Blog 942 – 17.05.2026 – Wall-E, Kugelschreiber und norwegisches Hinterland
Eine neue Zeit ist angebrochen. Der hohe Berg „Elternhaus ausräumen“, der in den letzten Monaten so viel Zeit beanspruchte, ist abgetragen. In Bergdimensionen gesprochen, liegt dort nur noch ein letztes Häufchen Bröckchen und Felssplitter. Das heißt: Die Mülltonnen müssen ein letztes Mal zu ihren jeweiligen Terminen an die Straße gestellt werden, in der Garage haben sich Reste von Sperrmüll, Metall, Schadstoffen und Elektroschrott angesammelt, die ich alle problemlos mit einer einzigen Autoladung wegtransportieren kann, und am Schluss muss die Garage durchgeputzt werden – fertig. Ich sehe das leere Haus und die wenigen Reste auf dem Garagenboden, ich weiß, dass die Arbeit tatsächlich vorbei ist, kann es aber kaum erfassen. Wie? Fertig? Tatsächlich?
Etwas sentimental gehe ich durch das Haus, sehe mir alle Zimmer noch einmal an und verabschiede mich von ihnen. Auch von den Wandkacheln im Gäste-WC, die seit 1969 für leichten Schwindel sorgen, die ich aber immer schon faszinierend gut finde. Früher waren sie modern, dann wurden sie altmodisch, inzwischen sind sie Retro.

Mit einem Bund von 17 Zimmertürenschlüsseln gehe ich von Tür zu Tür und probiere, ob ich passende Schlösser finde. Tatsächlich habe ich mehrere Treffer, aber es bleiben einige schlüssellose Türen und noch mehr türenlose Schlüssel zurück. Das Mysterium der übriggebliebenen Schlüssel, die in fast allen Haushalten in Kistchen gesammelt werden, weil niemand weiß, ob sie nicht doch nochmal wichtig sind, bleibt so ungelöst wie die verschwundenen Einzelsocken in den Waschmaschinen.

Das Haus ist jetzt leer und sehr ruhig. Als stehe die Zeit still. Nur im Garten fährt der Rasenroboter immer noch seine gewohnte Strecke und hält weiterhin das Gras kurz. In der großen Stille ist er das einzig Lebendige. Und gerade sein leises Surren und sein ruckeliges Hin- und Herfahren betont, wie wenig sich sonst noch bewegt. Er ist ein kleiner WALL-E, der alleine zurückgeblieben ist und weiterhin pflichtbewusst seine Runden fährt.

Bei mir zuhause begebe ich mich an die gestapelten Kisten. Manches kommt vorläufig in andere Kisten, aber ich sortiere auch detailliert, gehe Schreiben einzeln durch, hefte sie in passende Ordner oder werfe sie weg, lege Fotos in verschiedene Fotokisten, sehe beschriftete Zettel und Notizblöcke durch und prüfe dann mehr als 100 Kugelschreiber mit einem jeweils gekritzelten Kringel auf ihre Schreibfähigkeit. Interessanterweise funktionieren einige Stifte aus der Zeit vor der Postleitzahlenumstellung (1993) immer noch geschmeidig und leicht, während neuere Kugelschreiber ausgetrocknet versagen.

Nach dem Testen bleiben unerwartet viele funktionierende Kugelschreiber übrig. Mit Stiften und Notizzetteln – die ich selber in Massen und überall griffbereit habe -, bin ich nun für die nächsten Jahrzehnte ausgestattet.
Schon zwei Tagen später sehen zumindest die Küche und das Wohnzimmer fast wie vorher aus. Ich habe wieder Luft und kann normal durch die Räume laufen, ohne durch vorsichtigen Slalom abgebremst zu werden und durch Rempeln an Kartonecken und Ordner: „Aua!“, „Ach, menno!“ oder „Dieser blöde Ordner! Zum dritten Mal bin ich dran hängengeblieben!“ rufen zu müssen. Dass es mit dem Wegräumen so zügig gehen kann, gibt mir Hoffnung, dass ich auch mit dem weiteren Aufräumen nicht bis zum Winter vollbeschäftigt sein werde.
Im Garten baue ich vier Solar-Bewässerungssysteme auf, die mich generell unterstützen und an heißen Sommertagen zumindest meine empfindlichsten Ecken im Garten grundversorgen sollen. Wenn ich zuhause bin, gieße ich bei sommerlichen Temperaturen jeden Tag, aber schon zwei Tage Abwesenheit können einige Pflanzen so austrocknen, dass sie sofort in den Herbstmodus gehen. Das Zuschneiden und Verlegen der Schläuche ist nicht schwierig, dauert aber einige Zeit. Für die Wasserversorgung muss ich außerdem volle Wasserfässer leeren, an anderer Stelle positionieren und wieder füllen.
Als alles passend verlegt und gesteckt ist, stelle ich an den Geräten ein, dass sie alle 8 Stunden für 5 Minuten Wasser geben sollen. Ob die Menge passt, muss ich über mehrere Tage beobachten, vermute am ersten Abend aber schon, dass das für die Topfpflanzen im Hof zu viel sein könnte. Es scheint aber auch zurzeit keine knallige Sonne und sie brauchen nicht so viel Wasser. Die richtigen Einstellungen für die verschiedenen Gartenbereiche bei unterschiedlichen Wetterbedingungen werde ich durch Beobachten sicher schnell herausfinden. Am nächsten Tag beginnt es zu regnen. Immer wieder. Über mehrere Tage. Na toll. Der ganze Gartenboden ist dunkel vor Nässe und ich kann nichts über Menge und Wirksamkeit meiner tollen Bewässerungssysteme sagen, die weiterhin alle 8 Stunden für 5 Minuten Wasser geben. Glaube ich zumindest.

Meine Hirnzellen, die für den kreativen Teil zuständig sind und natürlich mitbekommen haben, dass das Haus jetzt leergeräumt ist, bewerfen mich immer ungeduldiger mit weiteren Szenen für das Theaterstück. Inzwischen auch wieder mit Ideen für das Puppenstück. Das ist schon ein bisschen irrsinnig, was da alles gleichzeitig durch den Kopf geht. Ich bremse weiterhin aus, weil ich erst noch einiges weggeräumt und organisiert haben muss, ehe ich mich damit ernsthaft beschäftigen kann. Außerdem steht bald ein kurzer Urlaub an, bei dem ich noch nicht weiß, ob ich meine Notizen mitnehmen und zwischendurch daran arbeiten möchte, oder sie lieber zuhause lasse und mal komplett raus aus allem bin. Die zweite Variante erscheint mir vernünftiger. Es wird wohl reichen, wenn ich mir genügend Zettel für spontane Notizen mitnehme und mir für das Schreiben später Zeit nehme.
Ein passender Titel für mein Stück fällt mir auch ein: „Das Wochenende“. Kurz und treffend, ohne zu viel zu verraten, prima. Wie immer sehe ich im Internet nach, ob es den Titel für ein Buch oder Theaterstück schon gibt – ja. Mist. Dann nehme ich ihn natürlich nicht. Ich brainstorme etwas und komme auf „Die Folgen des Erfolgs“. Mmh, das ist etwas sperrig. Kürzer formuliert wäre es: „Erfolgsfolgen“, aber das liest sich wie ein Ort im norwegischen Hinterland. Ich werde mal auf weitere Eingebungen warten. Aber an den alten Zeitungen und Plakaten, die ich für das Theaterstück brauchen werde, kann ich schon mal herumprobieren. Lässt sich das, was ich mir vorstelle, gut sammeln und umsetzen? Ja, das klappt. Und da es noch mehr als ein Jahr bis zur Premiere dauert, werde ich dafür genügend Zeit haben.

Nur geschrieben haben muss ich das Stück bis zum Herbst, denn gegen Ende des Jahres möchte ich die Mitspieler*innen und die Termine festlegen und da wäre es überzeugender, wenn ich zum „Casting“ auch ein fertiges Theaterstück vorstellen kann.