Blog 965 – 25.10.2026 – Beschriftungen, Willy Millowitsch, und Datensicherung
Mit dem Durchsehen und Umräumen von Kisteninhalten und dem anschließenden Neustapeln der Kisten bin ich sehr beschäftigt. Da es nicht nur Kisten mit den Sachen meiner Eltern sind, sondern sich dazwischen auch eigene Kisten befinden, die vor vier Jahren beim Wasserschaden im Keller eilig gefüllt wurden und deren Inhalte seitdem keinen Platz mehr finden, ist es eine nur mäßig erfüllende Arbeit. Schön ist, dass alle anderen Zimmer langsam leerer werden und die Kisten vorsortiert und ordentlich beschriftet werden. Blöd, dass ein Zimmer jetzt mit Kisten gefüllt ist, deren Inhalte ja auch mal irgendwohin verräumt werden müssen. Dafür muss ich entweder meine Schränke halb leeren, um Platz zu schaffen oder zwei Zimmer anbauen. Die dritte Möglichkeit ist, dass ich alle gestapelten Kartons für immer so stehenlasse, die Tür abschließe und auf meinem Totenbett die Kinder ein letztes Mal liebevoll anlächle, mit zitternden Händen den Schlüssel übergebe und und ihnen mit brechender Stimme zuflüstere: „Die Kisten sind für euch. Sie sind alle beschriftet.“ Aus dramaturgischer Sicht wäre dritte Möglichkeit die beste, aber ich werde wohl doch die erste wählen.
Zur Abwechslung meines öden, staubigen Alltags als Kistenstaplerin, sehe ich mir mit dem Gatten zusammen das Stück: „Millowitsch. Endlich wieder lachen“ an. Das wird passend im früheren „Millowitsch-Theater“ an der Aachener Straße in Köln gespielt. Es geht um Willy Millowitsch und sein Theater, aber auch um seine Persönlichkeit, die nicht so fröhlich und strahlend gut gelaunt war, wie er auf der Bühne wirkte. In einer spannenden Inszenierung, die zwischen Spielszenen und erzählten Anekdoten wechselt und immer wieder auch handgemachte Musik hat, wird die Geschichte von Willy und seinem Theater ab dem Krieg bis zu seinem Tod gezeigt. Es beginnt mit Szenen, in denen das stark beschädigte Theater unmittelbar nach dem Krieg durch Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters Adenauer sofort wieder spielfertig gemacht wird, denn, so Adenauer: „Die Leute sollen wieder wat zu lachen haben.“ Die großartige Annette Frier spielt Willy Millowitsch, der auf der Bühne strahlender, lustiger Publikumsliebling, ansonsten aber ein zielgerichtet kalkulierender Chef ist, bei dem das Theater und er an erster Stelle stehen. Susanne Pätzold ist neben anderen Rollen auch Sohn Peter, der keine Anerkennung vom Vater bekommt und nie auf den Chefsessel aufrücken darf. Sogar Henning Krautmacher, früherer Frontmann der „Höhner“, ist dabei und spielt kleine Rollen.

Zweite von links: Annette Frier als Willy Millowitsch, rechts: Susanne Pätzold, nicht als Peter.
Das achtköpfige Ensemble zeigt die Höhen und Tiefen des Millowitsch-Theaters und der Person Willy Millowitsch. Sie schaffen es, dem Kölner Volkshelden nicht den Ruhm und die Verehrung der Kölner zu nehmen, ihn aber auch mit seinen rücksichtslosen Seiten zu zeigen. Natürlich endet alles mit gemeinsamen Gesang auf der Millowitsch-Bühne. Das Publikum ist am Ende sehr begeistert. Zu Recht. Es ist ein sehr gutes Stück mit tollen DarstellerInnen, bei dem wir gelacht haben, oft berührt waren, das Kölner Stadt- und Willygeschichte rüberbringt und mich sogar in Bezug auf Theaterspielen und Inszenieren weiter inspiriert hat. Und da wir – wie die meisten Besucher des Stücks – Willy Millowitsch noch spielend auf der Bühne in genau diesem Theater erlebt haben, kommt es auch emotional ganz nah.

Meine beiden Kaninchen leben im Garten in ihrem Freigehege, lassen sich aus der Hand füttern und gerne streicheln, werden von mir aber nie hochgehoben und auf dem Arm gehalten. Entsprechend entsetzt sind sie, als ich sie plötzlich packe und in eine Transportkiste setze, weil sie Impftermine beim Tierarzt haben. Auf dem Behandlungstisch benehmen sie sich vorbildlich, was nicht an ihrer Einsicht, sondern der lähmenden Panik liegt. Zähne, Ohren und Krallen ansehen, Bauch und Beine abtasten, Herz abhören, Spritze geben – und das von jemandem, den sie nicht mal kennen! Die Tierarztkosten haben sich erhöht und ich plane sicherheitshalber 200 Euro für die beiden Impfungen ein. „Das wird zu viel sein“, denke ich, aber dann sind es 213. Puh. Bei zehn Kaninchen wäre ich einen Tausender los.
Wieder zuhause öffne ich die Transportdeckel und beide Kaninchen brauchen einige Sekunden, bis es in ihren kleinen Köpfen angekommen ist, dass sie wieder loshoppeln dürfen. Doch dann hopsen sie raus und verschwinden lieber mal komplett hinter ihrem Häuschen.

Bis zum Abend verzieht sich der kleine Peter, sobald ich komme, in die hinterste Ecke, kauert sich auf einen Stein und beobachtet mich aufmerksam. In zwei Tagen werde ich sie wieder füttern und streicheln können, ohne dass sie sicherheitshalber sofort einen Satz zur Seite machen.

Anhand meiner gekritzelten Notizen tippe ich einen Bericht über das Konzert von Eddi & friends und überlege, ob das bei „reihedrei“ jetzt in die Kategorie „Konzertberichte“ gehört oder in die Kategorie „Wise Guys“. Aber es ist ja klar: Auch wenn drei Guys der Urbesetzung dabei sind und es sogar einige Wise Guys Lieder zu hören gibt, ist es kein Wise Guys Konzert. Vielleicht muss ich eine Unterkategorie aufmachen: „Nach den Wise Guys. Konzerte, die mit den Wise Guys zu tun haben, aber keine Wise Guys-Konzert sind.“

Schon in der letzten Woche dachte ich plötzlich mit leichten Schrecken, dass ich fast alle meine Konzertberichte direkt in mein Homepageprogramm tippe. Dadurch sind sie nur beim Homepageanbieter gespeichert. Sollte der plötzlich alles löschen, weil er gehackt wird oder insolvent ist oder einfach nur blöd, wäre es weg. Alles. Konzertberichte und Wise Guys-Seiten seit dem Jahr 2000. Oh, das wäre ja blöd! Also habe ich in der letzten Woche schon damit begonnen, Bericht für Bericht aufzurufen, zu kopieren und in einer Datei auf meinem eigenen Computer abzuspeichern. Es ist eine etwas langwierige Arbeit, die nicht mal Spaß macht. In dieser Woche bin ich schon beim letzten Drittel angekommen, da gibt es Meldungen, dass weltweit php-Dateien gehackt werden. Auch wenn ich nicht damit rechne, dass meine Seiten betroffen sein könnten, beschleunige ich die Kopierarbeit und bin am Ende der Woche fertig. Hunderte Seiten mit Geschreibsel, Fotos und Eindrücken vergangener Erlebnisse sind gesichert.

Hätte ich gewusst, dass es mal Internet geben wird, hätte ich vor vielen Jahren schon Berichte über meine Konzertbesuche in den 1980ern und Anfang der 1990ern bei Liza Minelli, Michael Jackson, Paul McCartney, Manhattan Transfer und Frank Sinatra geschrieben. Das wäre schon schön, die Erlebnisse jetzt nachlesbar und ein bisschen nacherlebbar im Archiv zu haben. Und witzig, wenn sie jetzt unscheinbar in der Namensliste A-Z stehen würden: Sinatra, Frank – Minelli, Liza – Transfer, Manhattan.
Bei aller Arbeit und allem Herumwuseln, möchte ich so gerne auch am Puppenstück weitermachen. Es zuckt mir in den Fingern und ich komme immer wieder an der transparenten Kiste vorbei, aus der mich die Hauptdarstellerin und ihre beiden Kollegen ansehen. Vernünftigerweise lege ich jetzt nicht auch noch damit los. Aber ich nehme mir vor, das noch in diesem Jahr zu tun. „In diesem Jahr“ – das sind gerade noch zehn Wochen. Das passt doch.