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Blog 955 – 16.08.2026 – Rollenangebote, Sonne und Rauchwolken

Am Sonntag hacke ich schon sehr früh morgens – da ist es noch kühl – weiter einen Weg entlang des Zauns frei. Ich bin ziemlich gründlich, und das Ergebnis ist beeindruckend. Man könnte beim Anblick vermuten, dass ich auch sonst einen dementsprechend „ordentlichen“ Garten habe, in dem die Fleißigen Lieschen in Reihen gepflanzt werden. Aber es ist tatsächlich nur die Schneise zum Nachbargrundstück, die so musterhausgültig aussieht. Ein Laufweg am Zaun entlang macht das Rückschneiden aber generell einfacher, auch wenn ich selber es gerne mehr zugewachsen mag.

Auf der anderen Seite der Hecke liegen jetzt die vielen abgeschnittenen und rausgehackten Teile in unordentlichen Haufen und müssen in den nächsten Wochen in Portionen in die Biotonne wandern.


Die Info, dass ich ein „Casting“ für mein Stück mache, ist per Vereins-Newsletter rausgegangen. Schnell kommen die ersten Rückmeldungen von Leuten, die dabei sein möchten. Jedes Mal denke ich natürlich sofort darüber nach, ob und in welcher Rolle ich denjenigen oder diejenige einsetzen könnte. Ich habe mehrere Rollen, bei denen der Typ möglichst genau stimmen muss, weil es wichtig ist, dass jemand zum Beispiel ständig breit lacht und hyperlebendig ist, während ein anderer sehr verbissen und ehrgeizig sein sollte. In Teilbereichen kann man das natürlich spielen, denn niemand muss dafür selber hyperaktiv oder verbissen sein. Aber wenn der Grundtyp sehr anders ist, wird es deutlich schwieriger. Andererseits ist es nicht unmöglich, dass ich „untypisch“ besetze. Nur die Grunddynamik des Stückes ändert sich dann deutlich. Ob zum Beispiel ein James Bond sehr kühl und überlegt oder sympathisch und charmant ist, hat Auswirkungen auf die Interaktionen und das gesamte Stück. Das muss ich dann sehr gründlich überlegen.

Bei zwei Rollen fallen mir sofort drei, vier passende Darsteller ein. Da werde ich das Problem haben, dass ich jeweils nur einen dafür nehmen kann. Ein bisschen blöd ist, dass ich überlege, eine dieser Rollen doch für eine Frau anzulegen, um das Berufsklischee zu durchbrechen. Für die Rolle eines männlichen Schauspielschülers im Alter von etwa 20 bis 30 kenne ich dagegen überhaupt niemanden. Mal sehen, ob da jemand zum Casting kommt, der passen könnte. Den Schauspielschüler einfach in eine Schauspielschülerin umzuschreiben, wäre machbar, aber dann wären beide jungen Rollen im Stück weiblich, was ich wiederum blöd finde. So ungeduldig ich jetzt auch bin, weil ich so schnell wie möglich wissen möchte, wer mitspielt, kann ich vorerst nur abwarten. Erst nach dem Castingtermin kann ich überlegen, wie ich Altersstrukturen, Charaktere und die Rollen in Bezug zueinander besetzen könnte. Vielleicht fällt bis dahin noch dieser oder jene raus, weil die wöchentlichen Probentermine, die wir noch festlegen müssen, nicht passen. Wie immer kann ich nur sagen: Es bleibt spannend.

Bis zum Casting kann ich nur ein wenig vorbereiten und organisieren. Listen und Zettel fürs Casting zusammenstellen, Dekorationen fürs Bühnenbild ansammeln und eine Liste beginnen, was ich noch machen muss.


Eine Sonnenfinsternis steht an. Das interessiert mich gar nicht so, weil ich 1999 sehr ausführlich und beeindruckt die totale Sonnenfinsternis angesehen habe und darum ja weiß, wie es ist. Außerdem ist die Finsternis bei uns diesmal nur eine partielle, etwa 80-prozentige. Als es draußen dunkler wird, gehe ich dann doch raus, gucke bewusst nicht in die Sonne, aber fotografiere zumindest mit dem Handy. Seltsamerweise habe ich dann auf allen Fotos eine nicht sehr abgedeckte Sonne, dafür aber irgendwo im Bild eine schmale Sichel. Das ist vermutlich der Wüsten-Oasen-Effekt, bei dem das Bild der Oase am Horizont an ganz anderer Stelle erscheint. Lässt sich vermutlich physikalisch erklären. Von mir aber nicht.

Lustig ist aber, wie schnell dadurch aus einer katholischen Kirche ein Minarett wird.

Noch schöner ist das Licht im Garten während der Sonnenfinsternis. In den Schattenbereich ungewöhnlich dunkel, als wäre es schon weit in der Dämmerung, an den sonnenbeschienenen Stellen und am Himmel so hell, als wäre es mitten am Tag. Es ist ungewöhnlich und wie verzaubert. Als der Mond an der Sonne vorbei ist, ist alles wieder wie immer.


In Hürtgenwald, 30 km Luftlinie von uns, brennt am Donnerstagabend der Wald. In der Nacht müssen einzelne Ortsteile evakuiert werden. Die brennende Fläche ist 300 Hektar groß, und weil ich keine Landwirtin und außerdem vergesslich bin, weiß ich nur, dass Hektar groß ist, aber nicht, wie groß. Ich sehe nach: 1 Hektar sind 100 x 100 Meter. Umgerechnet in Fußballfelder – die kann ich mir ungefähr vorstellen – brennen 422 Stück. Wobei ich mir 422 Fußballfelder am Stück auch nur schwer vorstellen kann. Weil Hürtgenwald im zweiten Weltkrieg ein großes Kriegsgebiet war, geht beim Brand auch immer wieder Munition hoch. Doppelt gefährlich. Am Freitagmorgen ist von uns aus am Himmel ein hellgraues Wolkenband zu sehen, das hoch in die Atmosphäre zieht. Der Rauch vom brennenden Hürtgenwald.

Ich hoffe sehr, dass die Feuerwehr das Feuer bekämpfen kann, ehe es die Häuser in den Ortsteilen erreicht. Emotional bin ich da nah dran, denn auch ich wohne direkt an einem großen Waldgebiet. Das hat den Vorteil, dass ich in drei Minuten im Wald bin, aber den Nachteil, dass ein brennender Wald auch schnell bei mir sein könnte. Ab dem Vormittag kann ich vom Garten aus am Horizont die große Rauchwolke des gewaltigen Feuers sehen. Im Laufe des Tages bricht ein Stück hinter Hürtgenwald, im Hohen Venn in Belgien, ein noch größeres Feuer aus. Das ist etwa 55 km Luftlinie von mir entfernt. Dort brennen 800 Hektar, was 1226 Fußballfelder entspricht. Eine Anzahl von Fußballfeldern, die ich mir nun gar nicht mehr vorstellen kann. Am Horizont zu sehen ist jetzt nicht nur die große Rauchsäule, die von rechts aus Hürtgenwald kommt, sondern geradeaus, in etwas weiterer Entfernung, auch der Rauch aus dem Hohen Venn. Der eigentlich wolkenfreie Himmel ist hellgrau verschleiert.

Am Abend mischen sich beide Rauchwolken, der Wind dreht etwas und sie ziehen über uns hinweg. In der Luft liegt jetzt ein unangenehmer Brandgeruch. Der ist nicht wie beim Grillen oder beim Holzlagerfeuer, sondern leicht stechend und unschön wie bei einer abgebrannten Hausruine. Draußen ist es am Abend immer noch 30 Grad, aber wir müssen die Fenster geschlossen lassen. Die untergehende Sonne am Abend sieht in einem Streifen dunklen Rauchnebel auch ohne Sonnenfinsternis interessant aus. Wobei sie, wenn man die Ursache weiß, ein bisschen apokalyptisch wirkt. Zum Glück dreht am späten Abend der Wind und ich kann zumindest wieder durchlüften.

Am Samstagabend ist das Feuer von Hürtgenwald noch nicht unter Kontrolle, die Lage scheint aber langsam überschaubarer zu werden. Alle hoffen, dass es keine Windböen und plötzlich drehende Winde gibt. Im Hohen Venn breitet sich das Feuer weiter aus. Auch aus der Entfernung kann man sich da nur bei den Feuerwehren, den vielen Helfern und Freiwilligen bedanken. Zwei Wochen sanft tropfender Landregen wäre angesichts der völlig durchgetrockneten Böden und der Feuergefahr das Beste, was wir jetzt bekommen könnten.