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Blog 939 – 26.04.2026 – Regenrinne, Esel, Dudelsack und wat leuk!

Am Sonntagvormittag bin ich in meinem Felloutfit zum privaten Krimidinner unterwegs. Glücklicherweise kann ich mit dem Auto von Tür zu Tür fahren, ohne lange Strecken über Bürgersteige laufen zu müssen und mit meinem Anblick Spaziergänger zu verwirren. Ein schnelles Einfangen und Einweisen könnte sonst eine verständliche Folgehandlung sein.

Der Krimi, der in der in der Steinzeit spielt, ist fordernd für die Hirnzellen und ich verliere zu viel Überblick über Zeiten und Orte, was weniger an mir, als mehr an der etwas holprigen schriftlichen Anleitung liegt. Die könnte noch überarbeitet und verbessert werden. Vielleicht war in der Steinzeit aber auch alles so kompliziert. Es macht trotzdem Spaß und das ist wichtiger, als unbedingt den Mörder rauszufinden.


Bei mir im Hof blüht die Kletterpflanze, die viele Jahre an der Terrasse meiner Eltern wuchs. Mein Vater und ich haben in den beiden letzten Jahren nicht herausfinden können, was für eine Pflanze das ist. Sie hat Ähnlichkeit mit einer Waldrebe, die gefiederten Blätter sind aber sehr hart und die Blütenblätter vergleichsweise robust. Was es auch ist, ich hoffe sehr, dass es ihr am neuen Standort gefällt und sie mir erhalten bleibt.


Wenn gerade viel zu tun ist, kommt bei mir meistens noch etwas obendrauf. Meine Hauptgebiete sind momentan das Leermachen des Hauses meiner Eltern, das Verräumen der Kisten und Stapel, die sich durch das Ausräumen des Hauses meiner Eltern inzwischen bei mir angesammelt haben, der Papierkram zum Hausverkauf und mein Garten, in dem jahreszeitbedingt viel wächst und viel zu tun ist. Spontan schlägt der Gatte vor, dass er in unserem Hof ein Gerät an der Hauswand befestigen kann, das bisher wartend im Stapel der wegzuräumenden Sachen steht. Prima Idee, das geht ja schnell. Dazu muss ich nur vorher das dort stehende Wasserfass leeren und entfernen. Ich schöpfe das Wasserfass leer und trage es weg. Ach ja, die Wand dahinter müsste, zumindest im Bereich des Gerätes, mit schützender Farbe gestrichen werden, ehe wir etwas davorhängen. Und die alte Regenrinne, die darüber hängt und bei der inzwischen die Farbe abblättert, sollte behandelt werden, ehe darunter das Gerät hängt. Oh, geht jetzt doch alles nicht mehr so schnell.

Dann fragt auch noch der Sohn freundlich an, ob sich schon etwas mit dem Dudelsack getan hat, den er für das aktuelle Theaterstück brauchen könnte. Ach, der Dudelsack, den hatte ich komplett vergessen! Es ist ein hübsches, aber nicht wirklich spielbares Dekoteil. Wir haben mal laute und fürchterliche Töne herausbekommen, kurz danach funktionierte er nicht mehr. Ich hatte ihn dann aus seinem karierten Stoff geschält, die Pfeifen nochmal fest an den Luftsack gebunden und die Tonerzeuger in den Pfeifen ausgetauscht, aber er blieb stumm. Mmh, da muss ich jetzt nochmal ran. „Wäre es möglich, auch den Esel für das Theaterstück zu bekommen?“, fragt der Sohn. Damit ist der Esel gemeint, der in meinem neuen Puppenstück dabei sein wird. Ich überlege kurz, ob ich bis zum Sommer auf ihn verzichten kann, wenn er stattdessen ein Engagement in Frankfurt hat. Ja, das dürfte kein Problem sein. Er hat bei mir nur eine kleine Rolle und beim Proben – mit dem ich ja immer noch nicht anfangen kann – werde ich ihn erstmal ersetzen können. Allerdings muss ich vor dem Abgeben des Esels in seinem Kopf noch eine Lage Stoff einsetzen und den unteren Rand des Körpers sauber umnähen. Tja, in den nächsten Tagen werde ich nicht sagen können, ich wüsste nicht, was ich gerade tun soll. Ein Satz, den ich aber sowieso niemals sage. Meiner ist eher: Ich weiß gerade nicht, wo ich anfangen soll.


Los geht’s. Die verzinkte Regenrinne wurde vor Jahrzehnten vom Vorbesitzer gestrichen und blättert inzwischen sehr ab. Vor wenigen Jahren habe ich sehr viele Stunden damit verbracht, bei meinem Vater die Farbe vom verzinkten Vordachgestell mühsam abzukratzen, weil der erfahren hatte, dass verzinkte Sachen nicht gestrichen werden sollen, weil sie dann rosten können. Das Entfernen des Anstrichs geht, aber ich weiß, was für eine anstrengende Arbeit das ist. Es hilft nichts, ich kratze und schabe los. Während die Regenrinne ihre drei Farbschichten verliert, beschließen wir, nicht nur den Bereich hinter dem Gerät zu streichen, sondern gleich die komplette Wand, die nicht sehr groß ist. Vorher können wir auch über der Hoftür die alte, eingebaute Lampe entfernen, deren Lampenschirm inzwischen ein eingeschraubtes Gurkenglas ist, das Loch verputzen, eine neue Leitung verlegen und dann eine andere Außenlampe anbringen. Und weil wir gerade dabei sind, kehren wir auch mühsam den Dreck und das Moos von den alten Dachpfannen.


Dann nehme ich mir den Esel vor. Während ich daran die letzten Feinheiten vernähe, höre ich von „puppkultur“ eine Folge über den Hasen Cäsar. Der ist für mich meine früheste Puppenspielerfahrung. Das finde ich schon schön, selber gerade an einer Klappmaulpuppe zu arbeiten, dabei geplauderten Hintergrundinfos aus der Puppenspielerszene zuzuhören, eigene Erinnerungen an den Hasen Cäsar – „biddeschööön!“ -, und an Wolfgang Buresch zu haben und demnächst selber wieder mit Puppen zu proben. Ich fühle mich mittendrin.

Dass mir in den letzten Tagen die Idee kam, welche Höhe und Grundform mein Spieltisch haben wird, auch wenn ich beim Puppenstück offiziell noch komplett im Pausemodus bin, zeigt, dass meine Hirnzellen weiterhin damit beschäftigt sind. Als der Esel fertig ist, scheint er sich schon sehr auf sein Casting in Frankfurt zu freuen. Wäre doch prima, wenn er dort eine kleine Rolle bekäme, ehe er später bei mir auf der Bühne steht.

Beim Dudelsack schraube ich viel auseinander und wieder zusammen – und kann dann immerhin den Luftsack vollblasen, die Tenorpfeife zum Tröten bekommen und mit der Flöte einige unterschiedliche Töne greifen. Das hört sich nicht schön an, es gibt auch nur tonale Zufallsprodukte, aber besser scheint es nicht werden zu können. Vielleicht können sie den Dudelsack beim Theaterstück nur optisch einsetzen oder Töne vom Band dazu spielen. Gut aussehen tut er immerhin.


Mit meiner Schwester besuche ich die Beerdigung des Freundes meines Vaters. Die beiden Familien haben im selben Mietshaus gewohnt, wir haben gemeinsame Campingurlaube gemacht und beide Väter haben sich am Hausbauprojekt beteiligt und einen Bungalow in der Siedlung gebaut. Die Verbindung der Eltern waren viele Jahrzehnte lang sehr eng. Bei der Beerdigung ist der Männergesangverein plus Fahne anwesend, der Pfarrer zitiert in Phrasen die halbe Bibel und es sind viele Leute gekommen. Zwischendurch schießt mir durch den Kopf, dass ich schnell ein Foto für meinen Vater machen sollte, damit er es sich ansehen kann, wo er doch jetzt nicht dabei sein kann, aber … ach nee. Danach geht es zum Kaffee-, Brötchen-, Aufschnitt- und Kuchenstückchenverzehr in ein Lokal. Es ist ein komisches Gefühl, dass die große Gruppe der Freunde und Bekannten meiner Eltern, die „schon immer“ da war, so drastisch und schnell immer kleiner wird.

Der schönste Satz, der gar nichts mit der Beerdigung zu tun hat, kommt von einem älteren Herrn an unserem Tisch, der erzählt: „Freitags gehe ich immer dort essen. Außer es gibt was Chinesisches: Ratatouille oder so’n Zeug.“ Wer kennt es nicht, das berühmte chinesische Ra-Ta-Tui.

Am Abend fahre ich in die Nachbarstadt, wo Tilman Röhrig aus seinem Buch „Und ohne Tabu explodiert die Welt“ liest, einem Roman über Erich Kästner. Am Tisch sitzend sieht er aus wie der alte Loriot und fast erwarte ich als seine ersten Worte: „Krawehl, krawehl! Taubtrüber Ginst am Musenhain!“

Aber dann liest er doch ganz wunderbar, mit schöner Stimme, guter Betonung, guter Aussprache und dazu sehr lebendig. Das gefällt mir alles sehr. Bei Romanen über Tatsachen bleibe ich meist distanziert, weil ich immer denke: „Woher will er das denn wissen? Das kann doch ganz anders gewesen sein!“, aber hier zieht es mich doch in den Bann und ich denke billigend: „Ja, könnte so oder so ähnlich tatsächlich gewesen sein.“ Vermutlich, weil Tilman Röhrig gut recherchiert, sich gut in die Charaktere und die Zeit hineinversetzen kann und sehr gut und anschaulich schreibt. Sehr sympathisch ist er auch noch.


Am nächsten Abend geht es ins heimische Theater „Szene 93“, wo „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder gespielt wird. Das ist sehr gut gemacht, und die äußerst geringe Bühnenausstattung, die klaren Bilder und der Verzicht auf alle Requisiten steigern die Intensität noch. Es gefällt mir sehr. Das Buch habe ich vor sehr vielen Jahren mal gelesen und ich weiß, dass ich es mochte. Dass der Schluss so emotional und tiefgründig ist, wusste ich aber gar nicht mehr.


Am nächsten Morgen geht es zum ersten Teil des Wochenendkurses „Niederländisch für Anfänger“. Ich habe schon mal einen Wochenendkurs gemacht, der mir sehr gefallen hat, aber jetzt möchte ich die Basis nochmal auffrischen und die vielen entstandenen Lücken füllen. Dieser Kurs ist deutlich langsamer als mein erster, was mir aber gerade sehr recht ist. Zwei Hammertage mit auf mich einprasselndem Niederländisch würden mich gerade wohl ziemlich überfordern.

Heute geht es weiter mit dem zweiten Teil. Ich muss mich schon konzentrieren und die Hirnzellen sausen herum, versuchen Worte zu ordnen und Sätze zu bilden, aber es macht mir Spaß und war die richtige Entscheidung. Ich könnte jetzt problemlos „eine komische Zeezunge aus Schevenigen“ bestellen. „En kou-misse slip-tong öit S-ch-eewe-ningen“. Vielleicht kann ich das mal brauchen. Wat leuk! Was für ein Spaß!