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Blog 957 – 30.08.2026 – Welturaufführung, Butterkuchen und Kaschieren

Noch einmal lese ich das überarbeitete Theaterstück sorgfältig durch und schon wieder ändere ich einige kleine Formulierungen oder ergänze Sätze. Vermutlich würde ich das auch beim elften Durchlesen noch so machen und immer noch Verbesserungsmöglichkeiten finden. Ich merke aber selber, dass es langsam um winzige Details geht, die einen Satz vielleicht etwas flüssiger machen, inhaltlich aber keinen Unterschied bringen. Ich schließe nicht aus, dass ich in der nächsten Woche nochmal drüberlese und ein letztes Mal verfeinere, aber so wie es jetzt geschrieben ist, gilt das Stück als aufführungsbereit. Tadaaa! Natürlich vorausgesetzt, es finden sich Leute, die es aufführen wollen und vorher proben. Aber dafür gibt es als nächsten Schritt am kommenden Sonntag das „Casting“, bei dem interessierte Leute kommen werden und ich hoffentlich danach das Team zusammenstellen kann. Es geht auf die Welturaufführung zu, allerdings nicht in schnellen Schritten, sondern sehr entspannt.


Mein Projekt „Wandleuchter“ geht voran. Ich kaschiere eine erste Lage Zeitungspapier auf die aus Hartschaum geschnitzten Hände, um eine Grundstabilität zu bekommen, und schnitze noch zwei Kerzen, die ich in die Hände setze und ebenfalls dünn kaschiere. Vor einigen Jahren habe ich mal einen fünftägigen Kurs „Hartschaumschnitzen und Kaschieren“ besucht und vorher noch gedacht: Brauchst du das eigentlich jemals? – Seitdem schnitze und kaschiere ich immer wieder und bin entzückt, was sich alles machen lässt. Das Material kostet wenig, die Objekte sind nachher leicht und trotzdem sehr robust, und ich baue Handpuppenköpfe, Theaterdekorationen und … jetzt eben Wandleuchter. Die müssen nach der ersten Kaschierlage aber erstmal trocknen.


Es passt gut, dass ich am nächsten Morgen mit dem Gatten nach Sachsen-Anhalt fahre, wo eine Beerdigung stattfindet. Ich bin sozusagen als Vertretung meiner Familie dort. Vor 45 Jahren haben meine Eltern im Campingururlaub am ungarischen Balaton ein Ehepaar aus der DDR kennengelernt. Eigentlich haben zuerst meine Schwester und ich den Sohn der Familie kennengelernt, darüber haben sich die Eltern befreundet. Diese Eltern-Freundschaft hielt – dank weiterer abgesprochener und „zufällig zeitgleicher“ Ungarnurlaube – über die DDR- und BRD-Zeit hinweg und wurde nach dem Wegfall der Grenze beständig weitergeführt. Nun ist, acht Monate nach meinem Vater, der Letzte der Vier gestorben.

Der Ort in Sachsen-Anhalt ist 450 km entfernt von mir, aber es ist mir trotzdem ein Bedürfnis, an der Beerdigung teilzunehmen. Nicht zuletzt, weil der Sohn der Familie auch extra zu den Beerdigungen meiner Eltern gekommen ist. Und so sitze ich nach fünf Stunden Autofahrt in einer kleinen Trauerhalle, wo die Trauerrednerin beim persönlichen Lebenslauf sogar meine Eltern und die lebenslange Freundschaft erwähnt. Wie gut, dass ich gekommen bin! Anschließend gehe ich mit über den Friedhof bis zur Ruhestätte. Wieder ist ein Kapitel beendet. Vier Menschen, die während meiner Jugend- und Erwachsenenzeit immer präsent waren, sind jetzt alle weg.

Nach der Beerdigung gibt es in einem Gasthaus Kaffee, Brötchen und Kuchen. Bei mir im Kölner Raum gibt es beim Beerdigungskaffee vorwiegend Streuselkuchen. Hier ist es Butterkuchen. Mit Zuckerkruste oder mit Zucker und Mandelblättchen. Oh, das ist ein Geschmack meiner Kindheit, den ich unerwartet schmecke! Wie lange hatte ich den schon nicht mehr! Meine Mutter kam aus Thüringen und hat früher oft Butterkuchen gemacht. Ich schmecke die Zuckerkrümel, den buttrigen Geschmack und die Mandeln – mmmh! Wie schön, dass der eigentlich traurige Anlass dann doch wieder eine schöne Erinnerung bringt. Und natürlich habe ich das alte Rezept vom vertrauten Butterkuchen noch, backe den aber nie, weil ich heute beim Anblick der vielen Butter nur an die Kalorien denke. Wie blöd bin ich?

Die ganze Zeit über habe ich allerdings auch im Kopf, dass in zwei Wochen Wahlen in Sachsen-Anhalt anstehen und die AfD gewinnen könnte. Vermutlich sind etwa ein Drittel – oder mehr? – der Trauergäste AfD-Wähler*innen und denken „in Teilen“ rassistisch und rechtsextrem. Meine Güte, sie haben persönliche Freiheit, alle Dörfer sind grundrenoviert, es gibt nur wenige Migranten und trotzdem fühlen sie sich benachteiligt und lassen sich vom Hass und der Angstmacherei der AfD beeinflussen. Ausländer raus, alles im Sinne der AfD gleichschalten, mehr Überwachung, Rechtsstaat nach Gesetzen der AfD … das war es dann mit der Demokratie und der Freiheit. Puh, ich kann das etwas unangenehme Gefühl nachempfinden, das Leuten in den 30er Jahren vermutlich hatten, wenn sie überlegten, welcher Nachbar oder Verwandte schon die NSDAP wählt. Natürlich gibt es Probleme im Deutschland, aber für deren Lösung ist die AfD ganz sicher nicht geeignet. Dass die jetzige Regierung es auch nicht ist, macht die Sache für die AfD leider einfacher.

Im Vorfeld habe ich mit dem Gatten besprochen, dass wir uns in keine Diskussionen einlassen, dass wir unsere Meinung, wenn es notwendig ist, klar sagen werden, dass wir im Zweifelsfall aber einfach gehen. Zum Glück gibt es beim Kaffee keine politischen Themen und als es mal kurz in „früher war hier doch alles gut und das lassen wir uns auch nicht ausreden“ geht, ändern wir schnell die Gesprächsrichtung. Ich glaube, bei der ganzen Ostalgie, bei der sich Leute daran erinnern, wie gut sie sich als Jugendliche im Osten gefühlt haben und wie nett alles war, bedenken sie nicht, dass auch die meisten Wessis sentimental und mit guten Erinnerungen an ihre Jugend denken und feststellen, dass heute alles schneller, härter und rücksichtsloser läuft. Auch im Westen lief es in den 70ern langsamer und vermeintlich netter und gemeinschaftlicher. Zumal man im Rückblick sowieso alles eher positiv sieht.

Es geht zu meiner Erleichterung gesprächsmäßig alles gut, das Zusammensein ist angenehm, und im Anschluss fahren wir noch 200 km zurück, um am nächsten Tag nicht mehr so eine lange Strecke vor uns zu haben. Wir übernachten in einem kleinen Landhotel, das abgelegen und sehr ruhig liegt. Das Spannendste sind die anscheinend aktiven Mähroboter in der Nachbarschaft, von denen wir in freier Wildbahn aber keinen entdecken können.


Wieder zuhause mache ich an den Wandleuchtern weiter. Ich schneide sie auf, mache einen Hohlraum, passe jeweils ein Leerrohr für die Verkabelung ein, fixiere das mit Heißkleber und füge die Teile wieder zusammen. Liest sich schnell, ist aber Frickelarbeit und dauert etwas. Schon wieder kommt eine Lage Papier über die Schnittstellen und schon wieder muss alles trocknen. Inzwischen habe ich aber keine Sorge mehr, dass es nicht klappen könnte. Meine grobe Idee, wie ich zum Ergebnis kommen könnte, erweist sich als gut.


Das Wetter ist unbeständig und wechselt zwischen Sonnenschein und heftigen Regenschauern. Die Wolken sind manchmal ziemlich theatralisch unterwegs.

Auch am Abend strengen sie sich an.