Blog 950 – 12.07.2026 – Bahnhöfe, Knochen, Geigen und Textgrundlage
Am Sonntagmittag starte ich den zweiten Versuch, die mit der Bahn kommenden Berliner abzuholen. Da Köln wegen der CSD-Parade großflächig zugestopft sein wird, machen wir ab, dass sie schon in Düsseldorf aussteigen und ich sie dort am Bahnhof abhole. Kilometermäßig ist das für mich ein wenig länger, dafür sind die Straßen frei. Ich fahre extra etwas früher los, weil ich mich auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht auskenne und in Ruhe die Treppenaufgänge und den Rückweg vom Bahnsteig zum Parkhaus herausfinden möchte, damit ich nachher nicht weite Wege herumirre, die Besucher immer hinter mir her.

Der Düsseldorfer Sohn nutzt die Gelegenheit und kommt angeradelt, um mir bei einem Rundgang eine schnelle Orientierung zu geben. Hier großer Gang, dort kleiner, hier, hier und hier Treppen, da hinten Fahrstuhl von den Gleisen runter, dort Hinterausgang, hier Front, da Eingang zum Parkhaus. Ist das schon mal geklärt. Weil ich so früh bin und der Zug inzwischen eine deutliche Verspätung hat, können wir noch eine Runde außerhalb des Bahnhofes spazieren gehen und uns bei verschiedenen Themen gegenseitig auf den neuesten Stand bringen. Das ist immer schön.
Am Bahnsteig empfangen wir dann rechtzeitig die einlaufende Bahn und die aussteigenden Ankommenden und gehen gemeinsam den direkten Weg zum Parkhaus. Dann verabschiedet sich der Sohn und radelt zurück zu seiner Wohnung, ich fahre die Besucher aus Düsseldorf heraus und um Köln herum. Die Straßen sind frei, das Auto fährt munter durch, wir unterhalten uns während der Fahrt und ich freue mich, dass alles so gut klappt. Die gesamte Fahrt ist zeitlich deutlich kürzer als gestern die kürzere Strecke nach Köln mit der langen Wartezeit im Stau. Eine gute Entscheidung, spontan nach Düsseldorf zu wechseln!
Am Abend gieße ich im Garten und entdecke, dass die bisher kleinen Feigenfrüchte plötzlich groß, hell und weich sind. Ich habe keine Ahnung, woran ich erkenne, wann sie reif sind. Im letzten Jahr hat der jugendliche Feigenbaum alle Früchte noch im Ministadium abgeworfen. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich jetzt erwartet, dass die reifen Feigen außen dunkel werden müssen, aber vielleicht habe ich eine helle Sorte. Beim Kauf in der Baumschule habe ich nur auf „Feige“, „lecker“ und „winterhart“ geachtet. Vorsichtig schneide ich eine Frucht auf und probiere. Essbar weich ist sie, schmeckt zart nach Feige, könnte aber noch mehr Aroma gebrauchen. Vermutlich muss ich den perfekten Pflückzeitpunkt zwischen „weich“ und „überreif-matschig“ finden. Es macht aber schon Freude, im eigenen Garten Feigen zu haben. Zu meiner Kinderzeit gab es die getrocknet in der Weihnachtszeit und nur der kleine Muck auf meiner Langspielplatte pflückte sie frisch von Bäumen.

Kurz nach 7 Uhr am nächsten Morgen hole ich die Berliner Besucher schon wieder an ihrer Unterkunft ab und bringe sie zum Bahnhof. Das nenne ich Kurzbesuch. Diesmal bringe ich sie tatsächlich zum Hauptbahnhof nach Köln, denn der CSD ist vorbei und der Verkehr wieder normal. Wir kommen sehr gut durch – so einfach kann es sein – und ich lasse sie vor dem Bahnhof raus, wo sie so früh sind, dass sie jetzt noch Zeit für einen Kaffee haben. Besser als fünf Minuten zu knapp. Hach, prima, dass es für sie mit dem Abholen und Zurückbringen geschmeidig lief. Mir war es eine Freude.

Mein Plan, in dieser Woche aktiv mit dem Schreiben des Theaterstücks zu beginnen, weil ich viel freie Zeit habe, bekommt Risse, als mir auffällt, dass der Montag jetzt schon vorbei ist und ich für Mitte der Woche ein Frühstück bei meiner Tante in Mainz zugesagt und dann gleich eine Übernachtung beim Sohn in Frankfurt drangehängt habe. Das wird nichts mehr mit den fünf freien Tagen. Alles aber komplett auf die nächste Woche zu schieben, ist mir zu blöd. Ich kann ja zumindest mit dem Sortieren meiner vielen Notizen und dem Festlegen der Charaktere anfangen.

Etwa ein Drittel des Stücks habe ich vor einigen Monaten schon probeweise geschrieben, hatte zu dem Zeitpunkt aber eine andere Ausgangslage der Story. Einen kleinen Teil der Dialoge werde ich vielleicht übernehmen können, aber im Prinzip fange ich nochmal an. Das Vorschreiben hat aber trotzdem geholfen, weil ich mich jetzt entscheiden und festlegen kann. Zuerst lese ich alle Texte, Notizen und Kommentare durch. Puh, was für eine Menge von Ideen und Input! Bei manchen hingekritzelten Sätzen nicke ich erfreut oder lache sogar laut auf, weil ich sie gut finde und schon vergessen hatte. Mal sehen, ob ich sie unterbringen kann.
Die angedachten Charaktere mische ich nochmal etwas durch, gebe ihnen dann Namen, Alter, Charakterzüge und einen persönlichen Hintergrund. Das ist die Grundlage, auf der ich aufbauen kann. Niemand sagt einen Satz im Dialog einfach so. Als Lenkerin der Geschichte muss ich wissen, warum jemand da ist, was ihm wichtig ist und was seine Ziele sind. Wenn ich das weiß, ist es ganz klar, was er in Situationen sagt und wie er reagiert. Wenn meine Hirnzellen diese Grundlagen haben, sagen sie mir beim Schreiben alles vor und ich muss nur noch tippen. So kommt es mir zumindest vor. Manchmal denke ich kurz: „Wirklich? Wäre seine Antwort da nicht freundlicher?“ – und zack!, bieten meine Hirnzellen eine neue Variante an, in der er netter ist, aber immer noch logisch und passend reagiert. Das ist faszinierend. Ich sag ja immer: Was wäre ich ohne meine Hirnzellen.

Jetzt ist aber schon klar: Fünf Männer und vier Frauen in Altersbereichen von Anfang 20 bis Mitte 60 werden mitspielen. Sie müssen typengerecht besetzt werden von der jungen Influencerin bis hin zum älteren, aber noch arbeitenden Studienrat. Es sind verschiedene Rollen im Angebot, aber nicht nur die Typen- und Altersauswahl ist etwas einschränkend, auch die Probe- und Aufführungstermine werden ein recht enges Korsett sein, so dass vielleicht tolle Leute, die gerne mitspielen und auch passen würden, wegen ungünstiger Termine wieder rausfallen könnten. Das wird noch spannend werden. Hach, am liebsten würde ich sofort mein Team zusammenholen, denn ich bin selber so gespannt, wer dabei sein wird. Aber so vernünftig bin ich, dass ich vor dem sogenannten „Casting“ erstmal das Stück schreibe.
Am Mittwochmorgen geht es nach Mainz, wo der Gatte und ich zum Frühstücken bei meiner Tante und ihrem Mann eingeladen sind. Der Gatte hatte vor einigen Monaten bei deren Überlegungen zur einer Photovoltaikanlage und Wärmepumpe beraten, und jetzt können wir das Ergebnis ansehen. Das ist schon lustig, wenn anstelle einer neuen Küche oder eines neuen Sofas ein Wärmepumpen-Außengerät besichtigt und bestaunt wird und dann alle in den Heizungskeller gehen und über sauber verlegte Leitungen, Verbrauchsdaten und Displays reden. Aber prima, die neue Zeit der Energie hat jetzt auch dort begonnen. Wer jetzt noch auf Öl und Gas setzt und sogar neu einbauen lässt, wird das in den nächsten Jahren ziemlich sicher bereuen. Vor allem finanziell.
Nach dem langen und schönen Frühstück fahren wir die kurze Strecke nach Frankfurt und sind schon wieder beim Sohn. Zusammen besuchen wir das Senckenberg-Naturkundemuseum, das schon lange auf unserer Liste steht. Es gibt viel zu sehen.
2000er-Puzzle ohne Anleitung …

… fürs Foto lächelnde Urelefanten …

… evolutionäre Sackgassen …

… mürrische Moulin-Rouge-Tänzerinnen …

… und den urzeitlichen „Reflecting Pool“ von Donald Trump, perfekt veralgt.

Irgendwann sind wir so voll von Informationen und angesehenen Exponaten, dass wir die letzten Räume gar nicht mehr besuchen, obwohl es so gut ist. Dafür kommen wir gerne nochmal wieder.
Essen gibt es beim authentischen Streetfood-Chinesen in der Innenstadt. Vorher freue ich mich lange darauf, eines von den vielen mir unbekannten Gerichte von der Karte zu wählen, aber dann nehme ich doch das Gericht, das beim letzten Mal schon so sehr lecker war. Und wieder ist es frisch gemacht und lecker. Gute Wahl. Neues beim nächsten Mal.

Im Anschluss führt uns der Sohn in die Frankfurter Stadtbibliothek. Ich finde ja schon die dortigen Massen an Büchern klasse, aber ganz großartig ist die Abteilung „Zeusch für eusch“ – hessisch für „Zeug für euch“, ein Satz, der einer Rheinländerin beim Verstehen kein Problem macht. Untertitel: „Bibliothek der Dinge“. Mit Bibliotheksausweis kann man Sachen wie Bohrmaschinen, Stichsägen, Waffeleisen, Dörrautomaten, Playstations, Laminiergeräte, Beamer, Tischtennisschläger, Fahrräder, Zelte und noch vieles mehr ausleihen. Das ist schon toll, aber noch viel großartiger ist, dass es in der Zentralbibliothek eine Musikabteilung gibt. Dort gibt es Musikinstrumente und Studioequipment in der Ausleihe. Keyboards, Ukulelen, Geigen, Harfen, Richtmikrofone, Drum-Pads, USB-Mixer, Synthesizer, Mischpulte und mehr, und es gibt sogar ein kleines Tonstudio. Am bereitgestellten Digitalklavier kann man sitzen und mit Kopfhörern üben.

Ergänzend gibt es Regale voller Anleitungen und Notenhefte für alle Arten von Instrumenten, Notenbücher von allen möglichen Künstlern bis hin zu großen Opernpartituren. Es gibt eine große Abteilung mit CDs und außerdem eine Vinylabteilung. An einem bereitgestellten Gerät kann man sogar eigene LPs mitbringen und dort digitalisieren. Ich bin total begeistert. So muss Bibliothek sein! Bücher, Musik und Geräte, leicht zu erreichen für alle. Was für ein Schatz, wenn man bei Bedarf ein Werkzeug oder Küchengerät ausleihen kann, und vor allem, wenn man alle möglichen Arten von Instrumenten ausprobieren kann. Das ist Förderung und Kultur, die wir brauchen!

Im Gegensatz zum Frankfurter Konzept der niedrigschwelligen Teilhabe wurde in meinem Ort Erftstadt gerade einer von zwei Bibliotheksstandorten aus schwer nachvollziehbaren Gründen drastisch verkleinert und kann jetzt nur noch vorwiegend Kinderbücher anbieten. Immerhin das, aber was ist das für ein Zeichen für den Wert von Kultur in meiner Stadt? Erftstadt hat etwa 48.000 Einwohner und besteht aus 14 Dörfern, die in einer Reform zusammengeschlossen wurden und sich über ein weites Gebiet erstrecken. Wer kein Auto hat, kommt oft nur mühsam und mit Busfahrkarte in andere Ortsteile und damit bis zur einzigen Bibliothek. Viele ältere Menschen, Kinder und Leute, die aufs Geld achten müssen, sind damit außen vor. Die Achtlosigkeit beim Thema Bibliothek zeigt, wie unwichtig den Entscheider*innen hier der leichte und vor allem günstige Zugang zu Literatur und Bildung ist. Ich kann gar nicht so viel kopfschütteln wie ich das dumm finde.
Spannend ist in Frankfurt auch der Zugang von der Straße aus zu einem asiatischen Supermarkt, den uns der Sohn entlangführt. Es fühlt sich verboten an, durch seltsame, grell gestrichene Gänge zu gehen, vorbei an Rohrsystemen und Schächten, um Ecken herum und Treppen herunter. Ich erwarte jeden Moment einen Haustechniker, der mich anblafft, was ich hier zu suchen habe. Zu meiner Beruhigung gibt es regelmäßig Aufkleber auf dem Boden, die auf den Asia-Markt hinweisen. Nach mehreren Gängen und Kurven stehen wir tatsächlich vor dem großen Supermarkt, der im Untergrund an einer U-Bahn-Station liegt. Es ist der offizielle Weg von der Straße aus. Sofern er wirklich offiziell ist und nicht nur heimlich von der China-Mafia gefunden und verbotenerweise zugänglich gemacht wurde. Ich mag so etwas.

Im Lauben-Arbeitszimmer – meiner Sommerresidenz – arbeite ich weiter an den Vorarbeiten zum Theaterstück. Es geht in großen Schritten voran. Am Samstag stehen nicht nur die Charaktere mit ihren Hintergründen, ich bin auch alle Notizzettel mit kurzen Ideen und Dialogen durchgegangen, habe rausgeworfen, was nicht mehr passt und den Rest in den Laptop getippt. Schon dabei wurden mir neue Verbindungen und logische Folgehandlungen klar. Wenn auch noch ungeordnet und nicht im Zusammenhang, gibt es jetzt schon zehn Seiten Text. Nur als Grundlage. Aber auch in meinem Kopf scheint alles sortiert und vorbereitet zu sein. Ja, ich kann jetzt wirklich mit dem Schreiben des Stücks loslegen. Es macht jetzt schon so einen Spaß und ich freue mich.
