Blog 923 – 04.01.2026 – Freiraum, Krötenaugen und Postkarten
Das alte Jahr endet und im nächsten wird es deutlich anders weitergehen. Die Unterstützung meines Vaters hat zunehmend Zeit und Energie von mir verlangt. Ich bin aber sehr froh, dass er sich bis zum Schluss darauf verlassen konnte. Ohne die 24-Stunden-Kräfte, die sich um seinen Alltag kümmerten, wäre alles gar nicht gegangen. Bei mir war es nicht nur der eine Tag in der Woche, den ich fest bei ihm verbrachte, es kamen gemeinsame Arzt-, Beerdigungs- und andere Besuche dazu, das Schreiben, Beantragen, Anrufen zu allem, was mit ihm, seiner Pflege und dem Haus zusammenhing und fast täglich Anrufe von ihm, die meine To-do-Liste stetig verlängerten. Es funktionierte alles, aber mein eigenes Leben – neben Haushalt und allem, was sowieso getan werden muss – wurde immer weniger. Was mich selber immer wunderte: Sogar in der Zeit mit zwei kleinen Kindern hatte ich mehr Freiräume, um intensiv kreativ zu arbeiten.
Bei der Unterstützung meiner Eltern, die während der Coronazeit begann und fließend mehr wurde, war für mich vor allem die ständige Rufbereitschaft ein Problem. Ich möchte sowieso nicht immer erreichbar sein, bin sehr gerne mal alleine und brauche zum Arbeiten Ruhe. Wenn ich, kaum dass ich etwas schreibe oder überlege, angesprochen oder angerufen werde, bin ich gleich wieder draußen. Schon alleine die innere Unruhe, dass das Telefon klingeln und mich herausreißen könnte, verhindert ein entspanntes und tiefes Eintauchen. Nun, in den vergangenen Jahren war die Situation eben so, meine Eltern brauchten oft dringend eine Ansprechpartnerin. Dass es im Jahr 2026 ganz anders weitergehen wird, ist einerseits traurig, dann aber doch ein verheißungsvoll schöner Gedanke. Momentan ist es noch ungewohnt, dass ich zwischendurch nicht mehr angerufen werde und mein Handy auch einfach mal zuhause liegenlassen kann und das löst manchen Schreckmoment aus.
Zunächst müssen meine Schwester und ich unser Elternhaus leerräumen. So viele Sachen, die meiner Mutter oder meinem Vater wichtig waren, sind plötzlich überflüssig. Sie haben oft keine Bedeutung für uns oder wir haben keinen Platz dafür. Einige Sachen möchten wir behalten, müssen uns da aber auch beschränken, denn die eigenen Haushalte sind voll. Ich nehme mir in Taschen und Körben erstmal etwa drei Meter Ordner mit nach Hause, die ich nach und nach durchsehen werde. Viele der abgehefteten Seiten können jetzt weg, aber zwischendrin stecken auch noch wichtige Unterlagen.

Im meinem Wohnzimmer stapeln sich noch die letzten Kisten vom Ausräumen des Musikzimmers und ich habe überhaupt keinen Platz, um noch mehr Zeug unterzubringen. Da werde ich aber nicht drumherum kommen. Anstatt jetzt viel Zeit für kreative Sachen zu haben, werde ich in den nächsten Monaten wohl vorwiegend leerräumen, sortieren, aufheben und wegwerfen müssen. Dass es sich um meine Kindheit und Sachen meiner Eltern handelt, macht es nicht einfach.
Am 31. Dezember ist es draußen kalt, aber trocken. Weil ich die Biotonne noch füllen möchte, gehe ich in den Garten, auch wenn ich zunächst überhaupt keine Lust dazu habe. Aber während ich draußen Zweige in tonnengerechte Stücke schneide, ist es ringsherum zwar eiskalt, aber sehr leise, ab und zu fliegt ein Vogel vorbei, und ich entspanne total. Hach, ich bin ja doch eine Gartentrude und fühle mich in der Natur sehr wohl. Während der Arbeit überlege ich schon, was ich demnächst, wenn der Frühling beginnt – was ja ab dem 1. Januar ganz schnell geht -, alles im Garten machen möchte. Nach einer Stunde ist die Biotonne voll, meine Finger sind kalt und ich freue mich auf einen heißen Tee im Haus.

Die neu gedruckten Neujahrskarten kommen mit der Post an und sind deutlich besser als beim ersten Mal. Vermutlich lag der erste Fehldruck aber gar nicht an meiner leichten nachträglichen Bearbeitung, sondern an einem sehr hellen Bereich in der Mitte des Motivs, das der Computer in der Druckerei automatisch ausgleichen möchte. Meine Originalillustration gefällt mir farblich immer noch etwas besser, aber mit dem jetzigen Kartenergebnis bin ich zufrieden. Ich mag auch den Spruch, der gut zu meiner Einstellung für das Jahr 2026 passt.

Der Bericht über das Mainzer Maybebopkonzert wird fertig und ich setze ihn auf meine Konzert-Homepage. Da stehen jetzt drei Maybebopkonzerte nacheinander, was so aussieht, als ginge ich nur noch zu Maybebop. Dabei stimmt das gar nicht. Allerdings bin ich bei meinen eher wenigen Konzertbesuchen der letzten Jahre gerne da, wo es mir sowieso gut gefällt.

Um 14 Uhr, wir haben gerade mal das Mittagessen beendet, schickt der Sohn Grüße und Fotos aus Sydney. Bei ihm hat gerade das Jahr 2026 begonnen. Er erlebt es in einer Sommernacht am nächtlichen Strand mit Blick auf das Feuerwerk am Hafen. Verrückt. Zur gleichen Zeit sitze ich am Küchentisch und bemale Krötenaugen. Das ist allerdings auch für Deutschland eine eher ungewöhnliche Aktivität am Silvestertag. Ich stelle mir kurz vor, wie der Sohn in Australien nach dem Telefonat gefragt wird, was seine Eltern in Deutschland gerade machen, und er antwortet: „Bei denen ist noch das Jahr 2025 und meine Mutter bemalt Krötenaugen.“

Wir haben einen ruhigen, gemütlichen Abend. Um Mitternacht gehe ich raus, um nach den Kaninchen zu gucken. An den Häusern, die am Hang über uns liegen, werden Silvesterraketen abgeschossen. Es pfeift, zischt und knallt, wird immer wieder sehr hell, laute Böller knallen – beim Laufen durch den Garten kann ich einen Beschuss im Krieg sehr gut nachvollziehen. Das gesunde Kaninchen hat sich in der hintersten Ecke verkrochen und hat die Augen weit aufgerissen, während das kranke mitten im Gehege auf der Seite liegt und sich im Schockzustand nicht mehr bewegen kann. Ach, der arme Kerl. Leute, es ist echt Zeit, dass das Silvesterknallen extrem eingeschränkt wird. Ich lege das zitternde und schwer atmende Kaninchen in die dunkle Ecke neben das andere und hoffe, dass die Knallerei bald aufhört, damit es sich beruhigen kann.
Während draußen nach dem Mitternachtsgeknalle noch die letzten Böller explodieren, schreibt der Sohn schon wieder aus Australien. Er frühstückt gerade – es ist bei ihm kurz nach 10 Uhr am Vormittag – und gleich wird er sich zu einem sonnigen Strandspaziergang aufmachen. Es fühlt sich weiterhin verrückt an.
Am 1. Januar hängt schon früh am Morgen eine Bande von Schwanzmeisen an der Futterstelle. Die sind in letzter Zeit öfter da, kommen immer als Gruppe und machen sehr nette, gurrende Fiepslaute. In den Jahren davor sind sie mir nie aufgefallen, vermutlich waren sie nie da.

In aller Ruhe kann ich mich an die Neujahrskarten setzen. Briefumschläge beschriften, Karten beschreiben und am Ende aus meinem Briefmarkenvorrat die passenden Marken zusammensuchen. Es kommen immer einige Stunden zusammen, bis alles fertig ist. In diesem Jahr bin ich aber echt früh dran.

Die Kaninchen haben auch zwei Tage nach der Silvesterknallerei noch Folgeschäden. Das gesunde ist weiterhin übervorsichtig, will sich nicht streicheln lassen und springt immer wieder erschrocken weg, das kranke hat einen Rückfall bekommen und bewegt sich wieder deutlich schlechter. Das alles, weil Leute weiterhin ausgiebig und oft übersteigert rumballern wollen und ihr eigenes Vergnügen an erste Stelle setzen, auch wenn sie genau wissen, dass viele Tiere, alte Leute, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten und die Umwelt Schaden davon haben. Zeiten ändern sich. Inzwischen gibt es keine Hexenprozesse mehr, im Auto schnallt man sich an und geraucht wird auch nicht mehr überall. Änderungen der Tradition können richtig gut sein.
Zwischendurch mache ich an der Kröte weiter. Sie bekommt ihre Augen und ist dann fast fertig. Noch sieht sie froschgrün aus, wird aber noch etwas braune Farbe bekommen. Optisch wird sie wohl keine richtige Kröte, sondern eine Froschkröte werden. Dicke Warzen auf dem Rücken hat sie schon, ihre feste Rolle beim Puppenspiel auch.

Auch den Esel nehme ich mir nochmal vor. Das untere Klappmaul lässt sich zwar gut öffnen, ist mir im Öffnungswinkel aber zu klein. Ich trenne Stoff ab, baue um und nähe neu, dann kann er seine Klappe weit aufreißen und überzeugend: „Iaaaah!“ brüllen. Die Augen sind noch nicht ganz fertig und auch an die Arme und den Körper muss ich noch ran, aber es wird. Ab jetzt kann ich mich öfter mal damit beschäftigen.
