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Blog 920 – 14.12.2025 – Unabhängigkeit, Fotos und Mitgliedsnummern

Dass ich nicht mehr telefonisch erreichbar sein muss, weil mein Vater anrufen könnte oder etwas mit ihm passiert ist, daran muss ich mich erst gewöhnen. Seit mehr als einem Jahr hatte ich das Handy durchgehend bei mir und war darauf eingestellt, im Notfall sofort loszufahren. Begonnen hatte der freiwillige Bereitschaftsdienst vor fünf Jahren, als meine Mutter krank wurde und häufig Kontakt brauchte. Im Unterbewusstsein war ich seitdem immer auf dem Sprung und tatsächlich bin ich ja auch einige Male sofort losgesprintet. Jetzt wird mir bewusst, dass ich keine Verpflichtungen mehr habe. Einerseits ist das etwas traurig, andererseits gibt es mir ein Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. Dieses Gefühl habe ich in den letzten Jahren sehr vermisst. Ich könnte spontan für drei Wochen mit dem Fahrrad durch Südfinnland fahren. Oder meinen Hausrat in Kisten packen und für immer an die Nordsee umziehen. Es ist egal. Es trifft niemanden mehr, ich lasse keinen, der Hilfe oder Unterstützung braucht, alleine. Momentan will ich gar nicht durch Südfinnland fahren oder an die Nordsee umziehen. Aber dass ich es könnte, ist eine große innere Freude.

Einfach ist es trotzdem nicht. Ich kann sehr klar und pragmatisch mit der Trauersituation umgehen, aber dann schießen mir doch plötzlich Tränen in die Augen, wenn ich im Supermarkt Sülze sehe – die habe ich meinem Vater jede Woche gekauft. „Bitte drei Scheiben von der Spreewälder Gurkensülze. Vier Millimeter dick.“ Oder wenn ich die Großpackung Katzenfutter im Angebot sehe und die Katze sie nicht mehr braucht. Oder wenn ich mit: „Na, Mäuschen“ die dunkle Tasche begrüße, die auf dem Boden liegt und dann erkenne, dass es die Tasche und nicht die Katze ist. Katze und Papa innerhalb weniger Tage, das ist schon viel. Trotzdem geht es mir gut, denn gerade mein Vater hatte die Lust am für ihn mühsam gewordenen und sehr eingeschränkten Leben verloren. „Wenn ich tot bin, wache ich morgens auf und habe keine Schmerzen mehr“, hat er oft mit einem Lachen verkündet. Dabei waren es gar nicht so sehr körperliche Schmerzen, die ihn drückten, sondern dass sein soziales Leben und der Kontakt mit vielen Menschen nicht mehr stattfinden konnte.


Mithilfe der Telefonliste meines Vaters beschrifte ich die Umschläge für die Trauerkarten. Er hatte vor einigen Jahren überall dort ein „T“ vor den Namen gesetzt, wohin er im Todesfall eine Trauerkarte geschickt haben wollte. Eigentlich eine gute Idee. Aber inzwischen sind viele der Leute aus der Telefonliste schon gestorben und er konnte das nicht mehr aktuell nachhalten. Im Zweifelsfall schicke ich lieber mal eine Karte, auch wenn sie ihr Ziel vielleicht nicht mehr erreicht.

Selten steht am Ende eines Eintrages eine Bemerkung wie ein Verein, der Chor oder ein Campingurlaub. Das hilft mir sehr bei der Einordnung unbekannter Namen. Es wäre sinnvoll, wenn ich das bei meinem eigenen Telefonbuch überall nachtragen würde, denn auch meine Familienmitglieder könnten mal vor meiner langen Adressenliste sitzen und viele Namen sehen, bei denen sie nicht wissen, ob mir die Person wichtig war.

Im örtlichen Blumengeschäft bestelle ich Blumen für die Beerdigung, die dort immer sehr schön gemacht werden. Dann fahre ich bei der Tierärztin vorbei, weil ich noch etwas Medizin für das kranke Kaninchen brauche. Ich gebe ihm täglich seine Medikamentendosis, aber der Zustand wird noch nicht besser. Schlechter auch nicht, das ist schon mal gut.

Auf Wunsch schicke ich danach ein kurzes Video vom Bewegungsablauf des Kaninchens und mache zur Sicherheit für die nächste Woche einen weiteren Tierarzttermin aus. Der wird einen Tag vor der Beerdigung sein. Zum Zahnarzt muss ich auch noch, Kontrolltermin. Tod und Abschied liegen mitten im normalen Leben.

Am nächsten Tag hole ich aus der Wohnung meines Vaters Fotoalben und Kartons voller Fotos, um Bilder für einen Flyer auszusuchen. Den möchte ich gerne bei der Beerdigung auslegen, damit alle Trauergäste meinen Vater nochmal sehen. Nicht nur auf einem letzten Abschiedsbild, sondern in vielen typischen Situationen aus seinem langen Leben. Etwa 200 passende Fotos kommen beim Durchsehen zusammen, von denen ich sechzig auswähle, abfotografiere, bearbeite und dann die Hälfte von ihnen beim Hin- und Herschieben im Layout wieder aus der Auswahl werfe.

Aus den übrig gebliebenen stelle ich eine Bildercollage zusammen. Ein ganzes Leben in dreißig Bildern auf zwei Din-A-4-Seiten. Das kann nicht alles abdecken, aber ich denke, ich habe es so getroffen, dass alle Trauergäste vertraute Situationen aus Zeiten finden, die sie mit ihm erlebt haben. Normalerweise würde ich mir am nächsten Tag nochmal ansehen, was ich gemacht habe und eventuell das eine oder andere Bild austauschen, aber jetzt habe ich seltsamerweise das drängende Gefühl, ich sollte es sofort in den Druck schicken. Zum Glück, denn der voraussichtliche Liefertermin, der mir am Ende der Bestellung angegeben wird, ist der Tag vor der Beerdigung. Den hatte ich deutlich früher erwartet. Sollte die Lieferung einen Tag später kommen, wäre es zu spät. Ich verlasse mich aber ein bisschen darauf, dass die Drucksachen von Vistaprint üblicherweise etwas früher kommen.

Am Donnerstagvormittag treffen meine Schwester und ich die Trauerrednerin. Die hatte sich mein Vater für seine Beerdigung gewünscht und wir freuen uns, dass es klappt. Wir reden und erzählen lange, sie macht sich Notizen. Ganz in unserem Sinne ist es, dass sie nicht trockene Daten runterzählen, sondern von seiner Persönlichkeit und von Begebenheiten berichten möchte, was durchaus auch lustig sein kann. Mein Vater hat achtzig Jahre in der Stadt gewohnt, hatte einen sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis und war bei vielen Veranstaltungen dabei. Auch die Trauerrednerin, die etwas jünger als ich ist, kennt ihn schon lange und ist ihm oft begegnet.

Immer wenn ich da bin, gucke ich mich im Haus um, das wir ausräumen müssen und das in allen Ecken an meine Eltern erinnert. Aus emotionaler Sicht würde ich gerne vieles behalten, aus Platzgründen werde ich mich sehr beschränken müssen. Das wird nicht leicht werden.

Am Nachmittag setze ich mich mit einer Liste hin und kündige Versicherungen, Zeitungsabos und Mitgliedschaften. Manchmal muss ich vorher anrufen und hänge in Warteschleifen, vieles geht über Mails oder online. Ich wähle Telefonnummer und Durchwahlnummern, nenne Geburtsdaten und Postleitzahlen, antworte mit Ja und Nein auf KI-Fragen, tippe Versicherungsschein-Nummern, Mitgliedsnummern und Abonummern. Am Abend bin ich so geschafft, dass ich Schwierigkeiten habe, eine mehrstellige Nummer korrekt abzuschreiben. Das Gehirn weigert sich und weiß nicht mehr sicher wo links und wo rechts ist und ob es gerade eine Sieben oder eine Sechs liest. Ich höre auf, habe aber eine lange Liste abgehakt.

Am nächsten Morgen rufe ich beim zuständigen Amtsgericht an. Wir brauchen einen Erbschein und ich möchte vorher telefonisch absprechen, welche Bescheinigungen ich zum Termin mitbringen muss, damit dann nichts Wichtiges fehlt. Mein Anklingeln geht ins Leere. Den ganzen Vormittag lang. Nach zwanzig Mal Klingeln geht der Anruf jedes Mal zurück zur Zentrale, die mir nur empfiehlt, es erneut mit der Durchwahl zu versuchen. Sitzt da überhaupt jemand im Büro? Wie viel meiner Zeit dabei draufgeht, immer wieder anzurufen und mit dem Telefon in der Hand herumzustehen und nur das Klingelzeichen zu hören.

Als ich sehe, dass es freie Termine beim Amtsgericht erst wieder ab Februar gibt, möchte ich zumindest den über die Online-Funktion schon reservieren. Aber die Terminvergabe funktioniert nicht. Bei Schritt 5 von 6 bricht sie ab. Ich versuche es mehrfach, drücke immer wieder auf den letzten Button, der mir meinen Termin bestätigen soll, aber es passiert nichts. Sicherheitshalber trage ich alles nochmal für einen neuen Termin ein, aber auch da komme ich nicht bis zum Abschluss. Ich bekomme auch keine Bestätigungsmail. Dann ist es 12 Uhr, Freitagmittag, und das Amtsgericht schließt. Nichts geht mehr. Die nächste Chance kommt erst am Montag. Im blöden Fall habe ich jetzt etwa zehn Termine für den 4. Februar und drei für den 5. gebucht und weiß es nicht mal.

Am Samstagabend setze ich mich hin und beginne mit dem Malen meiner Neujahrskarte. Erst denke ich, dass ich mich vermutlich nicht voll darauf einlassen kann, aber dann sind die Ruhe und Konzentration genau richtig.