spannend, ernst, lustig und dramatisch. Nacheinander und gleichzeitig. Wenn die Zuschauer später bei einigen Szenen: „Echt jetzt?“ denken, stimmt das. Genau so will ich es haben.