Blog

Blog 949 – 05.07.2026 – Heiße Schärfe, Nahtzugabe und Abhol-Stau

Um 7 Uhr am Sonntagmorgen stehen der Gatte und ich schon in der Bäckerei, um Brötchen zu holen. Mit denen fahren wir in die Nähe von Limburg an der Lahn, um bei seiner Schwester zu frühstücken. Von der aktuellen Hitzewelle ist während der Fahrt dank der Klimaanlage im Auto nichts zu merken, im schwesterlichen Wohnzimmer wegen fehlender Klimaanlage schon. Da steht die warme Luft der letzten Tage und Nächte. Wir setzen uns in einen deutlich kühleren Kellerraum und erzählen, haben Spaß und trinken Kaffee. Zum Lachen in den Keller. Danach fahren wir – da wir schon relativ nah sind – weiter nach Frankfurt, wo uns der Sohn in einem mit einem mobilen Klimagerät auf 26 Grad gekühlten Wohnzimmer erwartet. Da ist es gut auszuhalten. Wieder haben wir Spaß, erzählen und trinken. Diesmal Tee. Zumindest der Sohn und ich.

Mittags gehen wir eine Ecke weiter, um im vor kurzer Zeit eröffneten „Nudelwerk“ zu essen. Vorher war da ein persisches Restaurant, das uns vor einiger Zeit großartigen Rosentee, aber ein etwas seltsames Mittagsbuffet mit italienischem Gemüse und deutschem Nudelsalat präsentiert hat. Vermutlich war das der Versuch, mehr Kunden aus der Umgebung zu bekommen, was anscheinend nicht funktioniert hat. Der Name „Nudelwerk“ lässt Pasta erwarten, es ist aber ein chinesisches Restaurant, etwas karg eingerichtet und mit sehr übersichtlicher Karte. Es gibt einige kalte Vorspeisen und Beilagen, acht Varianten „Nudeln mit Suppe“, vier „Nudeln mit Sauce – ohne Suppe“ und drei „gebratene Nudeln“. Das Auswählen fällt trotzdem nicht leicht, denn die Speisekarte liest sich spannend, uns oft unbekannt und sehr authentisch. Das gefällt uns. An Kutteln in rotem Chiliöl als Vorspeise traue ich mich gerade nicht, aber ein chinesisches, mariniertes Tee-Ei erweist sich als Geschmackserlebnis.

In meiner Suppe befinden sich neben den Nudeln, einem weiteren Tee-Ei und fett durchwachsenem, butterzarten Rindfleisch auch eingelegte Chilis. Puh, ist das scharf! Nach dem ersten Löffel denke ich, das schaffe ich nicht. Mir bricht der Schweiß aus. Dann merke ich, dass ich zufällig genau dort gelöffelt habe, wo extra Chiliöl auf der Oberfläche schwimmt. Insgesamt bleibt es scharf, aber nicht mehr so höllisch. Der Geschmack ist sehr gut, aber jetzt habe ich nicht nur Hitze außen, sondern auch innen. Auf dem Rückweg fühlen sich meine Lippen vor Chilischärfe wie geschwollen an. Der Gatte und der Sohn haben milde, aber ebenfalls sehr leckere Nudelgerichte aus der Rubrik „mit Sauce – ohne Suppe“.

Wir machen eine kleine Runde über die heißen Straßen, damit ich noch schnell einen Stapel Bücher in den Bücherschrank bringen kann. Die Sonne brennt und ich merke, dass mir die Hitze und die scharfe Suppe den Schweiß laufen und den Kreislauf flackern lassen. Kein Wunder. 39 Grad Außentemperatur bedeuten, dass es auf sonnenbestrahltem Beton gerne 50 Grad sein können. Zusammen mit den Chilis sind das 120 Grad. Mindestens. Zurück im angenehm gekühlten Wohnzimmer – im Winter würde ich bei 26 Grad Zimmertemperatur von überhitzt sprechen, jetzt kommt es mir sehr kühl vor – lasse ich mich aufs Schlafsofa fallen und schlafe weg. Kurz danach legt sich der Gatte neben mich und schläft ebenfalls weg. Der arme Sohn hat Besuch von seinen Eltern, die platt auf dem Sofa liegen und vor sich hin schnorcheln. Seniorenmittagsschlaf. Andererseits sind wir schon um 6 Uhr aufgestanden, als er noch im Tiefschlag lag. Nach dem Schläfchen und einer weiteren Kanne Tee starten wir am Nachmittag locker und fit zurück nach Hause.


Ab Montag ist es deutlich kühler. Es bleibt warm, aber Temperaturen unter 30 Grad sind sommerlich und nicht extrem. Die Laube und der Tisch davor sind jetzt mein Sommer-Arbeitszimmer. Rundherum ist alles zugewachsen und ich fühle mich weit weg von der normalen Welt . Perfekte Voraussetzungen, um mich konzentriert mit der Projekten wie der Puppe zu befassen.

Ihre Mundwinkel sind aufgeschnitten, der Gaumen verlängert und wieder angenäht und ihr Unterkiefer lässt sich nun deutlich einfacher bewegen. Jetzt muss ich zusätzlichen Stoff in den Mundwinkeln annähen, was etwas frickelig ist und nachher blöd aussehen kann. Das kommt davon, wenn man – in diesem Fall ich – schon während des Bauens merkt, dass es etwas straff ist und sich trotzdem immer wieder versichert: „Funktioniert aber.“ Tja, funktioniert am Ende aber nicht gut genug, wenn ich mich während des Spielens durchgehend auf meine Handbewegung konzentrieren muss. Wenn etwas am Anfang schon nicht richtig ist, wird es im Verlauf des Bauens meistens nicht besser. Das weiß ich doch, aber diesmal habe ich nicht rechtzeitig reagiert und muss jetzt eben risikoreich und aufwändig nachoperieren. Das ist umso ärgerlicher, weil es wirklich nur wenig spannte und das Spielen möglich war, mich die ständige Konzentration auf die Daumenbewegung aber von Anfang an nervte. Das muss alles locker hoch- und runterklappen, dann agiert die Puppe auch locker und lässig.

Im Schatten des Sonnensegels sitzend nähe ich konzentriert, trinke dazu Tee und höre erst eine Folge Podcast von 1000gesichterplus2, dann eine von Puppkultur. Für mich ist das wie Urlaub. Viel besser kann es mir nicht gehen. Und auch die OP ist erfolgreich. Anstelle einer sonst oft angestrebten Hautstraffung gibt es eine Nahtzugabe und alle sind glücklich. Die Puppe, weil alles sitzt und passt und sie endlich richtig die Klappe aufreißen kann, und ich, weil das Spielen viel einfacher geht.

Die Puppen für das Stück sind nun fertig und spielbereit. Ich liste auf, welche Requisiten ich noch besorgen oder selber anfertigen muss. Das sind gar nicht so viele. Der Bau der zerlegbaren Stehbühne wird wohl die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Etwas schade ist, dass ich nicht sofort intensiv weitermachen werde. Aber das Menschen-Theaterstück, das ich noch schreiben muss, drängt mich zu sehr. Damit werde ich in der nächsten Woche anfangen. Die Grundgeschichte ist da und mein Kopf und das Notizzettelboard sind übervoll mit einzelnen Szenen und vielen kleinen Ideen. Ich habe etwas Sorge, dass die mich in der nächsten Woche überrollen, alle nicht zusammenpassen und ich überfordert zwischen verschiedenen Wegen und Möglichkeiten sitze. Aber ich muss mich für einen klaren Weg entscheiden und alle guten Ideen, die den nicht mitlaufen können, eiskalt rauswerfen. „Kill your darlings“ – das kann hart sein, führt aber tatsächlich zu einem besseren Ergebnis. Leider habe ich gerade noch viele „darlings“ in meinen Notizen.


Beim Haus meiner Eltern ist zu sehen, dass niemand mehr da ist, der sich zwischendurch um die Gehwege und Plattenritzen kümmert. In den letzten Jahren war das meistens ich. Aber jetzt fühlt sich das Unkraut unbeobachtet und breitet sich ungehemmt aus. Also lege ich los. Erstmal Unkrautentfernung vor dem Haus, …

… danach geht im Garten weiter. Ich könnte es einfach sein lassen, weil das Haus im Prinzip ja verkauft ist, aber ich möchte alles zumindest einigermaßen nett übergeben. Das hätte auch mein Vater gerne so gehabt und ich fühle mich besser dabei. Während ich auf dem Boden hocke und die kleinen Pflanzen rausziehe, denke ich, dass es wohl das letzte Mal ist, dass ich das mache. Je näher der Übergabetermin rückt, desto weniger will ich vor Ort sein und mich in Gestaltungs- und Pflegesachen einmischen. Auch das ist ein seltsames Gefühl, die altvertrauten Platten ein letztes Mal unkrautfrei zu machen. Ich würde allerdings nicht behaupten, dass mir diese Arbeit fehlen wird.

Sehr nett ist, dass eine junge Amsel, während ich zwischen den Platten rupfe, neben mir die Wiese sorgfältig nach Frühstück absucht. Sie lässt sich von mir nicht stören. Ab und zu bleibt sie still stehen und guckt mich an, ich gucke sie auch an, dann wenden wir uns beide wieder unseren Beschäftigungen zu. Vielleicht überlegt sie, ob die große Frau, die in den Ritzen sucht, dort die dickeren Würmer findet. Oder warum die so blöd ist, dort lange zu suchen, wo doch jeder Vogel weiß, dass da nichts zu finden ist.


Am nächsten Morgen wache ich früh auf und sitze schon vor 6 Uhr am Rinnstein vor dem eigenen Haus, um auch dort die fröhlich sprießenden Grünpflanzen zu entfernen. Um die Zeit ist es immerhin noch schön kühl. Auch mein „Bürgersteig“ ist dicht bewachsen. Der ist aber nicht gepflastert und wird außerdem als Bürgersteig nicht gebraucht, weil hier angesichts der krummen und teils selbst gepflasterten Teilstücke alle auf der Straße laufen. Außerdem ist er gerade ein blühendes Insektenbuffet. Wenn ich dort alles ordentlich runtermähe, wird es trocken, gelb und staubig, was nicht netter aussieht, und viele doofe Hundebesitzer lassen ihre Hunde draufkacken, was es ebenfalls nicht hübscher macht. Dann lieber bunt zugewachsen als Ausgleich für einige der Beton- und Schottervorgärten in der Umgebung.


Am Freitagabend gibt es ein kleines Sommerfest vom Verein „Szene 93“, um zu feiern, dass zehn Jahre vorher das „Studio 93“ eröffnet wurde. Es gibt Gegrilltes, Cocktails, vertraute Leute und nette Gespräche. Angesichts meines Plans, in der nächste Woche mit dem Schreiben des Theaterstücks zu beginnen, das im nächsten Jahr bei „Szene 93“ Premiere haben wird, passt das gut zu meiner Stimmung und motiviert.


Für Samstagnachmittag ist die Ankunft eines Freundes mit Frau und Kind am Kölner Hauptbahnhof angekündigt. Ich habe angeboten, sie dort am Zug abzuholen und mit dem Auto zu ihrem Zielort, etwa 20 km entfernt, zu bringen. Auf einigen Strecken und Autobahnen um Köln herum gibt es gerade Probleme, darum fahre ich mit 30 Minuten Zeitpuffer los. Für mich unerwartet ist ein Teil der Kölner Innenstadt gesperrt und um den Hauptbahnhof herum sind die Straßen mit Autos verstopft. Es geht kaum vorwärts. Oh, es ist CSD-Wochenende! Meinen Zeitpuffer verliere ich komplett bei der Zufahrt zum Parkhaus, bei der die Autos sich schon deutlich davor auf einer Kreuzung stauen und gegenseitig blockieren. Die Uhr mit der Ankunftszeit tickt. Zum Glück hat der Zug erst zehn Minuten Verspätung, dann weitere acht. „Wie gut!“, denke ich, merke dann aber, dass ich es beim Mehr-Stopp-als-Go-Tempo bis zur Ankunft des Zuges nicht mal bis in die Einfahrt der Tiefgarage schaffen werde. Kurzentschlossen bleibe ich im Außenbereich vor geparkten Autos stehen, kann deswegen aber nicht von meinem Auto weg und zum Bahnsteig laufen. Der Zug muss gerade angekommen sein. Per SMS gebe ich meinen Standort an den Freund durch.

Zehn Minuten später ist noch niemand vom Parkplatz aus zu sehen und ich rufe an. „Wo seid ihr?“, frage ich. „In Berlin.“ „Waaas? Ich stehe hier in Köln am Bahnhof!“ „Oh, nein! Wir fahren morgen, am Sonntag, nicht heute.“ Es stellt sich heraus, dass es ein Missverständnis gab. Nicht auf meiner Seite, wie ich erleichtert feststelle. Mir fällt ein, dass ich einen Sprecher meines Prinzen-Hörbuchs damals auch zu einem abgesprochenen Termin am Kölner Hauptbahnhof abholen wollte, er aber nicht aus dem Zug stieg. Ich rief ihn an, und er war ebenfalls noch in Berlin, weil er sich bei der Absprache mit dem Datum vertan hatte und erst am nächsten Tag fuhr. Diese Berliner! Ab jetzt sollte ich, wenn Berliner mit der Bahn nach Köln fahren, grundsätzlich immer erst am nächsten Tag zum Abholen hinfahren. Immerhin habe ich den Weg jetzt aktuell gemacht und weiß morgen genau, wann ich in den Baustellenbereichen auf welcher Abbiegerspur eingefädelt sein sollte. Als ich endlich wieder aus den zugestauten Straßen rund um den Bahnhof raus bin und in normalem Tempo auf der Rheinuferstraße fahren kann, komme ich auf die Rodenkirchener Brücke zu. Diesmal sehe ich sie von der anderen Seite als letzte Woche beim Notartermin. Aber wieder leuchtet sie grün vor blauem Himmel. Und wieder denke ich an meinen Anstreicher-Onkel Gottfried und an den Namen meiner Schwiegermutter, der sich auf einem Pfeiler befinden soll.

Morgen werde ich also nochmal nach Köln fahren. Kein Problem. Oder – Moment mal! Ich sehe im Internet nach und lese, dass am Sonntag die CSD-Parade durch die Innenstadt geht, dass mehrere hunderttausend Zuschauer erwartet werden, dass die Zufahrten zum Hauptbahnhof bis auf eine einzige gesperrt und volle Straßen, lange Staus und überfüllte Parkhäuser erwartet werden. Das wird morgen ja noch schlimmer als heute! Ich frage per SMS: „Würdet ihr auch in Düsseldorf aussteigen? Die Fahrt nach dort und zurück wird schneller gehen als über Köln.“ Bis zum Abend kommt keine Antwort. Mal sehen, wohin ich morgen mittag unterwegs bin. Was für ein abenteuerliches Leben!