Blog 959 – 13.09.2026 – Rollenverteilung, Weltoffenheit und Archiv
„Die Folgen des Erfolgs“, mein Theaterstück, ist auf dem Weg zur Bühne. Am Sonntagnachmittag ist der Castingtermin, an dem ich das Stück kurz vorstelle und Textauszüge mitbringe, die von den Teilnehmenden in wechselnden Rollen gelesen werden. Das ist locker und macht schon Spaß. Es gibt danach auch keine wortlos verschwindenden Leute und keinen Dialog der Art (Person): „Äh, ich glaub, da kann ich nicht.“ (Ich): „Welchen Termin meinst du?“ (Person): „Egal, ich kann nicht.“ Den Schluss und die Auflösung habe ich bei meinen Textausschnitten nicht dabei, denn die möchte ich als Überraschung fürs erste gemeinsame Lesen des Stücks aufheben. Ich bin mir aber sicher, dass auch danach alle dabeibleiben werden.
Am selben Abend schiebe ich Zuhause schon Zettelchen mit Namen und Rollen, um eine gute Verteilung zu finden. Das ist gar nicht so einfach. Es gibt Rollen, die von fast allen gespielt werden könnten und einige, bei denen ich mit dem Alter oder Geschlecht einen engen Rahmen habe. Immer wieder mische ich die Namenskarten neu und verteile anders. Manchmal geht es erstmal prima auf, aber dann bleiben plötzlich Namenszettel übrig, die nicht zu den verbleibenden Rollen passen. Also nochmal von vorne. Könnte nicht auch Person A Rolle E übernehmen und stattdessen Person B Rolle C? Nein. Oder … doch? Mal probieren.

Schließlich habe ich ein Ergebnis, mit dem ich sehr zufrieden bin. Ein paar kleine Änderungen meiner ursprünglichen Charaktere wird es bei dieser Aufteilung geben. Der souverän und seriös angedachte Studienrat wird mit der jetzigen Besetzung freundlicher und etwas schrulliger sein, aus dem Schauspielschüler wird eine Schauspielschülerin, weswegen die Influencerin mehr „Sista“ als „Bro“ sagen wird, und die junge Mutter wird zu einer etwas älteren Sozialarbeiterin umgeschult. Ich bin die Autorin, ich darf das. Das Ergebnis wird ein wenig anders sein, aber ebenso gut funktionieren – sonst würde ich es nicht machen. Interessanterweise habe ich, wenn ich jetzt den Text lese, schon die Stimmen und Betonungen der neuen Rollenbesetzungen im Kopf. Hach, ich freue mich. Es ist ein Team mit nur netten, offenen, lachbereiten Leuten, die alle aber auch proben und am Ende ein gutes Stück präsentieren wollen.
Am Abend kommen die Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt. Die schocken mich mehr als ich will. Fast 44 Prozent für die AfD. Als Werbespruch hieß es bei Sachsen-Anhalt mal „Das Land der Frühaufsteher“. Jetzt ist es zum „Land der Gestrigen“ geworden. Oder zum „Land der Unanständigen und Dummen“ oder zum „Land des Hasses und der Rechtspopulisten“. Die dort lebenden vernünftigen Demokratiewähler tun mir wirklich leid. Wenn das, was die AfD plant und durchsetzen möchte, nur ihre eigenen Wähler*innen betreffen würde, könnte ich mich zurücklehnen und lächelnd den Kopf schütteln. Selber schuld. Aber es wird so viel kaputtmachen. Meine Güte. Ich bin so sauer, dass diese blau-braune Brühe wieder hochschwappt und ungeniert rumbrüllt, dass ich ernsthaft überlege, meinem Theater-Team sofort zu schreiben, dass ich keine AfD-Wähler*innen dabeihaben möchte. Wer die AfD wählt, ist raus. Dann denke ich aber, dass die 1., alle zu vernünftig und weltoffen sind, um so blöd und rassistisch zu sein, dass ich 2., das Spielen eines Theaterstücks nicht sofort mit einer politischen Ansage verknüpfen muss, und dass ich 3., falls unwahrscheinlicherweise doch jemand dabei sein sollte, ich als Regisseurin auch später noch feuern und neubesetzen kann. Alle Wahlentscheidungen für demokratische Parteien kann ich akzeptieren, auch wenn ich das selber vielleicht anders sehe. Aber wer die AfD wählt und damit rassistische, homophobe, hassgeprägte und rechtpopulistische Politik unterstützt, die außerdem die Demokratie abschaffen will, mit dem/der will ich privat nichts zu tun haben. So einfach ist das. Und jetzt soll keiner kommen mit „Ausgrenzung“. Ich will auch nichts mit Hooligans, Drogendealern und Vergewaltigern zu tun haben. Und wer Rechtsradikale als Regierung haben will, passt ganz sicher nicht in mein Umfeld.
Zum Glück ist mein eigenes Leben weltoffen und bunt. Die „Armleuchter“ sind fertig und leuchten mit einer flackernden, Kerzenlicht vortäuschenden Glühbirne. Noch sind sie im Testanschluss in der Steckdose, aber sie werden später natürlich als Wandlampen angeschlossen. Ich verschenke sie, aber inzwischen würde ich sie auch gerne selber behalten. Die Chance, dass der Empfänger sie blöd findet und nicht haben möchte, ist jedoch äußerst gering. Unter null Prozent, würde ich schätzen. In meinem Kopf entstehen schon Ideen von großen Kronleuchtern, die ich auf diese Art selber machen und bei mir aufhängen könnte. Zum Glück habe ich gerade nicht genug Zeit.

Ansonsten ist viel Formulieren und Tippen angesagt. Gleich über zwei Veranstaltungen der letzten Woche schreibe ich Berichte, was insgesamt dann doch einige Stunden dauert. Aber jetzt sind Ursli Pfister als „Peggy March“ und Dirk Witthuhn und Völkl als „Hans Albers“ hochgeladen und damit auch im Archiv. Über so etwas kann ich mich freuen.

Geplant war, dass ich in dieser Woche noch zur Lesung von Lilo Wanders gehe, aber die fällt kurzfristig aus. Etwa eine Fahrstunde entfernt findet sie an einem anderen Ort und Abend statt, aber das ist mir jetzt gerade zu viel. In den nächsten zwei Wochen habe ich noch einige Termine, da sollte ich mir den Termin jetzt nicht an einem ungünstigen Abend reinquetschen. Allerdings muss ich mir unbedingt mal eine persönliche Liste machen, zu welchen Künstlern ich unbedingt in die Vorstellung gehen möchte. Seit 30 Jahren zum Beispiel zu Max Raabe, den ich großartig finde, aber noch nie live gesehen habe. Irgendwann wird er aufhören und ich bin nie dagewesen. Auch Pigor & Eichhorn finde ich immer schon klasse, habe sie vor Jahren sogar schon angesehen, aber noch keinen Bericht über ein Programm von ihnen geschrieben. Das wird mal Zeit. Oh, wenn ich erst mal anfange zu überlegen, wird die Liste wohl lang werden.