Grillplatz Teil 1

Wildnis, Mörder-Fräse und Bushaltestelle

WOCHE 1 – Juni 2005

Es geht los. Mit Spitzhacke und entschlossenem Blick bahne ich mir einen ersten Pfad im seit vielen Jahren verwilderten Gelände.

Da ich nebenbei noch Filme schneide, Konzerte besuche, Berichte schreibe, Illustrationen mache und einen Haushalt und eine Familie habe, kann ich nicht durchgehend mit der Machete durch den Dschungel ziehen, aber ich versuche es als Sommer-Projekt zu sehen. Andere buchen teuren Abenteuerurlaub – ich baue einen Grillplatz.

Einen Bauplan gibt es noch nicht, ich lasse mich überraschen. Auch von mir selbst. Erstmal muss der Bauplatz vorbereitet werden, der am Ende meines Gartens, am Hang liegt. Meine Hauptgegner sind Brennnesseln und Brombeerranken, die sich kräftig zur Wehr setzen. Meine Arme und Hände sehen dementsprechend aus.

Ich fahre zum Baumarkt und informiere mich über Preise von Steinen, Palisaden, Treppenstufen und Holz. Meine ersten Ideen über einen Grillplatz mit Pavillon, verschiedenen Terrassen und 30 Quadratmeter Granitpflasterfläche streiche ich danach stark zusammen. Den künstlichen Wasserfall hatte ich schon vorher verworfen. Soll ich jetzt lieber eine wasserfeste Grillhütte bauen oder eine große Sitzfläche pflastern? Beides zusammen geht finanziell nicht. Und wer schleppt mir eigentlich die Sachen den ganzen Hang bis oben in meinen Garten hoch? Soll ich das etwa selber machen?


WOCHE 2 – Juli 2005

Auf dem Weg zum Briefkasten unterhalte ich mich mit einem Nachbarn, der seinen Vorgarten neu gestaltet. Er schenkt mir 10 Quadratmeter alte Bodenplatten, die er gerade wegwerfen will, weil er sich schönere gekauft hat. Ich bin so begeistert, dass er sie noch am gleichen Tag sogar mit dem Laster bis vors Haus bringt. Toll! Die freie Fläche am Grillplatz wächst ebenso wie der Berg von ausgerissenen Brombeerranken und Brennnesseln. Genau wie die Anzahl der Schrammen und Dorneneinstiche auf meinen Armen und Beinen.


WOCHE 3 – Juli 2005

Ich vermute, dass ich am Ende des Sommers tiefgebräunt und muskelbepackt durch die Gegend laufen werde. Die tägliche Arbeit an der frischen Luft und das schwere Schleppen von Erde und Betonplatten wird mich fit machen. Oder kaputt.

Es surrt und summt. Ein Bienennest genau am Grillplatz lässt mich zwangspausieren. Ich hoffe, dass sie auf der Durchreise sind und in den nächsten Tagen zum Weiterflug starten. So schön ist mein Grillplatz doch auch noch nicht, dass sie sich da niederlassen und mir argwöhnisch um den Kopf kreisen müssen. Ich denke an Sparerips mit Honigsoße und warte ab.


WOCHE 4 – Juli 2005

Die Bienen sind nach zwei Tagen Aufenthalt plötzlich verschwunden. Entweder hat sie mein Gedanke an die Honigsoße verwirrt, oder sie fanden den Unterhaltungswert in diesem Garten nicht mehr hoch genug, nachdem ich nicht weiter gummibestiefelt und mit Brombeerranken schimpfend und den Brennnesseln drohend in ihrer Nähe arbeiten wollte.

Beim Roden finde ich unerwartet Sachen, die bis dahin zugewuchert und verborgen waren. Einen alten Schlauchwagen, den ich schon länger vermisst habe, einen Pflaumenbaum, der inzwischen vom Setzling zu zwei Meter Höhe gewachsen ist, und eine alte Axt, die vermutlich mein Sohn zum Spielen benutzt und in der Wildnis vergessen hat. Vielleicht hat er sie auch nur gut versteckt und gedacht, dass Mama die da nie findet. Tja, Pech gehabt.

Als der Boden frei und der Unkrautberg riesig ist, kommt meine Höllenmaschine, wie ich sie respektvoll nenne, zum Zug. Sie ist eine zickige, alte Fräse, die mir schon mal ein Fingergelenk angebrochen hat und mich hinterlistig und boshaft mit voller Kraft über das Gelände ziehen kann. Sie ist eindeutig stärker als ich und bestimmt selber, wo es langgeht. Außerdem entscheidet sie, ob sie überhaupt angehen will oder lieber keinen Muckser tut.

Erstaunlicherweise bequemt sie sich, nach der langen Winterpause zu funktionieren. Der Benzinmotor knattert, hin und wieder qualmt es, die Höllenmaschine zieht und buddelt vorneweg und ich hänge mich quer hinten dran und versuche irgendwie die Spur zu halten. Leute, die dabei zugucken, halten sich die Bäuche vor Lachen und das Ganze für eine Comedynummer. Aber es ist bitterer Ernst. Nach 30 Minuten fräsen tut mir jeder Muskel weh, die Höllenmaschine grinst zufrieden, weil sie mich durch die Gegend und in alle Löcher gezogen hat und ich wanke völlig fertig zum Haus. Aber immerhin ist die oberste Bodenschicht gelockert. Da das Gelände schräg ist, muss es aber noch begradigt und dafür weiter gelockert werden. Oh, je. Ich sehe vor mir, wie ich später lässig auf meine Grill-Oase weise und sage: “Ich habe mir dort einfach mal einen Grillplatz gemacht”, kann die Szene aber nicht ausspielen, weil mir die Arme und der Rücken zu weh tun.


WOCHE 5 – Juli 2005

Der Rasenmäher-Mann war da!! Wer die letzte Wise Guys DVD gesehen hat, wird wissen, wen ich meine. Es ist die immer noch nicht genau identifizierte Person (ich vermute sie männlich) aus einem der angrenzenden Nachbargärten, die beim Video-Interview mit Ferenc, das wir in unserem Garten machten, mehr als 40 Mal den Rasenmäher anstellte und damit empfindlich störte. Die Rasenmäher-Outtakes auf der DVD sind nicht nur lustig geworden, sondern auch ein Beispiel für fast unzerstörbare Stahlnerven von A-cappella-Bässen.

Auf jeden Fall ist der Rasenmäher-Mann wieder am Werk, als ich am Grillplatz mit einer Hacke unterwegs bin, um die Ränder zu bearbeiten. Da keine Videoaufnahme mitläuft, sehe ich die akustischen Störungen lässig und lache nur bei jedem An- und Abstellen des Motors laut los. Die anderen Nachbarn, die mich eventuell hören können, werden sich ein eigenes Bild von der blonden Frau in Gummistiefeln machen, die auf öder Erde rumhackt und alle Rasenmäher-Geräusche total lustig findet.

Ansonsten muss ich mir jetzt mal dringend konkrete Gedanken über die Gestaltung machen, bevor ich die Erde von rechts nach links wälze und dann doch wieder auf der rechten Seite brauche. Dann muss ich das benötigte Material durchrechnen und im Baumarkt bestellen. Ein Sitzplatz mit regensicherem Dach soll hin, ein gepflasterter Kreis aus kleinen Basaltsteinen und ein paar Pflanzen, die auch bei wenig Wasser wild wuchern und alles malerisch zuwachsen lassen. Ach ja – und ein Grill. Den hätte ich jetzt fast vergessen. Wenn ich zwischendurch Betonplatten nach oben schleppe und dabei daran denke, was noch alles zu tun ist, wie viel Sand, Kies und Material nach oben zu wuchten ist, überlege ich, ob ich wirklich einen Grillplatz brauche. Schon nach fünf Betonplatten finde ich, dass man Würstchen auch gut in der Pfanne braten kann.


WOCHE 6 – Juli 2005

Die Höllenmaschinen-Fräse hat versucht, mir einen weiteren Finger arbeitsunfähig zu machen! Nachdem sie vor einem Jahr das Gelenk meines rechten Ringfingers empfindlich verletzt hat, so dass es bis heute noch nicht wieder in Ordnung ist, hat sie es diesmal mit dem linken Zeigefinger probiert. OK, ich muss zugeben, dass ICH mit verbissener Kraft den Anlasserzug zum wiederholten Male rauszerre und dabei nicht darauf achte, dass ich die Zugrichtung leicht ändere und damit meine andere Hand ein Hindernis darstellt, aber trotzdem. Dass ich mir bei der Bedienung der Fräse mit der rechten Hand die linke fast zerschlage, kann nicht nur an MIR liegen! Jammernd liege ich auf einer Gartenbank, halte mit der ramponierten rechten Hand die akut schmerzende linke und warte, dass der Schmerz nachlässt. Aber trotz einer ziemlich spürbaren Verstauchung hänge ich etwas später wieder hinter der Fräse und lasse mich grimmig guckend übers Gelände ziehen. Mich kriegt die nicht so schnell klein! Ich würde auch mit zwei Gipsarmen weitermachen.

Das Leben in Gummistiefeln liegt mir näher als eines im Cocktailkleid. Ziemlich zufrieden begebe ich mich täglich in die Wildnis, ziehe Wurzelreste aus der Erde, bekämpfe die letzten Brombeerranken und grabe gut gelaunt um. Hätte ich rechtzeitig einen netten Jungbauern kennengelernt, würde ich jetzt wahrscheinlich nicht zu Konzerten und Veranstaltungen gehen und eine Homepage mit Berichten füllen, sondern Ställe ausmisten und Kartoffeln ausbuddeln. Wahrscheinlich wäre ich nicht mal unzufrieden. Natürlich könnte ich überlegen, ob ich den angestrebten Grillplatz kurzentschlossen in eine Ferkelzucht ändere. Dann hätte ich im nächsten Jahr viele ausgewachsene Schweine in meinem Garten rumlaufen, die den auch ohne Fräse wunderbar roden und auseinandernehmen. Leider auch die Stellen, die schon als einigermaßen kultiviert gelten. Auf Dauer wäre ein Grillplatz dann schon pflegeleichter.

Der vorher schräge Boden ist inzwischen schon teilbegradigt. Aber da muss ich noch gewaltig was tun. Hinten ist höher als vorne und rechts sowieso. Dafür geht es links tief runter. Aber langsam kommt Form rein. Auch meine Gestaltungsüberlegungen werden jetzt konkreter, was beim Buddeln hilfreich ist, weil ich damit relativ zielgerichtet Erde um mich werfe. Wenn nur nicht diese schreckliche Schlepperei von Kies, Sand, Zementsäcken und Steinen noch vor mir liegen würde! Aber ich grübel auch über andere Sachen: Wie kann ich in der Erde mehrere Halterungen so einbetonieren, dass die nachher eingeschraubten Pfähle die gleiche Höhe haben und perfekt zueinander ausgerichtet sind, damit ich ein Dach draufsetzen kann? Wenn ich die Pfähle sofort in die Halterungen schraube, bevor ich sie in Löcher einbetoniere, sind sie zu schwer und kippen mir im feuchten Beton ständig um, so dass ich wie ein Tellerschwenker im Zirkus von einem Pfahl zum anderen rennen muss, bis der Beton hart wird und sie fest stehen. Versenke ich zunächst nur die Halterungen im Boden, sind die später eingeschraubten Pfähle sicher die Lachnummer, wenn sie dann in alle Richtungen voneinander abstehen und niemals in der gleichen Höhe und parallel zueinander ausgerichtet sein werden. Naja, ich bin da eher der Hau-Ruck-Typ, der grob plant, einfach anfängt und die später entstehenden Probleme kreativ vor Ort löst.

Mit einem Gartentisch mache ich Stellproben messe Größenverhältnisse aus. Schließlich muss ich wissen, wie viele Personen wo Platz finden. Eng nebeneinander stehend sind das mehr als sitzend. Das aber nur nebenbei. Die 65 geschenkten Betonplatten sind von mir und den Kindern einzeln nach oben geschleppt worden, was “Bergwandern mit Gewicht” war. Eine massive Taschengeld-Entzugs-Androhung und schon ging’s. Der Garten ist so steil, dass man von oben über das Hausdach gucken kann. Andere Leute haben den Grillplatz AM Haus, meiner wird ÜBER dem Haus sein. Irgendwann mal.


WOCHE 7 – August 2005

Es sieht momentan auf dem Gelände wieder schlimmer aus, geht dabei aber zügig weiter. Um das Gefälle auszugleichen und nicht einen halben Meter mehr Erdhülle auf die andere Seite zu schaufeln, muss ich eine deutliche Stufe einplanen, die später den überdachten Sitzplatz vom gepflasterten Teil trennt. Während der Arbeit denke ich kurz über Rollrasen nach. Einfach die Erde glatt harken, den Rasen auf dem Gelände ausrollen, Tisch und Stühle drauf und fertig. Aber nein!

Mein Garten ist etwa 50 Meter lang und geht dabei steil nach oben. Vom späteren Grillplatz hat man eine nette Aussicht. Wer jetzt die Aussicht vergisst und stattdessen daran denkt, was alles von der Straße, die noch einige Meter unterhalb des Hauses liegt, per Muskelkraft hoch geschleppt werden muss – hält mich wahrscheinlich für völlig bekloppt.

Beim Umgraben finde ich zwei Tonstücke und ein Knochenstück. Blumentopfscherben und ein Rest Wildschweinknochen? Oder römische Gefäßstücke und ein Mordopfer? Zum Mordopfer fehlen mir weitere Knochen, aber bei den Tonscherben bin ich unsicher. Einen Baustopp des Amtes für Denkmalpflege wegen weiterer Ausgrabungen am Grillplatz kann ich mir nicht leisten. Bis da so ein Tempel oder gar ein Amphitheater freigelegt und nummeriert ist, dauert es Jahre! Und ob ich dann da noch meinen Grill mittendrin aufbauen darf? Grillen im Amphitheater? Sicherheitshalber verbuddel ich die Stücke wieder und gebe die Verantwortung an die nächsten Generationen weiter.

Am Ende der Woche werden die ersten Sachen für den Grillplatz angeliefert. Schwere Zementsäcke, schwere Mauersteine, schwere Holzpfähle, schwere Grill-Einzelteile. Beim Auspacken kippt sofort die schwere Mittelplatte des Außengrills um und geht kaputt. Ich halte das für ein gutes Omen. In Einzelteilen ist sie auch besser zu transportieren. Außerdem bestelle ich Kies. Sieben Tonnen. Als ich es meinem Gatten später berichte, fragt er vorsichtig: “Du bist sicher, dass es sieben TONNEN, nicht sieben ZENTNER sind?” Ja, bin ich mir. Daraufhin guckt er mich ernst an und sagt nur noch: “Das muss alles hochgetragen werden, das ist dir klar?” Ja, ist es mir. Ich möchte meinem ab da vor sich hin schweigenden Gatten gerne sagen, dass er seine Ehefrau immer lieben und ehren muss, auch wenn sie seltsame Sachen macht, traue mich aber nicht, weil ich Angst habe, dass er darauf antwortet. Mein Sohn fragt: “Sieben Tonnen, also siebentausend Kilo??”, und guckt beeindruckt. Ich kaufe Eimer. Eine Schaufel habe ich noch.


WOCHE 8 – August 2005

Montag früh kommt der Kieslaster und schüttet einen Berg voll Kies und Sand auf den Bürgersteig. 7000 Kilo Kies als Berg sehen nicht mal nach so super viel aus, haben aber die Eigenschaft, dass sie auch nach vielen Stunden Schaufeln und Wegtragen nicht nach weniger aussehen.

Wenn ich, rechts und links je einen 13-kg-Eimer voll Kies in den Händen, die 115 Schritte vom Kiesberg vor dem Haus bis zu meinem Grillplatz hochwandere, würde ich gerne in meditative Gedanken fallen und über hochgeistige Dinge sinnieren. Leider denke ich die ganze Zeit über: “Boah, ist das schwer! Mir tun die Arme schon weh. Menno, ist mir heiß! Was für ‘ne schrott Schlepperei!” Oben angekommen schütte ich den Kies aus, fühle mich gleich viel leichter, freue mich über das harte Trainingsprogramm, für das andere monatelang ins Fitnessstudio gehen müssen und das mir sicher eine wunderbar muskulöse Figur verleihen wird, und denke tapfer: “Na, einen Weg schaff ich noch.” Besser ist es natürlich, wenn hin und wieder die Familie mithilft und wir eine Viererkette bilden. Einer schippt die Eimer voll, die anderen drei haben immer nur ein Drittel des Weges bis sie die Eimer abgeben oder ausschütten können. Gemeinsam macht die Schlepperei sogar etwas Spaß. Leider finden die Kinder Computerspiele unterhaltsamer als Kies in Eimern zu tragen.

Zwischen den Kies-schlepp-Phasen (also immer wenn ich absolut keine Energie mehr habe, den Weg hochzulaufen) baue ich das Fundament für die überdachte Sitzgelegenheit. Meine einzigen Hilfen sind ein Zollstock und eine Wasserwaage. Ich bin sehr stolz auf mich, dass die Hohlbausteine, die ich zu einem großen Viereck in den schrägen Boden gesetzt habe, tatsächlich in der letzten Ecke genau aufeinandertreffen. Die ganze Zeit über befürchtete ich, dass sie am Ende 10 cm voneinander entfernt oder in unterschiedlichen Höhen auskommen werden und ich alles korrigieren muss.

Als ich den letzten Stein einsetze und er passt, hüpfe ich jubelnd und “Yeah! Yeah! Yeah!!” rufend über die kahle Erde und freue mich einfach. Für Leute wie mich, mit “Einfach-mal-los-Mentalität”, ist es eben total klasse, wenn es am Ende wirklich passt. Exakte Vor-Planer und Millimeter-Berechner können das nicht nachempfinden.

Das Fundament fülle ich mit dem Kies-Sand-Gemisch, und ich staune immer wieder, wenn ich am Hang dahinter sehe, dass ich in dieser Ecke inzwischen etwa einen Meter von der Erde weggebuddelt und nach vorne verschoben habe, um das Gelände zu begradigen. OK – so richtig gerade sieht es noch nicht aus, aber das wird schon. Wer es schafft, dass ein Viereck passt, der kriegt auch die Erde platt!

Wenn ich 20 Kiestransporte gemacht habe, habe ich eine Stunde lang richtig hart gearbeitet, etwa 500 Kilo auf den Hügel geschleppt, spüre Gelenke, die ich bis dahin gar nicht hatte und sehe etwas mitgenommen aus. Immerhin habe ich vor vier Wochen noch über jämmerliche Betonplatten gestöhnt, die ich inzwischen fast nebenbei nach oben tragen würde. Muskeln und Kondition haben sich auf jeden Fall schon stark verbessert. Aber um ehrlich zu sein: Ich hätte fast losgeheult, als mir mitten in einer Kiesschlepperei einfiel, dass ich ziemlich schnell noch ein paar Tonnen Split bestellen muss und demnächst eine Tonne Basaltsteine und eine Tonne Klinker kommen werden. Oh, nein!

Aber trotzdem macht es Spaß und ich sehe den fertigen Grillplatz in all dem Dreck und Staub schon vor mir. Manchmal stehe ich still da, grinse glücklich in die erdige Gegend und weiß genau, wie es dort im nächsten Jahr aussehen wird. Andere sehen nur eine verdreckte Baustelle, ich sehe schon die Weinrebe am Pfahl hochwachsen, den gepflasterten Basaltkreis vor mir im Boden liegen und höre den halbhohen Bambus leise im Wind rauschen. Vielleicht habe ich auch einfach nur von der Anstrengung Ohrensausen.


WOCHE 9 – August 2005

Es geht rasant weiter, was aber auch daran liegt, dass ich momentan keine anderen dringenden Sachen habe und fast jeden Tag weiterbauen kann. Mit einem Sohn als Abstützhilfe setze ich das Grundgerüst für die überdachte Sitzecke. Nachdem ich nun schon als Landschaftsumgräberin, Maurerin, Betonanrührerin und Kiesschlepperin tätig war, wechsel ich zum Holzhandwerk.

Das Arbeiten mit der Tischkreissäge sieht nur halb so gefährlich aus, wenn man – wie ich – während des Sägens die Augen fest zusammenkneift. Ich muss mich da einfach entscheiden, ob ich mir lieber einen Finger absägen oder mein Augenlicht durch die umherfliegenden Holzsplitter verlieren möchte. Klar, es gäbe die Möglichkeit einer Schutzbrille, aber ich vergesse immer wieder, eine aus dem Baumarkt mitzubringen. Für alle Kinder darum der Warnhinweis: Nur mit Schutzbrille an die Kreissäge!

Es gibt sogar einen wirklich gefährlichen Moment in dieser Woche: Ich muss ein schmales Brett längst sägen, habe die Finger nah am Sägeblatt, die Säge kreischt laut, die Holzsplitter fliegen um meine Ohren, ich konzentriere mich voll auf die Arbeit, da steht ganz plötzlich eine Gestalt unmittelbar neben mir. Ich zucke erschreckt zusammen und der Sohn informiert mich entschuldigend: “Mama, Telefon …”

Dacharbeiten machen viel Arbeit. Besonders, wenn ich die Leiter ständig verrücken muss, der Hammer runterfällt, wenn ich gerade oben bin, die Nägel immer wieder am anderen Dach-Ende liegen, wo ich sie nur nach erneutem Verstellen der Leiter abholen kann und die Dachpappe sauschwer ist und immer in die andere Richtung rollen will. Trotzdem kriege ich alles gebändigt, klopfe nur vier Nägel krumm und mir nur dreimal mittelheftig auf den Daumen und habe nach 9 Stunden Arbeit am Abend ganz alleine das Dach draufgesetzt. Der 30 Minuten später einsetzende Sturzregen zeigt, dass es dicht ist und das Wasser vorbildlich nach hinten ableitet. Wow! Um mir das anzusehen, laufe ich im Regen zum Grillplatz und freue mich, wie das Wasser vom Dach läuft. Die armen Nachbarn. Wenn sie mich beobachten, wie ich klatschnass vor einem Holzgerüst mit Dach stehe und fröhlich lache, weil das Wasser vom Dach nach hinten auf die Erde platscht, werden sie es sich kaum erklären können.

Ich gebe zu, dass die überdachte Sitzgelegenheit momentan noch etwas hoch und seltsam aussieht, aber das wird schon. Unten kommt noch ein Boden rein und zwei der Seitenwände werden mit Holz geschlossen. Und dann gibt es natürlich noch die Weinrebe, die im nächsten Jahr hochranken wird. Der Versuchung, sie sofort im Garten auszugraben und am Grillplatz einzusetzen, kann ich mit Mühe widerstehen. Da sollte ich vernünftigerweise auf den Herbst warten. Außerdem habe ich noch keine Ahnung, wie hoch die Erde am Ende liegen wird und wo ich überall Pflastersteine hinsetze. So bleibt die Arbeit am Grillplatz auch für mich spannend und überraschend.

Spannend und überraschend sind auch in Beton verewigte Handabdrücke. Das habe ich noch nie vorher gemacht, aber ich möchte gerne, dass ich fünf besondere Abdrücke an meinem besonderen Grillplatz liegen habe. Nicht zum Drüberlaufen, das fände ich respektlos, sondern als Dekoration. Die Handabdrücke haben mit meinem Leben und dem Grillplatz zu tun. Wer jetzt richtig kombiniert überlegt vielleicht: Ah, sie arbeitet doch so viel für die Wise Guys. Haben die ihr vielleicht den Grill geschenkt? – Ich sag mal so: Wenn die Wise Guys fünf Leute sind und jeder davon mindestens eine Hand hat, könnte das möglich sein. Nach dem Aushärten sind die neuen Betonsteine hellgrau, vorbildlich stabil und richtige Hingucker. Jetzt muss ich sie erstmal zur Seite legen, bis ich weiß, wo sie ihren Platz finden werden. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn sie in einigen Jahren vermost und grünlich wie aus einem alten Schlosspark aussehen.


WOCHE 10 – August 2005

Der Arbeitstitel des Projektes wird ab sofort geändert in: Ich baue eine Bushaltestelle. Die überdachte Sitzgelegenheit sieht mit ihren beiden geschlossenen Seitenteilen einem Wartehäuschen verblüffend ähnlich. Jetzt noch einen Fahrplan reingeklebt, ein Haltestellenschild davor gesetzt und ich kann mit wartenden Passanten rechnen. Nachdem die Wände der Bushaltestelle fertig sind, spritze ich mit einer Farbpistole weiße Farbe auf das Holz, um den rustikalen Charakter zu übermalen. Ich will ja später keinen dunkelbraunen Jägerunterstand haben, sondern eine frische, angenehme, an Meer und Skandinavien erinnernde Sitzecke benutzen. Weiß und Blau ist die Devise. Auch wenn eines meiner Kinder meint: “Blau ist doof” und das andere: “Ich finde ja holzfarben viel besser.” Naja. Wenn die Sonne im nächsten Sommer von vorne knallig scheint, werden sich alle freuen, dass Mutti sich mit ihrem strahlenden Weiß durchgesetzt hat. Dann tragen wir in der Sitzecke alle dunkle Sonnenbrillen, weil wir sonst schneeblind werden könnten.

Nebenbei stelle ich fest, dass ich drei Stuhlreihen vor die Bushaltestelle setzen und sie dann als Bühne nutzen könnte. Wenn wir später mal keine Lust aufs Grillen haben, kann dort der Faust gespielt oder sogar ein Konzert gegeben werden. Bei etwa 20 Besucherplätzen wären wir sicher oft ausverkauft. Was für schöne Aussichten! Intern nennen wir die Bushaltestelle übrigens auch ‘Haus’, weil sie inzwischen recht massiv wirkt. ‘Überdachte Sitzgelegenheit’ ist raus aus dem Sprachgebrauch, weil es so beamtig klingt.

Dass ich zwischendurch einen halben Liter weiße Farbe mit Schwung über meine Hose und von da auf den Betonboden in meinem Hof kippe, lasse ich mal lieber unerwähnt. War nicht so geplant und sieht weder auf der Hose, noch auf dem Boden wirklich gut aus. Geht jetzt aber auch nicht mehr einfach raus. Auch am Grillplatz sind alle Blätter an den Büschen durch den weißen Sprühnebel der Spritzpistole gekennzeichnet. Gut, dass bald Herbst ist und sie im Frühjahr nochmal ganz von vorne und vor allem grün anfangen können. Herzergreifend auch das blinde Vertrauen der Kinder in die Fähigkeiten ihrer Mutter. Als ich in einer Farbspritz-Pause den Zwischenstand des Hauses präsentieren will und einen Sohn rufe: “Willst du mal raus kommen und das Haus ansehen?”, kommt er sofort aus seinem Zimmer und fragt interessiert: “Ist es umgefallen?”


Teil 2 – Woche 11-20 – Klinker, Pflasterkreis und schottische Ecke

zurück zum Anfang