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Blog 944 – 31.05.2026 – Rembrandt mit Gesichtserkennung und dat kloppt!

Seit Donnerstag sind wir in der Nähe von Den Haag und haben eine Ferienwohnung auf einem Kuhbauernhof bei Zoetermeer. Ich mag es sehr, wenn ich morgens beim ersten Blick durch die Terrassentür Kühe sehe. Das entschleunigt total.

Ins Zentrum von Den Haag brauchen wir nicht mal eine halbe Stunde. Wir buchen vorher für 22 Euro ein Tagesticket für ein Parkhaus im Zentrum. Das hört sich viel an, ist aber wegen des Vorbuchens die Hälfte des normalen Tarifs. Das Parken am Straßenrand ist meistens auf zwei Stunden begrenzt und kostet mehr als 7 Euro die Stunde. Den Haag tut viel dafür, die Autos aus der Stadt zu halten. Das funktioniert. Stattdessen gibt es sehr viele Fahrräder, viele Fußgänger und viele weitgehend oder komplett autofreie Straßen. Und da, wo die Autos weg sind, gibt es auf einmal wieder viele Menschen, es wird geschlendert, eingekauft, in Imbissen, Cafés und Restaurants gegessen. Das Wetter ist sommerlich und der Himmel so blau wie das Blau in der niederländischen Flagge. Urlaub.

Zu meiner großen Freude können wir doch noch das Mauritshuis besuchen, in dem viele Gemälde hängen, die ich schon lange aus Kunstbüchern kenne. Ich stehe vor vertrauten und unvertrauten Bildern, gucke, staune, lasse wirken und denke meistens: „Boah, wie toll!“ oder auch mal: „Ähm … nöö.“ Bei Bildern von Rembrandt, Rubens und Hals bin ich berührt, weil ich aus der Nähe jeden Pinselstrich erkenne, den sie gemacht haben. Die standen selber mal vor diesen Leinwänden und haben entschieden, hier noch dieses kleine Licht zu setzen und dort noch etwas Blau zu tupfen. Das ist schon beeindruckend. Zumindest für mich.

Auch Kühe und Schafe gibt es auf einigen Bildern zu sehen. Sie erinnern mich sofort an die momentane Ferienwohnung mit den Kühen vor der Terrasse und den auf der Nachbarweide tief blökenden Mutterschafen und hell meckernden Lämmchen. „Anette in den Ferien“ könnte ein großes Bild heißen, wenn die Person darauf nicht einen Bart hätte. Und der Himmel müsste knallblau sein. Ich fühle mich vom Feriengefühl her trotzdem gut getroffen:

Johannes Vermeer ist einer meiner Lieblingsmaler und sein „Mädchen mit dem Perlenohrring“, das er 1665 gemalt hat, ist inzwischen eine der Hauptattraktionen des Museums. Es ist sehr faszinierend, wie sie einen immer ansieht, egal, wo man sich gerade befindet.

Im Jahr 1632 hat der damals fünfundzwanzigjährige Rembrandt hat die Amsterdamer Chirurgengilde unter dem Titel „Die Anatomie des Dr. Tulp“ gemalt. Dass das Bild im Mauritshuis hängt, wusste ich gar nicht. Ich freue mich, es im Original zu sehen.

Als ich das Handy hebe, um es zu fotografieren, bekommen die Köpfe im Sucher kleine Rahmen für die Gesichtserkennung. Neuzeit trifft Vergangenheit. Das ist schon lustig. Aber da kann das modernste Programm lange überlegen, wer die Personen sind und ob ihre Gesichter meinem Fotoalbum oder einem Insta-Account zuzuordnen sind – nein, nichts zu finden. Die Herren sind alle nicht aktiv im Internet unterwegs.

Als Hobby könnte mir auch gefallen, skurrile Hunde auf Gemälden zu entdecken.

Dass es zwei Notizbuchseiten von Leonardo da Vinci zu sehen gibt, finde ich ebenfalls beeindruckend. In Spiegelschrift geschrieben hat er sich dort mit dem Flugverhalten der Vögel befasst. Etwa um 1490, vor mehr als 500 Jahren, hatte Leonardo da Vinci diese Blätter vor sich liegen und mit seiner Schreibfeder notiert und skizziert. Ich überlege kurz, ob es einige meiner vielen Notizzettel auch mal in ein Museum schaffen könnten, zum Beispiel einer vom Puppenstück, auf dem steht: „Der Frosch kommt zurück und sagt: „Quaaak!“ Mmh, eher nicht. Vielleicht wenn ich Spiegelschrift schreiben würde? – Mmmmh … auch nicht.

Die Galerie Prins-Willem, die wir ebenfalls besuchen, besteht aus einem Vor- und einem Hauptraum. Die Bilder hängen sehr dicht und würden im Mauritshuis vermutlich vier Räume füllen. Die Galerie war 1774 das erste öffentliche Museum, in dem Prins Willem der Bevölkerung seine private Gemäldesammlung zeigte. Ob er sie bilden wollte oder nur angeben, weiß ich nicht.


Der Sohn nimmt mit einem Team seiner F.E.S.T.-Theatergruppe mit dem Stück „Sorry, wrong number“ am Amateuer-Theaterfestival in Den Haag teil. Am Montag muss er schon früh beim Ausladen der Theaterrequisiten helfen. Mittags hat er eine Probe im Theater, in dem am Abend die drei letzten Stücke des Festivals gespielt werden. Wir fahren ihn früh vom Bauernhof in die Stadt und während er beschäftigt ist, schlendere ich mit dem Gatten durch Den Haag, wir trinken Kaffee in einem Straßencafé und gucken auf der kleinen Bühne im Theater Pepijn mehrere Festival-Kurzstücke an.

Eines der Stücke ist ein Einakter aus den Zwanzigerjahren, bei dem es um zwei Schwestern geht, die sich sehr ähnlich sehen, aber charakterlich unterschiedlich sind. Während eine von ihnen in der Badewanne sitzt, kommt der Verehrer der anderen, bleibt vor der geschlossenen Tür stehen und macht ihr fälschlicherweise eine Liebeserklärung. So weit, so klar. Irritierend ist, dass hier auf der Bühne die Schwester in der Badewanne schlank und sehr hellhäutig ist und gepflegtes Englisch spricht, während ihre Schwester recht füllig und schwarz ist, afrikanisch knallbunte Farben und einen Turban trägt und mit starkem Akzent redet. Das erinnert mich sofort an Szenen aus „Vom Winde verweht“ mit Scarlett O’Hara und ihrer Sklavin „Mammy“, was so aber gar nicht gewollt ist. Es dauert etwas, bis ich die Person, die ich erst für eine dazugeschriebene Haushälterin halte, als Schwester identifiziere. Da es für das Funktionieren des Stücks gar nicht wichtig ist, dass es ähnliche Schwestern sind und sie auch Freundinnen sein könnten, wäre die Information darüber besser aus dem Programmheft gestrichen worden. Aber es ist auch witzig. Als ich mich gerade auf „Schwestern“ einstelle, ist das Stück schon fertig. Ein kurzer Einakter eben.

Am Abend gucken wir uns die drei Stücke auf der Hauptbühne im Theater Diligentia an, erleben Festivalstimmung und freuen uns, dass der Sohn dabei ist. Am nächsten Tag erfahren wir, dass das Stück von F.E.S.T. beim mehrtägigen Festival den Preis der besten Darstellerin bekommen hat. Darüber freuen sich alle Mitwirkenden sehr, von den Schauspielenden über die Regie bis zur Technik und den Kostümen.


Am nächsten Morgen stehen wir früh auf. Die Kühe liegen im Morgennebel unter den ersten Sonnenstreifen schlafend auf der Wiese. Sehr niedlich. Hach, ich könnte noch eine Woche länger bleiben und vor allem öfter auf der Terrasse sitzen und nochmal ans Meer fahren. Aber heute ist Rückreisetag.

Bei der Fahrt durch die kleinen Dörfer in Richtung Autobahn halte ich kurz, um ein typisches Hollandfoto mit Windmühle zu machen. Volles Klischee, aber in echt.

Hach, das war ein entspannender und schöner Kurzurlaub. Und es hat mir Spaß gemacht, etwas Niederländisch verstehen und sogar reden zu können. Dass mich viele nach meiner anscheinend im richtigen Tonfall ausgesprochenen Begrüßung für eine Niederländerin gehalten haben, war schon schön. Das für mich schönste Ergebnis hatte ich aber nach einer Pause im Theater, als wir zum Platz zurückkamen. Meine niederländische Sitznachbarin, die auch gerade zurückgekehrt war, fragte auf Niederländisch, ob wir unsere Sitznummern noch wüssten. Ohne Überlegen antwortete ich: „Twaalf en dertien“, woraufhin sich umsah, nickte und sagte: „Ja, dat kloppt!“ Dat kloppt. Schon bei meinem ersten Niederländisch-Wochenendkurs hatte ich gelernt, dass „dat kloppt“ „das passt/das stimmt so“ heißt. Bisher hatte das aber nie jemand gesagt. Jetzt endlich! Und dass meine Sitznachbarin mich weiterhin für eine Niederländerin hielt, fand ich auch gut. „Twaalf en dertien – dat kloppt“ – ein kleiner Schritt für die niederländische Sprache, aber ein großes Aha-Erlebnis für mich.

Dankjewel Zuid-Holland, Hoeve Nooitgedacht* (* der Kuhbauernhof) en Den Haag. Tot ziens!


Am nächsten Tag fahre ich morgens früh zum Haus meiner Eltern, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Im Garten hat sich eine neue Gräserart ausgebreitet und zeigt unübersehbar, dass sich niemand mehr regelmäßig um alles kümmert. Dass der Garten nicht perfekt ist, wenn wir das Haus verkaufen, ist klar, aber wild zugewuchert und sichtlich verlassen soll er auch nicht sein. Ich rupfe Gras und Unkraut, schneide weit herausragende Zweige ab und fülle damit die große Biotonne halbvoll. Den vertrauten Garten bald nicht mehr zu sehen, tut mir schon leid. Aber da ich in den letzten Jahren nie darin gelegen und seltenst einfach mal gesessen habe, sondern mich anstelle meiner Eltern immer wieder um Unkraut und Raussschneiden und Trauben und wilden Efeu kümmern musste, liegt im Abschied auch etwas Erleichterung.

Mein eigener Garten hat die sechstägige Abwesenheit gut überstanden, woran auch die Solar-Bewässerungssysteme ihren Anteil haben. Ich stelle fest, dass ich die Bewässerungszeit noch länger hätte einstellen sollen, aber auch mit dem knapp bemessenen Wasser haben die Pflanzen überlebt. Nur die Felsenbirnen, die nicht ans Tropfsystem angeschlossen waren, fanden es zu heiß und haben jetzt viele gelbe Blätter. Im Mai! Dabei stehen die doch völlig ungegossen an Autobahnen und gelten als trockenresistent.


Am Samstagmorgen fahre ich in die Eifel zum inzwischen jährlichen Steineklopfen beim Steinhausverein in Weibern. Ich suche mir einen Stein aus und lege los. Klopf, klopf, klopf. Das Ziel ist ein flacherer Stein, auf dem Vögel sitzen.

Ich habe keine Zeichnung und messe nichts aus, ich fange einfach oben an und klopfe mich runter. Wenn ich finde, dass etwas zu dick ist, schlage ich noch etwas weg. Wenn ich denke, dass etwas zu schmal ist … Pech gehabt. Was weg ist, ist weg. Am Ende des ersten Tages gucken die ersten Vögel aus dem Stein. Da ich vorher keine Vorstellung hatte, wie es werden soll, bin ich selber überrascht. Morgen wird da einiges noch schmaler werden, vielleicht sogar ungewollt abbrechen. Es bleibt spannend.