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Blog 808 – 22.10.2023 – Chinesischer Haarschwanz, Maybebop und viel Fahrerei

Am Sonntag fahren wir den Sohn zurück nach Frankfurt, geschickterweise wieder so, dass wir genau zur Mittagszeit da sind und ein weiteres Restaurant in seinem Wohnviertel ausprobieren können. Diesmal ein chinesisches, das uns schon anhand der außen angebrachten Bilder-Speisekarte gefällt. Darauf sind, neben wenigen der üblichen europäisierten Gerichte, vorwiegend authentisch chinesische. Dementsprechend sitzen auch vorwiegend chinesisch wirkende Gäste im Restaurant. Wir wählen Reisbrei mit Meeresfrüchten, Mala-Hotpot – taubscharf, Erdnüsse mit Seetang und gebratenes Weizengluten mit Erdnüssen und Morcheln.

Die Bezeichnung „taubscharf“ erweist sich als sehr scharf und würzig, der Reisbrei ist dagegen sehr mild und hat ein feinwürziges Fisch- und Muschelaroma. Beides sehr lecker. Auch die Erdnüsse mit Seetang sind total gut, der Hammer ist aber das kalte Gericht mit Weizengluten. „Die vielen Leute, die grundsätzlich glutenfrei essen, werden das nie probieren können“, meint der Sohn, grinst und nimmt noch ein Stückchen.

Auf der Karte stehen auch Sachen wie gesalzenes Huhn, Lotosknolle mit Klebreis, pikante Schweineohren und eingelegte Hühnerfüße. Da sind bei uns die Toleranz und Neugierde unterschiedlich stark ausgeprägt und reichen von „niemals“ über „mal sehen“ bis „probier ich beim nächsten Mal“. Das einzige, was uns alle sofort abschreckt, ist der gebratene Haarschwanz. Haarschwanz? Ich denke sofort an den Schwanzansatz bei Pferden … uaaah! Erst als ich später google, erfahre ich, dass der Haarschwanz ein langer, schmaler Raubfisch ist. Die chinesische Bedienung freut sich sichtlich, dass wir uns mit so viel Neugierde an die Gerichte trauen und es uns schmeckt. Bei der Verabschiedung sagt sie: „Bei nächste Mal nehme andere Esse. Alle lecker!“

Bei den Proben für „Tod auf dem Nil“ nähern wir uns langsam den Szenen. Immer noch weitgehend mit dem Blick ins Textbuch und wegen des fest umklammerten Textbuches ohne freie Hände für Requisiten. Weil die Kollegin keine Tasche für ihre Pistole hat, reiche ich sie ihr, kurz bevor sie schießen muss, während ihres dramatischen Monologes, woraufhin sie höflich „Danke“ sagt. Das müssen wir bis zur Premiere im nächsten Frühjahr natürlich anders lösen.

In der Mitte der Woche fahre ich meinen Vater nach Mainz, der dort für drei Tage seine Schwester besucht. Zwei Stunden Autofahrt, ein gemeinsames Mittagessen mit Erinnerungen, denn bei Tante und Onkel habe ich früher oft eine Woche der Sommerferien verbracht, danach fahre ich quer über den Rhein nach Frankfurt rüber, weil mit dem Sohn kurz was zu erledigen ist, von dort geht es zurück nach Hause. Neun Stunden nach meinem Aufbruch komme ich wieder an. „Und, was hast du heute so gemacht?“ – „Äh, … nichts?“

Am nächsten Nachmittag fahre ich schon wieder los, diesmal aber nur eine Stunde bis nach Bonn ins Pantheon-Theater. Maybebop sind mit dem neuen Programm „Muss man mögen“ da. Da „Maybebop“ auch mal mit MBB abgekürzt wird, würde zusammen mit dem Programmtitel MBBMMM daraus. Das gefällt mir sehr. Mir gefällt ebenfalls, dass im einleitenden Vortext, der vom Band abläuft und von der Handynutzung und dem Fotografieren handelt, mittendrin der Satz ertönt: „Wer die AfD wählt, wählt Nazis.“ Punkt. Klare Aussage.

Das neue Programm ist sehr gut. Angesehen von den vier wunderbaren Stimmen, den tollen Arrangements und dem unfassbar guten Gesang, gibt es unterschiedlichste Musikrichtungen, lustige Stücke, jazzige, ernste, kritische und für mich sogar sabberige. Das sind die, bei denen ich so berührt und tiefenentspannt bin, dass sich mein rechter Mundwinkel leicht öffnet und ich plötzlich merke, dass es dort feucht wird. Kurz vorm Sabbern – mein persönlicher Ausdruck von größtmöglicher Hingerissenheit und Begeisterung.

Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher anscheinenden Mühelosig- und Leichtigkeit die vier Maybebops die schwersten Sachen singen. Mehrfach habe ich Gänsehaut, weil die Akkorde so wunderbar sind. Ach, einfach toll!

Gegen Ende singen sie „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Unglaublich gut. Ich höre es nicht zum ersten Mal von ihnen, aber es haut mich immer wieder um. Nicht zu fassen, dass das nur vier Leute singen – und ebenso unfassbar in welche Höhen Jan dabei kommt! Danach gibt es vom Publikum donnernde Standing Ovation. Als der Applaus sich legt, kommentiert Oliver schulterzuckend: „Ein Cover und sie platzen los.“ Ich weiß, was er meint. Wie blöd, wenn man mit Herzblut komponiert, textet, arrangiert – und dann wird man für das „Nachsingen“ eines anderen Liedes gefeiert. Aber WIE sie es singen – da würde auch Freddie Mercury stehend applaudieren. Auf dem Nachhauseweg denke ich immer wieder: Groß-, groß-, großartig! Oder: MBBMMMGGG! (MayBeBopMussManMögenGroßGroßGroßartig!)

Weil ich so gerne Maybebop höre, gucke ich schon seit einiger Zeit nach einer Möglichkeit, auch in diesem Jahr eines ihrer wenigen Weihnachtskonzerte zu besuchen. Die haben nichts mit kitschigem Weihnachtsgirlanden-Glitzerstern-Gesülze zu tun und gefallen mir darum sehr. Erstaunlicherweise lösen sie bei mir – die ich gar nicht so ein Weihnachtsfan bin – trotzdem sanfte Weihnachtsstimmung aus. Der mir nächstgelegene Auftrittsort ist Mülheim-Kärlich, 100 km entfernt. Ich rufe bei der Stadtverwaltung an und bekomme gesagt, dass ich die Eintrittskarte im Rathaus abholen muss. Verschicken geht nicht, auch nicht, wenn ich weit weg wohne. „Dafür haben wir gar keine Möglichkeit“, sagt die Dame am Telefon und wirkt fast schon empört, dass ich überhaupt an so was denke. „Und mit Karte bezahlen geht auch nicht, das müssen sie bar machen.“

Es passt zufällig ganz genau und ist reines Glück, dass ich am nächsten Tag wieder nach Mainz fahren muss, diesmal, um meinen Vater abzuholen. Mülheim-Kärlich liegt genau in der Mitte des Weges. Ich fahre kurz von der Autobahn ab, gehe ins Rathaus, lege Bargeld auf den Tisch und bekomme meine Eintrittskarte. Als ich weiterfahre, überlege ich, ob ich sie auch hätte reservieren und am Konzerttag an der Abendkasse abholen und bezahlen können. Das hatte ich gar nicht konkret gefragt. Die Dame am Telefon hatte das aber auch nicht als Option genannt. Ich habe allerdings das unbestimmte Gefühl, dass das Hinterlegen einer unbezahlten Karte an der Abendkasse wohl zu viel verlangt wäre.

In Mainz sammel ich meinen Vater ein und wir machen mit den Gastgebern noch einen gemeinsamen Gang durch die Innenstadt, die – trotz des leichten Nieselregens – so hübsch ist, dass ich da dringend mal einen Sightseeing-Tag einlegen möchte. Obwohl ich mehrfach Ferienkind in Mainz war, habe ich von den touristischen Highlights damals nicht viel mitbekommen.

Wir spazieren über den Markt, der unterhalb des Domes aufgebaut und riesengroß ist. Gemüse, Blumen, Fleisch, Käse, Honig, Wein, Kürbisse, leuchtende Farben – wunderschön.

Nach einem leckeren Mittagessen in einem urigen Gasthof geht es für meinen Vater und mich zurück über die Autobahn. Stau, Baustellen – es macht wenig Spaß. Um acht Uhr am Morgen bin ich gestartet, um 18 Uhr bin ich wieder Zuhause. In dieser Woche bin ich mal eben mehr als 1300 km gefahren. Jetzt reicht es erstmal.