Blog 938 – 19.04.2026 – Stromverteilung, gesammelte Steine und Steinzeit
Das Haus meiner Eltern ist fast ausgeräumt und die Arbeit beinahe schon erledigt, da gibt es plötzlich in drei Kellerräumen keinen Strom mehr. Im Sicherungskasten sind aber alle Sicherungen drin. Oh, nein! Die Dokumentation über den Verlauf der Stromleitungen und die zuständigen Sicherungen ist dürftig. „Das merk‘ ich mir!“, behauptete und glaubte mein Vater immer. Bis ihm in den letzten Jahren auffiel, dass er vergessen hatte, wie er verlegt, ergänzt, abgeklemmt und verkabelt hatte. Es hilft nichts: Der Fehler muss gefunden werden. Der Gatte läuft durch alle Räume, betätigt Lichtschalter, hebt Verteilerdeckel ab, misst ankommenden oder ausbleibenden Strom und guckt zunehmend verzweifelt. Es kann auch irgendwo in der Wand ein defekte Stelle an einem Kabel geben. Fast zufällig entdecken wir irgendwann, dass sich im Kellergang, versteckt unter der Deckenlampe, eine weitere Verteilerdose befindet. In der laufen unerwartet viele Kabel zusammen und eins davon hat sich aus der Klemme gelöst. Der Gatte tauscht die Klemmen aus, schraubt alles wieder fest und das Licht und die Steckdosen in den drei Kellerräumen funktionieren wieder. Hurra! Blöd ist weiterhin, dass wir bei manchen Räumen immer noch nicht wissen, welche Sicherung zuständig ist. Anscheinend sind in einigen Zimmern das Licht und einzelne Steckdosen über eine andere Leitung angeschlossen als die restlichen Steckdosen. Das System – wenn es eins ist – wirkt undurchschaubar und chaotisch. Weil bisher immer alles funktioniert hat, haben wir eine nähere Betrachtung rausgeschoben, aber da werden wir jetzt noch ranmüssen.
Am nächsten Tag sind wir im Haus unterwegs, um in jedem Zimmer herauszufinden, welches Licht und welche Steckdose zu welcher Sicherung gehört. Der Gatte schaltet am Sicherungskasten im Keller eine Sicherung nach der anderen raus und wieder rein, bis ich von oben rufe: „Licht ist aus!“ und er bestätigend „Nummer 14!“ ruft. Oder ich rufe: „Licht ist noch an, aber die Steckdosen tun es nicht mehr!“, und er ruft: „Dann sind die Steckdosen Nummer 7 und ich schalte jetzt die Nummer 7 wieder an und die Nummer 8 aus!“ Es ist mühsam und dauert, der Leitungsverlauf und die Belegung werden aber endlich nachvollziehbar und logisch.

Dabei ist es schon etwas tragisch. Da wird es endlich mal ein ordentlicher Plan der Stromverteilung gemacht – und mein Vater ist schon gestorben und bekommt es nicht mehr mit. Dabei hätte ihn das beruhigt. Immerhin werden die neuen Käufer davon profitieren. Als wir fertig sind, sind alle Unklarheiten beseitigt. Fast alle, denn es gibt zwei funktionierende Außenlampen, für die wir den Schalter zum An- und Ausmachen noch nicht gefunden haben. Manchmal sind sie an und ich habe keine Ahnung, wie das passiert. Vielleicht doch über einen Bewegungsmelder?
Die alte, noch funktionierende Kreissäge schleppen wir aus dem Keller und bringen sie zum Schrottplatz, wo sie vielleicht einen neuen Besitzer finden wird. Sie haben dort am Rand einige Sachen stehen, die nicht sofort in die Presse kommen und auf Liebhaber warten. Schade, dass ich selber keinen Platz für sie habe.

Im Garten ist einiges zu tun und ich habe Besuch. Der Zünsler ist wieder da. Es gibt Buchsbäume, die sehr anfällig für ihn sind und andere, die meist zünslerfrei bleiben. Weil ich keine Lust mehr auf ständige Behandlung habe, werfe ich, inzwischen hartherzig geworden, alle stark befallenen Pflanzen raus. Das sind diesmal ein etwa ein Meter hoher Busch und sechs kleine, die als Gruppe in Reihe standen. Die anderen Buchsbäume behandle ich mit Neudorffs hoffentlich tatsächlich bienenfreundlichem Raupenmittel. Auch diesmal erzählt mir die Verkäuferin im Gartencenter, dass die Vögel Zünsler fressen. Bei mir bisher nicht. Vermutlich habe ich so viele andere leckere Insekten zu bieten, dass sie meine Zünsler nicht anrühren. Kommt vielleicht noch, aber wenn ich bis dahin warte, habe ich keinen Buchsbaum mehr.

Noch einmal verbringe ich einen halben Tag im Haus meiner Eltern, um den gesamten Restkram aus Gartenhaus, Werkzeugkeller und Garage wegzuräumen. So viel ist da gar nicht mehr. Aber dann kommt schon allein im Gartenhaus viel Kleinkram zusammen und ich werde immer noch nicht fertig. Aber der Rest und der gesammelte Müll stehen jetzt in der Garage und es ist wirklich überschaubar. Meine Schwester ruft an, dass sie einiges vom Müll und die Sachen für das Schadstoffmobil mitnehmen wird, und damit bleibt dann wirklich nicht mehr viel.

Seltsamerweise ist mir jetzt erst bewusst geworden, dass meine Eltern manchmal besonders schöne und interessante Steine eingesammelt und in den Garten gelegt haben. Das mache ich seit vielen Jahren auch. Ich bücke mich unterwegs und hebe Steine auf, die eine interessante Farbe oder schöne weiße Adern haben, nehme sie mit nach Hause und lege sie in den Garten. Jetzt sehe ich mich im Garten meiner Eltern um und merke zum ersten Mal bewusst, dass sie das auch gemacht haben. Aber wer hatte diese Freude daran? Beide oder nur einer von ihnen? Ach, im letzten Herbst hätte ich meinen Vater noch fragen können, jetzt wird mir das niemand mehr beantworten können. Es bleiben tatsächlich nach einem Sterbefall immer Fragen offen, und sei es nur, wer einen Blick für Steine hatte und sie gesammelt hat. Einige von ihnen nehme ich jetzt mit für meinen eigenen Garten.

Kurzfristig ist auch noch Nähzeit angesagt und ich arbeite an zwei Abenden flusenreich mit plüschigem Fell. Als Puppenbauerin habe ich genug Plüsch im Vorrat, aber ich baue diesmal keine Puppe. Ich nähe für mich. Am Sonntag wird unser privates Krimidinner stattfinden und diesmal ist das Thema „Steinzeit“. Dazu habe ich nichts Fertiges im Kleiderschrank.

Beim Arbeiten achte ich aber darauf, dass ich nicht zu kleinteilig zuschneide, um einen Teil des Plüsches später wieder auftrennen und noch für Puppen verwenden zu können. Schließlich brauche ich meine Steinzeitkleidung nur für wenige Stunden. Es ist schon idiotisch: Ich nähe länger daran, als ich sie tragen werde. Aber ich besitze jetzt Schuhe, die ich auch beim Thema „Nordpol“ tragen könnte. Ich vermute, es gibt gar kein Nordpol-Krimidinner.

Im Garten schneide ich die Buchsbäume in ungefähre Form. Auch wenn mich der Zünsler nervt, mag ich meine Buchsbäume doch sehr. Und das auch, weil sie in meinem trockenen Garten problemlos wachsen.

Weil ich gerade am Kürzen bin, begebe mich auch an die oberen, quer übereinander hängenden Austriebe einer groß gewachsenen Heckenkirsche. Als ich die Hälfte der Zweige gekürzt habe, entdecke ich im Inneren ein Amselnest mit grünen Eiern. Oh, nein! Genau das ist der Grund, warum man nur bis zum 1. März Büsche schneiden soll. Die herausragenden Triebe darf ich zwar offiziell immer noch abschneiden, aber auch damit beschädige ich jetzt ungewollt das gewachsene Schutzdach des Nestes.
Sofort höre ich mit dem Schneiden auf und lege einige der abgeschnittenen Zweige quer übereinander schützend zurück über das Nest. Die werden zwar trocken werden, reichen aber vermutlich die wenigen Wochen bis zum Flüggewerden der kleinen Amseln noch aus. Hoffentlich geht die Mutter trotz der veränderten Dacharchitektur des Busches zurück zum Nest! Zu meiner Beruhigung sitzt sie etwas später wieder auf den Eiern. Das Nest liegt wieder geschützt und sie ist darauf kaum zu sehen. Ich halte erstmal Abstand.

Mein Feigenbaum, der in einem großen Topf wächst, hat erst seit wenigen Tagen die ersten Blätter und jetzt sehe ich plötzlich schon erstaunlich große Feigenfrüchte. Ist das normal? Es ist doch erst Mitte April. Vielleicht hat er sich vertan und die Uhrenumstellung auf Sommerzeit hat ihn verwirrt.

Und sonst so: Bei der Wahl in Ungarn kippt Orban aus der Rechtskurve und das Volk fährt nach links. Nach Polen hat es nun auch Ungarn geschafft, wieder in die europäische und demokratische Richtung zu fahren. Das gibt mir große Hoffnung, dass auch die AfD noch heftig gegen die Wand fährt. Putin erreicht weiterhin seine Ziele nicht und steht vor wachsenden Problemen, und Trump zersetzt sich in seiner Dummheit und Selbstgefälligkeit immer schneller selbst. Und sogar Wirtschaftsministerin Reiche bekommt steigende Proteste für ihre völlig rückwärtsgewandte Öl- und Gas-Energiepolitik. Es läuft gerade viel aus dem Ruder auf der Welt, aber es gibt auch optimistische Ausblicke.
Und seltsame Anblicke. Wenn ich heute in meiner Steinzeitkleidung zum Ort des Krimidinners fahre, kann ich nur hoffen, unterwegs nicht aussteigen zu müssen und nicht in eine Polizeikontrolle zu kommen. Wenn doch, versuche ich so zu tun, als wäre alles völlig normal.