Blog 960 – 20.09.2026 – Rainald, Nudeln, Fis! und Krankenpfleger
Auf dem ZDF-Gelände in Mainz werden die neuen Aufzeichnungen für das 3sat-Zeltfestival gemacht. Am Montag ist Rainald Grebe da, was für mich natürlich ein Grund ist, hinzufahren und als Zuschauerin dabei zu sein. Ich setze mich extra seitlich in die zweite Reihe des hinteren Blocks, damit ich zwar gut sehen kann, aber vor Kameras, die mich in Nahaufnahme filmen wollen, einigermaßen sicher bin. Die vorderen Reihen und die Randplätze sind da immer gefährlich. Sehr bewusst rücke ich darum etwas in die Reihe ein und lasse links von mir zwei Plätze für andere Zuschauer frei.

Ein Paar kommt und möchte gerne noch Platz in der Reihe haben, und so rutschen alle etwas nach links und machen ihnen eine Lücke frei. Ich bin plötzlich nur noch eine Position vom Gang entfernt. Aber da kommt ein junger Mann und setzt sich neben mich. Prima, er ist mein Wall vor einer Kamera. Mal wieder gut geplant von mir. Zwei Minuten vor Beginn der Aufzeichnung kommt eine Mitarbeiterin und fragt, wer alleine da ist. Ich will ihn noch davon abhalten, da meldet sich der junge Mann schon und wird auf einen freien Stuhl im ersten Block umgesetzt. Unsere Reihe rückt auf und ich sitze am Gang. Nee, ne? Der junge Mann blickt sich traurig um und zuckt mit den Schultern, denn er sieht von dort aus die Bühne schlechter. Und ich bin auch nicht glücklich. Menno, wieso plane ich das vorher denn so raffiniert?
Vor Rainald sind Götz Frittrang und Barbara Ruscher mit jeweils einer halben Stunde ihres Programms dran. Götz Frittrang, den ich bisher gar nicht kenne, erzählt sehr lustig über „das gute Geschirr“ im elterlichen Schrank und den „Dosenmilchlocher“. Es schildert sehr treffend, das Publikum kennt sie Situationen selber, lacht immer wieder los und applaudiert, und auch ich lache sehr und bin bestens unterhalten. Danach ist Barbara Ruscher dran, die ich gleich sympathisch finde. Ihre Programmnummern kommen mir aber etwas brav und vorhersehbar vor. Sie rapt zwischendurch, ist rhythmisch richtig dabei, aber es ist eben eher so ein Hausfrauen-Rap. Bei Tante Giselas 60. Geburtstag vermutlich der Knaller, für mich nicht wirklich überzeugend. Natürlich steht genau beim Rap-Mitsingteil eine Kamera neben mir, richtet ihr großes Objektiv auf mich und leuchtet plötzlich rot auf. Na, toll. Ich hoffe, ich werde vor der Ausstrahlung rausgeschnitten, wenn nicht, wirkte ich immerhin aufgeschlossen und interessiert. So wie ich ja auch bei Tante Giselas Geburtstag wohlwollend im Takt wackeln und freundlich gucken würde. Wobei: Einmal lache ich wirklich hochvergnügt auf, als es im Raptext um das Flicken von Fahrradreifen geht und sie plötzlich ruft: „Ich flick deine Mutter!“
Für die dritte Aufzeichnung kommt Rainald Grebe auf die Bühne. „Ich bin Schlaganfallpatient“, beginnt er und erklärt damit sofort, warum er etwas verzögert läuft und manche Silben zunächst leicht vernuschelt spricht. Er bringt Ausschnitte aus seinem aktuellen Programm „Ich erinnere mich – glaube ich“, bei dem er sich die Fragen stellt: „Wer bin ich und wer war ich?“ Auf der Bühne dabei ist Marcus Weingart, langjähriger musikalischer Wegbegleiter bei Bandprojekten, der großartig Gitarre spielt und mit einer normalen Fingeranzahl so viele Akkorde, Rhythmen und Töne produziert, dass er ein kleines Orchester ersetzt.

Zu Auftritten von Rainald komme ich inzwischen nicht mehr unbedarft vorfreudig, sondern auch ein bisschen angespannt, weil ich möchte, dass alles gut klappt. Nach Schlaganfällen ist generell vieles nicht mehr selbstverständlich. Ein textbasiertes Programm zu bringen, erfordert einen klaren Kopf und gute Konzentration. Dass es in seinem Programm genau darum geht, dass er nach den Schlaganfällen viel vergisst und sich nicht mehr gut erinnern kann, zeigt die schmale Kante, auf der er jongliert. Aber es läuft sehr gut. Die Aussprache wird schnell immer sauberer, manche Töne beim Singen sitzen nicht, aber die Texte sind da, die Lieder kommen gut an, Rainald ist sehr präsent und das Publikum aufmerksam bei ihm. Der Rainald auf der Bühne ist angeschlagen, das sieht man vor allem im Vergleich mit den alten Videoeinspielern, die gezeigt werden. Aber er ist da, er plaudert, lacht, singt und er nimmt das Publikum mit. Es ist schön, es ist lustig, es ist berührend. Am Ende gibt es vom Publikum Standing Ovation, was bei den Zeltfestival-Aufzeichnungen sehe ungewöhnlich ist. Hach, wie schön! Ich freue mich sehr.

Danach fahre ich weiter nach Frankfurt, wo ich beim Sohn übernachte. Wie praktisch, dort so unkompliziert und immer willkommen ein Schlafsofa zu haben. Sei nett zu deinen Kindern, dann hast du später Konzertbesuch-Stützpunkte.
Am nächsten Tag gehen der Sohn und ich chinesisch essen. Es ist immer ein gutes Zeichen für authentische Küche, wenn viele der Besucher eines chinesischen Nudelrestaurants asiatisch aussehen. Wie der Sohn und ich aber immer schon sagen, ist das jahrhundertalte Konzept der Chinesen „heiße Suppe mit langen Nudeln mit Stäbchen essen“ nicht durchdacht. Die Nudeln sind gefühlt zwei Meter lang und hängen in einem dicken Knäuel in der heißen Brühe. Die Essstäbchen sind lackiert und sehr rutschig. Der Schöpflöffel ist nur für Flüssigkeit geeignet. Die Versuche, nur zwei Nudeln mit den Stäbchen zu erfassen und ohne spritzende Suppe in den Mund zu bekommen, scheitern. Meistens daran, dass die Nudeln von den Stäbchen flutschen. In solchen Fällen greife ich irgendwann zu einer Gabel, um es mir einfacher zu machen, aber das Restaurant ist so authentisch, dass es keine Gabeln gibt. Ich kämpfe mich durch und sage zum Sohn: „Kein Wunder, dass die Chinesen dünn sind, wenn es so anstrengend ist, mit Stäbchen eine Portion Suppe mit Nudeln zu essen“. Aber ich freue mich trotzdem, weil es sehr gut schmeckt. Der Sohn schlägt vor: „Beim nächsten Mal bringst du dir heimlich eine Gabel mit!“ Super Idee!

Am Dienstagnachmittag fahre ich wieder nach Hause. Der Himmel ist blau, einige hübsche weiße Wolken sind zu sehen, die Wiesen sind wieder grün, ich höre im Auto Musik und fühle mich wie im Urlaub.
Am Donnerstag fahre ich schon wieder nach Frankfurt, nehme jetzt aber den Gatten mit. Der Frankfurter Sohn bekommt die Armleuchter geschenkt und lacht erfreut auf. Die Leuchter werden an die Wand geschraubt und leuchten vorbildlich mit Glühbirnen, die gelbliches Licht haben und wie Kerzen flackern. Ich weiß jetzt schon, wie gemütlich das an Winterabenden sein wird.

Plötzlich ruft der Düsseldorfer Sohn an, dass sein Zug, der ihn heute in Richtung Berlin bringen sollte, ausfällt und er darum eine Verbindung mit 20 Minuten Umstieg am Frankfurter Hauptbahnhof hat. Ob wir nicht hinkommen wollen, damit wir uns alle treffen? Der Frankfurter Sohn hat am Abend Generalprobe, wirft aber seine Pläne für die Zeit davor um und wir fahren mit der U-Bahn zum Bahnhof, um ein nur zwanzigminütiges, lustiges Familientreffen auf Bahnsteig 9 zu haben. Kurze Zeit später steigt der Düsseldorfer Sohn in seine Bahn nach Berlin und fährt weiter. Das war eine etwas irrsinnige Aktion, hat sich aber sehr gelohnt.

Der Frankfurter Sohn zeigt uns noch schnell das Haus gegenüber des Bahnhofs, in dem Oskar Schindler nach dem Krieg verarmt in einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung gelebt hat. Der Platz davor heißt seit dem letzten Jahr Emilie-und-Oskar-Schindler-Platz. Ich denke daran, dass Oskar Schindler nach dem Krieg erleben musste, dass um ihn herum viele Nazileute in Frankfurt wieder groß wurden und wichtige Positionen übernahmen. Dass er so viele Juden vor dem Tod gerettet hat, war – außer bei den geretteten Juden in Israel – kein Thema mehr. Auch Anne Frank war ein echtes „Frankfurter Mädsche“, das als kleines Kind in die Niederlande umziehen musste. Ich sollte unbedingt mal eine Führung zum jüdischen Leben in Frankfurt mitmachen.

Am nächsten Tag ist Premiere von Ibsens „A Doll’s House“ vom Frankfurt English Speaking Theatre. Der Sohn spielt die männliche Hauptrolle, den Torvald Helmer, und ist nicht ganz glücklich mit der Inszenierung. Die Regie hat wenig Erfahrung und beharrt aus Unsicherheit auf statisches Agieren, gibt jeden Schritt vor und untersagt weitgehend das freie Spielen. Der Sohn, der einen guten Blick für fließende Inszenierungen und Logik hat, ist ziemlich frustriert. Ich kann das gut nachvollziehen, denn auch ich war schon als Spielerin in Produktionen, bei denen die Regie wenig bis keine Ahnung hatte, große Fehler einbaute und darauf bestand, dass genau die gespielt werden mussten. Wenn man drin hängt, fühlt es sich an, als wäre man musizierend in einem Orchester und denkt immer wieder schmerzerfüllt: „Fis! Das muss ein Fis sein!!“ und „Viertviertel-Takt! Bis Vier zählen, nicht bis Drei!!“, während der Dirigent seine Fehler durchzieht und Anmerkungen darüber verbietet.
Zum Glück laufen zumindest die grundsätzlichen Sachen bei der Generalprobe endlich durch, was den Sohn nicht wirklich glücklich machte, aber zumindest etwas beruhigt. Er selber hat keine Sorge, dass er bei irgendwelchen Textsprüngen improvisieren kann, aber jeder Schritt abseits des Regiekorsetts kann die durchregulierte, steife Inszenierung schnell zusammenbrechen lassen. Mit gar nicht mal so viel Freude und etwas Galgenhumor geht er in die Premiere.

Die Premiere läuft dann überraschend gut. Auch ich sehe sofort, dass so viele schöne Möglichkeiten einfach nicht genutzt werden und die Darsteller*innen lange auf Stühlen sitzen oder unerklärlicherweise aufstehen und nicht nachvollziehbare Gänge über die Bühne machen. Eigentlich sehr emotionale Szenen werden ruhig nebeneinander sitzend oder mit Abstand stehend gesprochen, was sie deutlich weniger emotional macht. Das Korsett, das die Regie und die Spielenden beruhigen soll, engt eben vorwiegend ein und verhindert das Spielen und das Miteinander. Aber die Leute auf der Bühne können ihren Text, setzen sich ein und gaben dem steifen Herumstehen dann doch ein inneres Leben. Der Sohn ist ein Feuerwerk an Emotionen. Hart, weich, brüllend, schmeichelnd und am Ende gebrochen. Sehr gut. Dagegen wirkt die hübsche, zarte Hauptdarstellerin, die im Grunde die Emotionalere sein sollte, kühl und berechnend. Das Mitgefühl des Publikums liegt am Ende beim verlassenen Mann. Eine interessante Variante, die von Ibsen nicht so gedacht war. Von der Regie im Übrigen auch nicht. Die Premiere wird sehr beklatscht und gelobt und vor allem der Sohn bekommt sehr viel begeisterte Kommentare, was ihn für die eher anstrengende Produktionszeit entschädigt. So ist es am Ende dann doch gut geworden. Hätte auch anders ausgehen können.
Am nächsten Morgen gehen wir zu dritt im türkischen Café frühstücken und fühlen uns wie im Urlaub. Wir sitzen draußen, die Sonne scheint, immer mehr Tische werden von türkischen Frühstückern besetzt, das Essen ist frisch und lecker – was geht es uns gut.

Danach geht es für den Gatten und mich zurück nach Hause, wo wir eine kurze Pause haben, uns umziehen und dann zu einer Partylocation fahren. Freunde haben eingeladen zu einer großen „All in white“-Party. Erstaunlicherweise kommen tatsächlich alle Gäste in weiß, was ein verblüffend schönes Bild macht. Allerdings sehen nicht alle aus, als könnten sie in einem Werbefilm Sommer, Luxus und Exklusivität vermitteln. Anstelle von „Palmen, Yacht und weißem Rum“ sieht es zum Teil auch nach einem Krankenpflegepersonal-Seminar aus. Aber auch das ist cool. Die Party ist voll mit netten Leute, viele kennen wir aus unseren Theaterprojekten, und es macht Spaß.

Morgens um 1:30 Uhr fahren wir durch kleine Dörfer nach Hause, da entdecken wir einen jungen Mann, der regungslos auf dem Bürgersteig liegt. Auf unsere Ansprache hin stöhnt er nur mal kurz auf und bleibt weiterhin auffallend still liegen. Es könnte Alkohol sein, auch wenn er nicht danach riecht. Wir wollen ihn nicht einfach liegenlassen und er rollt vielleicht später auf die Straße und wird im Dunkeln überfahren. Außerdem könnte er ja auch einen allergischen Schock, Probleme mit dem Blutzuckerspiegel oder eine andere Notfallsituation haben. Mit so etwas kennen wir uns nicht aus, erinnern uns aber oft daran, dass der Schauspieler Lex Barker auf einer Straße in New York an einem Herzinfarkt starb, während die Passanten ihn für betrunken hielten. Also rufen wir den Notruf, erklären die Situation und bleiben in unserer abendlichen Krankenpflegerkleidung bei ihm stehen, bis ein Krankenwagen kommt. Der junge Mann reagiert auf das laute Ansprechen und deutlich Rütteln der Sanitäterin endlich mit der Andeutung eines Stinkefingers, was sie empört und grinsend zu ihrem Kollegen sagen lässt: „Hast du das gesehen?“ und zum jungen Mann: „Hallo?? Benehmen Sie sich!“ Als wir fahren, sitzt der junge Mann immerhin schon gekrümmt auf dem Bürgersteig, wirkt aber weiterhin sehr weggetreten. Wie schön, dass wir die Verantwortung an Profis abgeben können.